In die Verlängerung

„Was macht das Wesen des Christentums denn aus? Als Jude beispielsweise sind Sie gerecht, wenn Sie sich an den moralischen Grundsätzen des Dekalogs orientieren. Obwohl, das gibt es natürlich auch im heutigen Protestantismus, wenn auf dem Weltkirchentag der Einbau eines Dreiwegekatalysators wichtiger ist als die Dreifaltigkeitslehre.“

*

Jeden Abend steht sie vor dem Fenster im Treppenhaus. Ihr Tag war Pauken von Paragraphen, so wie es auch der nächste sein wird, Vergangenheit und Zukunft sind einander gleich. Ihre Gegenwart aber ist der Ausblick aufs Klofenster gegenüber, eine Zigarette und ein Glas roten Weins. So steht sie da, den Ellbogen in die Hand gestützt, und um ihre Augen liegt ein zarter Hauch von Traurigkeit. Ich weiß nicht, ob er immer dort ist.

*

Vor den Ladengittern neben der Fressbude stehen die jungen Araber und Schwarzen. Nicht in Grüppchen, sondern eher in einer Reihe, ihre Haltung halb Langeweile, halb provizierende Erwartung. Fast ein Straßenstrich, vielleicht für Faustkämpfe statt sexueller Dienste.

*

Fichte ist eine Stadt in Südspanien, bekannt für ihre Steinbrüche. − Träume auf dem Philosophenkongress.

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Regenschutz für Schlossbesucher.

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12 Gedanken zu „In die Verlängerung

  1. Der wahrlich wohlgewählte Titel Ihres neuesten Beitrages erschliesst sich mir erst jetzt bei einem wahrlich wohlschmeckenden Gin Tonic vor der sich anschliessenden hoffentlich gediegen erholsamen Nachtruhe.
    Die fein geordnet hingehauchten Skizzen in Ihrer Tetralogie zeugen in meinen Augen von einer exquisiten Wahrnehmung.

    Vom grossen Ganzen eines Glaubensbekenntnisses herunterlegiert auf die Dreifaltigkeit einer jungen Frau mit Zigarrette und Weinglas. Der zarte Hauch von Traurigkeit in ihrem Blick könnte ohne die eigene Phantasie anzustrengen evoziert sein vom Blick runter auf die andere Strassenseite.
    Dort stehen die Schwarzen, die Araber. Orgelpfeifen der Hoffnungslosigkeit mit angeblasenen Erwartungen, die selbst eine tote Katze im Rinnstein zu einer Ode auf das Leben nicht mehr animieren würde.
    Dann lieber den langen Traum der unmöglichen Möglichkeiten.
    Dass Fichte keine Stadt in Südspanien wissen wir natürlich, aber im Feuerbach eine Fusswaschung zu zelebrieren – es wäre zu schön.

    Ich danke Ihnen für Ihre grandioase Phantasiebombe am Abend
    und sende wochenendlichabendruhige Grüsse vom Schwarzen Berg, Ihr Herr Ärmel

    • Auf Ihr Wohl! Ich könnte nur mit Kräutertee aus dem großmütterlichen Garten anstoßen, denn gestern noch die Regenstadt, heute schon in den Grünen Hügeln (und dazwischen ein paar Stunden Kesselstadt, was ich fast als fünften Teil oben angehängt hatte, dann aber doch wieder gelöscht habe).

      Für Ihre freundlichen Worte meinen Dank. Erst recht, weil sie lindern: meine Unruhe nämlich angesichts gar so geringer Reaktion auf mein Textchen.

      Zum Fußbad im Feuerbach würde ich mich dazugesellen – ein schönes Bild.

      Genießen Sie Ihren Gin Tonic und schlafen Sie gut!

      • Lieber Zeilentiger,

        Danke nachgetragen für den guten Wunsch. Zwei mehrstöckige Getränke sorgten für einen sorglosen Tiefschlaf.
        Ich schaue aus dem Dunkelkammerfenster hinüber in den Park, überlege und male mir ein Bild von Grünen Hügeln irgendwo nordwestlich von hier.

        Die Reaktionen sind doch nicht ihrer Zahl nach zu schätzen, mein Schreibfreund. Seien Sie unbesorgt und schreiben Sie frohen Sinnes weiter.
        Wochenendlichsonnigwarme Grüsse aus der Dunkelkammer auf dem Schwarzen Berg, Ihr Ärmel

      • Lieber Herr Ärmel,

        Sie haben selbstredend recht. Die Grünen Hügel waren übrigens im 19. Jahrhundert noch blaue. Aber ob das nun der Vorstellung hilfreich ist, bezweifle ich. Ein bisschen nach Süden erheben sich die Hügel zu Bergen, und dort war ich heute. Und genoss alles: die strahlendste Sonne, das Ausschreiten und die Anstrengung, die Reinheit von Luft und Wasser, die Freundlichkeit unter den Menschen auf den Wegen und nicht zuletzt ein Gruß, der mir so sehr für Heimat steht wie kaum etwas anderes. Das war alles so wunderbar, dass mir die Vorstellung, morgen wieder in die Kesselstadt zurückzukehren, ein Graus ist. Womöglich habe ich mir jetzt schon einen Teil des nächsten Blogbeitrags vorweggenommen, aber auf Ihre geschätzten Zeilen wollte ich doch so antworten.

        Schlafen Sie wohl.
        Ihr Zeilentiger

      • Geschlafen – kurz aber gut. Nachgetragenen Dank für Ihren freundlichen Wunsch.
        Im 19. Jahrhundert Blaue Hügel .. –? Wieso blubbert mir ausgerechnet jetzt der Blautopf vor die Innenpupillen?

        Sie werden verstehen, mein lieber Zeilentiger, dass ich nun mit einiger Spannung Ihrem kommenden Blogbeitrag
        entgegensehe.
        Morgendlicherstteegeniessende Grüsse vom Schwarzen Berg

  2. Lieber Herr Zeilentiger, wenn hier gering reagiert wird, wird noch lange nicht geringgeschätzt — das Wetter ist nur gar so gut. Das dürfte es erklären.

  3. Der Befehlsleseknecht offeriert mir Ihren Frankfurtaufruf, den ich mit Bedauern im Blick überfliege, weil nicht folgen könnend. Pupillen schweifen nach links. In die Verlängerung? Grmmpfhscheibenhonig, das kenne ich doch gar nicht?! Sie auf Reisen wissend wartete ich treudoof auf das Fensteraufreißen des unzuverlässigen Knechtes, statt eigenklickerdiklackig nach dem Rechten zu sehen. Und so genieße ich erst heute Ihre Lesepralinchen. Wie Sie Wortbilder malen, es ist einfach famos.
    Viel Spaß in Frankfurt wünschend und grüßense mal den mit der Fellohrmütze, falls Sie ihn sehen. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

    • Liebe Frau Knobloch, ja, der Befehlsleseknecht ist nicht immer ganz zuverlässig, aber umso mehr freue ich mich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, Ihre Pupillen nach links schweifen zu lassen. Denn manchmal, das gebe ich zu, bin ich selbst noch unzuverlässiger als der Befehlsleseknecht, und dann rutscht mir der eine oder andere schöne Text durch oder ich sage mir „morgen“ und dann …

      Wollen Sie mir einen kleinen Hinweis geben? Be der Fellohrmütze stehe ich noch auf dem Schlauch und wäre für einen kleinen Schubs für Langsamdenker dankbar.

      Ihnen einen schönen Freitag im Lippischen oder wo immer Sie sein mögen!
      Herzlichst, Ihr Zeilentiger

      • Ach, Sie waren das! Das Geschepper gestrigabend, bis in Lipperlandanien zu hören aus des Herrn Ärmels Lieblingsherzensstadt. Der gefallenen Groschen. Fetzt! Viel Spaß heute Ihnen und allen anderen, die Ihre, Frau Knobloch.

      • Sie haben es gehört? Das nächste Mal schalte ich schneller, dann scheppert es nicht gar so laut. Danke für die guten Wünsche! Es war schön, wenn auch klein – nicht zuletzt weil ich mich erst verspätet einfinden konnte und damit zwei verpasste. Trotzdem schön. Herzliche Grüße!

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