Freundschaft bei Leberpastete

Ich führte ihn zu einem meiner Lieblingsplätze in der Stadt, weil man dort sehr gut und angenehm sitzen kann, weniger des Essens wegen, am wenigsten des Services wegen. Der junge Kellner unterstrich diese Einschränkung ohne zu zögern: Er war bis zur blanken Unhöflichkeit desinteressiert. Ich schämte mich für ihn und ich schämte mich meinem Besucher gegenüber für meine Wahl des Lokals.

Er nahm es sehr gelassen: „Deutschland halt.“ Er arbeitet in einem Land auf der anderen Seite des Globus, in dem Service großgeschrieben wird, sehr, sehr groß. Er war müde von einem Dreifachjetlag, von den durch die Zeitverschiebung unbarmherzigen Kindern, von der unweigerlich folgenden Erkältung, von dem Arbeitstag in der heimatlichen Zentrale seines Konzerns. Er weiß, was er will und wie man es fordert, und er ist auf seine Weise ein Genießer. All das aber legte er mit einem Achselzucken ab, ging, wie von dem Kellner in seinen schlampigen Klamotten herausgenuschelt, unter dem Schild „Vinothek“ nach drinnen, um an der Theke jemanden zu fragen, welcher der Weine von der Karte womöglich trocken sein könnte.

Der Abend war milde und der Platz gut besucht. „Gibt es überall in Stuttgart so viele junge Leute wie hier?“, fragte er, nahm sich bedächtig einen Bissen von seinem Antipastiteller, spülte mit einem Schluck Grauburgunder nach. Es war sein Vorabend eines einwöchigen Urlaubs in Europa, Urlaubstage, wie sie die einheimischen Kollegen seines Gastlandes üblicherweise nicht in Anspruch nehmen. Er erzählte mir von einem altgedienten Mitarbeiter, 20 Jahre älter als er, anspruchslos und aufopfernd, der ihn eines Tages wegen heftiger Bauchschmerzen ansprach: „…san, mir geht es nicht gut, ich bin krank, erlauben Sie mir, heute Nachmittag einen halben Urlaubstag zu nehmen?“ Ich hörte die Geschichte zum dritten Mal, und ich hörte sie noch immer gerne.

Er ließ den Weißwein über die Zunge fließen. „So viele Bärte … Ist das eigentlich überall in Deutschland inzwischen so?“ Er strich die Leberpastete, die ich übrig gelassen hatte, auf sein Brot. „Indien ist wirklich hardcore. Eine erschreckende Zeitreise, kaum auszuhalten, du musst dir vorstellen, dass …“, erzählte er nachdenklich. „Letztes Weihnachten waren wir in Australien, Freunde besuchen, und ich war sehr erstaunt …“ Es dunkelte. „Auf einigen Pazifikinseln boomt die Wirtschaft, sie suchen händeringend nach Fachkräften aus dem Westen. Das hätte ich nicht gedacht …“ Der Teller war leer. „Was macht eigentlich dein Arabisch? Der Nahe Osten würde mich auch interessieren, aber das macht meine Frau nicht mit …“ Er rief den Kellner. „Ich hätte gerne das Gleiche nochmals.“ Und zu mir: „Das ist genau das, was ich brauche.“ Und er, schlank wie immer, freute sich auf seinen zweiten Teller Antipasti und sein zweites Glas Grauburgunder.

Zuhause tranken wir Tee. Er hatte immer schon Tee getrunken, zum Genuss und manchmal zur Heilung mit einem dicken Schal um den Hals, denn Erkältungen waren sein Markenzeichen. Er mit Tee und Schal, das war schon sprichwörtlich geworden damals. Wir saßen nun, Jahre später, auf den Sofas und an einem Tisch, die ich einst von ihm übernommen hatte, damals zusammen mit seinem WG-Zimmer. Aber was heißt übernommen. Es war ein fließender Übergang gewesen. Für etwa zwei Monate teilten wir uns das Zimmer, was machbar war, da er (allenfalls) am Wochenende zuhause war – ein wahrhaft großzügiges Entgegenkommen, denn ich hatte damals ein paar schwierige Monate, wohnte zwei Wochen bei einem befreundeten Paar (zwei so wohltuende Wochen in einer wurzellosen Zeit), kam dann drei Monate illegal in einem vergessenen Zimmerchen eines Schwesternwohnheims unter, dann schließlich in dem WG-Zimmer. Ein Glück, Freunde zu haben. Was hätte ich ohne gemacht?

Ich war jedenfalls froh damals über das Dach über dem Kopf und den sommerlichen Geräuschen von der Straße, und die paar Tage, die wir beide in dem Zimmer waren, kamen wir zurecht – manchmal bereitete ich etwas zu essen vor, wenn ich wusste, dass er kam – oder, wenn man sich doch einmal in die Quere kam oder wir uns zofften, wich ich für eine Nacht irgendwohin aus. Und als er bald darauf endgültig die Stadt verließ, blieb ich in dem Zimmer mit einem Teil seiner Möbel, von denen ich manche bis heute habe, ein Jahrzehnt später.

Wir tranken also Tee wie früher und wir hörten Jan Garbarek, „All Those Born With Wings“, und sprachen über die Vergangenheit (ihren Schönheiten), die Gegenwart (ihren Aufgaben), die Zukunft (ihren Herausforderungen). Früher einmal, erinnerten wir uns, hatten wir ein paar Mal ein internationales Abendessen ausgerichtet. Ich war fürs Kochen zuständig, er fürs Reden. Wir waren beide sehr zufrieden mit der Aufgabenteilung und es waren schöne Abende mit Menschen aus verschiedensten Ländern. So etwas würde mir auch heute noch gefallen.

Die Schallplatte war längst aus. Müde und triefnasig und ein klein wenig ironisch blickte er mich an, wenn ich schwieg. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, später, da hatte ich seine Arroganz gefürchtet. Er hat sie nicht mehr. Seine Verantwortung, beruflich wie privat, hatte ihr nicht etwa Brennstoff gegeben, sondern sie aufgelöst. Ich brachte ihm eine Decke für die Nacht und lachte: Auch sie hatte einmal ihm gehört.

Es ist ein Tag später, der Gast ist längst in der nächsten Stadt beim nächsten Besuch, und ich räume auf, stelle die Teetassen weg, falte die Decke, sortiere ein paar Bücher aus. Lou Pride singt „Ain‘t no More Love in This House“. Und ich frage mich: Wo in dieser weiten Welt stehe ich?

Advertisements

21 Gedanken zu „Freundschaft bei Leberpastete

  1. Rechtfeinen Dank für die Mit-teilung Ihrer Geschichte. Mir gefällt sehr, wie Sie Ihre Erinnerungen schreiben; besser: in Worte fassen. Ich habe den Eindruck, nicht einen Film zu sehen sondern selbst anwesend zu sein…
    Samstäglichsiebensonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Dass Sie es so wahrnehmen, macht mich glücklich. Wirklich. Danke für Ihre Rückmeldung! Sonntagabendgrüße unter Wolkenhimmel und zu „Bärenmann“ von Bergen

      • Wenn jemand was richtig Gutes macht, muss man ihm das doch auch sagen, nicht wahr, wo kämen wir sonst hin – Blogs wären jedenfalls überflüssig!?
        Wienerschnitzelsattebierhumpendurstgestillteabendgrüsse vom Schwarzen Berg

      • Wie schön, dass Sie das tun! Ihr Abendessen klang im Übrigen auch ganz und gar nicht verkehrt … Herzliche Grüße aus dem regennassen Kessel

      • Wer weiss, vielleicht werden sich unsere Wege eines Tages kreuzen – und ich schätze freundlichhöfliche Menschen. All so befleissige ich mich selbst auch dieser Eigenschaften..
        Ihnen einen gediegen schönausklingenden Abend – gewünscht vom Schwarzen Berg

  2. Mir ging es ebenfalls wie Herrn Ärmel, dass ich auch am Tisch saß. Wenn sich der Besuch so angefühlt hat, wie es sich beim Lesen anfühlt, dann kann dürfte das vielleicht für ein paar Tage reichen, dieses schöne Gefühl von Getragensein, von Togetherness, von Freundschaft und gemeinsamer Vergangenheit. Wo Du heute stehst? Weiß ich nicht. Gehen und sehen, – vielleicht ist es ja das. Und das sehe ich hier bei Dir, immer wieder. Und das ist schön. Liebe Grüße von nebenan und ein schönes Wochenende Dir.

    • Du hast recht: Stehen kann sowieso nur eine Momentaufnahme sein. Gehen und sehen – ja. Ich freue mich, dass du es siehst – und es gerne siehst. Danke dir! Mein Wochenende war schön und ich hoffe, deines auch. Gute Wege, gutes Sehen und herzliche Grüße dir!

      • Gehen und sehen, – ja. Ich denke, das heißt Leben: Bewegung, sich bewegen. Auch Ausruhen und Ankommen, aber ansonsten immer weiter, immer weiter … oder? Ja, ich sehe es so. Das und Dich. Gehend, sehend. Mein Wochenende war halb frei, halb Arbeit. Schön war es auch, aber heute bin ich etwas müde.
        Ich winke Dir zu! Ich gehe dann mal, aber ich komme wieder! 🙂 Herzliche Grüße zurück!

      • Einmal hatte ich einen Zettel an einen Schrank geheftet mit einem Vers von Trakl: „Alle Straßen münden in schwarzer Verwesung.“ Dann stand ich davor und dachte: „Nee. So nicht.“ Stimmt zwar irgendwie, ist aber überhaupt nicht konstruktiv.
        Also malte ich groß und in Rot (nein, kein Lippenstift) einen Satz aus Murakami auf die Schranktür: „Tanzen, immer weitertanzen.“
        Daher stimme ich dir zu. Gehe du gut – ich hoffe, du hattest heute trotzdem die Möglichkeit, auch zu ruhen – und ich finde es sehr schön, dass du wiederkommen wirst. 🙂 Herzliche Grüße!

  3. So ein schöner Erinnerungs-Erlebnis-Fluss! Gestern nur kurz vorbeigehuscht, gerade noch einmal richtig gelesen, nachgeschmeckt (zum Glück nur ein Hauch Leberpastete) und mich gefreut, dass auch die Gegenwart nicht nur Aufgaben sondern ebenso Schönheiten bietet.

    • Erstaunlich, das wird mir so *richtig* erst jetzt bewusst, wo du es sagst: natürlich, die Schönheiten der Gegenwart! Ein Hoch auf sie! Dazu gehört für mich ganz fraglos auch, dass du ein zweites Mal den Weg auf dich genommen hast zur Leberpastete.

  4. Ein nüchternes, liebevolles Porträt; und allerhand, was sich so alles in guten Porträts spiegelt. Wunderbarer Text; der ist aus dem Vollen. Dank.

  5. „Unsere Gegenwart und unsere Vergangenheit sind die Steine, aus denen wir unser Leben bauen.“
    Henry Wadsworth Longfellow (1807 – 1882)
    LG von Rosie

  6. „So viele Bärte…“ das erstaunt mich auch. 1973 habe ich auch so einen Bart getragen, da gab es einen politischen Hintergrund dafür. Aber warum tragen die Jungmänner nun wieder so einen Zauselbart? Annäherung an den Islam?
    Toll beschriebene Begegnung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s