Grizzly Adams – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 5)

Gestern Abend: das Gefühl umfassender Sinnlosigkeit. Heute Morgen: heitere Aufbruchsstimmung. Dazwischen: nicht zu stillender Durst.

Die Schlange vorm Bäcker ist mir zu lang, um mir eine Brotzeit und eine Reservewasserflasche zu kaufen, also verlasse ich Ilmensee nach Westen. Über goldstoppelige Äcker mit gerollten Strohballen geht es auf den Höhenzug, dort einen buschumwachsenen Pfad entlang, an einem Feld vorüber, in den Wald hinein. Das Album „Songs from the Wood“ von Jethro Tull wäre, denke ich mir, die ideale musikalische Entsprechung zu dieser Wegstrecke. Aber ich habe keine Musik bei mir. So unverzichtbar, ja lebensnotwendig Musik für mich im Alltag ist, habe ich sie kaum auf Reisen dabei und gewiss nicht beim Wandern, sicherlich auch deshalb nicht, weil ich Kopfhörer noch nie gemocht habe. Meine Ohren mögen das nicht.

Wald_Ilmensee_Oberschwaben_Wandern

Songs from the Wood

Im Buchenwald ist es ruhig und dämmerig, fast noch verschlafen. Die Sonne fällt flach auf das Blätterdach, manchmal, wenn der Hang zur Linken besonders steil aufragt, verschwindet sie ganz. Die Vögel sind zurückhaltend, gelegentlich gluckert ein Bächlein, ein Reh scheut. Sehr still und sehr flott geht es voran auf diesem Weg auf halber Höhe. Um nicht eintönig zu werden, fällt er gelegentlich über eine Abzweigung ab und steigt wieder empor, wo man vermutlich auch einfach hätte geradeaus gehen können. An den Bäumen hängen Waldreben, die wir als Kinder unter dem Einfluss der Tarzan-Romane von Edgar Rice Burroughs, die der Vater der Familie vorgelesen hatte, Lianen nannten, die aber ansonsten ganz allgemein und wie selbstverständlich „Judenstrick“ hießen. Irgendwann war mir der geläufige Name in seinem Wortsinne gegenübergetreten und schlagartig fürchtete ich eine nicht bösartige, aber in größter Gedankenlosigkeit tradierte antisemitische Bezeichnung und legte mir selbst Etymologien zurecht, schloss auf die einst zahlreichen jüdischen Viehhändler, denen womöglich aus reiner Gehässigkeit unterstellt worden war, die Clematis aus dem Wald zu verwenden statt ordentlicher Kälberstricke. Erst viele, viele Jahre später, tatsächlich erst, als ich nach meiner Wanderung dem Wort nachging, erfuhr ich, dass die Wahrheit eine ganz harmlose ist, der volkstümliche Judenstrick sich vom Jutenstrick nämlich ableitet. War ich hier ein Fall dieser typischen deutschen Selbstvorverurteilung geworden? Keineswegs. In den 80er-Jahren noch gang und gäbe und vermutlich bis heute nicht verschwunden ist in Süddeutschland der „Judenfurz“ als Bezeichnung für den Chinakracher, diesen kleinsten der Sprengkörper für Silvester.

Gleich nachdem mir die ersten Wanderer an diesem – oder gar der ganzen letzten? – Tage entgegenkommen, zeigen sich zum ersten Mal durch den unentwegten Dunst hindurch die Alpen. Dann biegt der Weg scharf ab ins Tal, mitten durch den Hof einer Einöde. An solchen Orten ist mit Hunden zu rechnen – und ich meide Hofhunde, wo es geht, aber was hilft es, ich muss da hinunter –, und tatsächlich, da ist ein freilaufender Hund, der gerade im Stall oder der Melkkammer verschwindet. Erleichtert bin ich, gleich Menschen zu sehen, denn wann immer auf Wanderungen Hunde ernsthaft aufdringlich geworden waren, waren Menschen in der Nähe, die sie zurückpfiffen. Eine krumme, alte Bäuerin muss mich gesehen haben, sie geht zur Tür, hinter der der Hund eben verschwunden ist, und schließt sie mit einer ganz beiläufigen Bewegung. Danke, gute Frau, wir verstehen uns. Ein Traktor versperrt mir die Sicht auf den Weg, bevor ich suchen kann, wie herum ich mich wende, weist mir die Bäuerin die Richtung. Ihr rotbärtiger Sohn schaut grimmig, aber er erwidert meinen Gruß.

Unten im Weiler Ellenfurt rauscht der Bach, die wenigen parkenden Autos haben fremde Kennzeichen, eines ist bis aus Berlin gekommen. Nach Überquerung der Talstraße geht es sofort wieder hoch auf den nächsten Höhenzug. Was bis eben ein milder Sommermorgen war, ist nun drückend und heiß. Ich keuche den gewundenen Weg empor, ein dünner Schweißfilm steht mir auf den Armen, der Gaumen zieht sich vor Durst zusammen. Tränke ich nun, würde sich der Wasserfilm auf meiner Haut binnen Augenblicken vervielfachen. Schön ist der Weg aber, das wissen auch andere, wie die Sprungschanzen von Mountainbikern zeigen, auch Pferdeäpfel liegen da. Oben dann, auf der Ebene, knallt die Sonne auf die Rodung, ein Hase hoppelt, der Geschmack im Mund wird metallisch und ich habe, als ich aus dem Wald trete, zum ersten Mal Sicht auf den Bodensee, seinen nördlichen Ausläufer.

Oberschwaben_Bodensee_Wandern_HW 7

Hinter der Höhe der See

Fast hätte ich eine kleine Abkürzung genommen, um das, was auf der Karte ein paar hundert Meter über die Kuppe führt und dann im spitzen Winkel zurück zum Wald, zu schneiden. Ich hätte einen der lauschigsten Flecken überhaupt verpasst. Erst geht es über das Feld; dann eine Hohlgasse hinab – einen schmalen Pfad für Mensch und Tier, die steilen Böschungen von Haselsträuchern gesäumt, das Licht gedämpft, schöner kann ein Weg kaum sein; und schließlich das Dörfchen Betenbrunn, beherrscht von seiner barocken Wallfahrtskirche, die einen Kreuzweg mit fünfzehn Stationen auf allerengstem Raum unterbringt (ob die Gläubigen auf Knien rutschen, damit er nicht gar zu schnell zu Ende ist?); die Häuser hübsches Fachwerk mit Vorgarten; ein Dorfbrunnen plätschert unter einer ausladenden Baumkrone, eine Frau füllt die Gießkannen für ihren Garten auf; sogar ein Gasthaus hat das Dörfchen und nur die Fahne der Brauerei hält mich davon ab, hier einen Halt für ein alkoholfreies Weizen einzulegen.

Betenbrunn_Kirche_Oberschwaben_Bodensee

Wallfahrtskirche Betenbrunn

Bald geht es steil hinab, sehr, sehr steil, vorbei an einem Alpaka-Paradies mit seinen nervösen Langhälsern, vorbei an einem wachsam-braven Hund, ganz pflichtvergessen und gutmütig zugleich, ein zweiter, kleiner, alter Hund nimmt all seinen Mut zusammen und übernimmt kühn die Aufgabe, mir bellend Geleit zu geben. Durch Lellwangen, irgendetwas erinnert vage an Bilder aus Mexiko, vielleicht nur der Schwung dieser Bögen dort oder die Farbe des Anstrichs, zwischen flimmernden Äckern hindurch zum Pfad mit seinen schwärmerisch-esoterischen, dem „Sonnengesang“ Franz von Assisis nachgeformten Bildstöcken, auf denen der Herrgott und die vier Elemente ihre Verehrung finden.

In der Mittagsglut irre ich durch Untersiggingen, passiere den kleinen Markt in der Hoffnung auf einen Biergarten oder eine Terrasse vor einem Gasthof. Die Gaststätten haben alle zu, ich kehre um, suche den Markt nochmals auf, auch er hat inzwischen geschlossen, nur Autos durchfahren den Ort auf der Suche nach Irgendwo. Am Ende eines Doppelkreisverkehrs finde ich eine Tankstelle, greife gierig nach zwei Flaschen aus dem Kühlregal. Die junge Verkäuferin mit den langen Fingernägeln schaut, als würde sie nicht oft einen Menschen wie mich sehen, ihr Make-up wirkt deplatziert, falscher Glanz auf verlorenem Posten, ich habe Mitleid mit ihr, es muss die Hölle sein hier. Ich fliehe aus dem Ort, keuche einen Berg empor, wie sich das zieht, lasse mich auf der ersten Bank auf dem Höhenzug nieder, wo ich Party mache, ich und die beiden Flaschen und die gierigen Wespen im Fallobst. Eine Flasche leere ich auf einen Zug, die zweite in kleinen Schlucken. Eine halbe Stunde später, als ich durch eine Armee von Apfelbäumen schleiche, habe ich schon wieder Durst.

Apfel_Wespe_Oberschwaben_Wandern

Erntezeit

Den Gehrenberger Aussichtsturm muss man übrigens nicht im ersten Anlauf schaffen. Man wendet der luftigen Stahlfachwerkkonstruktion einfach für ein paar Minuten den Rücken zu, wartet, bis die lärmende Besuchergruppe abgezogen ist, isst einen Fruchtriegel und nimmt dann einen zweiten Anlauf, beide Hände immer schön am Geländer und den Blick nie nach unten gerichtet. Die Belohnung ist ein fantastischer Ausblick – über die Baumwipfel hinweg – über fast den gesamten Bodensee. Das Land unter mir aber ist ein ganz anderes als in den letzten Tagen, es ist eine Ferienlandschaft, das sieht man schon vom Turm aus. Spaziergänger kommen gruppenweise den Berg empor, die Menschen stören mich. Ich spüre, wie ich die einsamen Stunden genossen hatte; und die einzelne Begegnung hatte mehr Gewicht. Hier sind wir alle nur noch anonyme Masse. Mir ist es zuwider. Und ich steige weiter hinab und will doch zurück, dorthin, wo die Menschen rar waren und die Landschaft weit, steige grimmig ab und ein bisschen verwundbar, gerade so, als wäre ich ein Mann aus den Bergen.

Advertisements

Eine Nordlandfahrt

Aufbruch. Ich weiß nicht, ob ich die Stadt je so ruhig erlebt habe. Das letzte Mal ist zumindest zu lange her, um mich zu erinnern. Ein großes, ein sehr, sehr großes Dorf im Schlaf.

*

Eis auf Wasser, Frost auf Halmen, Schnee an Flanken. Der Norden weiß noch Winter.

*

Uelzen. Fremde. Ich weiß nicht einmal, spricht man es Ulzen oder Ülzen. Die Sonne färbt das Land rot.

*

Irgendwo in der Lüneburger Heide komme ich mit meinem Abteilnachbarn – Liege oben – ins Gespräch. Er ist hörbar Allgäuer. Wir sind überall.

*

Ein Kran schwenkt über der Stadt, Dämmerblau verschluckt die Möwen und @GerardOtremba erzählt von Sounds & Books.

*

Die Flucht der Holzbohlen beginnt eine Nasenlänge entfernt. In Armreichweite der schwungvolle Korpus der Framus-E-Gitarre. In den 60ern war sie auf kleinen Bühnen des Alpenvorlandes zu sehen, heute leuchtet ihr Rot im trüben Morgenlicht der Hansestadt immer noch wie Rock’n’Roll. Geträumt von der Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg und einem bis dahin von mir übersehenen 5000er-Berg im Garten meiner Mutter.

*

Hamburg_Musik_Pianoforte Fabrik

Auf weißschwarzer Mission

*

Ich schaute dem Teufel auf die Hörner, sie aber waren abgestoßen. – Mein Gastgeber hatte mich zu treuen Händen am Landungssteg übergeben. Ich freute mich, sie endlich einmal persönlich kennenzulernen. Auf einem Fährboot schoben wir uns die Elbe hinab, vorbei an Batterien von Containerkränen unter grauem, feuchtem Himmel, spazierten dann an den Kapitänshäuschen weiter stromabwärts, tauschten uns über konkrete Projekte und bekloppte Ideen aus, schwatzten weiter bei einem Kaffee auf einem schaukelnden Anlegerboot hinter der Teufelsbrück. Ob ich es aushalten würde?, fragte sie besorgt. Ich wusste es nicht und horchte in mich. Der Magen hielt dem Schwanken stand, nichts stand dem Stück Kuchen und der Unterhaltung im Wege. Ich genoss das Gespräch. Ihre offene, anregende, humorvolle und zuspitzende Art gefiel mir; gleichzeitig spürte ich, ich war in einer anderen Kultur. Norddeutsch, ja das war es wohl: sehr norddeutsch und ich – ich süddeutscher Binnenländer, der es nach Genua weniger weit hat als zur Nordsee – spürte eine Verunsicherung in mir. Und verlas mich in meiner kulturellen Dekodierung gründlich. Am besten gebe ich ihr, dachte ich, als wir zurück waren und meine S-Bahn einfuhr, die mich zu einem Jugendfreund bringen würde, am besten gebe ich ihr wohl höflich die Hand. Die Umarmung kam dann von ihr.

*

Wein kann Himmel wie Hölle sein. Mein Himmel ist tief und dunkel und fruchtig, eine lichtschluckende, opale See aus verdichtetem Geschmack, gezogen aus der Erde Kataloniens oder Lusitaniens: Les Sorts Jove, Cume tinto, Monte das Promessas.

*

Eine gewisse Munterkeit ist schwer erträglich. Ein Trupp großer, schlichter Männer fährt im ICE von der Hansestadt auf Schicht in Kassel. „Een“, „ooch“, „ich nich, Junge“, „oder wat“ am laufenden Band. Mein Ohr, viel zu sehr an andere Muster gewohnt, ist unvorbereitet auf diese Wirklichkeit. Könnte ich doch nur Tempo und Ausdruck drosseln! Ich fühle mich ertrinken in dieser Flut.

*

Hamburg_Vinyl_Ian Anderson_Jethro Tull

Beute aus der Hansestadt. Der Plattentitel eine Ahnung hinter Gelb

*

Die Metropole habe ich erst jetzt verlassen, als ich im Fränkischen in einen Regionalexpress wechsle. Nach Süden hin nur noch Provinz.

*

Ich mag die Lichter auf den Hügeln, die Gliederung der Landschaft. Ich mag die sauberen Straßen. Ich liebe die hellen Sandsteinfassaden aus der Gründerzeit. Und sogar das kühle Wasser aus dem Hahn sagt willkommen zurück. Andere Städte sind schön. Diese hier ist auch nicht schlecht.

(Wer mag, kann den Blogbeitrag auch auf Storify anschauen: https://storify.com/Zeilentiger/nordlandfahrt. Dort habe ich ihn – als Spielerei, um mich mit der Plattform auch einmal vertraut gemacht zu haben – zuerst veröffentlicht.)

„Sound of Sinning“

Manchmal passieren so Dinge. Wenn man sich nach dem merkwürdig schlappen Arbeitstag zum Sport schleppt und nach fünf Minuten merkt: Ist nicht. Wenn man beschließt, den Sprachkurs danach ausfallen zu lassen, und erleichtert ist, dem Redaktionsstammtisch sowieso schon abgesagt zu haben. Wenn man dann, den Kopf schwer wie ein geschlagener Boxer, auf dem Heimweg wider Vernunft und Vorsatz spontan in ein Lokal einkehrt, um etwas Warmes auf den Teller zu bekommen, das zu Hause an diesem Tag eh niemand machen würde. Dann kann es schon mal passieren, dass man eine geschmackfreie Hipster-Pizza ohne Käse und Soße für 11 Euro isst. Und sich danach denkt: Bist du denn bescheuert?

Liest man die Instrumentenliste, kann es einem warm ums Herz werden: Hammond Organ, Farfisan Organ, Optigan Organ, Fender Rhodes Piano, RMI Electra Harpsichord, Mini Moog Synthesizer … Das ist Vintage pur, auf Achtspurband eingespielt mit einem warmen, organischen Sound und zugleich musikalisch so frisch, so echt, ganz zeitgemäß: der „Psychedelic Soul“ der Monophonics. Die fünf weißen Musiker aus der San Francisco Bay Area schöpfen tief aus schwarzer Musik – Soul, Funk, Black Rock – und wagen sich auf ihrem jüngsten Album „Sound of Sinning“ (erschienen im April 2015 bei Transistor Sound Records) in neue musikalische Regionen. Da tauchen dann eingebettet in den Soul auch Anklänge an den weiten Wilden Westen auf von den Klassikern des amerikanischen Traums bis zu seiner Antithese „Django Unchained“ (ein Kritiker nannte die Monophonics „The missing soundtrack to a Tarantino movie“), kurze Phrasen erinnern an Santana, Eric Clapton, die Beatles oder gar an Jethro Tull in ihrer frühen, bluesigen Phase.

Es geht um Tränen und Lügen und Sehnsucht in den Texten des Frontmanns Kelly Finnigan, um Schmerz und Liebesbedürftigkeit, immer intensiv (wortstark: „Promises“), manchmal zärtlich verspielt („La la la love me“). Einer der Höhepunkte des Albums ist der Song „Falling apart“ (auf Vinyl das Schlusslied der stärkeren ersten Seite). „The struggles gone on to long / And what’s the use of dreaming“ – ein Hilferuf, der alle menschliche Not umfasst, eine Soul-Nummer, die bereitwillig alles annimmt, was jemand an Last zu tragen hat, die Unbegreiflichkeit des Terrors in den Tagen von Beirut, Paris, Yola etwa oder die Dunkelheit der Seele in den sterbenden Novemberwochen. All das greift das Lied auf, es ist dieser Schmerz und zugleich reinste, lautere Schönheit. Das ist Alchimie der Musik.

Die Pizza war bald vergessen. Und die Müdigkeit? In die Arme genommen.

November_Herbst_Licht_Allgäu

Schwingen im Licht, die Berge in Wolken.

Was Berlin Stuttgart neidet – Auf einer brasilianischen Roda de Choro und das Bohnenviertelfest

Kürzlich, als die Sommernächte noch warm waren, reiste ein Onkel aus Berlin an, um bei einer Roda de Choro in Stuttgart mitzuspielen. Er war fast so lange mit der Mitfahrgelegenheit unterwegs, wie er dann Stunden in der Stadt verbrachte. Bereut hat er seine Reise nicht.

Gelockt hatte ihn der Choro, ein brasilianischer Musikstil, bei dem verschiedene Saiteninstrumente, Bläser, Percussion und bisweilen Gesang zum Einsatz kommen. Seine Wurzeln gehen ins 19. Jahrhundert zurück, Mitte des letzten Jahrhunderts war er fast verschwunden, doch inzwischen findet er wieder mehr und mehr Liebhaber – nicht nur in Brasilien, sondern auch in den USA und in Europa. Manche nennen die Melodien des Choro melancholisch, mir kommen sie eher heiter vor – leicht wie die lauen Sommernächte in Woody Allens altersmilden Filmen.

Eine Roda de Choro, um die Begriffserklärung abzurunden, ist eine Art Jam Session. „Roda bedeutet eigentlich Kreis und bezeichnet die übliche Anordnung der Musiker: Runder Tisch, auf dem sich Noten und Getränke stapeln und drum herum die Musiker, die sich so besser sehen können.“ So erklärt es Hartmut Preyer, ein in der Szene bekannter Choro-Musiker aus Berlin, auf seiner Website.

IMG_0408Eine Roda de Choro in Berlin, Kreuzberg

Bevor die Roda in einem Restaurant im Leonhardsviertel zwischen einschlägigen Etablissements des Stuttgarter Rotlichtmilieus loslegt, bleibt noch etwas Zeit – Gelegenheit für einen Besuch auf einem traditionsreichen Straßenfest: dem Bohnenviertelfest.

Vor den „großen“, zu Schulzeiten noch so magischen Sommerferien jagt in Stuttgart ein Straßenfest das andere. Wochenlang kann man so von Viertel zu Viertel springen und sich die Wochenenden auf Plätzen und Straßenpflaster um die Ohren schlagen: das Straßenfest im hippen Heusteigviertel, das Marienplatzfest mit seinen Sitztürmen aus Holzpaletten, das bunte Afrika-Festival am Erwin-Schoettle-Platz, das gemütliche Bohnenviertelfest, das Henkersfest auf dem Wilhelmsplatz … – um nur als ein Beispiel von Partyhopping die zwei Kilometer zwischen Schreiberstraße und Charlottenstraße zu nennen.

TorbogenHinterhof im Bohnenviertel mit altem Torbogen

Das Bohnenviertel gilt als einziger erhaltener Teil der historischen Altstadt Stuttgarts und besticht – nur wenige Gehminuten von der hektischen Innenstadt entfernt – mit seinem Flair aus Kunsthandwerk und kulinarischem Genuss. Auf seinem sommerlichen Straßenfest bringt es nicht nur Anwohner und Gewerbe aus dem Quartier zusammen, sondern lockt auch viele ‚auswärtige’ Besucher. Sogar ein erprobter Berliner lässt sich da begeistern. „Klasse! Hier sind wir richtig! Wie lange geht das? Ist das einmal im Jahr oder jedes Wochenende?“

WeißweinEin Gläschen in Ehren

Nach einer ersten Bestandsaufnahme versuchen wir es mit württembergischem Weißwein aus Henkelgläsern. Ein paar ältere Herren spielen nebenan Dixieland, herrlich entspannt, heiter, zehn Schritte weiter baut die nächste Band bereits ihre Instrumente auf. Eine junge Frau tritt an den Weinstand, der Schankwirt und sie scheinen sich zu kennen. „Hallo, servus, willst du was?“ „Ja. Sag, was schmeckt mir denn?“

InstrumenteAtempause

Der Dixie hat sich ausgespielt, das Glas ist geleert, bei Gesprächen über Manfred Krug als Musiker („Jazz vom Feinsten“) und Vierröhrenverstärker, kopfschmerzverdächtige Weinmischungen und Spanferkelsemmeln, Malen nach Zahlen und Sprachunterricht ziehen wir weiter. Jede Gasse, jeder Hinterhof lockt, selbst in den engen Höfen der Handwerksbetriebe ist noch Leben – man weiß dann kaum mehr, ist man noch auf dem Bohnenviertelfest oder schon auf einer Betriebsfeier.

FensterWohnen im Bohnenviertel

In einer Seitenstraße häufen sich Menschen in schwarzen T-Shirts mit dem Aufdruck „echt zwinz“. Ein Junge baut mit seinem Vater an einem Turm, es ist eines jener Spiele, bei dem man aus einer Lage von Hölzern so viele wie möglich herauszieht und oben aufbaut, ohne das Ganze zum Einsturz zu bringen. Der Turm ist bereits höher als der Junge. Die Türen zur Schreinerei Zwinz für Design und Funktion („Gegen Vergessen hilft nur Merkwürdig sein“) stehen den Besuchern offen. Es ist fast ein Zauberreich, das man hier betritt mit seinen Hölzern, seinen Formen, seinen Farben auf zwei Stockwerken. Im Obergeschoss werden Kaffee und Kuchen serviert, eine Dachterrasse lädt zum Sitzen ein, so überzeugend, dass sie einfach gestellt werden muss, die Frage: „Bieten Sie hier regelmäßig Kaffee und Kuchen an?“ Leider nein, aber die Frage hatten die freundlichen Damen an diesem Tag wirklich nicht zum ersten Mal gehört.

Zwinz_DachterrasseWer will nicht hier sitzen? Dachterrasse der Schreinerei Zwinz

Als wir wieder hinaustreten auf die Gasse, schlägt einer der Schreiner auf der Schwelle sitzend eine Gitarre an. „Schau, aus Ahorn, das ist der Hammer“, erklärt mir mein Onkel. „Ahorn gibt einen besonderen Klang, hell, nach vorne gerichtet, einen guten attack.“ Echt Zwinz bis ins Gitarrenspiel.

GasseIn einer Gasse

Zurück auf den Hauptgassen reiht sich Band an Band. Der Sound fließt ineinander, man entkommt hier der Musik nicht. Ein kleiner Junge krabbelt fröhlich auf dem Kopfsteinpflaster – „Oh, hier kommt uns ein kleiner Bürger entgegen!“ –, wir weichen aus, als mich unerwartete Klänge sofort umdrehen lassen. Tatsächlich, „The Dambusters March/Medley“ von Jethro Tull aus ihrem Live-Album „Bursting Out“. (Gäbe es eine Zeitmaschine, wäre ein Konzertbesuch auf dieser Tournee eines meiner vorrangigen Ziele.) Die Musik kommt aus einer Erdgeschosswohnung, die Fenster sind weit zur Straße hin geöffnet, auf einer Fensterbank sitzt im Schneidersitz ein Mann im schwarzen T-Shirt, eine Zigarette in der Hand, und schaut sich gelassen das Treiben an. „Echt überall Bands“, erklärt er lachend. „Gleich da drüben lärmen sie, also muss ich doch dagegenhalten, oder? Gestern hatte ich The Who, heute Jethro Tull.“ Er macht sich sein eigenes Bohnenviertelfest. Und bereichert es.

PfandSchon im Leonhardsviertel? Nein, ein Schnapsausschank

Dann ist es so weit: Die Roda de Choro e Samba ruft, wir lassen das bunte Treiben hinter uns, ziehen vorbei am hässlichen Parkhaus, das Bohnenviertel und Leonhardsviertel trennt (viele, die es nicht so genau nehmen, schlagen die Rotlichtmeile dem Bohnenviertel zu), vorbei am Maxim, wo später, wenn die Freier schwirren, Türsteher postiert sein werden, um die man gerne einen großen Bogen schlägt, wir passieren das Irma la Douce gleich daneben, dieses (leider auch preislich) fantastische französische Restaurant, und tiefer die Katharinenstraße hinab.

Noch sind nicht viele Choro-Musiker vor Ort, aber nach und nach wächst die Runde an, manche sind wie mein Onkel nur für diesen Abend aus einer anderen Stadt angereist und ein langer musikalischer Abend beginnt. Das Restaurant ist nicht gut besucht, doch das ist ganz egal. Die Roda spielt wie für sich, voller Lebenslust und Freude, und ist sich ihr eigenes Publikum.

Gegen Mitternacht lege ich meinem Onkel die Zweitschlüssel für die Wohnung hin und spaziere durch die Sommernacht nach Hause, die Schuhe in der Hand und barfuß über das Kopfsteinpflaster, über den warmen Asphalt. Mein Onkel hat da noch ein paar Stunden Roda de Choro vor sich. Als er sich in einer Pause die Beine vertritt und auf der Hoffnung nach einem Spanferkel hinüberschlendert ins Bohnenviertel, ist das Fest dort bereits zu Ende. Macht nichts. Mein Onkel freut sich trotzdem schon auf seinen nächsten Besuch.

Das Stuttgarter Bohnenviertel lässt sich im Netz erkunden auf der Website des Handels- und Gewerbevereins Bohnenviertel mit netten kleinen Hintergrundinformationen („Häddet Se’s gwusst?“). Einen vor allem historischen Streifzug durch die Gassen des Quartiers bietet http://www.stuttgarter-bohnenviertel.de/. Für einen schnellen Überblick über das heutige Viertel ist auch http://www.bohnenviertel-stuttgart.de/ hilfreich.