Koriandertee und starke Preise – das Café Heller in Stuttgart

Das Eckcafé, einst Teil eines Autohauses, ist hell: zwei Seiten Glasfront, auch der lange Korridor zu den Toiletten besteht rechts aus Glas, links ist eine Galeriewand. Die ausgestellten Bilder muss man nicht mögen, aber das Licht, die hellen Holztische mit den dunklen Stühlen und der Boden aus ockerfarbenen Bruchplatten laden zum Verweilen ein. Bei schönem Wetter lockt eine Terrasse, dann ist der Blick auf die steinerne Rückwand des Finanzamtes noch ein bisschen unverstellter.

Die Karte punktet mit einer reichen Auswahl an Frühstücksvarianten (bis 16 Uhr), flankiert von gefüllten Pfannkuchen und hausgemachten Kuchen. Auch mittags und abends werden alle kulinarischen Bedürfnisse gestillt mit warmen Gerichten und einer ansprechenden Auswahl an Weinen und Cocktails. Die warme Küche serviert vor allem typische Lifestylegerichte, etwa gegrillte Gambas auf Avocadospalten mit Salatbouquet und Balsamicodressing. Beinahe neugieriger, weil unerwartet bodenständig, machen auf der Karte die gebackenen Grießschnitten mit rotem Beerenmus. So weit die Theorie.

Erster Praxistest in einem Café muss immer der Kaffee sein: der Espresso und seine Geschwister. Wider Erwarten, angesichts des Ambientes und der Karte, kann das Heller nicht mit einer richtigen Espressomaschine aufwarten. Statt aus einer guten Siebträgermaschine kommt der Espresso nur auf Knopfdruck aus einem Vollautomaten. Damit ist Kaffeegenuss also schon einmal gestorben.

Zum Glück verlockt da ein breites, bunt beschriebenes Angebot an offenen Tees (aus kontrolliert biologischem Anbau). Die Kännchen sind etwas klein geraten, die Farbzusammenstellung von dünnwandiger Tasse und Unterteller beißt sich bisweilen, der „Weite Blick“ mit Koriandersamen und anderen Gewürzen schmeckt angenehm frisch und scharf, der Earl Grey hingegen ist nicht spritzig, ihm fehlt – das scheint bei den Biovarianten öfters zu passieren – an Bergamotte.

Auch das Frühstück überzeugt nicht völlig. Geschmacklich gibt es nichts zu mäkeln, das kräftige Baguette ist sogar außerordentlich gut. Allein, das bayerische Weißwurstfrühstück wird sofort als zu teuer aussortiert, das Verhältnis aus Preis und Menge anderer Frühstücksvarianten fällt etwas ungünstig aus. Ein bisschen Hunger bleibt, und so gönnt man sich eben doch noch ein Stückchen hausgemachten Kuchens (er sieht aus, wie er heißt) oder ein Croissant und ist dann trotzdem nicht restlos glücklich.

Ein angenehmer Ort, ein neues Lieblingscafé hingegen nicht.

P.S. Nicht jeden wird es stören: Die leicht und modern gestaltete Website wie auch die mit sinnreichen Zitaten verzierte Speisekarte ließen sich durch Korrekturlesen noch veredeln …

Café Heller: Herzogstraße 4 – 70176 Stuttgart-West (nahe Feuersee)

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4 Gedanken zu „Koriandertee und starke Preise – das Café Heller in Stuttgart

  1. Mal wieder sehr schön zusamengefasst, Herr Zeilentiger. Das nächste Mal probieren wir wieder was Neues aus. Den Schlussatz finde ich Spitze (ja, ich weiß, ich hätte jetzt drei “sss” verwenden müssen, aber ich hasse das!). Sowas können nur Deutschlehrer oder Lektoren/Redakteure

  2. Danke und sehr gerne wieder! Und was den Schluss betrifft, machen sich, fürchte ich, beide Arten von Menschen mit solchen Sätzen nicht immer beliebt. Aber ich kann und will es mir nicht verkneifen …

  3. (Ich weiß, daß ich hier Staub aufwirbele — aber die Würdigung der edlen Korrekturleserei gehört gewürdigt. Auch sonst gern gelesen. Gehe ich nicht hin, wenn –)

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