Buchmessesorgen III

Meinen Zug habe ich verpasst, aber K. war so nett, die Stunde mit mir zu warten und mir nochmals ein Getränk auszugeben. Dabei hatte er, den die Buchmesse am Arsch vorbeigeht, mich vollgequatscht über Verlage und Verleger, Autoren und Illustratoren und Gestalter und ihre Leistungen und Mauscheleien, ihre Schätze und Gaunereien. Und ich verstand, in der Bar bei den Gleisen, nur Bahnhof, kannte und begriff von dieser deutschen Verlagsgeschichte nur einen Bruchteil und war sowieso müde und nun auch hungrig von dem langen Tag, und im Blickfeld links blinkte der übergroße Bildschirm und im Blickfeld rechts blinkte die scharfe Braut, die sich andauernd, immer und immer wieder, mit den Fingern durch die Haare fuhr, und ich fragte mich, ob sie von nebenan aus dem Rotlichtviertel kam und hier einen irgendwie verlorenen Messebesucher abgreifen wollte, und ich begann zu schielen und konzentrierte mich auf K.s lange Nase und er redet und redet einfach immer weiter und ich bin gar nicht mehr hier. Den nächsten Zug verpasse ich nicht und meine Sorge, ob ich mit meinem zuggebundenen Ticket durchkomme (ich habe mit K. eine Wette darüber abgeschlossen oder eher er mit mir) löst sich gerade eben einfach auf, als die Stempelzange des Zugbegleiters ihr KLICK

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16 Gedanken zu „Buchmessesorgen III

  1. Lieber Holger,
    das ist so ein Text, der einen richtig schönen Flow hat. Ich vermute, Du hadt das so aufgeschrieben, wie es Dir in den Kopf, oder vielleicht so aus dem Unterbewusstsein floss. Sowas gefällt mir dehr.
    Ansonsten erinnert es mich an frühere anstrengende Buchmessenbeduche und ich kann mich gut an den übervollen, watigen Kopf erinnern, den man abends um 6 Uhr dann zum Bahnhof zum Parkplatz trug.
    Habe mich sehr über diesen fluffigen Text gefreut.
    Danke dafür und liebe Grüße
    Kai

    • Lieber Kai,
      danke dir für deinen wie immer gern gelesenen und treffenden Kommentar. Du hast natürlich recht: Ich hatte es einfach laufen lassen, nachdem ich irgendwann nach 23 Uhr müde in den Zugsitz gefallen war. Und ja, dieser Kopf, den du beschreibst!
      Ich danke dir.
      Herzliche Grüße
      Holger

  2. Lieber Zeilentiger, ein feiner kurzgefasster Bericht eines langen Tages.
    Dem K. hätte ich mal vors Schienenbein getreten (obs jedoch geholfen hätte?)
    Oder würde ihm noch nachträglich seinen Wettgewinn einbehalten als Entschädigung sozusagen 😉
    Leute gibts.
    Mittäglichkaltgraue Grüsse aus dem buchmesselnden Bembelland

    • Lieber Herr Ärmel, danke für Ihren guten Ratschlag! Ein bisschen sind „K.“ und „Ich“ ja Fiktionen, ich denke, wir dürfen daher milde sein und auf Entschädigungen verzichten. 😉
      Herzliche Grüße aus dem fast eisig kalten Kesselrand

  3. Falls Sie dem K. nochmals begegnen, wovon ich eigentlich sehr sicher ausgehe, stuppen Sie ihm doch einfach freundlichätschend an die lange Nase, mein lieber Zeilentiger. Wette gewonnen oder verloren, es bleibt das sorgenauflösende KLICK

  4. Hier wird das Großereignis des deutschen Literaturbetriebs endlich auf seinen Platz verwiesen. .) (Von Frankfurt ist man in unter einer Stunde in wunderschönen Gegenden; falls Sie mal wieder Messekopf haben und Watte abladen mögen.)

    • Danke für Ihre schöne Einordnung! 😉 (Zur Buchmesse ist es immer so grau und nass und kalt, dass mich wenig in diese sicher wunderschönen Gegenden zieht. Vielleicht sollte ich das einmal in einer anderen Jahreszeit ausprobieren.)

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