Ein lettisches Käsebrötchen fährt durch die Nacht

Mit weichem Ghee eingerieben und mit Kreuzkümmel, Kardamom und Kurkuma bestreut, wäre durchaus eine erotische Alternative zu irgendwelchen Schokoladenspielchen.

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Ein lettisches Käsebrötchen fährt dreimal durch die Nacht. So unterschiedlich können Übersetzungen sein, erklärt das Radio. Habe ich wirklich einen Unterschied zwischen erster und dritter Übertragung gehört? Auf dem Papier ein Knall, die Peitsche des Puppenspielers ein schwarzer Blitz. Und der Wagen, el carro del titiritero, rumpelt durch den Regen. Meine Reise heute: nur noch Träume. Woanders Trauer um Hund, Katze, Kindheitsheld. Das Haus ist still.

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Weichenstörung ist ein Wort, das die Gesichter beschattet. Das Phlegma wird zur Unruhe eines orientierungslosen Schwarms. Steige ich hier aus oder nicht? Was machen die anderen? Jemand löst sich, seine Tat reißt weitere mit, andere zögern länger, wieder stürzt jemand hinaus, eine Person aber herein, alle auf der Suche nach dem Glück der schnellsten Weiterfahrt. Ein Handy schlägt an, es klingt wie an der Rezeption des Krankenhauses in „Bloodlines“, regnerische Nacht über Santa Monica und du das Vampirküken auf deiner ersten oder zweiten Mission, gestern noch Mensch, heute ein Raubtier in einer plötzlich ganz anders gewordenen Welt.

Der Finger, der verwundet und verzaubert zugleich – „Die Möbius Affäre“

Ein monumentaler Kameraschwenk über die Steilklippen hinab auf Monaco zu schicksalsschweren Chorgesängen, hinein in das Großraumbüro einer Bank, in dem die coole Brokerin den Chef mit ihrem jüngsten Aktiencoup vorführt (Einführung Protagonistin 1), und ein Schnitt hinüber in ein anonymes Apartement, in dem der russische Top-Agent eine Mitarbeiterin psychologisch für ihren nächsten Einsatz drillt (Einführung Protagonist 2) – der Film will Großes, das spürt man sofort, und wirkt in den ersten Minuten doch etwas spröde, beinahe verunsichert, als wüsste er selbst, dass er mit den großen Agentenfilmen Hollywoods nicht wird gleichziehen können.

Dann aber besinnt sich der französische Agententhriller „Die Möbius Affäre“ (Kinostart 1.8.) auf seine eigenen Qualitäten und spielt sich auf umwerfende Weise frei. Das liegt nicht am Plot. Der ist komplex, um nicht zu sagen verwirrend. Auf zwei Sätze heruntergebrochen: Die Bankerin Alice Redmond (Cécile de France) betreut in Monaco das Vermögen des Oligarchen Ivan Rostovski (Tim Roth) und wird gleichermaßen vom CIA und dem russischen Geheimdienst FSB umworben. Ein doppelbödiges Verwirrspiel aus Hochfinanz, Geheimdienst und politischer Intrige beginnt und wird zur Bühne eines verhängnisvollen Liebesreigens zwischen Alice und Gregori Ljubov (Jean Dujardin), dem Leiter des russischen Agententeams.

Was den Film auszeichnet, ist seine in aller Ruhe ausgearbeitete Präsenz und Intensität, es sind die (nach den Anfangsschwierigkeiten) herrlich zwingenden, geschliffenen Dialoge; ein gekonnt langsames Erzähltempo, in dem sich nur ein einziges Mal die Gewalt wirklich körperlich manifestiert und die Normalität umso erschreckender durchbricht; es ist die Sorgfalt gegenüber den kleinen Gesten, besonders den Blicken: Blicke, die forschen, zögern, verschleiern, flackern, brennen, Blicke voller Einsamkeit und Hingabe; es ist auch ein szenisch eindrucksvoll eingebundener Sound, von der Barmusik bis zum Babygeschrei irgendwo in der trostlosen Weite der Mietskaserne.

Am dichtesten zeigt sich diese Intensität in der Begegnung der beiden Protagonisten Alice und Gregori, die in einer Welt der Lüge ihre Liebe zu leben suchen – eine Ehrlichkeit und ein Begehren, bei dem es hörbar knistert auf der Leinwand, und die in einer minutenlangen, wunderschönen Liebesszene einen Höhepunkt erreicht, in dem noch die Einstellung auf ein zitterndes Augenlid, die Schutz schenkenden Arme pure Erotik sind.

Natürlich können diese beiden Liebenden nur verlieren, was umso tragischer ist, weil sie, die sich Halt zu geben versuchen in einer schwindelerregenden Welt, einander in einem unbeabsichtigen Doppelspiel selbst zu Fall bringen.

Ein in seiner Ruhe durchwegs spannender (und anders als der steintrockene „Dame, König, As, Spion“ sehr sinnliche) Agentenfilm, der kaum etwas mit einem James Bond oder Jason Bourne zu tun hat, und zugleich ein ergreifendes Liebesdrama, ein Film bester französischer Kinotradition. Wer sich auf „Die Möbius Affäre“ einlässt, tritt als anderer Mensch aus dem Kinosaal und bleibt im besten Fall auch noch Stunden später verwandelt. Wie berührt von einem Finger, der verwundet und verzaubert zugleich.

Die Möbius-Affäre“ (Original: „Möbius“). Regie: Eric Rochant. Mit Jean Dujardin, Cécile de France, Tim Roth. 103 min. 2013.