Design, Kunst und Mode am Feuersee – Stuttgarts letztes Sommerfest

Die Knirpse von der Wah Wah West Musikschule lassen „Highway to Hell“ krachen und stehen dabei auf der Bühne, als ginge sie das alles nichts an. Tut es irgendwie ja auch nicht: Die Songs, die sie auf dem Feuerseefest spielen, gehören ihrer Elterngeneration. Und die hat an der Vorführung der Buben sichtlich Spaß.

Stuttgarts letztes Sommerfest rund um die neugotische Johanneskirche mit ihrem charakteristischen gestutzen Kirchturm (im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder vollständig aufgebaut) freut sich über herbstlich-graues Wetter. Unübersehbar ist auf dem Fest die Handschrift des Westens, Stuttgarts beliebtestem Bezirk mit seinen Mutter-Kind-Ladencafés, seinem Parkplatzmangel und seinen historischen Altbauten – immerhin trotz Fliegerangriffen und späterer Bausünden eines der größten erhaltenen, zusammenhängenden Gründerzeitviertel Deutschlands. Alles ist hier ein bisschen alternativ, aber wohlsituiert, auffallend viele schöne jüngere Menschen und Familien tummeln sich auf dem Platz – hipp, glücklich und grün, so könnte die Formel lauten.

IMG_1603Slacklining über den Feuersee

Zum ersten Mal bereichern die kreativen Macher der DEKUMO das Fest mit ihrem Kunsthandwerk. Die Stuttgarter Initiative für Design, Kunst und Mode war vor einigen Jahren als Verkaufsplattform ins Leben gerufen worden, um die oft kleinen und versteckten Geschäfte und Werkstätten der Stadt präsenter zu machen. „Ich möchte alles kaufen“, schwärmt eine Freundin beim Gang zwischen den Ständen.

Ja, es ist ein Frauenmarkt, ohne Frage: Kleidung für Frauen und Kleinkinder aus Fair Trade-Materialien, Handtaschen – vom unvermeidlichen Filz über zartes Leder, rosa Rüschenstoff mit Totenkopfmotiv bis hin zu umgeschneiderten Textilien wie dem Rock aus Schottenkaro oder dem Tigerkunstfell –, Schmuck in den verschiedensten Variationen, bunte Stoffknöpfe oder Schlüsselbretter mit filigranen Mustern, handgearbeitete Notizblöcke, Postkarten mit den etwas anderen Fotomotiven aus Stuttgart („Esst mehr Brokkoli“), Kunstgegenständen wie die in transparentes Plastik eingegossenen Drucke zum Aufhängen („Der Kerl am Bass“).

IMG_1600Designerin Anna Bánkuti („anzu„) mit ihrer Schmuckauslage aus Silber und einem speziellen, ausbrennbaren Kunststoff, den sie einzeln per Hand bezeichnet – in der nächsten Ausgabe der britischen Vogue (Oktober) wird sie als Newcomer vorgestellt werden

Der Macher von 2un° recycelt typische Dachbodengegenstände und schafft so besonders erstaunliche Unikate: Tassenlampen, Seifenschalen aus Porzellantassen mit aus Gabeln gebogenen Haltern, Schreibkladden aus bunten, alten Jugendbucheinbänden, in die neue Papierbogen eingehängt werden – die Meinungen darüber sind, nun, disparat.

Selbst bei der Stärkung mit Fastfood muss man auf ein bisschen Stil nicht verzichten: Crepes holt man sich im „Heimathafen West“, Pommes und Currywurst (wahlweise Biofleisch oder vegan) gibt’s bei „Feinwerk`s ImBiobiss“, wo hinter einem Dutzend Kartoffelkisten stoisch drei Mitarbeiter die Kartoffeln für die frisch gemachten Pommes schälen – drunter macht es der Stuttgarter Westen nicht.

Und natürlich gibt es auch ein wenig Spektakel für die Kleinen: Mitmachmärchen, die „Hosenboje“, eine Seilrutsche über den Feuersee (leider nur bis 16 Jahre), oder ein Seiltanz über die 60 Meter des Feuersees. Ob der Slackliner beim Balancieren über der appetitlich trüben Brühe ein Atemgerät übergezogen hat? Wir wissen es nicht, wir haben ihn leider verpasst.

IMG_0637Es gibt tatsächlich Leben im Feuersee

Das 3. Feuerseefest fand vom 13. bis 15. September statt.

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