„Jack Reacher“ – Ein Hauch von Hitchcock

Nein, ein Freund von Scientology bin ich auch nicht. Aber das Schauspieler-Tom Cruise-Bashing kann ich nicht teilen. Warum sollte jemand, nur weil er Vorzeige-Scientologe ist, nicht gleichzeitig ein guter Schauspieler sein, den man gerne spielen sieht – und das ist er unbestreitbar, denkt man an Filme wie „Magnolia“, „Collateral“ oder „Operation Walküre“. (Andererseits, wo sind die Grenzen? Nehmen wir einmal drastischere Beispiele: Darf man einen SS-Mann für sein feinfühliges Violinenspiel loben? An einem überführten Mörder die freundliche Zuvorkommenheit hervorheben? Da tun sich plötzlich Fallgruben auf …)

In „Jack Reacher“ mag Tom Cruise tatsächlich nicht die Idealbesetzung sein, kennt man die literarische Vorlage von Lee Child. Ob aber Werner Herzog als bizarrer Gulag-Überlebender und Erzbösewicht besser gewählt ist, sei dahingestellt. Ich teile in diesem Punkt nicht die Begeisterung der Feuilletons, aber nun ja, so bekommt dieser Krimi sogar noch einen Hauch Arthaus.

In Vielem hingegen überzeugt „Jack Reacher“ auf eine angenehm überraschende Weise. Statt Technikspektakel setzt der Film auf eine ausgefeilte Geschichte und eine erstaunlich liebevolle Inszenierung, die mehr mit einem Hitchcock oder einem der ganz großen Kultwestern gemein hat (Oldschool im allerbesten Sinne also) als mit den digitalen Materialschlachten Hollywoods – wie etwa in der Vorschau zu „Stirb langsam 5“, wo zu „Freude schöner Götterfunken“ die Autos höher in die Luft geschleudert werden denn je … In einer minutenlangen Verfolgungsjagd in „Jack Reacher“ überschlägt sich kein einziges Auto – man stelle sich das vor! –, aber man glaubt im Kinositz sehr wohl, selbst den Asphalt unter den Pedalen zu spüren.

Und natürlich ist der Film nicht perfekt, natürlich lässt das eine oder andere eher unfreiwillig lachen. Trotzdem: Ein Kinostreifen, der sehr viel Spaß macht und seine Stimmung noch eine ganze Weile mit aus dem Kinosaal hinausträgt. Weil er Magie hat – die Magie des Erzählens, nicht die der bloßen Technik.

Regie: Christopher McQuarrie. Mit Tom Cruise, Rosamund Pike, Richard Jenkins. USA 2012.

http://www.jackreacher.de/

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