Secuestro virtual oder: Wie entführe ich mich selbst

Das Telefon klingelte um 3 Uhr nachmittags, eine ungewöhnliche Zeit.
„Hallo?“
„Guten Tag, ist da das Hotel …, Zimmer 202?“
„Ja, wer spricht?“
„Zimmer 202, richtig?“
„Ja ja …“
„Hör mir gut zu, du verdammtes Arschloch. Wir wissen genau, was läuft, aber damit du kommst du nicht durch.“
„Äh …“
„Du bist am Ende, wir machen dich so was von fertig!“
„Warten Sie, warten Sie, da muss es sich um ein Missverständnis handeln!“
„Glaubst du etwa, du kannst die Zetas verarschen? Wir wissen genau, dass du Waffen für die Sinaloa in dem Zimmer versteckst. Wir holen uns dich, du Arschloch, und dann ist Schluss!“

J. war eben erst angekommen in der mexikanischen Stadt. Er war aus dem Süden Lateinamerikas angereist, um auf einer wissenschaftlichen Tagung einen Vortrag zu halten. Er hatte sich darauf vorbereitet, etwas über Bildhermeneutik zu vermitteln − nicht, in eine Auseinandersetzung zwischen den mexikanischen Drogenkartellen verwickelt zu werden.

„Nein, nein, hören Sie, das ist wirklich ein Missverständnis! Ich bin Professor, ich bin gerade aus dem Ausland angereist, um hier einen Vortrag zu halten, das ist alles!“
„Dann beweis es, was du sagst. Los, beweis es! Gib uns eine Telefonnummer von jemanden, der deine Geschichte bestätigen kann. Sag uns, wer dort ans Telefon gehen wird, mach schon. Und wenn nur eine Sache nicht stimmt an deiner Geschichte, dann TÖTEN wir dich!“

Später verfluchte sich J. dafür, was er nun tat. Er nannte die Nummer seines Zuhauses ein paar Tausend Kilometer entfernt. Er hörte, wie die Nummer angewählt wurde, wie sich seine Frau meldete. Dann brach die Verbindung ab und eine andere Stimme war in der Leitung.

„Okay, vielleicht war das ja wirklich ein Missverständnis. Professor bist du also? Zwei Kinder hast du?“ Es kam J. vor, als wüssten sie bereits alles über sein Leben. „Hör zu, wenn es stimmt, was du sagst, wird niemandem etwas passieren. Tu einfach genau das, was wir dir sagen, und alles wird gut, verstanden?“

Sie schickten ihn in einen Laden, um dort ein Handy zu kaufen und aufzuladen. Er tat es. Sie wechselten über zum Handy. Dann forderten sie ihn auf, ein Taxi zu nehmen. Er würde telefonisch Anweisungen für den Weg erhalten. J. verließ erneut das Hotel und hielt nach einem Taxi Ausschau. Blickt man von außen auf die Situation, erscheint es irrational. Aber J. war da schon zu tief in die Spirale aus Furcht gerutscht.

Und in diesem Augenblick kam ein mexikanischer Kollege die Straße herunter.
„Was ist los? Wo willst du hin? Du warst nicht zu deinem Vortrag da. Ich wollte nach dir schauen!“
„Tut mir leid, ich muss weg, meiner Frau geht es nicht gut, ich muss zum Flughafen …“
Der Mexikaner stutzte. Er spürte, dass irgendetwas nicht stimmte, er sah das Handy in J.s Hand.
„Sag mal, wirst du etwa gerade entführt?“
J. war nicht in der Lage, darauf in Worten zu antworten. Die Anrufer waren noch immer auf Leitung. Er nickte nur.
„Leg auf. Los, leg auf!“
J. konnte nicht. Sein Kollege entwand ihm das Telefon und drückte aus. Und plötzlich fiel ein Gewicht von J. Er konnte wieder frei atmen, er konnte wieder frei denken. Der Kreislauf der Angst und Manipulation war durchbrochen. Sie hatten keine Macht mehr über ihn.
„Du musst da einfach auflegen, wenn solche Typen dich entführen wollen. Das ist normal bei uns. Einfach sofort auflegen“, sagte der mexikanische Kollege.

Auch die Polizei nahm es gelassen. Für sie ist das Tagesgeschäft. Sie hat sogar eigens eine Hotline für solche Fälle einer virtuellen Entführung (secuestro virtual) oder ‚Selbstentführung‘ (autosecuestro) eingerichtet. Der Anruf wurde übrigens in ein Gefängnis in einer anderen Stadt zurückverfolgt. Von dort wurden solche Entführungen und Erpressungen eingeleitet − eine Art Callcenter der Kriminalität. Wäre J. den Anweisungen der Anrufer gefolgt, wäre er irgendwo in Empfang genommen worden. Und erst dann wäre die virtuelle Entführung körperlich manifest gewesen. (So musste er ‚nur‘ einen Freund in der Heimat anrufen, der sich aufmachte zu seinem Haus, um J.s Frau zu informieren, dass es ihm gut gehe − denn die Telefonleitung war dauerbesetzt von den Anrufern, die ihr weismachten, dass sie ihren Mann längst in ihrer Gewalt hätten, und Lösegeld forderten.)

Die Macht der mexikanischen Kartelle ist aber alles andere als virtuell. Der Drogenkrieg in Mexiko fordert Jahr für Jahr so viele Todesopfer, dass der Konflikt seine Bezeichnung als Krieg längst verdient hat.

Wir schauten J. an. Längst war es dunkel draußen. Ganz friedlich lag die Killesberghöhe da, so unerwartet friedlich nach dieser Erzählung. Noch immer sind nicht alle Wohnungen und Geschäfte in dem neuen Quartier bezogen, wo sich vor ein paar Jahren noch das alte Messegelände ausgebreitet hatte. Aber langsam füllen sich die hellen, rechteckigen Gebäude mit Leben.

F. stellte vier neue Gläser auf den Tisch und der Abend wandte sich neuen Geschichten, neuen Getränken zu. Er würde noch ein Weilchen gehen. Schließlich sahen wir unseren Freund aus Studienzeiten nur alle paar Jahre einmal.

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