Unsere Städte von Morgen

Bäume binden CO2, das wissen wir alle. Wie weit aber kommt ein SUV mit der täglichen Bindekapazität einer gesunden, fünfzigjährigen Platane? Die Antwort: 300 Meter. Dann hat die beliebte Geländelimousine das Fassungsvermögen des Baumes erschöpft. Damit ist eigentlich alles gesagt. Aber warum ist so etwas, obwohl wissenschaftlich bekannt, nicht Teil des gesellschaftlichen Diskurses?

Ein anderes Beispiel. In den nächsten 16 Jahren wird die Weltbevölkerung um voraussichtlich zwei Milliarden Menschen wachsen. Zwei Milliarden Menschen – das entspricht der Weltbevölkerung von 1930 – werden Wohnraum benötigen, der heute noch nicht existiert. „Wir bauen die komplette Welt von 1930 noch einmal.“ Aber wer tut das? Wie? Wo? Und nicht zuletzt: Womit? (Denn die Welt verfügt über zu wenig Stahl, auch Holz ist begrenzt.) Und welche zusätzlichen Emissionsbelastungen bedeutet das eigentlich? Riesige soziale Verwerfungen stehen uns bevor, für die wir kein Rezept haben.

Das sind zwei Problemfelder, mit denen Werner Sobek, Bauingenieur und Architekt, die Diskussion „Über die Stadt von Morgen“ mit dem Stadtplaner Detlef Kurth im Literaturhaus Stuttgart (im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Wirtschaftsclubs „STADT: Heimat oder Wohnmaschine?“) eröffnet. Eines wird dabei ganz schnell klar: Wir werden unsere Städte radikal anders organisieren und bauen müssen.

Energetisches Umdenken

Energie ist dabei kein grundsätzliches Problem, weil anders als so viele Dinge nicht per se Mangelware. Schauen wir in den Himmel: Unsere Sonne liefert der Erde ein Zehntausendfaches der Energie, die wir derzeit benötigen. Selbstverständlich haben wir nach wie vor das Problem der Speicherung solarer Energie nicht zur Zufriedenheit gelöst. Sobek ist zuversichtlich. „Wir arbeiten seit zehn Jahren daran. Das ist nicht viel Zeit. Schauen Sie, Atomkraftwerke betreiben wir seit 70 Jahren, und haben bis heute keine Lösung für die Endlagerung.“

Wie so oft in ernsthaften Debatten heißt es also zu differenzieren. Energie sparen – ja, das müssen wir ganz dringlich in Bezug auf fossile Träger. Energie sparen müssen wir in wenigen Jahren vielleicht nicht mehr, wenn wir neue Lösungen für die Nutzung der Solarenergie gefunden haben. „Wenn wir das gelöst haben, könnten wir auch in Papphäusern leben. Das wäre eine ganz neue ästhetische Dimension!“

Die Diskussion im Literaturhaus schärft den Blick für manch weitere energetische Frage, etwa die trügerische Umrechnung von Energieverbrauch auf Quadratmeter statt Verbrauch pro Kopf, wie es eigentlich sinnvoll wäre; oder das Problem der sogenannten grauen Energie, die beim Bau aufgewendet wird: für die Herstellung von Werkzeugen, die Baumaterialien, Transport, Arbeit. Beim ersten Betreten eines neuen Hauses ist in das Gebäude bereits so viel Energie gesteckt, wie die künftigen Bewohner in 25 bis 35 Jahren verbrauchen werden! Kann es da wirklich in jedem Fall sinnvoll sein, schlecht gedämmte Gebäude abzureißen, um sie durch wärmegedämmte Bauten zu ersetzen? Wir sollten genau hinschauen, ab wann sich so etwas rechnet, indem wir die graue Energie mit in unsere Kalkulation einbeziehen. Und sind unsere Erwartungen an Standards nicht sowieso zu hoch? Weil wir uns unsere Vorstellungen von Wärmedämmung oder Lärmdämpfung gar nicht wirklich leisten können?

Das Prinzip der Schwesterlichkeit

„Wir haben ja alle etwas falsch gemacht“, gesteht Sobek. Nämlich mit der Systemgrenze „Haus“, also einem einzelnen Objekt, losgelöst von seinem Kontext (ein so klassischer Fehler unseres empirischen Spezialistentums). Diese Systemgrenzen müssen wir wieder aufheben. Nicht mehr das aus seinem Zusammenhang gerissene Individuum hat gewisse Bedingungen zu erfüllen, sondern eine Gruppe von Entitäten. Sobek nennt es das Prinzip der Schwesterlichkeit. Neue Häuser sollen also alte mitversorgen können, so das Ziel.

Verwirklicht hat Sobek dieses Prinzip in seinem Haus B10 auf dem Stuttgarter Killesberg, das im Juli 2014 als weltweit erstes „Aktivhaus“ eingeweiht wurde. Ein Haus also, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht, und zwar aus nachhaltigen Quellen. „Mit dem gewonnenen Überschuss werden zwei Elektroautos und das unter Denkmalschutz stehende Haus des Architekten Le Corbusier (seit 2006 Heimat des Weißenhofmuseums) versorgt“, schildert die Projektseite. Um noch effizienter zu werden, kommuniziert das Aktivhaus mit dem Wetterdienst und seiner Nachbarschaft, es ist also ein intelligentes, selbstlernendes Haus, eingebunden in sein Umfeld.

Das Modell der Zukunft? Kurth relativiert. Der Weg, so faszinierend er auch ist, birgt zugleich die Gefahr, zu sehr auf rein technizile Lösungen zu setzen. Und vielleicht wollen wir – denken wir an Datenmissbrauch – gar nicht alle solche intelligenten Häuser.

Du sollst dir kein Bild machen

Stuttgart, da sind sich die beiden Referenten einig, ist die reichste Großstadt Deutschlands – und kann genau das nicht inszenieren. (Das gilt nicht nur für die Stadt: Die Metropolregion zählt zu den innovativsten Europas und es gibt nicht einmal ein „Haus der Region“.) Wie jeder weiß, der sich dieser Stadt von außen angenähert hat, erschließt sich Stuttgart nicht schnell. (Das war ja im Übrigen eine der Grundmotivationen für den Blog Zeilentiger liest Kesselleben.) Kurth macht dafür eine Beliebigkeit im Erscheinungsbild der Stadt verantwortlich und spitzt das Problem zu: Letztlich ist es sogar zweitrangig, welches Bild eine Stadt vermittelt – solange sie überhaupt eines vermittelt.

Daran tut sich Stuttgart offenbar schwer. Beispiele? Bitte sehr: Es wird keine Idee der Innenstadt diskutiert. – Stadtgestaltung findet viel zu wenig in der Öffentlichkeit statt. (Dabei sind die Sitzungen des Städtebauausschusses öffentlich, auch die Architektenkammer hat auf ihrer Website viele Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. Wer will, kann sich hier informieren.) – An der Bautafel eines umstrittenen Einkaufszentrums war nicht einmal der Name des Architekten zu lesen. (Hatte er sich geschämt?) – Die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (Kurth ist Stellvertreter der Landesgruppe Baden-Württemberg) hat einen Vorschlag für eine Neugestaltung der Hauptstätter Straße – Stichworte: Stadtautobahn, bundesweiter Spitzenplatz der Feinstoffbelastung und ein Paradebeispiel städtebaulicher Hässlichkeit – vorgelegt. Niemand greift ihn auf. „Warum passiert da nichts?“, klagt Kurth an.

Von der misslungenen Vermittlung von S21 ganz zu schweigen. Eine Parallele aus der Geschichte zeigt, wie Stadtplanung auch gehen kann: Als Baumeister Paul Bonatz den Hauptbahnhof entwarf, war der Widerstand in der Bevölkerung ähnlich groß. Die Reichsbahn reagierte frühzeitig, ließ Modelle des geplanten Bahnhofs in Serie bauen und mit Erklärungen versehen und stellte diese Modelle in den Bäckereien und Metzgereien der Stadt aus – dort, wo täglich Menschen ein- und ausgingen. Der Bahnhof wurde zum Wahrzeichen der Stadt. (Bauverzögerungen und Kostenexplosion hatte das allerdings damals auch nicht verhindert.)

Machen wir uns also ein Bild! Und tauschen uns darüber aus. Mehr Mut fordert Sobek: Ja doch, wir könnten doch sagen, wir wollen etwas, was es noch nie gab – im Wissen des Risikos, dass wir uns dabei eine blutige Nase holen. Auf die Frage nach der Machbarkeit nachhaltiger und verantwortungsvoller Stadtgestaltung hat Sobek eine so lapidare wie treffende Antwort parat. Wirtschaftlichkeit kann unmöglich alleiniger Maßstab für Machbarkeit sein. Was wir vergessen haben, ist, in völliger Selbstlosigkeit für kommende Generationen zu planen und zu handeln. Ein griechisches Sprichwort fasst es zusammen: „Einen Olivenbaum pflanzt man für die Enkel.“

Das Gespräch hatte bereits am 24. März in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsclub im Literaturhaus Stuttgart stattgefunden. Die Fragestellungen bleiben aktuell. Einige von ihnen werden uns unser Leben lang begleiten und herausfordern.

Die Links im Text bieten weitergehende Informationen.

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Die verborgene Seite der Literatur

Der Ansturm hielt sich in Grenzen. Nicht jeder ist eben empfänglich für den eigenwilligen Charme der Verlierer. Denn heute Abend ging es im Literaturhaus Stuttgart um Bücher, die nie entstanden sind, genauer um verworfene Buchtitel. „Gescheiterte Titel – die verborgene Seite der Literatur“, unter diesem Motto waren die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Annette Pehnt, die Stuttgarter Suhrkamp-Autorin Anna Katharina Hahn und Hanser-Verleger Jo Lendle zur Diskussion eingeladen. Der Mann, der auf dem Podium Platz nahm, war aber nicht Jo Lendle. Der war krank und Tom Kraushaar, Geschäftsführer von Klett-Cotta, sprang kurzfristig für ein Heimspiel ein.

„Titel sind eine Verlockung“, ist sich Annette Pehnt gewiss, weshalb sie 200 Autorinnen und Autoren angeschrieben hatte, einen verworfenen Titel für eine Anthologie beizusteuern. 70 (darunter Anna Katharina Hahn) folgten dem Ruf, verfassten einen erklärenden Text zu ihrem Titel und erhielten von jungen Grafikern eine richtige Titelgestaltung. Das Ergebnis: eine reizvolle und hübsche „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“, da stimmte auch Tom Kraushaar zu: „Ich habe das Buch vor fünf Minuten zum ersten Mal gesehen, werde es aber unbedingt lesen. Ich gehöre ja gewissermaßen zur Kernzielgruppe.“

„Wie grausam ist die Suche nach dem Titel“, versuchte die Moderatorin eine Diskussion über das Ringen um den richtigen Buchtitel zwischen Autorinnen und Verleger in Gang zu bringen. Der Erkenntnisgewinn blieb allerdings überschaubar (Feuerwanzen gehen gar nicht auf dem deutschen Buchmarkt, gleich zwei Autoren fanden für ihre verschmähten Titeltiere Zuflucht in der „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“) und der Unterhaltungswert beschränkte sich auf „Döner Hawaii“. (Wer mehr wissen will, besuche die Website des Klett-Cotta Verlags.) Vollends in Allgemeinplätzen versackte das Gespräch in seinem „Wurmfortsatz“ der einschlägigen und offenbar unvermeidbaren Themen E-Book, Selfpublishing, Amazon.

Schade: ein müder Auftakt zur vermutlich wichtigsten Kalenderwoche für das antiquarische und schöne Buch in Deutschland. Am Donnerstag eröffnet die Antiquaria in Ludwigsburg ihre Messepforten, am Freitag die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein. Auf der hatte ich selbst ein paar Jahre lang verkauft, unter anderem für ein Antiquariat, das besonders Hermann Hesse-Fans bekannt sein könnte. Ich erinnere mich, wie ich noch während meines Studiums Kurierdienste für das Antiquariat erledigte und zum Beispiel den Berg hochstrampelte, um Walter Jens eines seiner Bücher zum Signieren vorzulegen, oder wie ich mich einmal an einem Samstag im Ladengeschäft ärgerte, weil ich in dem Besucher nicht den Anglisten und Schriftsteller Elmar Schenkel erkannte, dem ich gerne für seine H.G. Wells-Biographie gedankt hätte. (Wer weiß, wie viele literarische Besucher ich sonst nicht erkannt habe.) Später entdeckte ich, dass wir in der Kundendatenbank Rafik Schami führten, und erfuhr, dass er mit dem Vater des Eigentümers befreundet war. Ich habe Rafik Schami noch nie im Leben leibhaftig gesehen. In Damaskus aber hatte ich einmal seinen Bruder kennengelernt.

Vom Bab Tuma, dem Thomas-Tor, führte vor dem Bürgerkrieg (wie es nun aussieht und inwiefern es vom Krieg betroffen ist, weiß ich nicht) eine gleichnamige Straße durch das Christenviertel der Damaszener Altstadt. Beiderseits der Kopfsteinpflasterstraße reihten sich zahllose kleine Geschäfte. Manche von ihnen erfüllten jeden westlichen Anspruch an Modernität. Ein Blick nach oben, zu den oberen Stockwerken der Häuser aber zeigte unmissverständlich, dass die Straße Bestandteil der Altstadt war: graue, unstrukturierte Altbauten, schäbig und mit einem schmutzigen Charme aus Alter und bloßen Stromkabeln. Auf den Gehwegen hockten tagsüber wild aussehende Männer oder Bäuerinnen wie aus einer anderen Welt vor einer Auslage an Gemüse, an Küchenkräutern, Oliven oder Walnüssen. Mittags strömten Horden von Kindern in blauer Schuluniform durch die Straße. Zu den Stoßzeiten brach der Verkehr praktisch völlig zusammen. Dann lagen auf voller Länge der Straße Autos, Taxis und Busse regungslos und mit laufendem Motor da und raubten einem die Luft zum Atmen. Schwer hingen die Smogwolken über Damaskus. Abends kamen dann die Eckensteher, gelangweilte junge Männer, die in kleinen Grüppchen dastanden und vielleicht rauchten und manchmal kein Wort sagten. Manche orderten eine Schawirma oder einen frisch gepressten Fruchtsaft oder Bananenmilch (die nicht unsympathische syrische Alternative zu alkoholischen Getränken) beim kurdischen Angestellten eines der vielen Imbissstände. Hauptsächlich aber schauten sie nur auf die Straße, musterten die Frauen (Kopftücher gab es hier im Viertel kaum) oder folgten mit ihren Blicken den Autos der Privilegierten, die mit heulenden Motoren durch die enge Straße rasten.

Es gab verschiedene Bäckereien in der Straße, jede hatte ihre Spezialität. Eine schlichte Backstube am Anfang der Straße verkaufte zum Beispiel Fata’ir, diese kleinen herzhaft belegten Fladenbrote, sowie syrische Hostien: dicke, runde, leicht süßliche Fladenbrote mit einem Stempelaufdruck. Ich wusste nicht, was es damit auf sich hatte, und der grauhaarige Verkäufer mit den auffallenden Koteletten erklärte es mir mit lispelndem Zungenschlag, als ich der Neugierde wegen eines dieser Brote kaufte. „Bei euch sind die Hostien ja wie Papier“, nuschelte er und riss zur Bekräftigung seiner Worte das Eck einer Zeitung ab und tat so, als würde er den Papierfetzen in den Mund schieben, zwischen den braunen Zahnstümpfen hindurch, und darauf kauen. Ich lachte. Beim christlichen Abendmahl, erklärte der freundliche Bäcker weiter, wurden die Brotbrocken in Wein (dem säuerlichen Wein aus den christlichen Bergdörfern Syriens) getunkt und verteilt. Wir unterhielten uns ein bisschen über Deutschland und der Bäcker erzählte, dass er schon mehrmals dort gewesen sei, vor allem in Heidelberg, das er gut kannte und schätzte. Dann zog er eine Mappe mit Zeitungsartikeln heraus, aus deutschen und anderen Zeitungen. Er tippte mit dem Finger auf ein Foto und fragte: „Kennst du den? Das ist mein Bruder.“ Ich beugte mich über das Bild: Es war Rafik Schami.

Irgendwann fasste ich den Mut und schrieb Rafik Schami aus dem Antiquariat eine E-Mail. Ich erklärte, wer ich war, und berichtete von der Begegnung mit seinem Bruder zwei Jahre zuvor. Und eines Tages war die Antwort da. Liebenswürdig bedankte sich der Schriftsteller für die Nachricht und berichtete, sein Bruder habe die Bäckerei inzwischen in ein Café umgewandelt. Post von Rafik Schami habe ich trotzdem nie bekommen, denn offenbar hatte er meine Nachricht nicht allzu aufmerksam gelesen: Namentlich angesprochen war in der E-Mail mein Chef.

„Verlosung“: Ich habe Eintrittskarten für die Stuttgarter Antiquariatsmesse übrig!

Antiquaria Ludwigsburg, 22.-24. Januar

Stuttgarter Antiquariatsmesse, 23.-25. Januar

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Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher.
Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger. Piper 2014. 224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.

WG gesucht – Junge Literatur zur zwischen/miete in Stuttgart

„Zur Lesung? Einfach links zum Aufzug und dann in den 9. Stock“, erklärt der nette junge Mann, der sich mit Krücken in einem Stuhl vor dem Eingang fläzt. Oben werden wir in Empfang genommen, für einen Fünfer gibt es einen roten Stempel auf die Hand, dann geht es hinein in die WG des Max-Kade-Hauses. In der Küche des Wohnheims bekommt man ein Rothaus Tannenzäpfle und eine Butterbrezel (schwarzer Stempel, im Eintrittspreis inbegriffen), im Wohnzimmer sitzen ringsum Leute auf Stühlen, Hockern oder Kissen, die Autorin hat bereits hinter einem niedrigen Tisch mit Mikrofonen Platz genommen. Die Fenster stehen weit offen, in den Zimmern dampft es noch, draußen hat der Gewitterregen die Luft abgekühlt. Wann war ich das letzte Mal in einem Studentenwohnheim?

Das klassische Publikum des Stuttgarter Literaturhauses trägt – ob gerechtfertigterweise oder nicht – den Ruf eines silberhaarigen, pietistisch eingefärbten Bildungsbürgertums. Der Kultureinrichtung und Literaturlesungen neues Publikum zu erschließen, kann jedenfalls so oder so nicht verkehrt sein. Die Leiterin des Literaturhauses Stefanie Stegmann, die im Januar Florian Höllerers Nachfolge angetreten hatte, brachte ein in ihrer früheren Wirkungsstätte Freiburg bereits erprobtes Format mit nach Stuttgart: die „zwischen/miete“ – Lesungen jüngerer Autorinnen und Autoren in WGs.

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Bunt unterm Fernsehturm: „zwischen/miete“ in Stuttgart

Die zwanglosen Wohnzimmerlesungen eröffnet hatte im Frühjahr „Wie ich mir das Glück vorstelle“ von Martin Kordić. Im Juni folgte Verena Roßbacher, 1979 im österreichischen Vorarlberg geboren und in Berlin wohnhaft, mit ihrem Werk „Schwätzen und Schlachten“. Das ist irgendetwas zwischen Kriminalgeschichte, Weltroman und griechischem Mythos mit österreichischem Einschlag. Seine Schauplätze sind unter anderem Berlin sowie Meck-Pomm, „das müssen Sie nicht kennen“, der Handlungsmotor ein Mord, der noch gar nicht begangen wurde, und am Ende gibt es drei Hochzeiten (hoffentlich ironisch genug, um nicht reaktionär zu wirken). Die drei Ermittler, Berlinbewohner selbstverständlich, erweisen sich als Detektive der hysterischen Sorte, sie sind Hipster ohne Coolness, „softe Jungs, die im Notfall sogar stricken können“, wie Verena Roßbacher sie charakterisiert. Man ahnt, solche Ermittler treiben die Handlung eher durch Gequatsche voran, überhaupt ist das Buch eine einzige große Plauderei. (Durchsetzt, nebenbei, von einer kulturellen Bestandsaufnahme in Gestalt eines Klopapiers des Wissens, das – Wandkacheln aus dem iranischen Isfahan gleich – ein schier unendliches Muster aus Information transportiert, in unserem Fall mit allem, was ein 30 Something als Teil seiner kulturellen Identität wiedererkennt: von der Musik Philipp Glass‘ bis zu Asterix, den guten alten Heften natürlich.)

Am interessantesten an der Plauderei ist die Metaebene des Romans, auf der sich die Autorin und ihr Lektor Olaf über das Buch unterhalten: ein gewitzter Schlagabtausch, eines Waldorfs und Statlers würdig, und eine erzählerische Finesse, die an „Das Wetter vor 15 Jahren“ ihres Landsmannes Wolf Haas erinnert und mit knisternden Reminiszenzen an die Gegenwartskultur angereichert ist: Etwa bei dem Kaffeehaustreffen zwischen Autorin und Lektor, bei dem er einen Apfelstrudel bestellt und sich mit entschlossenen Gesten Strudelstücke mit Schlagsahne in den Mund schiebt, und man unweigerlich in diesem Augenblick das Gesicht von Christoph Waltz aus „Inglorious Basterds“ vor sich sieht.

Auf 630 Seiten läuft sich das Gequatsche allerdings doch irgendwann tot. Da helfen dann auch eingängige Parolen wie „Österreich ist eine Krise“ oder „Das Plumplori schläft nie“ nicht. Immerhin, so muss man doch sagen, tut Verena Roßbachers Lust am Schwätzen dem Abend gut. Die Moderation ist zögerlich, die Autorin aber zur Stelle und sie wickelt die Lesung souverän im Alleingang ab, beantwortet dankenswerterweise Fragen, die gar nicht gestellt wurden, und drängt, bevor ein peinliches Stocken aufkommen könnte, zum nächsten Kapitel, das sie mit sexy rauer Stimme vorträgt. Interessant war der Abend allemal.

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Hinterhoflesung im Osten

Und so geht es am 2. Juli zur nächsten „zwischen/miete“ in einer 2er-WG im Stuttgarter Osten. Eine doppelflügelige Holztür öffnet die Wohnung zum schmalen Hinterhof hin. Kleine Lampions hängen über dem Eingang, Kästen mit Tannenzäpfle stapeln sich neben der Tür, ein einladender Ort. Das Wohnzimmer – Halbparterre zur Straße hin – ist bereits besetzt von jungen Menschen, auch in der Küche stehen sie, doch draußen gibt es nach einem Gang zur WG-Toilette (spätestens jetzt als Fremder an dem intimen Ort fühlt es sich irritierend mehr nach Party als nach einer Lesung aus dem Literaturhausprogramm an) noch ein paar Stühle. Dort sitzt schon P., bereits zufälliger Sitznachbar auf der zweiten „zwischen/miete“ und erprobter Lesungsbesucher. Ein paar Leute teilen sich Pizza aus einer Familienschachtel und „hoppla“ sagt der stämmige weißhaarige Mann aus dem Nachbarhaus, als er ums Eck biegt und unvermutet zwischen unsere Klappstühle gerät.

Die Stimmung ist eine ganz andere als bei der vorherigen Lesung. Dorothee Elmiger ist mit ihrem Roman „Schlafgänger“ aus der Schweiz angereist. Das Buch erweist sich als ein Kaleidoskop flüchtiger Existenzen und Momente, der Tonfall ist lakonisch und entrückt wie ein Traum, das Erlebte entgleitet seinen Erzählern. Die sanfte Stimme Dorothee Elmigers mit dem Schweizer Anklang in ihrem Lesehochdeutsch trägt den Text perfekt. „Und ich hob, heiter fast“ und das ist ganz wichtig, dieses „fast“, denn die Dinge sind wie weggerückt, schlafwandlerisch.

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Das Sofa schon besetzt? Kein Problem, ein Lautsprecher ist zur Stelle.

Der sommerliche Wind umweht einen draußen auf den Hofstühlen, er raschelt durchs Gebüsch, gedämpft brummen die Autos hinter den hohen Ziegelwänden, eine Kirchglocke schlägt an, ein einzelner Schlag nur, gegenüber das Klackern eines Topfdeckels durch eine offene Balkontür herab, Murmeln irgendwo, Gläserklingen und diese behutsame Stimme aus dem Wohnzimmer und sie trägt einen fort und fort … Und doch ist „Schlafgänger“, das darf auf keinen Fall unterschlagen werden, ganz und gar kein eskapistisches Traummärchen, sondern ein Roman über Migration, Verortung und Verteilung.

„Erstaunlich, dass es kaum eine Überschneidung gibt zwischen dem Publikum im Literaturhaus und dem der zwischen/miete“, konstatiert P., der bisher alle drei Veranstaltungen aus der Reihe besucht hat. Und es ist wahr: Mit wem man hier (außer P.) ins Gespräch kommt, ist vielleicht ein junger Mann, der frisch vom Studium entlassen, etwas „mit Medien“ in Hamburg macht und zu seiner Freundin in Stuttgart pendelt, oder ein Mädchen, das bald in Tübingen ihr Studium beginnen wird, Volkswirtschaft und Kulturwissenschaften, versteht sich. Ob sie alle der Literatur wegen kommen – oder nicht doch eher, weil hier etwas geht, weil da was los ist nebenan mit Menschen und einer Flasche Bier? Vielleicht ist das ja auch ganz egal!

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Buch und Bier – die zwischen/miete für junge Literatur

Im Oktober geht es jedenfalls weiter mit der vierten Stuttgarter „zwischen/miete“. Vanessa F. Fogel wird aus „Hertzmann’s Coffee“ lesen. Und ich wünsche mir fast, noch in einer WG zu leben.

Hier gibt es mehr zur zwischen/miete in Stuttgart.

Und diese Romane wurden gelesen:

Verena Roßbacher, Schwätzen und Schlachten. Roman. Kiepenheuer & Witsch. Gebunden, 640 Seiten. Köln 2014.

Dorothee Elmiger, Schlafgänger. Roman. Dumont. Gebunden, 142 Seiten. Köln 2014.

Autostadt Stuttgart

Ein völlig überforderter Hongkong-Chinese bittet mich an einer Stadtbahn-Haltestelle um Hilfe. Fast eine Viertelstunde lang erkläre ich die Tücken des Fahrkartenautomaten, lese ihm die Abfahrtszeiten vor und beschreibe die Verkehrslinien. Am liebsten, habe ich den Eindruck, würde mich der Chinese als Wegführer und Dolmetscher mitnehmen. Sein Ziel sind das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum. Sie sind ihm so wichtig, dass er sich morgens übermüdet und verkatert auf den Weg macht, während sein Gastgeber noch den Partyrausch ausschläft. Ich schiebe den Besucher schließlich in seine Bahn und blicke ihm nach. Kraftfahrzeuge: auch das ist Kultur in Stuttgart.

Erstveröffentlicht im „Extrablatt“ von Sibylle Berg und Henning Wagenbreth in der Stuttgarter Zeitung vom 21.2.2013.