Freundschaft ohne Worte

Sie standen vor mir, ihre Rücken sperrten mich aus und ich begann vor Ungeduld, mit den Zähnen zu mahlen. Es war auf dem Konzert einer jener Bands, die man ihrer Frühsiebzigerjahremusik wegen schätzt und 40 Jahre später zumindest einmal gesehen haben will, bevor der Tod sie frisst.

Die beiden Männer vor mir, Endvierziger in Jeans- und Lederjacke, brauchten Minuten für die bescheidene Auslage: einige Alben auf CD, zwei oder drei gebrauchte Schallplatten aus dem Sortiment eines angesehenen (und innerhalb weniger Jahre fast zur Nichtexistenz geschrumpften) Fachhändlers. Der Mann in Lederjacke war fast zittrig vor Erregung – scharf wie ein Spürhund und zugleich unschlüssig angesichts der Größe seiner Leidenschaft. Seine Finger fuhren hin und her, zögernd nahm er eine Schallplatte auf, legte sie wieder zurück, ordnete die CDs neu an – „Die Reihenfolge stimmt nicht!“ –, geradezu vorwurfsvoll, denn der Fachhändler hatte in seinen Augen versagt: Chicago hatten ihre Alben meist nur nach Nummern betitelt, ohne diese auf der Covervorderseite immer abdrucken zu lassen.

Es war offensichtlich: Der Mann in Lederjacke war ein alter Fan, sicherlich nicht alt genug, um ein Getreuer der ersten Stunde zu sein, vermutlich auch noch nicht, als sich der Gitarrist Terry Kath in völliger Dummheit versehentlich selbst erschossen hatte, aber doch ein Liebhaber, den die Musik der Jazz- und Brassrockband über Jahrzehnte seines Lebens begleitet hatte. Mir machte es das Warten nicht leichter. Das Jagdfieber hatte auch mich – auch wenn ich nicht die Alben hätte chronologisch anordnen können – und ich begann, die beiden Männer dafür zu hassen, dass sie immer noch den Zugang zur Auslage versperrten.

Endlich fasste der Mann in Lederjacke einen Entschluss, er legte ein paar der Scheiben zur Seite und griff nach dem Geldbeutel. Da kam plötzlich Regung in seinen Begleiter, der die ganze Zeit über sehr aufmerksam, aber ruhig, geradezu geduldig daneben gestanden war. Er drückte dem Verkäufer einen 50 Euro-Schein in die Hand, bevor der andere seinen Geldbeutel geöffnet hatte. Alte Freunde, deren ökonomische Situation sich auseinanderentwickelt hat, dachte ich mir. Der Mann in Lederjacke stutzte. Für einen kleinen Augenblick schien die Zeit die Luft anzuhalten. Wie würde der Mann reagieren? Mit stolzer Zurückweisung? Mit einem Schauspiel des Sträubens und schlussendlichen Annehmens? Mit Beschämung oder mit haspelnden Dankesworten?

Nichts von alledem. Er breitete die Arme aus und die beiden Freunde umarmten sich. Alle Dankbarkeit lag in dieser Umarmung, eine Umarmung voller Kraft, Einvernehmen und gemeinsamer Geschichte, ohne dass einer von beiden ein einziges Wort ausgesprochen hätte. Meine Ungeduld war hinfort, meine Augen waren feucht. Keine Musikauslage konnte so kostbar sein wie dieser Moment alter Freundschaft ohne Worte.

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4 Gedanken zu „Freundschaft ohne Worte

  1. Toll geschrieben…fast ein wenig wie Faulkner in Stuttgart 🙂 (Zusatz ist nur reine Blödelei!) Nein, im Ernst: Man hat die Szene richtig vor Augen! Ich werde heute mal schauen, ob ich irgendwo noch eine Chicago-CD rumliegen habe…

    • Haha, Seitenhieb sitzt! 😉 – Danke sehr für die Rückmeldung, ich freue mich, wenn es gefällt. Und ich wünsche viel Freude beim Chicago-Hören! Hoffentlich ist die CD noch auffindbar …

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