Crime Time in Bollywood – Ein Besuch auf dem 10. indischen Filmfestival Stuttgart

Ein roter Teppich vor dem Kino Metropol, eine zwei Meter hohe Elefantenfigur („bitte nicht berühren“) und in der Gelateria nebenan als Special ein Mango-Joghurt-Eis – das war der Rahmen zur Eröffnung des 10. indischen Filmfestivals Stuttgart am gestrigen Abend. Ein paar Reden, ein paar schöne Menschen, ein paar Stilnoten (interessanterweise schien den Indern die Kleidung einfach besser zu passen als den Deutschen, unabhängig davon, ob indische Gewänder, westliche Anzüge oder Marken-T-Shirts), dazu wahlweise Sekt oder Mangolassi als Getränke – und eigentlich wie immer auf Filmfestivals keine Karten ohne Reservierung für den Eröffnungsfilm.

Gehört man nicht zu den VIPs, bleibt da also nur die Möglichkeit, sich am zweiten Tag einen spannenden Film zu sichern – und danach noch so viele, wie Programm, Entdeckerfreude und Alltagsverpflichtungen eben hergeben. Die Wahl fällt auf „Talaash“ (Suche), englisch „The Answer Lies within“, ein Thriller der Regisseurin Reema Kagti mit namhaften Staraufgebot: Aamir Khan, Kareena Kapoor, Rani Mukerji.

Ausverkauft ist der Saal heute nicht mehr. Frauen sind ganz erheblich in der Überzahl unter den Zuschauern, und das, obwohl es sich um einen Thriller handelt. Ein paar deutsche Ethnokultisten in wallenden Gewändern stechen schon nicht mehr so ins Auge wie am Vorabend.

Nach einer knappen Einführung in den Film gibt es Rätselraten. Zwei hübsche junge Frauen mit Krönchen auf dem Kopf dürfen auf der Bühne ein paar Preise halten, die Reden schwingen die Männer. Ein Vertreter des (deutschsprachigen) Bollywoodmagazins „Ishq“ stellt ein paar Fragen – wer sie beantworten will, muss dazu aufstehen, und kann dann eine DVD, eine CD mit Filmmusik und natürlich ein Exemplar von Ishq gewinnen. Zum Aufwärmen eine leichte Aufgabe: „Was ist der Lieblingssport von Aamir Khan?“ Von wegen leicht, erst die dritte Person antwortet korrekt: „Tennis!“ Bei der Frage, mit welchem Schauspieler Bollywood-Schönheit Kareena Kapoor verheiratet ist, springen die Männer am schnellsten auf. „Was heißt ‚Talaash’ auf Hindi?“ Lauter Protest aus der hintersten Reihe: „Falsch gestellte Frage!“

Der Ishq-Moderator verliert darüber nicht seine flotte Zunge, macht ein Witzchen über die Schwaben und dann: „Wir im Rheinland sind pleite, stehen aber dazu und haben Spaß.“ Und als auf die Bonusfrage zur Hochzeit Kareena Kapoors wieder derselbe junge Bollywood-Spezialist der Schnellste ist, gibt der seinen zweiten Preis bereitwillig ab an die Nächste – eine Mitarbeiterin des Festivals. „Ist das überhaupt erlaubt?“, fragt der rheinländische Lockenkopf. „Aber mich geht es ja nichts an, das ist Stuttgarter Klüngel.“

Und dann geht es los mit dem Film.

Oder sollte es.

Da ist er, der Festivalstrailer. Anschließend eine deutliche Antiraucherwerbung auf Hindi. Ein Logo. Und dann – die Projektion der Programmoberfläche mit dem Mauszeiger, der verzweifelt nach der richtigen Schaltfläche sucht.

Es dauert ein paar Augenblicke, dann fängt es von vorne an: Antiraucherkampagne, Logo, noch ein Logo. Aber wo bleibt der Spielfilm? Nach gefühlten zwei Runden im Kreis endlich eine neue Einstellung: der englische Copyright-Hinweis, dass die Nutzung dieses Datenträgers ausschließlich für private Vorführungen erlaubt sei. Gelächter im Publikum und spontaner Szenenapplaus.

Und dann endlich „Talaash“, nächtliche Impressionen, ein dramatischer Unfall, die ersten Dialoge auf Hindi – und keine Untertitel. Rufe, ein lauter Pfiff, kurz taucht wieder der Mauszeiger im Menü auf, dann endlich die englischen Untertitel. Erneuter Applaus.

Ein Bollywood-Star stirbt unter merkwürdigen Umständen bei einem Autounfall. Die Polizei tappt völlig im Dunkeln, was die Unfallursache anbelangt. Alles sieht nach einem dieser ungeklärten Fälle aus, mit denen sich die Polizei herumzuschlagen hat, bis sie gnädigerweise im Aktenschrank abgelegt werden. Dann stößt Inspektor Surjan Shekhawat auf eine Spur ins Rotlichtmilieu Mumbais. Als sich schließlich die Prostituierte Rosie als eine wichtige Informantin in dem Fall entpuppt, beginnen für den Polizisten erst die wirklichen Schwierigkeiten. Festgefahren in seiner Trauer um seinen verstorbenen jungen Sohn und unnahbar gegenüber seiner depressiven Ehefrau, fühlt sich Shekhawat zunehmend zu seiner Informantin hingezogen. Seine Welt gerät ins Wanken …

2013-07-18 FilmfestivalSchauspieler Nawazuddin Siddiqui –
erst ein halbes Dutzend Fans vor der Zigarette

„Talaash“ nimmt wenig Rücksicht auf Genregrenzen, nimmt sich viel Zeit (beides kann man gut- oder schlechtheißen) und bedient allerlei Klischees – angefangen beim unbestechlichen, in der Isolation seines Schmerzes nie lächelnden Gesetzeshüter auf der Suche nach der Wahrheit oder der Edelprostituierten, die dem „Milieu“ Glamour schenkt und sich als überlegener gefallener Engel gefällt. Und natürlich gibt es auch ein bisschen Kitsch – es ist ja schließlich Bollywood –, Songs mit sinnreichen Texten (nein, keine tanzenden Schauspieler), die üblichen rot- und safrangelben Tücher, durch welche die Protagonisten in Zeitlupe hindurchspringen, um ihren sinnlichen Gefühlen füreinander Ausdruck zu verleihen und nicht zuletzt ein atmosphärisches Mumbai Noir-Feeling, das sich mehr malerisch als trist gibt.

Die Kritiker in den amerikanischen Medien attestierten dem Film eher wenig ehrenvolle Attribute, sie sprachen unter anderem von „red herrings“, die man auf Meilen bereits als solche enttarne. Ich gebe zu, für mich – ich wusste nur, dass ein Krimi mich erwarten würde – war das Ende wunderbar überraschend. Mehr noch: Wo manch kritischer Geist müde von Naivität sprechen würde, bescherte mir der Film bei der Auflösung des Falls wie beim kathartischen Höhepunkt eine wohlige, lange nicht mehr erlebte Gänsehaut. Dass im Finale durch Schäden an der CD einige Sekunden lang das Bild ausfiel, störte da schon nicht mehr wesentlich.

Zum Ausklang stellten sich zwei Schauspieler des Filmes den Fragen des Publikums. Sympathisch lässig setzten sie sich auf die Kante der Bühne und ließen die Beine baumeln, während sich die Zuschauer verzweifelt ein paar Fragen ausdachten, bevor alle in die Freiheit entlassen wurden.

Und nun beginnt sie: die Suche nach dem nächsten Festivalbeitrag.

Talaash (2012), 139 Minuten. Regie: Reema Kagti. Drehbuch: Farhan Akhtar, Zoya Akhtar. Mit: Aamir Khan, Kareena Kapoor, Rani Mukerji.

Website des Filmfestivals
Official Trailer (ohne englische Untertitel)

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