Der kurze Traum vom Stromer

Stuttgart_Feuersee_Johanneskirche_Frühling_Sonne

Am gestrigen Tag des Frühlingsbeginns an einem windstillen Plätzchen zu sitzen – wie hier an der Johanneskirche am Feuersee – und in die Sonne zu blinzeln: Da reduzieren sich die Bedürfnisse wie von Zauberhand auf ein Minimum. Und man träumt von einem verantwortungsfreien Leben als Herumtreiber (wie in einem Roman von Jack London oder John Steinbeck vielleicht). Zumindest bis zum nächsten Hunger lang.

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Crema für Frühaufsteher – Das Café Lilly’s

Der Milchschaum ist perfekt, der Kaffee darunter stark, stark wie die Gerade eines Boxers und im Abgang rauchig wie ein Zigarettenzug. Manche halten den Kaffee im Café Lilly’s (die Bohnen stammen aus der stadtbekannten kleinen Rösterei Fröhlich) für den besten in Stuttgart. Wer sich nach dem ersten Schluck hingegen fühlt, als wäre eben eine fremde Armee über die Zunge einmarschiert, findet in einem Glas Tee aus frischer, aufgebrühter Minze eine dankbare Alternative.

Das Lilly’s ist eines der wenigen Stuttgarter Cafés, das um 7 Uhr morgens bereits geöffnet hat. Die Einrichtung zeigt sich eher bodenständig und geradlinig: ein kleines, absolut sauberes Café mit altmodisch anmutendem Tapetenmuster, einem üppigen Glaslüster an der Decke und hohen Tischen mit Hockern. Die Glasfront geht hinaus auf die verkehrsreiche Rotebühlstraße, nicht gerade ein Schmuckstück des Stuttgarter Westens, eine S-Bahn-Haltestelle liegt gleich ums Eck. Der Aussicht auf das quadratische Nachkriegsgrau wegen kommt man nicht ins Lilly’s.

Was das Ambiente missen lässt, macht der Betreiber des Cafés wieder wett. Markus, kurzärmelig im grauen Polohemd oder Johnny Cash-T-Shirt, die Arme hoch bis zum Saum tätowiert, gehört zu jenen bewundernswerten Zeitgenossen, denen gute Laune und Freundlichkeit zu jeder Tageszeit leicht fallen – nicht die Sorte überbordender Frohnatur wohlgemerkt, die mancher Morgenmuffel gerne erschießen würde, sondern unaufdringlich und aufmerksam.

Es ist Samstagmittag und dunkel wie vor einem stillen Weltuntergang, der Himmel eine graue Wand, gegen die man zu stoßen droht, der erste Schnee der Saison liegt in der Luft. Schwer, erwartungsvoll und leise ist die Welt da draußen, nur die Automotoren dröhnen auf der Rotebühlstraße. Drinnen im Lilly’s läuft gedämpft Blues. Auch um diese Tageszeit ist das Café nicht überfüllt. Markus bereitet hinter der Theke eine Mahlzeit vor: Leckere, würzige Panini und Sandwiches bietet das Lilly’s, dazu Wraps, Rühreier, Salate und verschiedene Croissants.

Ich blicke mich um und suche nach den letzten Zeilen. Das Lilly`s – kein Café für die Generation der Latte-Macchiato-Mütter, kein studentisches Flair, eher ein Männercafé, wo sich die Vierzigjährigen auf eine Zigarette mit dem Chef vor der Tür treffen, wo Geschäftsleute einen Coffee to go holen oder vielleicht auch mal ein junges Mädchen seinen Frust beim freundlichen Chef abzuladen versucht.

Geschneit hat es dann übrigens doch nicht mehr.

Café Lilly`s: Rotebühlstraße 44 – 70178 Stuttgart-West

Das Lilly’s kann auch privat angemietet werden.

Design, Kunst und Mode am Feuersee – Stuttgarts letztes Sommerfest

Die Knirpse von der Wah Wah West Musikschule lassen „Highway to Hell“ krachen und stehen dabei auf der Bühne, als ginge sie das alles nichts an. Tut es irgendwie ja auch nicht: Die Songs, die sie auf dem Feuerseefest spielen, gehören ihrer Elterngeneration. Und die hat an der Vorführung der Buben sichtlich Spaß.

Stuttgarts letztes Sommerfest rund um die neugotische Johanneskirche mit ihrem charakteristischen gestutzen Kirchturm (im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder vollständig aufgebaut) freut sich über herbstlich-graues Wetter. Unübersehbar ist auf dem Fest die Handschrift des Westens, Stuttgarts beliebtestem Bezirk mit seinen Mutter-Kind-Ladencafés, seinem Parkplatzmangel und seinen historischen Altbauten – immerhin trotz Fliegerangriffen und späterer Bausünden eines der größten erhaltenen, zusammenhängenden Gründerzeitviertel Deutschlands. Alles ist hier ein bisschen alternativ, aber wohlsituiert, auffallend viele schöne jüngere Menschen und Familien tummeln sich auf dem Platz – hipp, glücklich und grün, so könnte die Formel lauten.

IMG_1603Slacklining über den Feuersee

Zum ersten Mal bereichern die kreativen Macher der DEKUMO das Fest mit ihrem Kunsthandwerk. Die Stuttgarter Initiative für Design, Kunst und Mode war vor einigen Jahren als Verkaufsplattform ins Leben gerufen worden, um die oft kleinen und versteckten Geschäfte und Werkstätten der Stadt präsenter zu machen. „Ich möchte alles kaufen“, schwärmt eine Freundin beim Gang zwischen den Ständen.

Ja, es ist ein Frauenmarkt, ohne Frage: Kleidung für Frauen und Kleinkinder aus Fair Trade-Materialien, Handtaschen – vom unvermeidlichen Filz über zartes Leder, rosa Rüschenstoff mit Totenkopfmotiv bis hin zu umgeschneiderten Textilien wie dem Rock aus Schottenkaro oder dem Tigerkunstfell –, Schmuck in den verschiedensten Variationen, bunte Stoffknöpfe oder Schlüsselbretter mit filigranen Mustern, handgearbeitete Notizblöcke, Postkarten mit den etwas anderen Fotomotiven aus Stuttgart („Esst mehr Brokkoli“), Kunstgegenständen wie die in transparentes Plastik eingegossenen Drucke zum Aufhängen („Der Kerl am Bass“).

IMG_1600Designerin Anna Bánkuti („anzu„) mit ihrer Schmuckauslage aus Silber und einem speziellen, ausbrennbaren Kunststoff, den sie einzeln per Hand bezeichnet – in der nächsten Ausgabe der britischen Vogue (Oktober) wird sie als Newcomer vorgestellt werden

Der Macher von 2un° recycelt typische Dachbodengegenstände und schafft so besonders erstaunliche Unikate: Tassenlampen, Seifenschalen aus Porzellantassen mit aus Gabeln gebogenen Haltern, Schreibkladden aus bunten, alten Jugendbucheinbänden, in die neue Papierbogen eingehängt werden – die Meinungen darüber sind, nun, disparat.

Selbst bei der Stärkung mit Fastfood muss man auf ein bisschen Stil nicht verzichten: Crepes holt man sich im „Heimathafen West“, Pommes und Currywurst (wahlweise Biofleisch oder vegan) gibt’s bei „Feinwerk`s ImBiobiss“, wo hinter einem Dutzend Kartoffelkisten stoisch drei Mitarbeiter die Kartoffeln für die frisch gemachten Pommes schälen – drunter macht es der Stuttgarter Westen nicht.

Und natürlich gibt es auch ein wenig Spektakel für die Kleinen: Mitmachmärchen, die „Hosenboje“, eine Seilrutsche über den Feuersee (leider nur bis 16 Jahre), oder ein Seiltanz über die 60 Meter des Feuersees. Ob der Slackliner beim Balancieren über der appetitlich trüben Brühe ein Atemgerät übergezogen hat? Wir wissen es nicht, wir haben ihn leider verpasst.

IMG_0637Es gibt tatsächlich Leben im Feuersee

Das 3. Feuerseefest fand vom 13. bis 15. September statt.