Plutarch am Ilmensee – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 4)

Die Wirtin lässt Grüße ausrichten an die Wirtsleute meiner nächsten Station. Das gefällt mir, das würde ich gerne öfter machen: den Tag lang durch die Gegend wandern, um Grüße auszurichten.

„Die Porträtmaler suchen die Ähnlichkeit aus dem Gesicht und den Zügen um die Augen zu gewinnen, in denen sich der Charakter darstellt, und schenken den übrigen Körperteilen weniger Aufmerksamkeit. In entsprechender Weise muß man es auch mir gestatten, daß ich mich mehr mit den kennzeichnenden seelischen Zügen befasse und daraus das Lebensbild eines jeden zeichne. Die großen Heldentaten und die Schlachten aber überlasse ich anderen.“ (1)

Zwischen zwei bewaldeten Höhenzügen liegt der Ilmensee, ein Relikt der Eiszeit mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von etwa einem Kilometer. Steinzeitmenschen hatten an seinem Ufer Pfahlbauten errichtet, im 20. Jahrhundert war er vor Renaturierungsmaßnahmen ein Sammelbecken für Phosphor und andere Rückstände aus Landwirtschaft und Abwässer. Auf seinem Grund liegt eine Kirchglocke aus dem Dreißigjährigen Krieg, versenkt vor den anrückenden Schweden.

An seinem nördlichen Ende liegt das Dorf Ilmensee, dazwischen Uferbäume, ein Schilfgürtel und ein Freibad, dessen Wiese sich am Ostufer weit nach Süden erstreckt und in Bootsanlegestellen übergeht. Auf dieser Wiese liege ich auf meinem Allzweckschal, ein gelbes Reclambändchen des antiken Biographen Plutarch neben mir, und schaue auf den Ilmensee. Sein Wasser gleicht einer flirrenden Fläche in steter Bewegung – ein Spiel aus Licht und Schatten, dort dunkler, wo Bäume ihr Spiegelbild auf den See hinauswerfen. Wo Menschen schwimmen, entzündet sich das Wasser in weißem Licht. Noch die kleinste Bewegung zaubert Licht, der Glanz umgibt die Menschen, als wären sie, vom See reich beschenkt, höhere Wesen. Bewegt sich der Körper, folgt ihm ein Schweif aus Licht. Es ist eine vollkommen gewöhnliche Angelegenheit und trotzdem, versenkt man sich in diesen Anblick, eine Erscheinung von äußerster Schönheit.

Oberschwaben_HW 7_Wandern

Landschaftlich ist die Etappe von Altshausen nach Ilmensee die vielleicht schönste auf meinem Weg durch Oberschwaben. Die Hügel recken sich höher, die Häuser tragen bunte Farben, alles wagt hier ein wenig mehr. Ein Weiler wie Mauren stellt die perfektionierte Werbung für ein idyllisches Landleben, ohne das zu wollen, denn wer verirrt sich schon dorthin, um den man werben wollte. Einmal auf einer Landstraße ein paar Radfahrer, sonst bin ich allein unterwegs. In Unterwaldhausen stehen drei Männer um eine Landmaschine auf dem Feld. Der mir Nächste, den Oberkörper frei in der Augustsonne, blickt den Fremden unsicher an – unsicher immerhin, nicht misstrauisch wie schon so oft auf dieser Wanderung beschrieben. Ich grüße ihn, mache eine scherzhafte Bemerkung und schon bin ich im Gespräch. Ganz von selbst bin ich in meinen Dialekt gefallen, es fällt mir leichter, je weiter ich nach Süden komme. Zu den Menschen ist er eine Brücke.

Trotzdem bin ich nicht ganz hier. Mein Körper geht, er findet inzwischen von selbst sein Tempo, seinen Rhythmus. Die Gedanken aber schweifen ab, sie sind fahrig, die Sinne richten sich nach innen. An diesem Tag schreibe ich kein einziges Wort auf meinem Weg ins Notizbuch. Verfalle stattdessen in Fantasien, während ich zwischen einsamen Kornfeldern von Hügel zu Hügel wandere, in Endzeitbilder. Monströsitäten aus einer Serie, die ich während einer Erkältung in der dunklen Jahreszeit in mich aufgesogen habe, erheben sich aus ihren Gräbern und Zombies treten aus den Wäldern, um mich zu jagen. Die Apokalypse der Untoten hat sich offenbar ins Bild des Wanderers im 21. Jahrhundert eingeschrieben. Wer sonst sollte allein über menschenleere Straßen ziehen als der Überlebende des zivilisatorischen Zusammenbruchs?

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Als ich ins Wasser steige, wird das Licht zu moorigem Grün. Das Wasser ist angenehm warm und es ist eine Lust, sich dem Nass hinzugeben, sich tragen zu lassen, hinauszuschwimmen. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich in einem See (und nicht einem Freibad oder immerhin einem Weiher) schwimme. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wann ich das zuletzt gemacht habe. (Und im Meer? Wann bin ich das letzte Mal im Meer geschwommen?) Es verstört mich. So sollte das Leben nicht sein. Warum tue ich nicht mehr, warum tue ich nicht alles, um das zu ändern?

Zwei überdrehte junge Lesben, jede ihrer Gesten hat etwas Überzeichnetes, küssen sich auf halbem Weg ins Wasser. Eine Junge mit Windpockennarben an den Armen ist ganz aufgeregt: zwei Frauen, die sich küssen! Ach, Junge, du wirst noch viel lernen müssen. Unterschiedlich die Reaktion seiner Großeltern. Für ihn hat die Beobachtung nicht mehr Relevanz, als dass sich eben zwei Menschen küssen. Sie ist aufgestört. „Etwas ungewöhnlich ist das doch!“, sagt sie, in genau diesen Worten. Die Stadt ist fern. Für einen Augenblick vermisse ich sie.

Im Norden ziehen reinweiße Wolken vorüber, aufgebauscht, wie aufgesprüht am Himmel, man möchte hineinbeißen in diese Köstlichkeiten. Morgen würde es gewittern, heißt es seit Tagen. Heute aber heißt es erst einmal, den restlichen Tag zu genießen. Und den Beinen Ruhe zu gönnen. Sie schlagen sich gut: Füße, Beine, Gelenke, ich bin erleichtert, wie wenig sie schmerzen. Aber wie sie nur aussehen! Voller Macken aus den letzten Monaten, dort die Striemen der Brombeerranken im Pfälzer Wald immer noch zu sehen, hier die dunklen Scharten im Schienbein, als ich nächtens, den Blick aufs Smartphone geheftet, gegen einen Betonpoller gelaufen bin, rote Schwellungen, wo mich Bremsen gestochen haben, ein Hitzeausschlag, wo Stoff und Schweiß zusammenkommen, und eine Wolf vom ersten Wandertag, der mich jeden Abend zwingt, das Blut aus der Hose auszuwaschen. Immerhin, sie haben ein Leben, meine Beine.

Am späten Nachmittag liegt die Gluthitze schwer auf dem Dorf. Es ist der heißeste Tag in 2015. Die Messinggriffe der Kirchtür sind sengend heiß. Über dem Garagentor des Pfarrhauses hängt groß der Gekreuzigte. Gegenüber spielt jemand auf der E-Gitarre, langsam und träge fließen die psychedelischen Wiederholungen über die Straße. Gerne würde ich mich mit einem kühlen Bier auf die Terrasse des Hauses setzen und mich treiben lassen von den Klängen. Am Eck ein Kaugummiautomat mit vier befüllten Behältern, einem Relikt aus den 80er-Jahren gleich, aber der Einwurf ist sauber auf Cent und Euro beschriftet. Hier lebt eine Vergangenheit weiter und ohne dem Fremdenverkehr wäre dieses Dorf zwischen den beiden Höhenzügen längst tot, wäre da kein Blumenladen, in den eben die Auslagen aus Blütenpflanzen und Kirschfrüchten ins Haus geräumt werden, wäre da keine Dorfbäckerei mehr, hinter deren Scheiben Licht brennt, ohne die Feriengäste stünden da an der Hauptstraße nicht gleich drei Gaststätten, würde es kein Dorfcafé geben und keine Saufhalle mit Chicken Wings aus Geflügelmassenvernichtungsfabriken, keinen Allgäuer Beef-Abend, der wenig mit dem Allgäu zu tun haben dürfte, nicht den Pizzaservice mit den indischen und thailändischen Gerichten versteckt hinter der Bankfiliale. Vielleicht nicht einmal das Bett, in dem ich heute Nacht schlafen werde.

In der Abenddämmerung folge ich dem Lehrpfad rund um den See. Ich lese alle Tafeln. Den Hinweis auf einen Haifischzahn, mit dem ein Schild vor dem Freibad wirbt, finde ich nicht.

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(1) Plutarch: Alexander. Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel. Stuttgart 1980. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1990, S. 3.

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Der Tempel unter dem Schutz des Präsidenten

Ein paar Stunden vor Reiseantritt heute ein etwas längerer Eintrag – in Erinnerung an ein Land am Vorabend des Bürgerkriegs (Syrien, 23. März 2011).

Ein Galaplatz im Mikrobus

In einem arabischen Mikrobus („Service“ in Syrien) kann man aus den verschiedensten Gründen ins Schwitzen geraten. Weil das Wetter warm ist. Weil man eingezwängt dasitzt, möglicherweise vorne zwischen dem Fahrer, der einem immer wieder den Schaltknüppel gegen das Knie drückt, und einem zweiten Fahrgast auf dem Vordersitz, am besten, wenn man auf den Knien noch einen kleinen Rucksack balancieren muss. Vielleicht auch, wenn man zu den empfindsameren Gemütern gehört, die Tatsache schwieriger Kommunikation, wenn man die Fragen des Fahrers nicht versteht – oder aber gerade kapiert, dass sich das Gespräch zwischen dem Fahrer zur Linken und dem Nebenmann zur Rechten um einen selbst dreht, man aber eben nur das und leider nicht mehr versteht. Und natürlich der Fahrstil des Kleinunternehmers.

Bei mir trafen alle Gründe zusammen, als ich die einstündige Fahrt von Damaskus aus nach Dumair unternahm. Ich war der erste Fahrgast – und der einzige, der in der Garage Abbassiyin einstieg – und setzte mich neben den Fahrer (ich sollte es noch bereuen). Er hatte hellen Teint und einen rötlichen Bart, ein volles Gesicht mit melancholischer Augenpartie und einem aufbrausendem, wenngleich nicht unfreundlichen Wesen. Wären seine Augen nur eine Spur heller gewesen, hätte man ihn ohne Weiteres in „Braveheart“ unterbringen können.

Interessanterweise war er angeschnallt – das war mir in diesen Tagen bereits mehrmals aufgefallen, in einem Land, in dem Taxifahrer vor wenigen Jahren noch in ihrem männlichen Stolz verletzt waren, wenn der Fahrgast sich den Sicherheitsgurt umlegen wollte. Sollte sich hier doch etwas ändern im syrischen Straßendschungel? Was für den Fahrer zutraf, galt leider nicht für mich (es gab keinen Gurt) und ich litt Qualen und sah mich schon durch die Windschutzscheibe fliegen.

Denn wie fast alle Syrer, die ich erlebt hatte, fuhr der Fahrer rasant und aggressiv, nutzte jede noch so kleine Lücke, drängte sich mit Hupen, Gesten, Flüchen und dem reinen Willen vor, nur um gleich darauf wieder überholt zu werden, wenn ein Fahrgast aus- oder einstieg. (Wer bisher nur in der westlichen Hemisphäre Bus gefahren ist: Ein Mikrobus hat eine Route, mehr nicht, und hält dort, wo ihm jemand auf der Straße zuwinkt bzw. auf Zuruf eines Fahrgastes – „al-yamin, ya mu‘allim“.)

Die Straße nach Dumair war uneben, teils löchrig oder rissig. Alte Schienen liefen quer. Bodenwellen nahmen glücklicherweise immer wieder das Tempo heraus. Wo die Straße hingegen frei war, jagte der Fahrer den alten Motor hoch, hinter uralten Mercedes-Benz-Lastwagen her, die schon zu Zeiten von „Lohn der Angst“ in einem ehrwürdigen Alter gewesen sein mussten und weit über die Ladekante hinaus mit Schrott beladen waren. Wenn da etwas ins Rutschen käme … Aber es war nur eine plattgedrückte Büchse, die vor uns auf die Straße fiel, als wir zum Überholen ansetzten. Der Fahrer lachte. (Auf dem Rückweg krachte einem kleinen Lieferwagen, kaum dass er vor uns auf einen holprigen Hof eingebogen war, die Ladeklappe herunter. Ich konnte nicht sehen, ob der Fahrer des Wagens überhaupt nach hinten blickte.)

All das sieht das entsetzte westliche Auge ganz ungeschminkt vorne neben dem Fahrer und ich verstand nicht, wieso ich auf diesem Platz gelandet war, nachdem ich erst am Vortag bei einer Fahrt im Mikrobus geschworen hatte, mich nie mehr nach vorne zu setzen, sollte ich die Fahrt unbeschadet überleben (Erinnerungen an frühere Fahrten ganz zu verschweigen). Ich erneuerte meinen Schwur.

Geraucht wird, wenn der Muezzin schweigt

Der Kleinbus füllte sich schnell. Mein Sitznachbar stieg aus, ein junger Mann rückte nach, ein ganz anderer Typus als der Fahrer: braun wie ein Beduine, eine schnittige Nase im schmalen Gesicht, dunkler Schnurrbart, grünbraune Augen, eine Haartolle und eine Outdoor-Jacke in der Art eines leichten Parkas, ein eher ländliches Kleidungsstück. Der Mann trug einen Papierumschlag bei sich, vielleicht hatte er in der Hauptstadt irgendwelche Dokumente abgeholt.

Der junge Mann war aus Dumair, wie sich heraustellte, und kannte den antiken Tempel, den ich dort besuchen wollte, anders als der Fahrer. Der Tempel befinde sich in einer Burg, erzählte der junge Mann, und ich hatte gute Hoffnung, dass er mir vor Ort zeigen würde, wohin ich musste.

Dumair sollte laut Karte etwa 40 Kilometer von Damaskus entfernt an der Straße nach Tadmur (Palmyra) liegen. Es war nicht leicht zu sehen, wo Damaskus überhaupt endete. Kilometer an Kilometer reihten sich ohne Unterbrechung Vororte, triste Bilder aus Staub, Höfen, Werkstätten, Industrieanlagen und schmucklosen Wohnhäusern. Trostlosigkeit in Grau und Braun, diesen typischen Farben Syriens, dagegen konnten auch die gelegentlichen Baumreihen nichts ausrichten.

Irgendwann drehte der Fahrer die Kassette mit religiösen Gesänge aus – Zeit für eine Zigarette! Mein Sitznachbar fühlte sich dadurch ermutigt und holte selbst eine Schachtel hervor. Allein, sein Feuerzeug rieb ein ums andere Mal ohne Funkenschlag. Irgendwann reichte ihm der Fahrer seines, der junge Mann schleuderte sein nutzloses Feuerzeug durch das offene Fenster hinaus und hatte seine Zigarette nach dem ersten Versuch an. „Besser so?“, grinste ich und der junge Mann hob den Daumen. Ich war froh, dass der Rauch der Zigaretten aus den geöffneten Fenstern zog.

Schlüsselsuche in Ad-Dumair

Von einer altertümlichen Anlage vor dem Ort war, anders als der Reiseführer beschrieben hatte, nichts zu sehen. Auch war das „Dorf“ nicht gerade klein.

„Wohin willst du nun“, fragte mich der Fahrer.

„Als erstes Wasser kaufen“, antwortete ich und mein Sitznachbar bekundete dem Fahrer, er werde sich um alles kümmern.

Staubig die Hauptstraße, ein reizloser Ort, an dem wir ausstiegen. Immerhin, durch eine Seitenstraße war nun das antike Gemäuer zu sehen. Erst aber brachte mich der junge Mann zu einem Laden, vorbei an einem Metzger, der ein frisch geschlachtetes Schaf ausgehängt hatte. Die abgezogene Haut lag im Rinnstein der Straße, zwischen anderem Müll. Ein zweiter Metzger hatte auf dem Schaufenster das Bild eines glücklichen Kamels mit Jungtier. Dahinter sah ich einen gewaltigen Brocken relativ dunklen Fleisches, die größte Masse Fleisch, die ich je gesehen hatte.

Nach dem Kauf der Wasserflasche brachte mich der junge Mann zur Ruine. Französisch könne er etwas, erklärte er mir, aber kein Englisch. Da mein Französisch noch schlechter ist als mein Arabisch, blieben wir dabei. Das kleine Areal war von einem Zaun umgeben. In einer Grube – einem erstaunlich tiefen Aushub – stand ein viereckiges Gebäude: der Tempel des Zeus Hypsistos. Eindeutig waren die antiken Stilelemente zu erkennen. Doch das Tor war – wie erwartet – verschlossen.

Der junge Mann erklärte, dass wir nach dem Schlüsselträger suchen müssten. Er klopfte an irgendein Haus in der Nachbarschaft, eine schrille Frauenstimme antwortete, durch die Haustür hindurch unterhielten sich die beiden. Ohne Ergebnis.

Der junge Mann war für einen Moment ratlos. Mir tat es schon leid für den Aufwand, den er betrieb, um einem völlig Fremden bei seinem Spleen, irgendwelche unbedeutenden Mauern aus längst vergangener Zeit zu besichtigen. Ich erklärte ihm, es sei gar kein Problem, wenn sich der Schlüssel nicht fände. Stattdessen winkte mich der Mann mit: Im „Stadtzentrum“, so verstand ich, würden wir schon fündig werden.

Eine Besichtigung unter dem Segen des Regimes

Fünf Minuten später betraten wir ein Amtsgebäude – das Rathaus. Der junge Mann hieß mich  mit einer Geste – aneinandergelegte Fingerspitzen der nach oben gehaltenen Hand, wie die klassische italienische Geste, nur mit anderer Bedeutung – warten und betrat einen offenen Nebenraum. Während er dort ein Gespräch führte, schaute ich im Flur auf die doppelflügelige Holztür vor mir, über der gewaltig groß ein Bildnis des alten Präsidenten hing, links und rechts jeweils ein kleineres Bild seines Sohnes Baschar al-Asad, des gegenwärtigen Präsidenten. Ich hielt mich aufrecht unter dem Blick des großen Bruders, aber mein Gesicht war ausdruckslos, ein glatter Spiegel wie bei vielen Syrern in der Öffentlichkeit. Niemals hatte ich ausdruckslosere Gesichter gesehen als in einem überfüllten Teehaus in Aleppo, wo alle auf den Bildschirm starrten und einer mit Spannung erwarteten Parlamentsrede Baschar al-Asads zuhörten.

Der junge Mann kam zurück, klopfte munter an die Flügeltür und betrat den Raum. Es dauerte ein paar Minuten. Andere Männer kamen, klopften, gingen ebenfalls hinein. Dann winkte mich der junge Mann durch die Tür herein. Ich betrat das Büro des Bürgermeisters. Rechts thronte er hinter einem Schreibtisch, ringsum standen grüne Sessel, in zwei, drei saßen gelassen Männer, es mussten Vertrauensleute des Bürgermeisters sein, Parteigenossen, auserwählte Handlanger, jedenfalls hatten sie nicht die Haltung von Untertänigkeit, die andere Bittsteller zur Schau trugen.

Der junge Mann stellte mich dem Bürgermeister vor, der hieß mich auf Englisch willkommen und wies mir einen Platz zu seiner Linken. Er fragte mich, ob ich Arabisch könne, ich sagte, ein wenig, dann legte er los in seinem Dialekt und ich verstand nichts. Vielleicht doch auf Englisch, schlug ich vor, aber das überstieg wiederum sein Vermögen.

Der Amtsträger grunzte und redeschwallte stattdessen mit den anderen weiter, streute hin und wieder ein „welcome“ oder „ahlan“ mir gegenüber ein und stempelte zwischendurch ein Dokument für einen Bittsteller ab. Offenbar entwickelte sich die Suche nach dem Schlüssel zu einer mittleren Staats- respektive Verwaltungsaffäre.

Ich fragte mich bereits, ob ich allen und vor allem dem Bürgermeister die Ratlosigkeit ersparen und taktvoll einen Rückzieher machen sollte, aber andererseits war es einfach zu faszinierend, was sich hier abspielte. Einem Faktotum in mittlerem Alter mit Pausbäckchen, Chaplinbart und lustigen Augen wurde aufgetragen, mir einen Kaffee auszuschenken. Er hatte ein Tässchen und eine Henkelkanne in der Hand, fand in der Tiefe der Tasse noch etwas Kaffee und trank diesen Rest aus, bevor er mir in diese Tasse einschenkte. Eine zweite Tasse lehnte ich mit einem „bass“ und Schwenken der Tasse ab, wie es mir Saudis in der Jugendherberge von Dubai einmal beigebracht hatten. Einer der gelassenen Männer auf den Stühlen lachte und erhielt selbst einen Kaffee aus der Tasse.

Vielleicht um zu demonstrieren, dass er Herr der Lage sei, setzte der Bürgermeister nun dem jungen Mann, der mich hergebracht hatte und sich eigentlich zurückziehen wollte, mit Fragen zu. Es war ganz offensichtlich, dass der junge Mann sich nicht wohlfühlte in seiner Haut. Ich verstand nicht, worum es ging, aber es kam mir unfair vor: ein ungerechtfertigtes Machtspielchen auf Kosten des hilfreichen jungen Mannes. Als das Verhör abebbte, fragte der junge Mann den Bürgermeister, ob er gehen dürfe, und schlich rückwärts aus dem Raum, ohne dass ich noch die Gelegenheit bekommen hätte, mich bei ihm zu bedanken oder ihn zu verabschieden. Vielleicht bereute es der junge Mann schon, den Fremden so bereitwillig unterstützt zu haben. Mein Bedauern war jedenfalls fraglos vorhanden. So hatte ich ihn nicht gehen sehen wollen.

Dann kam ein Neuer, ein kleiner, jüngerer Mann, ein hübscher Schnurrbartträger mit sensiblen Gesichtszügen. Er trug Hemd, Bügelfaltenhose und Plastikschlappen und eine schwarze Lederjacke genau der Art, wie man sie sich von gewissen Mitarbeitern des syrischen Geheimdienstes vorstellt. Es war ein merkwürdiger Kontrast: Das Kleidungssymbol des gefürchteten Muchabarats passte nicht zu seinem empfindsamen Gesicht. Dieser Mann würde mir also weiterhelfen …

Doch erst brachte sich der Bürgermeister nochmals ins Spiel, plötzlich wollte er meinen Pass sehen – eine Passkontrolle durch den vielleicht ranghöchsten Repräsentanten des Städtchens für eine archäologische Besichtigung. Der Bürgermeister tat, als wäre es eine glückliche Bestätigung seiner heimlichen Hoffnung, das Visum vorzufinden (als wenn ich ohne in das Land gekommen wäre), er erhob sich, reichte mir zu seinem wiederholten „ahlan wa-sahlan“ nun sogar die Hand. Ich war mit dem Segen der Staatsmacht entlassen.

Tourismus leicht gemacht

Der Sensible führte mich hinaus. Wir könnten das Moped nehmen oder zu Fuß gehen, sagte er. Zu Fuß, antwortete ich und dachte mir insgeheim, was für eine dumme Frage, für diese paar Schritte. Und dann, mich verbessernd, seine Höflichkeit aufgreifend: Wie er möchte, meinetwegen aber gerne zu Fuß. Dabei blieb es.

Wir gingen dieses Mal um die andere Seite des Rathauses herum zurück zur Ruine. Der Mann vergewisserte sich, dass das Tor tatsächlich verschlossen war. Er erklärte mir, dass der Tempel während der Regierungszeit des römischen Kaisers Philipp Arabs erbaut worden war – historisch interessierte Syrer sind stolz darauf, dass ein Mann aus ihrem Landes einmal über das römische Imperium geherrscht hatte –, und konnte mir ein paar andere archäologische Überreste in der weiteren Umgebung aufzählen. Ich glaubte fast, der Sensible war so etwas wie ein Intellektueller.

Dann ging es darum, an den Schlüssel zu kommen – auch er hatte ihn nicht! Ob ich warten wolle … Natürlich ging ich mit. Zwei Ecken weiter rief er einem alten, hochgewachsenen Mann in schwarzer Dschalabiya zu, der missmutig eine Gebetskette in Händen hielt. Von seiner Aufgabe, das Tor aufzusperren, war er ganz offensichtlich nicht begeistert. „Woher“, frage er. „Nur einer?“, knurrte er. Grimmig schaute er auf mich herab, sagte „aber gerne“ („tikram“) zum Sensiblen – es klang nach beißender Ironie – und hinkte los. Seine Lunge röchelte.

Der Sensible schien inzwischen ein bisschen geknickt, der Alte war offenbar zuviel für sein sanftes Gemüt. Der Hüter der Pforte holte die Schlüssel aus dem Haus, dann schloss er umständlich das Tor zum Tempel auf. Wir drei stiegen die Stufen hinab und schritten in der Grube um das antike Gebäude herum.

Der Sensible zeigte mir die Inschriften und erklärte, was an Bausubstanz römischer Tempel und was islamischer Überbau war. Es war ein kleiner Tempel, ein quadratischer Hauptraum mit drei Nischen gegenüber dem Eingang, vermutlich für die Götterstatuen in antiker Zeit. In einem kleinen, dunklen Nebenraum stand ein alter Opferstein und darin lag – warum und wofür auch immer – ein Schlüsselbund mit sicherlich 20 Schlüsseln.

Der Sensible wies auf vier Figuren auf jeder Seite des Opfersteins. Merkwürdig gedrehte Gegenstände waren neben den Gestalten abgebildet, vom Zahn der Zeit abgeschliffen. Ich fragte, ob sie Hörner darstellten. Erst beim zweiten Mal verstand ich die Antwort: „Weintrauben“. Ich machte ein paar Fotos vom Tempel, eine reine Alibihandlung, dann hatte ich genug und wir verließen die Ausgrabungsstätte. Der Alte schloss ab, der Sensible schlurfte bereits wieder zurück und ich stand unbeholfen da, einige Münzen in der Hand.

Glücklicherweise hatte mich mein Reiseführer bereits darauf hingewiesen, dass ein Trinkgeld angebracht sei. Der strenge Alte wollte mich schon im rauen Tonfall fortschicken, als ich mich fast stammelnd bedankte (ich hasse es, mich mit dieser Art von alten arabischen Patriarchen abgeben zu müssen, sie lassen mich immer fürchterlich klein fühlen) und ihm die Münzen in die Hand drückte. Der Alte ließ sich zu einem gnädigen Nicken herab, die Summe zumindest schien in Ordnung zu sein.

Der Sensible war schon auf halbem Wege ins Rathaus zurück, ich rief ihm einen Dank hinterher, er winkte nur und ich knippste noch zwei letzte Fotos von dem alten Tempel (sie waren falsch belichtet, stellte ich später fest, aber das machte nichts, es war sowieso nur ein Ritual, um irgendwie einen Abschluss zu finden). So viel Aufwand für das bisschen Archäologie … Die Stätte war mir das Aufheben jedenfalls nicht wert – und interessant andererseits, wie hier potentielle touristische Magnete regelrecht abgeschirmt wurden vor einem Besuch.

Mehr schien mir der Ort nicht zu bieten und ich beschloss, nach Damaskus zurückzukehren. Ich hatte Glück. Ein „Service“ stand abfahrbereit auf der Hauptstraße. Die Fahrgäste trugen alle die ländliche Kufiya, das Kopftuch der Männer, das mit einer Kordel oder einem Gummiring festgehalten wird. Immerhin, zum Abschied schenkte mir das trostlose Dumair ein herzliches Lächeln: Einer der Alten – eine jener traurigen Figuren, die an den Bürgersteigen manchmal Kleinigkeiten zum Verkauf anbieten – strahlte mich aus seinem Faltengesicht an.

„Britani?“

„Almani“, lachte ich zurück.

„Ahlan wa-sahlan!“

Dieses Mal setzte ich mich nach hinten, in die letzte Reihe.