Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (2)

22. Der gewaltigste aller Filme

Die Begrüßung hatte eine gewisse Befangenheit. Wir hatten uns lange nicht gesehen und ich war das erste Mal in seiner neuen Wohnung. Sie war größer als die vorherige; noch mehr Raum, der mit Computern, CDs, Zeitschriften, Postern, Büchern und ein paar Überbleibseln aus seiner Kindheit, gleich bizarren Inseln in diesem Meer, gefüllt war.

Er freute sich und ich freute mich auch und wir lächelten ein geheimnisvolles Lächeln und sahen doch in den Augen des anderen ein wenig Verlegenheit. Wie so oft lief Filmmusik. Schwere Musik, schwer und groß wie der Mann vor mir: ein langsamer Hüne, und diese Schwere fand sich in allem – in seinen Gebärden, in diesem Zimmer, in den Farben.

Er war vom Filmgeschäft enttäuscht. Hoffnungen waren geplatzt, Verträge waren zurückgezogen, Versprechen gebrochen, Ideen für eigene Projekte abgewiesen worden. Zu originell, lautete die Begründung. Niemand wolle so etwas sehen, und folglich wollte niemand so etwas produzieren. Bloß keine Experimente auf dem deutschen Filmmarkt!

Das war vielleicht das Schlimmste: der Tod der Kreativität. Was blieb, war die Möglichkeit, die eigene Haut zu Markte zu tragen. Sich zu verkaufen, das widerstrebte ihm aber; etwas zu schaffen, an das er nicht glaubte, tat ihm weh.

Und nun sah er seine neue Hoffnung im Glauben, der zu seiner wichtigsten Stütze geworden war. Er überlegte, nochmals zu studieren, vielleicht einen internationalen Studiengang Theologie, berufsbegleitend. Und danach – womöglich Pastor?

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll und höre nur zu, ich registriere, lächle vage, aber nicke nicht.

CD-Wechsel: Der Herr der Ringe 2.

„Der gewaltigste Film aller Zeiten“, sagt er. Die Musik ist dunkel und heroisch und das Ende
schwer und gewaltig, gigantisch, düster, wie schwarze Klippen der Nacht, die majestätisch
emporragen. Einsam.

Das war es: Sie drückte aus, was ich sah, was ich fühlte, als ich ihm zum Abschied die Hand reichte. Ein einsamer, großer, schwerer Mann, der da dunkel im Zimmer stand.

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22 Gedanken zu „Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (2)

  1. schwach. zu stolz um ein stück von sich für seinen traum zu verkaufen (wer muss das nicht?), ihn dann aber trotzdem aufgeben und die (er)lösung in der religion zu suchen. tut mir leid, kein hilfreicher kommentar zum text, aber es hat mich nur an den einen oder anderen erinnert, die ich kenne…

    • Interessant, was für Reaktionen auf diese Zeilen kommen, damit meine ich nicht nur deine, erwähne es aber mal stellvertretend hier. (Ich hatte eher Achselzucken erwartet.) Deine Gedanken kann ich nachvollziehen, ich hoffe aber sehr, dass ich diese Person (oder sagen wir neutraler Figur) nicht ‚vorgeführt‘ habe. Das hätte ich nicht gewollt.

    • Vielen Dank für den Besuch und den Kommentar. Jetzt, aus dem zeitlichen Abstand, in dem manches seine klären Konturen verliert, frage ich mich nun: Bedrückend – war es das, was ich erlebte, oder habe ich etwas schriftlich verdichtet? War es etwas, was ich mir gegenüber sah, oder habe ich etwas eigenes hineingetragen?
      Herzliche Grüße

  2. Das hast Du gut (auf-)geschrieben. Das Scheitern zu erleben, ist nie leicht, weder bei sich selbst, noch bei einem anderen. Andererseits: Was mancher als Ende (eines Weges) ansieht, muss ja gar nicht das Ende sein. Es gibt für z.B. Filme viele Möglichkeiten, blöd, dass die Produktion häufig so viel Geld kostet. Nischen gibt es dennoch, auch für schräge Texte. 🙂 Ich weiß nicht, inwieweit Du tatsächlich diese Situation erlebt hast und inwieweit Du tatsächlich nichts gesagt hast. Ich schätze, ich hätte nicht da sitzen können und nichts dazu sagen. Aber vielleicht warst Du zu traurig, weil diese Situation, so wie Du sie hier beschrieben hast, sehr traurig sich anfühlt und traurig stimmt. Wenn derjenige tatsächlich Theologie studieren möchte, wünsche ich ihm Glück. Wenn es der falsche Weg ist, wird er es merken, irgendwann. Und wenn es der richtige ist, dann auch. Ich kann verstehen, dass er in seiner Verzweiflung nach einem Strohhalm sucht bzw. greift. Ich wünsche ihm und Dir das Beste. Herzliche Grüße von Nebenan.

    • Liebe Wolkenbeobachterin, danke dir für deine schönen und einfühlsamen Anmerkungen. Wie ich gerade schon in einem anderen Kommentar schrieb, komme ich ins Grübeln. Was war von dieser Traurigkeit damals wirklich, was war nur ’stilistisch‘ gestaltet, was womöglich auch Projektion. Der Mensch, dem ich gegenüberstand, hat jedenfalls gegenüber seiner Traurigkeit nicht kapituliert und, soweit ich das einschätzen kann, gute Wege genommen.
      Danke nochmals und sehr herzliche Grüße

  3. Lieber Zeilentiger. Welche weihnachtliche Stimmung haben Sie da vertextet. Beeindruckt beschreibt es nicht, melancholisch auch nicht; niederschmetternd wäre übertrieben und ein na ja triffts auch nicht besser…
    Würden Sie mir jetzt gegenübersitzen, mir fielen vier, fünf Fragen dazu ein.
    Abendschöne Grüsse aus dem buchstabenvollen Bembelland

    • Lieber Ärmel, auch hier nochmals Ausdruck meiner Verwunderung, dass überhaupt Reaktion kommt auf diese alten Textchen. Sehr gerne würde ich Ihre Fragen hören, aber das Gegenübersitzen wird sich heute nicht einstellen. Sonnige Vormittagsgrüße aus der Kesselstadt

      • Wieso zweifeln Sie an der Qualität Ihrer Beiträge. Sie sind doch kein Komplimentenangler – an was mags also liegen?
        Wie lief denn der Abend??????????

      • Mich überzeugt manches nicht, aber um sich darüber sachlich auszulassen, ist das hier vielleicht dann doch nicht das geeignete Medium.

        Lieber Herr Ärmel, der Abend lief gut. Beide liefen gut, der zweite sehr gut: schön und interessant. Ich kopiere aus einem anderen sozialen Medium, das ich sehr gerne in einem privateren Rahmen nutze. Es beantwortet Ihre Frage nämlich vorzüglich:

        Und wenn Gäste am Ende glücklich sagen „Spannend, was für unterschiedliche Menschen du immer hier hast“, dann strahle ich in mich hinein, denn das finde ich auch. Danke, ihr Unterschiedlichen, für die Bereicherung meines (und unser aller) Lebens.

        Die allerbesten Kesselgrüße ins Bembelland!

      • Ach, ich freue mich für Sie und das gute Gelingen. Ich habe bis zum Jahresende alle Einladungen absagen müssen. So eine Pein.
        Aber das Horoskop spricht wahre Wunder für das kommende Jahr – ich werds ja sehen.
        Weihnachtsabendlichstille Grüsse aus dem besinnlichen Bembelland

      • Alle Einladungen absagen müssen? Lieber Herr Ärmel, das klingt sehr schade. Ich hoffe, Sie hatten und haben trotzdem gute Tage mit guten Begegnungen.
        (Sie lesen Horoskope? Sagen wir mal so, ich habe gewisse zuversichtliche Hoffnungen auf Entwicklung in 2015. :))
        Herzliche Grüße, zurück in der Kesselstadt

      • Ach, lieber Herr Zeilentiger, das klingt nicht nur so. Das hielt nicht von gutem Essen und noch besseren Begegnungen ab. Und dennoch tut es mir leid um die verpassten Gelegenheiten. Ich gibt eine Bloggerin, deren Horoskope ich lese, weils jedesmal so kommt, wie sie das schreibt. Erstaunlich. In zweierlei Hinsicht. Erstens das Eintreffen und zweitens mein gehöriger Unglaube in dieser Richtiung…
        Welche Hoffnungen haben Sie denn? Glückliche Erwartungen?
        Abendschönmüdgearbeitete Grüsse aus dem biertrinkenden Bembelland

      • Kräutertee? Sie erschrecken mich. Ist eine Kräuterfrau in Ihrer Nähe? Herrscht in Ihrer sicheren Unterkunft höhere Gewalt.
        Ich trinke ein situationsmilderndes Bier auf Ihr Wohl

      • Na, wenn Sie das schon erschreckt, sollten wir uns unser Gipfeltreffen vielleicht doch besser aus dem Kopf schlagen. 😀 Hoffe trotzdem, Ihr Bier hat gemundet.

      • Neinneinnein Halt halt – aber Kräutertee ist doch für nase katzen und revierverlorene Tiger… (aaaah deswegen vielleicht—)
        Haben Sie Revierschwierigkeiten?
        Das Bier rinnt prima durch die Gurgel (ums mal hochdeutsch zu versuchen)
        Abendschönunfuggesinnte Grüsse aus dem biertrinkenden Bembelland

      • Sie bringen mich auf die beste Weise zum Lachen! Revierverlorene Tiger… Revierschwierigkeiten sehe ich keine, zumindest habe ich den Kräutersud gesund, aus eigenem Antrieb und in den eigenen vier Wänden zu mir genommen. Genießen Sie den Restabend! Herzlichst aus dem raunachtkalten Kessel

      • Ich schätze Sie! (und nicht nur Ihrer Kommentare wegen)
        Geniessen auch Sie den Abend und ich wünsche Ihnen eine traumklare fünfte Raunacht.
        Abendschönletztbiertrinkende Grüsse aus dem lockerbeschwingten Bembelland

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