„Jazz Baby“

Und Mani Neumeier, Schlagzeuger von Guru Guru, wird auch schon 75. Dass vor dem Pavillon der IG Kultur ein Konzertplakat dieser Kultband des Krautrocks hängt, sagt nicht alles, aber viel über den Veranstaltungsort aus. Für den Bahnreisenden am gefühlten zivilisatorischen Ende Sindelfingens, dort, wo die noch junge S-Bahn-Linie verschämt ein Gleis erhält vor den Schienensträngen des Güterverkehrs, vorbei am Westtor des Mercedes Benz-Werks, da tut sich rechts vom Kreisverkehr freundlich, linkisch, baumgesäumt der Pavillon der IG Kultur auf.

Ein paar Wochen vor dem Guru Guru-Doppelpack (freitags ein Dokumentarfilm zur Band, am Samstag dann das Altherrenkonzert), als noch nicht ein April Ahnungen eines Sommers verschenkte, spielte hier das Alexandra Lehmler Quintett. „Aber wieso liegen denn da Ohrstöpsel an der Kasse?“, fragen die Damen. „Ja, es ist halt Blasmusik, da kann es schon mal lauter werden“, entgegnet der Kassierer. Blasmusik, das ist ein gemütliches Understatement. Alexandra Lehmler war 2014 Jazz-Preisträgerin des Landes Baden-Württemberg, ihr jüngstes Album „Jazz Baby“ ist zwar „teilweise unterhaltsam“, so die Jury (offenbar darf das respektabler Jazz nicht), aber für ihren Ausdruck und die „interessanten“ Kompositionen doch eine Auszeichnung wert.

Eine altlinke Nonchalance regiert im Kulturpavillon. Das schwäbische Kulturbürgertum duzt sich, Cola ist vom Klassenfeind und der Mann hinter der Bar – das graue Haar schulterlang, er wird sie wohl bis zum Tod noch so tragen – sucht etwas hilflos nach den Bierpreisen und weiß nicht, wie viel „Erdnüssle“ kosten. An den Wänden des Foyers hängen farbintensive Fotos von Jazz- und Rockmusikern in Bühnenaction. Ein Althippie kommt aus der Hintertür, irgendwo klirrt ein Glas auf dem Boden, ein Vater ist mit seinen beiden noch vorpubertären Söhnen da. In diesem Alter war ich höchstens auf einem Barockkonzert, aber nicht bei Jazz. Die Jungs sind mindestens so heiter entspannt wie der ganze Rest.

„Sie wissen, wir haben ein geiles Jazzfestival zusammengestellt“, kündigt der Weißhaarige dann das Alexandra Lehmler Quintett an. Und das Konzert tut seinen Teil dazu, wie Alexandra Lehmler (in Schwangerschaftsklamotten) schnell zeigt. Ein Fehler, dass die meisten an Tischen sitzen. Was die Mannheimer Jazzerin (Klarinette, Saxophon) und ihre Band spielen, ist Musik, die bewegt, in Bewegung bringt. Die Songs von „Jazz Baby“ – spürbar gereifter gegenüber ihren früheren Alben (wenn auch mit irritierend im Ungefähren bleibenden Werbetext) – zeichnen sich als ganz warmer, sinnlicher Jazz aus (etwa „Snow in Summer“), ohne anbiedernd oder betulich zu werden. Andere sind rockig, wie das groovige „Unterirdisch“ mit seiner kaum in Zaum gehaltenen Kraft, einer der Höhepunkte des Albums. Bei einem Song reißt es den Tastenspieler bei seinem ekstatischen Synthiespiel vom Hocker, als würde an dem Abend doch eine psychedelische Krautrockband auf der Bühne stehen.

Dann rückt der Kontrabass mit seinem wunderbaren dunklen, gemaserten Braun in den Mittelpunkt. Matthias Debus‘ Solostück wird eine Egosache, fast eine öffentliche Masturbation, wie er seinen Bass klopft und streichelt und kost. Es ist aber auch ein bisschen gemein, dass der Pianospieler während des langen Solos seinen Kopf für ein Nickerchen auf die Arme legt. Dem Publikum gefällt es trotzdem und der anschließende Basslauf in „Superheld“ rechtfertigt jede Eitelkeit, zu der sich Matthias Debus hatte hinreißen lassen.

Später geht es zurück zwischen Asphalt und Gleisen, dann in einem Bus durch die Nacht. Er passiert ein weitläufiges chinesisches Restaurant, große Aquarien mit Goldfischen leuchten durch die Glasfront, keine Gäste vervollständigen die synthetische Szenerie, Geldwäschefantasien und ein Eindruck von Verlorenheit. Das Restaurant bleibt zurück, nur noch Finsternis hinter den Scheiben des Busses und tief drinnen der warme Ton des Saxophons.

Links? Bitte sehr:
Alexandra Lehmler Quintett, „Jazz Baby“
Pressemitteilung zur Preisverleihung 2014
Interessengemeinschaft Kultur Sindelfingen/Böblingen e.V.

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Calderón geht auf Reisen (2)

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Auf dieser erst kürzlich mit einem bundesweiten Preis ausgezeichneten Bühne wurde Calderón vielleicht nicht aufgeführt, aber gelesen als Vorbereitung für eine Inszenierung von Christian Dietrich Grabbe, der den spanischen Barockdramatiker verehrte.
20 Jahre lang hatte ich den Freund nicht gesehen, der mir das erzählte. 20 Jahre seit unserer ersten und einzigen Begegnung auf einem Zivildienstlehrgang. Es waren drei prägende Wochen gewesen, drei vielleicht sogar Biographie bestimmende Wochen, und möglicherweise verdanken wir dem, dass wir uns nun wiedertrafen und uns immer noch etwas zu sagen hatten. Dass die Tonkassette mit Pan Ra und Hoelderlin (zwei deutschen Krautrockbands der Siebzigerjahre), die ich ihm damals geliehen hatte, längst verschollen ist, ist da nur eine kleine nostalgische Fußnote. Sie hatte mir nämlich ein Jugendfreund aufgenommen, der ein paar Jahre später Suizid beging.

Calderóns Drama vom wundertätigen Magier im römischen Antiochien hat eine sehr eigene Einstellung zum Tod. Die beiden Liebenden Cyprian und Justina finden sich erst in ihrer völligen Verneinung ihrer menschlich-irdischen Existenz. Erst dann gehen sie, ganz Geist schon, Arm in Arm bereitwillig in den christlichen Märtyrertod. Natürlich, wir sind letztlich (vom Grabe aus gesehen) tatsächlich nichts als Gerippe. Aber deswegen alles Leben davor nichtig? Nein, diese Lebensverleugnung des schweren, düsteren spanischen Barocks will ich nicht. (Man nehme die Mezquita in Córdoba: Die unermessliche, farbenfrohe, kalligraphische Schönheit der Gebetswand der einstigen Moschee – ich stand in Tränen vor ihr, denn es war vielleicht das Schönste von Menschenhand geschaffene, das ich je gesehen hatte – war umzingelt von dunklen Altären, blutigen Kruzifixen und düsteren Königsporträts späterer spanisch-katholischer Jahrhunderte.) Also geh, du wundertätiger Magier, geh mit Gott.