Twin Eagle – Den Wüstenwind unter den Schwingen

Die Sommersonnwende steht kurz bevor, es ist kalt und Musik nie verkehrt, das soll genügen, um eine Kurzrezi zu einem Konzertbesuch im Frühjahr auszugraben. Und einzuheizen.

Twin Eagle, das Duo aus dem Mormonenstaat Utah, sieht aus, als wäre es eben aus der Meth-Hütte gekrochen: Graubart an der Gitarre und sein rothaariges Ogermonster am Schlagzeug. Mehr als zwei von der Sorte braucht es auch nicht, sie sind so schon wie ein alttestamentarisches Strafgericht auf Drogen. Mit Twin Eagle ist der Blues zum Metal geworden. Das ist sehr heiß und sehr kernig und authentisch. Und die Wälder brennen im Wüstenwind. Schon damit hat sich der Gang nach Karlsruhe gelohnt.

Beispiel gefällig? Einen heißen Sommerbeginn wünsche ich!

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Crema für Frühaufsteher – Das Café Lilly’s

Der Milchschaum ist perfekt, der Kaffee darunter stark, stark wie die Gerade eines Boxers und im Abgang rauchig wie ein Zigarettenzug. Manche halten den Kaffee im Café Lilly’s (die Bohnen stammen aus der stadtbekannten kleinen Rösterei Fröhlich) für den besten in Stuttgart. Wer sich nach dem ersten Schluck hingegen fühlt, als wäre eben eine fremde Armee über die Zunge einmarschiert, findet in einem Glas Tee aus frischer, aufgebrühter Minze eine dankbare Alternative.

Das Lilly’s ist eines der wenigen Stuttgarter Cafés, das um 7 Uhr morgens bereits geöffnet hat. Die Einrichtung zeigt sich eher bodenständig und geradlinig: ein kleines, absolut sauberes Café mit altmodisch anmutendem Tapetenmuster, einem üppigen Glaslüster an der Decke und hohen Tischen mit Hockern. Die Glasfront geht hinaus auf die verkehrsreiche Rotebühlstraße, nicht gerade ein Schmuckstück des Stuttgarter Westens, eine S-Bahn-Haltestelle liegt gleich ums Eck. Der Aussicht auf das quadratische Nachkriegsgrau wegen kommt man nicht ins Lilly’s.

Was das Ambiente missen lässt, macht der Betreiber des Cafés wieder wett. Markus, kurzärmelig im grauen Polohemd oder Johnny Cash-T-Shirt, die Arme hoch bis zum Saum tätowiert, gehört zu jenen bewundernswerten Zeitgenossen, denen gute Laune und Freundlichkeit zu jeder Tageszeit leicht fallen – nicht die Sorte überbordender Frohnatur wohlgemerkt, die mancher Morgenmuffel gerne erschießen würde, sondern unaufdringlich und aufmerksam.

Es ist Samstagmittag und dunkel wie vor einem stillen Weltuntergang, der Himmel eine graue Wand, gegen die man zu stoßen droht, der erste Schnee der Saison liegt in der Luft. Schwer, erwartungsvoll und leise ist die Welt da draußen, nur die Automotoren dröhnen auf der Rotebühlstraße. Drinnen im Lilly’s läuft gedämpft Blues. Auch um diese Tageszeit ist das Café nicht überfüllt. Markus bereitet hinter der Theke eine Mahlzeit vor: Leckere, würzige Panini und Sandwiches bietet das Lilly’s, dazu Wraps, Rühreier, Salate und verschiedene Croissants.

Ich blicke mich um und suche nach den letzten Zeilen. Das Lilly`s – kein Café für die Generation der Latte-Macchiato-Mütter, kein studentisches Flair, eher ein Männercafé, wo sich die Vierzigjährigen auf eine Zigarette mit dem Chef vor der Tür treffen, wo Geschäftsleute einen Coffee to go holen oder vielleicht auch mal ein junges Mädchen seinen Frust beim freundlichen Chef abzuladen versucht.

Geschneit hat es dann übrigens doch nicht mehr.

Café Lilly`s: Rotebühlstraße 44 – 70178 Stuttgart-West

Das Lilly’s kann auch privat angemietet werden.