„Ich habe doch Demenz“

In der Samstagvormittagshektik hastet ein Paar an mir vorbei. Ich verstehe nur das letzte Wort seines Satzes, im vorwurfsvollen Ton: „… vergessen.“ Sie antwortet abwehrend. „Ich habe doch Demenz.“

Es klingt nicht nach einem Witz, nicht nach Ironie, nicht nach hämischer Revanche auf eine frühere Bemerkung des Mannes. Die Frau ist jung, 30 vielleicht, kaum älter. Sie wirkt nicht wie eine Alkoholikerin, sie mag ein schlichter Mensch sein, aber sie macht nicht den Eindruck, geistig minderbemittelt zu sein.

War der Satz wirklich ihr Ernst?

Und wenn ja, was bedeutet das?

Gehört sie zu einer bedauernswerten, verschwindend kleinen Minderheit, deren Hirn in jungen Jahren bereits so zerfällt, um „Demenz“ zu diagnostizieren? Oder erhält hier etwas anderes – eine harmlose Gedächtnisschwäche, Unkonzentriertheit, Schusseligkeit, eine gewisse Ferne von der eigenen Lebensmitte – einen klinischen Namen, sauber etikettiert, zweifelsfrei klassifiziert und ist damit – was? Vorwand, eine Entbindung von Selbstverantwortung? Ist es dermaßen verlockend in unserer verwirrenden Gesellschaft, Verantwortung abzulegen, um sich bereits mit 30, 35 Jahren hinter „Demenz“ verschanzen zu müssen?

Als ich weitergehe, habe ich keine Ohren mehr für die Worte um mich herum.

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Von Sinn und Nutzen einer alten Sprache

Ich gehe in der Stadtbahn ein paar Altgriechischvokabeln durch. Das zahnspangige Mädchen neben mir schielt immer wieder auf die Vokabelkarten. Irgendwann fasst es Mut und fragt: „Entschuldigen Sie, was ist das für eine Sprache?“ Und dann, nach meiner Antwort: „Und wofür braucht man das?“ Ich lache. „Nicht für viel.“

Tage vor Weihnachten

Die Tage vor Weihnachten, Tage des Wiedersehens, Szene in einem Café: Zwei alte Freunde, erfolgreiche, schlanke Vierzigjährige, München, New York, Brasilien, treffen sich auf ein Weißwurstfrühstück, sie sind die besten Kumpels und prahlen mit Anekdoten aus der großen Welt der Wirtschaft und der Parties – zwei Arschlöcher, die auf cool machen und noch immer nicht erwachsen wirken. Was werden sie in ihrer Midlifecrises machen? Kommt ein Dritter hinzu, ein alter Bekannter (genau so schlank und erfolgreich, genau so angegraut jugendlich, aber weit sympathischer), „auf dem Weg von Brüssel zum Bodensee“, von der Metropole zu den Eltern, und mit einem Stopp in Stuttgart, um mit einer Ex-Freundin einen Kaffee zu trinken – Schulterklopfen, Namen von Städten aus aller Welt und von Schulkameraden fallen. Eine Zufallsbegegnung, wie sie so bezeichnend ist für die Tage vor Weihnachten. Irgendwie magische Tage, manchmal verlogen, manchmal ganz kostbar.

Ein Mann weint

Ein Mann weint in der Stadtbahn. Ganz leise laufen ihm ein paar Tränen über die Wangen. Er macht keine Anstalten, sie wegzuwischen. Ich habe kein Taschentuch, das ich ihm anbieten könnte, daher gebe ich vor, nichts zu bemerken. Kurz bevor ich aussteige, kommt plötzlich Regung in den Mann, er greift in seine Tasche, holt Block und Stift hervor und macht sich Notizen, Entschlossenheit in jeder seiner Bewegungen. Es ist offensichtlich, er hat etwas Neues erreicht.