Nachts auf der Karlshöhe

Wir waren essen, zwei Besucherinnen von auswärts und ich, und auf dem Rückweg vom Stuttgarter Westen in den Süden. Um meinen Gästen etwas von der Stadt zu zeigen, waren wir zuvor über den Schwabtunnel spaziert, einen der wenigen Verbindungswege zwischen den beiden Stadtteilen. Für den Rückweg vom Restaurant dachte ich, die Karlshöhe nun auf der anderen Seite zu umgehen. Wir hatten gut gegessen, der Abend war mild, nichts sprach gegen einen kleinen Umweg.

Also schreiten wir die Straße hinab und ich erzähle von der Karlshöhe zu unserer Rechten: ein steiler Hügel, an den Flanken Villen, Weinberge und Grünflächen, auf der Kuppe ein Biergarten und ein nicht unbedingt weitläufiger, aber unerwartet wilder Parkwald, der im 19. Jahrhundert angelegt worden war.

„Entschuldigung!“, ruft da auf Höhe des Gänsepeterbrunnens ein Mädchen über die Straße. „Sie haben gerade was von der Karlshöhe gesagt. Ich suche dort jemanden und kenne den Weg nicht!“

„Mal sehen, ob wir helfen können“, antworten wir und wechseln die Straßenseite. „Welche Adresse ist es denn?“

„Es ist auf der Karlshöhe.“

„Und wie heißt die Straße?“

„Weiß ich nicht.“

„Hm. Können Sie dort jemanden anrufen?“

„Nein, leider, der Akku von deren Handy ist leer.“

„Oha. Und wie wollen Sie hinfinden?“

„Na ja, es ist so eine Art Party, man hört es. Als ich vorhin, als das Handy noch ging, angerufen hatte, war da laute Musik im Hintergrund.“

„Aha. Ein bisschen vage ist das schon, oder?“

„Halt auf der Karlshöhe. Das ist doch der Weg dorthin, oder?“

„Ja, genau.“

„Also, ich war schon ein Stückchen oben, aber da wurde es dann dunkel …“

„Klar, weiter oben ist es jetzt zappenduster.“

Verloren steht das Mädchen vor uns, das nutzlose Handy in der einen Hand, über dem anderen Arm eine Handtasche, ein Drängen im Gesicht.

„Wir könnten ja bis dahin mitgehen …“

„Sie hat Gott geschickt!“, bricht es aus dem Mädchen hervor.

„Nein, nur das nächste Restaurant.“

So biegen wir in die Hasenbergsteige, schlagen uns auf die Treppe hoch zum Park und lauschen nach Partylärm. Nirgendwo ist Musik zu hören, wir gehen immer weiter. Das Mädchen läuft stumm neben mir, meine Gäste folgen scherzend. Dann bleiben auch die letzten Häuser zurück. Bäume rahmen den schmalen Weg ein, die belaubten Äste schirmen den Himmel völlig ab. Es ist nicht mehr dunkel, es ist finster.

„Siehst du noch was?“, rufen meine Besucherinnen von hinten.

„Nicht wirklich“, antworte ich und schreite weiter und hoffe einfach, nicht vom Weg abzukommen.

„Haben Sie denn kein Licht?“, fragt das Mädchen neben mir etwas pikiert.

Ich hole mein Telefon aus der Tasche und leuchte uns mit dem Display den Weg aus. Kaltes Licht entreißt den Boden unter unseren Füßen der Dunkelheit. Um uns herum nur Bäume und Nacht. Meine beiden Gäste rücken enger zusammen, sie haken sich unter, in ihre Scherze mischt sich ein Hauch von Unsicherheit. Vielleicht sind sie nicht mehr ganz so glücklich über ihren eigenen Vorschlag, das Mädchen bis zur Party zu begleiten. Ich lache. „Hier kann uns nichts passieren.“

„Meinst du?“, kommt die zweifelnde Antwort. Das Mädchen schweigt noch immer.

Dann sind wir oben auf der Kuppe, höher geht es nicht mehr, und da ist keine Musik, kein Licht, kein Gelächter ausgelassener junger Menschen.

„Haben Sie denn irgendeinen Anhaltspunkt, wo die Party ist?“, frage ich das Mädchen nochmals.

„An einem Spielplatz.“

„Ein Spielplatz? Tja, also, da stehen wir praktisch davor. Da, drei Schritte vor uns geht es steil hinab und drunten liegt der Spielplatz.“ Es ist die Senke auf der Karlshöhe, in der jahrhundertelang Schilfsandstein (die „Stuttgart-Formation“) abgebaut worden war, der manchen hiesigen Altbauten ihr charakteristisches Aussehen gibt. Kein Lichtschimmer, kein Laut dringt aus der Senke herauf. „Da ist definitiv niemand.“

Da stehen wir nachts auf der Karlshöhe und wissen nicht weiter. Das Mädchen weiß nicht, was es tun soll. Ich weiß nicht, welchen Weg wir nun einschlagen sollen. Meine Gäste wissen nicht, was sie von all dem halten sollen.

„Es sei denn“, überlege ich, „es ist der Spielplatz auf der anderen Seite des Hügels, unten an der Bushaltestelle.“ Es ist ein ganzes Stück entfernt und dafür hätten wir nicht über die dunkle Höhe gehen müssen.

Niemand widerspricht, also nehmen wir den Weg hinüber auf die andere Seite. Die Bäume weichen zurück, am Biergarten brennt noch Licht. Es ist still, aber im Schein der bunten Lampen tauchen zwei junge Leute auf, ein Pärchen.

Das Mädchen stoppt. „Habt ihr hier Leute gesehen, die Party machen?“

„Hier am Biergarten ist niemand, aber vorne im Park, am Spielplatz, da feiern welche.“

„Da ist niemand mehr.“

„Aha, vor einer Stunde oder so waren sie noch da.“

Die Party ist zu Ende, das Mädchen war umsonst den Berg hochgestiegen, umsonst hatte es die Fremden unten am Brunnen angesprochen. „Geht ihr dorthin?“, fragt es das Pärchen und deutet den Weg zurück, den wir gekommen sind. Die beiden nicken. „Dann komme ich mit euch.“

Das Mädchen dreht sich zu uns um und meint, beinahe schroff: „Also, ich gehe mit denen mit.“ Und dann, weil es selbst merkt, dass irgendetwas fehlt, mit viel Emphase und wenig Gefühl: „Vieeelen Dank!“

Das Mädchen eilt dem Pärchen nach, die jungen Leute verschwinden in der Dunkelheit.

„Mei, Mädel“, schüttelt eine meiner Besucherinnen den Kopf. Wir drehen ab, suchen die nächste Staffel und steigen die 407 Stufen hinab in den Süden.

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