Tanzen

„Wovor hast du Angst? Dass dir die Noten vom Papier ins Gesicht springen und dich auffressen?“, fragt der Trompetenlehrer und dreht sich erst einmal eine Kippe.

Unerwartet tun sich ein paar freie Stunden auf und ich stecke zwei Bücher ein. Zwei, das ist wichtig. Bei Büchern sollte man immer eine Wahl haben. Auf halbem Weg zur Abendsonne entscheide ich mich urplötzlich um. Ich wähle eine Telefonnummer ein Stück weiter unten in der Straße und habe Glück.

Fünf Minuten später betrete ich das Zauberreich. Ein vietnamesischer Kaffee wird mir zur Begrüßung gereicht, er duftet – frei von jedem Zusatz – ungeheuer aromatisch (nussig, Macadamia mit einem Hauch Vanille) und schmeckt kräftig und geradeheraus, weniger verspielt, als der Duft vermuten lässt. Dann greife ich nach Kachori, indischen Gewürzbällchen. Die Zähne brechen die dünne Hülle auf, zermalmen das weiche Innere, setzen den Geschmack der Gewürze frei, lösen eine Explosion an Geschmäckern aus, Gaumeneruptionen einer Tropensonne, und erst wenn die süßlichwürzige Masse geschluckt ist, erst dann flammt die Schärfe wirklich auf – die Glückseligkeit nach dem Liebesspiel. Ich sitze im Sessel in der Mitte des Raumes und lausche den Bässen der Musik und spüre das Koffein in den Adern pulsieren und auf der Zunge tanzen die Genüsse eines Kontinents und der Kopf kippt in Zeitlupenschritten nach hinten, als wäre ich bekifft, und mein Leib ist ein Kessel aus geschmolzenem Gold.

Wir teilen uns den Tsipouro Schluck für Schluck aus der grünen Flasche. Hinter dem Etikett mit den kyrillischen Lettern verbarg sich einmal irgendein zuckerhaltiges Erfrischungsgetränk, jetzt schwappt hausgemachter griechischer Schnaps in dem Behältnis. Wie ein Spürhund springt der Gastgeber immer wieder auf und folgt unsichtbaren Fährten, blättert in den Schallplatten oder leuchtet mit der Lampe ins CD-Regal, um das nächste Stück zu finden. Denn es wird immer nur ein ausgesuchtes Lied pro Album gespielt, das ist ihm Ehrensache.

Inzwischen setzt er sich schon gar nicht mehr in seinen Sessel. Und wieder hat er eine neue Scheibe aus seinen tausendfachen Beständen gezogen, zieht weißes Vinyl aus seiner glatten Hülle, er rückt auf und hält mir die Scheibe entgegen wie eine Offerte. „Du bist dir schon im Klaren, dass wir auf ein Tanz-Event zusteuern?“, sagt der Verführer. Ich lache und sage, ja, das wisse ich.

Gelb leuchtet das Schild des nahen Baukrans auf im dunkelnden Abend, Rauchschwaden flimmern in dem gebündelten Lichtstrahl, der sich an der Decke bricht und als tanzende Leopardenflecken über Wände und Boden wandert, leichtfüßigen Panthergeckos gleich. Die Limoflasche Tsipouro ist längst Bodenseewasser aus der Bierflasche gewichen, wie wir den Raum ausmessen mit unseren Schritten. Und dann der Höhepunkt mit Perennial Divide, den „göttlichen“, wie er sagt. Die Wilde Jagd ist los, eine Kreissäge angeworfen, Stukas im Sturzflug, Schläfenschweiß, Tanz der Wolfsschamanen.

Die Füße kommen nicht zur Ruhe, der Zauber ist ausgesprochen, 13 Minuten lang treibt sie „Voodoo“ von Indoor Life über den rauen Teppich, hypnotischer New Wave, die Gitarre schwingt, fliegt, schneidet, der Gesang steigert sich in Ausbrüche, man weiß nicht, ist es Leiden, ist es Lust.

Aber es ist erst Mitte der Woche und Eskalation unklug. In Martis „Unmade Beds“, Dark Rock aus Genua, ist der Sturm vorbei, das Bett zerwühlt, das Gefühl voll. Dann wird auch das Herz ruhiger zu Mr. Cloudy, „Night Shining Star“, ruhigem Dubtechno aus Russland, eine nächtliche Musik, es ist der Blick in den Sternenhimmel, zur reduzierten Bassdrum werden die Bewegungen sparsamer, minimalistisch, aber zehnminutenendlos und rein wie die keplerschen Sphärenbahnen. Der letzte Song, „Transitional Objects (No Gravity Version)“ von Davor Ostojic hat noch Beat, doch er treibt nicht mehr zu Tanzwut an, er ist ein strenges Stück Kammermusik, E-Musik jenseits der Klassik, und lädt den kühlen Intellekt wieder auf den Thron. Es ist vorbei.

Und ich trage, ein Thymian-Bonbon im Mund, die beiden Bücher wieder nach Hause.

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Mit Krabat tanzen – Ballett im Park

Tausende strömen zur Live-Übertragung auf Großleinwand in den Oberen Schlossgarten. Dicht an dicht sitzen die Menschen auf dem Rasen. Kein Fußballspiel wird hier gezeigt, sondern eine Ballettaufführung aus dem Opernhaus gegenüber. Bei herrlichstem Sommerwetter lädt das inzwischen siebte „Ballett im Park“, ein kostenloses Public Viewing des Stuttgarter Balletts und der John Cranko Schule und für manche einer der Höhepunkte im Jahreslauf der Oper Stuttgart. Dieses Jahr ist „Krabat“ an der Reihe, nach dem berühmten Jugendbuch von Otfried Preußler, umgesetzt als Ballett von Demis Volpi.

Zuschauer aller Alterklassen drängen zu dem Ereignis. Bereits eine Stunde vor Beginn der Aufführung ist der Schlossgarten voll mit Picknickdecken, Handtüchern und Klapphockern und die Suche nach einem Platz nicht ganz einfach. Diese kleine Lücke füllen oder doch noch nach einem Platz weiter vorne suchen? „Man muss nehmen, was man kriegt“, schlage ich angesichts der immer noch zuströmenden Menschen vor, hier zu bleiben. Eine Dame eine Reihe hinter uns nickt bei den Worten und hebt ihr geschliffenes Glas an die Lippen. Auf einem Tellerchen vor ihr liegen Trauben, sie lässt es sich wohlergehen.

Viele Besucher machen wie sie ein Picknick aus dem Ballettbesuch. Weinflaschen werden geöffnet, belegte Brötchen ausgepackt. Und wer nichts mitgenommen hat, kann sich an einem der Stände im Hintergrund mit Roter Wurst versorgen, mit einem Aperol Spritz oder Hugo oder auch einem „Apfelspritzgetränk“ mit dem Namen Krabat – und, ist man in der Pause schnell genug, sich die Dose sogar signieren lassen … Werbung kommt also nicht zu kurz, schließlich muss solch ein (vorbildlich organisiertes) Event auch finanziert werden. Die Regencapes des Großsponsors Porsche sind jedenfalls nicht notwendig, das Wetter bei Ballett im Park ist vielmehr sonnenbrandverdächtig.

IMAG0200Der Schlossgarten vor der 80m²-Videoleinwand

Die Stimmung ist vollkommen entspannt, niemand scheint sich an der Enge zu stören. Ein Mann neben mir rollt sich zusammen und macht bis zum Spielbeginn noch ein Nickerchen. Als „Meister“(der Herr der Mühle und Magier aus Krabat) verkleidete Statisten staksen mit Augenklappen durch die Menge und verteilen Programmhefte. Kinder tanzen sich warm. Moderiert von Sonia Santiago, werden die Zuschauer von den Kameras auch hinter die Kulissen mitgenommen, erleben Interviews mit einigen Machern und Hauptdarstellern des Stücks und werden in einer der beiden Pausen von der Moderatorin zu einigen Lockerungsübungen animiert.

Die Sonne verschwindet hinter den Baumwipfeln und das Ballett beginnt. Musik aus der Oper – das Haus ist ausverkauft, Volpi wirkt angesichts der Zuschauermengen im Haus und im Park beinahe zu Tränen gerührt – dringt aus Lautsprechern über den Park. Der junge Krabat wird in die Schwarze Mühle gelockt und schließt unbedacht den Pakt mit dem düsteren Meister. Die zwölf Lehrlinge schuften zum Rhythmus einer regelrecht entmenschlichten Mühlenmusik – aufgenommen in der Mäulesmühle im Siebenmühlental – und rücken bis zur Erschöpfung Mehlsäcke vor der erdrückenden Kulisse der Zaubermühle hin und her – eine Choreographie, die jedem gängigen Klischee eines Balletts widerspricht.

Szenen wie der Auftritt von Herrn Gevatter (dem Tod, interessanterweise gespielt von einer Frau) zu den Klängen der „Passacaglia“ aus Krzysztof Pendereckis Sinfonie Nr. 3 (spätestens seit dem Einsatz in dem Kinofilm „Shutter Island“ beliebt zur dramatischen musikalischen Untermalung) gehen genauso unter die Haut wie die Lieblingsszene des Publikums, dem Schaukampf zwischen dem Meister und dem frechen Wandermüller Pumphutt (ebenfalls stark gespielt von einer Frau). Am Ende treibt es die Ballettaufführung dann doch ein bisschen zu weit, wenn Herr Gevatter dem Meister gar zu effekthascherisch den Kopf abnimmt und das Stück schmalzig in einer Adam-und-Eva-Konstellation ausklingt.

Aber wie hieß es zu Beginn des Abends? Man nimmt, was man kriegt – und das kann manchmal ganz schön viel sein. Ballett im Park: schön, dass es so etwas gibt.