Gemeinschaften

Trotzdem wäre der Bayer mit allen fertig geworden und hätte sie von sich geschubst und getreten wie Plunder, wenn sich nicht endlich auch der Allgäuer bequemt hätte, in den Kampf einzugreifen. Wie ein Mehlsack ließ er sich auf den Bayern fallen und schrie: „Ich blas‘ dir das Licht aus! Ich blas‘ dir das Licht aus, wenn du uns nicht auf der Stelle den Schimpf abbittest. Sieben ehrsame, wackere Männer aus dem Schwabenland mit Ungeziefer zu vergleichen! Bitte ab, Bayer, oder es ist um dich geschehen.“
(aus Den Sieben Schwaben, in der Stoffgestaltung von Barbara Bartos-Höppner)

Frühstück auf dem Wochenmarkt der Provinzstadt. Ans andere Ende der Bierbank setzt sich ein Klassenkamerad. Unsere Augen begegnen sich, aber er erkennt mich nicht. 20 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Die an mir bin ich mir nicht bewusst; die an ihm sind es mir umso mehr. Nichts weiß ich von seinem Erwachsenenleben, außer dass er Ingenieur ist für ein bekanntes deutsches Unternehmen und irgendwann in Asien drüben für seine Firma. Seine Kleidung ist ausgesucht, sie sticht ab von seinen Begleitern – den Eltern, den Freunden, vielleicht ist er auf Auslandsbesuch hier in der einstigen Heimat -, die Uhr teuer. Aber sein Gesicht ist Erschöpfung. Es geht ihm nicht gut. Das ist so offensichtlich, so stark, dass ich es nicht wage, ihn anzusprechen. Und so erhebe ich mich, ohne mich zu erkennen gegeben zu haben, und gehe weiter, verschwinde wie ein unbeflaggtes Schiff im Nebel der Geschichte.

Vor der Raiffeisenbank des Marktfleckens müht sich ein Paar vorbei. Ich erkenne etwas in ihnen. Aber ja doch, das müssen irgendwelche Verwandte eines Schulfreundes sein! Erst als sie verschwunden sind, begreife ich es: Es sind seine Eltern. Diese alte Frau da am Stock, das ist jene Mutter, die ich vor 25 Jahren erlebt habe. Regungslos sitze ich im Auto, wie gelähmt von der zweifachen Begegnung mit der gefräßigen Bestie der Vergänglichkeit an nur einem Tage.

Wir sind, was wir essen. Wölfe zumindest sind es, führt Shaun Ellis aus. Erlegt ein Rudel ein Tier, bestimmt die Rangordnung darüber, welche Teile des Wilds sie fressen. Dabei spiegelt dieser feste Speiseplan nicht nur die Hierarchie an sich wider, sondern erfüllt auch eine Funktion. Was braucht jeder Rang seiner Aufgabe nach? Das Alpha-Paar ernährt sich vorwiegend von Innereien und Muskelfleisch von Läufen und Rumpf. Die „Vollstrecker“, die eigentlichen Jäger und Töter, fressen fast ausschließlich vom Fleisch von Läufen und Rumpf. Die „Tester“, die weniger kämpferische als gewisse soziale Fähigkeiten benötigen, erhalten neben Fleisch vom Hals und Rücken mehr Anteile vom Magen mit seinen pflanzlichen Inhalten usw. Mehr noch, sagt Ellis, denn das Alpha-Weibchen beeinflusst mit der Auswahl des Wilds die Qualitäten und das Verhalten des Rudels: Sollen die Tiere vor der Brunft angestachelt werden, sucht sie ein anderes, individuelles Ziel als Jagdbeute aus, als wenn sie das Rudel kurz vor der Niederkunft ‚runterfahren‘ will.

Wir haben kein Tier erlegt. Auf dem Tisch steht eine große Schüssel Kässpatzen mit gerösteten Zwiebeln und Schnittlauch, daneben eine zweite mit grünem Salat aus Großmutters Garten. Ein Gemälde, das nur darauf wartet, für den Blog fotografiert zu werden. Ich lasse es. Wer aber sind wir?

Nachmittags treffe ich …, wir teilen einen gemeinsamen Urgroßvater, seine Frau ist auch Lektorin. Später noch weitere Verwandtschaft, vielleicht zwei- oder dreimal im Leben gesehen, die Zuordnung fällt mir schwer. Wundern, dass wir an einem gemeinsamen Tisch sitzen. Dann setze ich mich unter die Linden und beginne zu schreiben.


Barbara Bartos-Höppner, Die Schildbürger und Die Sieben Schwaben, Würzburg: Arena 1991, S. 141.

Shaun Ellis mit Penny Junor, Der mit den Wölfen lebt. Aus dem Englischen von Gisela Kretzschmar, München: Random House 2010.

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La Inconclusa

Beim Mittagessen weinte ich. Ich war eben von der Schule heimgekommen und hatte mir etwas zu essen gemacht, legte eine Schallplatte meines Vaters auf und aß und überflog nebenher den Brief einer Hilfsorganisation für blinde Menschen, der mir aus irgendwelchen Gründen in die Finger geraten war. In dem Brief war viel von Licht die Rede. Ich war damals sehr empfänglich für Lichtmetaphern. Und plötzlich rannen mir die Tränen über die Wangen, während ich weiterkaute. Ich weinte vor Glück – über das Essen, über mein Augenlicht, über das Leben an sich. Das wäre nicht passiert ohne dieser Musik, die aus dem Nebenzimmer drang, dieser Schallplatte von Los Incas. Und ich war froh, allein zu Hause sein, denn ich weine furchtbar ungern vor anderen Menschen.

Los Incas_Musik_Schallplatte

Zeitreise mit Los Incas

Früher einmal, das müssen wohl die späten 80er-Jahre gewesen sein, da waren diese Indios da – vier oder fünf Musiker mit akustischen Instrumenten – vielleicht das Schönste, was mir in der Fußgängerzone der nächsten Kleinstadt passieren konnte. Ich blieb jedes Mal stehen, wippte mit dem Fuß und freute mich. Dann kramte ich ein paar kleine Münzen heraus – für diese Musik trennte sich auch der Schüler von ein bisschen Taschengeld –, stotterte etwas in meinem schlechten Schulspanisch, worauf die fremden Gesichter lachten, um gleich wieder in ihre unergründliche Reglosigkeit zu verfallen, und ich wusste nicht, hatten sie mich ausgelacht oder sich doch gefreut, und traute mich nicht, das herauszufinden, indem ich einfach weiterredete.

Später dann, als ich studierte, kamen andere in die Fußgängerzonen, meist nur noch zwei Indios, die sich, mit gewaltigem Federschmuck behangen, breitbeinig hinstellten und zu grauenvollen Eso-Kitsch-Synthie-Klängen aus großen Boxen in ihre Panflöten säuselten. Immer verhärteten sich meine Gesichtszüge und ich beschleunigte meinen Schritt. Nicht mehr Freude, sondern Verachtung verband ich mit diesen Begegnungen.

Dann passierte es im letzten Jahr, ausgerechnet kurz nachdem ich auf dem schönen Blog normalverteilt einen Beitrag über diese „Großstadtindianer“ einst und heute gelesen hatte. Nach ungezählten Jahren lief ich in der Fußgängerzone wieder einer Gruppe Indios über den Weg, die auf ihren Akustik-Instrumenten spielten, wie früher, richtige Musik. Mit leuchtenden Augen blieb ich stehen. Es war wunderschön.

Kürzlich drehte sich das Rad weiter. Ich schlenderte über einen Flohmarkt, stöberte hie und da in einer Kiste mit Schallplatten und nahm ein paar Scheiben mit. Sie waren günstig, denn es waren private Gelegenheitsverkäufer. Auf dem Rückweg aus der Innenstadt machte ich nochmals einen winzigen Schlenker über den Flohmarkt und stieß auf einen Stand mit Vinyl, den ich vorher übersehen haben musste. Eher halbherzig blätterte ich durch die Alben. Und da war sie, einfach so. Die Platte, die mir noch nie außerhalb meines Elternhauses begegnet war, die zufällig zu finden ich nie erwartet hatte: Los Incas, die sich zeitweilig Urubamba nannten und Simon & Garfunkel zu ihrer Einspielung von El Cóndor Pasa brachten (was für meine Geschichte jedoch nichts zur Sache tut). 1956 war die Band in Paris von dem Argentinier Jorge Milchberg gegründet worden war und bereits der Nachname zeigt, dass es sich bei Los Incas nicht um die ‚klassische‘ Gruppe von Cordillerenindianern handelte. Die Musik aber ist mindestens so schön.

Wie dieses Lied „La Inconclusa“ (Die Unvollendete) aus den Anden, eingeleitet von einem Dialog zwischen der spanischen Gitarre und der Bombo, einer indianischen Baumtrommel.

Si ha’i de caer la luna
que me espere un poquito más,
pues aún mi canción
no la pude terminar.

Wenn der Mond untergehen soll
möge er auf mich noch ein bisschen länger warten
weil ich mein Lied doch
noch nicht beenden konnte.

Freundschaft bei Leberpastete

Ich führte ihn zu einem meiner Lieblingsplätze in der Stadt, weil man dort sehr gut und angenehm sitzen kann, weniger des Essens wegen, am wenigsten des Services wegen. Der junge Kellner unterstrich diese Einschränkung ohne zu zögern: Er war bis zur blanken Unhöflichkeit desinteressiert. Ich schämte mich für ihn und ich schämte mich meinem Besucher gegenüber für meine Wahl des Lokals.

Er nahm es sehr gelassen: „Deutschland halt.“ Er arbeitet in einem Land auf der anderen Seite des Globus, in dem Service großgeschrieben wird, sehr, sehr groß. Er war müde von einem Dreifachjetlag, von den durch die Zeitverschiebung unbarmherzigen Kindern, von der unweigerlich folgenden Erkältung, von dem Arbeitstag in der heimatlichen Zentrale seines Konzerns. Er weiß, was er will und wie man es fordert, und er ist auf seine Weise ein Genießer. All das aber legte er mit einem Achselzucken ab, ging, wie von dem Kellner in seinen schlampigen Klamotten herausgenuschelt, unter dem Schild „Vinothek“ nach drinnen, um an der Theke jemanden zu fragen, welcher der Weine von der Karte womöglich trocken sein könnte.

Der Abend war milde und der Platz gut besucht. „Gibt es überall in Stuttgart so viele junge Leute wie hier?“, fragte er, nahm sich bedächtig einen Bissen von seinem Antipastiteller, spülte mit einem Schluck Grauburgunder nach. Es war sein Vorabend eines einwöchigen Urlaubs in Europa, Urlaubstage, wie sie die einheimischen Kollegen seines Gastlandes üblicherweise nicht in Anspruch nehmen. Er erzählte mir von einem altgedienten Mitarbeiter, 20 Jahre älter als er, anspruchslos und aufopfernd, der ihn eines Tages wegen heftiger Bauchschmerzen ansprach: „…san, mir geht es nicht gut, ich bin krank, erlauben Sie mir, heute Nachmittag einen halben Urlaubstag zu nehmen?“ Ich hörte die Geschichte zum dritten Mal, und ich hörte sie noch immer gerne.

Er ließ den Weißwein über die Zunge fließen. „So viele Bärte … Ist das eigentlich überall in Deutschland inzwischen so?“ Er strich die Leberpastete, die ich übrig gelassen hatte, auf sein Brot. „Indien ist wirklich hardcore. Eine erschreckende Zeitreise, kaum auszuhalten, du musst dir vorstellen, dass …“, erzählte er nachdenklich. „Letztes Weihnachten waren wir in Australien, Freunde besuchen, und ich war sehr erstaunt …“ Es dunkelte. „Auf einigen Pazifikinseln boomt die Wirtschaft, sie suchen händeringend nach Fachkräften aus dem Westen. Das hätte ich nicht gedacht …“ Der Teller war leer. „Was macht eigentlich dein Arabisch? Der Nahe Osten würde mich auch interessieren, aber das macht meine Frau nicht mit …“ Er rief den Kellner. „Ich hätte gerne das Gleiche nochmals.“ Und zu mir: „Das ist genau das, was ich brauche.“ Und er, schlank wie immer, freute sich auf seinen zweiten Teller Antipasti und sein zweites Glas Grauburgunder.

Zuhause tranken wir Tee. Er hatte immer schon Tee getrunken, zum Genuss und manchmal zur Heilung mit einem dicken Schal um den Hals, denn Erkältungen waren sein Markenzeichen. Er mit Tee und Schal, das war schon sprichwörtlich geworden damals. Wir saßen nun, Jahre später, auf den Sofas und an einem Tisch, die ich einst von ihm übernommen hatte, damals zusammen mit seinem WG-Zimmer. Aber was heißt übernommen. Es war ein fließender Übergang gewesen. Für etwa zwei Monate teilten wir uns das Zimmer, was machbar war, da er (allenfalls) am Wochenende zuhause war – ein wahrhaft großzügiges Entgegenkommen, denn ich hatte damals ein paar schwierige Monate, wohnte zwei Wochen bei einem befreundeten Paar (zwei so wohltuende Wochen in einer wurzellosen Zeit), kam dann drei Monate illegal in einem vergessenen Zimmerchen eines Schwesternwohnheims unter, dann schließlich in dem WG-Zimmer. Ein Glück, Freunde zu haben. Was hätte ich ohne gemacht?

Ich war jedenfalls froh damals über das Dach über dem Kopf und den sommerlichen Geräuschen von der Straße, und die paar Tage, die wir beide in dem Zimmer waren, kamen wir zurecht – manchmal bereitete ich etwas zu essen vor, wenn ich wusste, dass er kam – oder, wenn man sich doch einmal in die Quere kam oder wir uns zofften, wich ich für eine Nacht irgendwohin aus. Und als er bald darauf endgültig die Stadt verließ, blieb ich in dem Zimmer mit einem Teil seiner Möbel, von denen ich manche bis heute habe, ein Jahrzehnt später.

Wir tranken also Tee wie früher und wir hörten Jan Garbarek, „All Those Born With Wings“, und sprachen über die Vergangenheit (ihren Schönheiten), die Gegenwart (ihren Aufgaben), die Zukunft (ihren Herausforderungen). Früher einmal, erinnerten wir uns, hatten wir ein paar Mal ein internationales Abendessen ausgerichtet. Ich war fürs Kochen zuständig, er fürs Reden. Wir waren beide sehr zufrieden mit der Aufgabenteilung und es waren schöne Abende mit Menschen aus verschiedensten Ländern. So etwas würde mir auch heute noch gefallen.

Die Schallplatte war längst aus. Müde und triefnasig und ein klein wenig ironisch blickte er mich an, wenn ich schwieg. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, später, da hatte ich seine Arroganz gefürchtet. Er hat sie nicht mehr. Seine Verantwortung, beruflich wie privat, hatte ihr nicht etwa Brennstoff gegeben, sondern sie aufgelöst. Ich brachte ihm eine Decke für die Nacht und lachte: Auch sie hatte einmal ihm gehört.

Es ist ein Tag später, der Gast ist längst in der nächsten Stadt beim nächsten Besuch, und ich räume auf, stelle die Teetassen weg, falte die Decke, sortiere ein paar Bücher aus. Lou Pride singt „Ain‘t no More Love in This House“. Und ich frage mich: Wo in dieser weiten Welt stehe ich?