Bierguerilla

Die nächtliche Übergabe findet im dunklen Hinterhof statt. Der Botschafter der Bierguerilla hat keinen Bierschmuggler geschickt, sondern überbringt die Lieferung persönlich: ausgesuchte Biere aus regionalen Mikrobrauereien – ganz besonderer Stoff, an den so leicht nicht zu kommen ist. Ein paar Tipps zu Lagerung und Ausschank gibt es obendrauf, dazu sogar noch ein paar Einzelstücke anderer Biere – „die kriegst du so zum Kennenlernen“ –, dann verschwindet der Botschafter wieder in der Nacht. Die Nachbarn haben uns, höre ich später, aus dem Fenster beobachtet.

Es war längst wieder einmal an der Zeit für eine Veranstaltung an meinem ‚Fenster zum Hof‘. An ein Biryani (ein Reisgericht aus den Ländern rings um das Arabische Meer) mit den Fingern hatte ich zuerst gedacht. Dann kamen wir an einem Musikabend in der Küche – wir hörten Strawinskys „Le Sacre du printemps“ und Fugen von Bach – auf die Idee einer Bierverköstigung.

Am Ende stehen fünf Sorten von Ale aus (mehr oder weniger) regionalen Mikrobrauereien bereit. Ein Ale – als kurze Erklärung für diejenigen, die es (wie ich bis vor Kurzem) nicht einzuordnen wissen – ist ein mit obergärigen Hefen gebrautes, ursprünglich einmal hopfenfreies Bier, das klassischerweise in Großbritannien, aber auch etwa in den USA, in Australien oder Belgien gebraut wird. Über die amerikanische Tradition des craft beer, also handwerklich in kleineren Brauereien hergestelltes obergäriges Bier, erreichte das Ale vor wenigen Jahren auch Deutschland und bereichert das ehedem doch recht stromlinienförmig gewordene Angebot. Auch unter Einhaltung des deutschen Reinheitsgebotes kennzeichnet die hiesigen Ales klassischerweise eine erkennbar fruchtige Note. Verschiedene Hefen und Hopfensorten erlauben unterschiedlichste geschmackliche Anklänge – eine neue Dimension des Biergenusses.

Und entsprechend neugierig sind wir alle an einem Frühsommerabend, weit offen das Fenster zum Hof, Wetterleuchten am Himmel.

Bier_Craft beer_Ale_Verkostung

Die Kandidaten

„Wirklich kühl und dunkel lagern“ steht auf dem Etikett des Braumeister Spezials der Cast-Brauerei, denn die Biere aus dem Stuttgarter Heusteigviertel sind nur ein paar Wochen haltbar. In dieser Saison hat Braumeister Daniel Bleicher ein leichtes, frisches Spring Ale vorgelegt. „Eine Duftnote von Holunder“, kommentiert ein Gast. „Ich schmecke Stachelbeere“, meint jemand. „Ananas“, ein dritter Eindruck. Fruchtig ist es definitiv, das Spring Ale mit seinen nur 3,2 % Alkoholgehalt läuft gut runter, aber viele Gäste vermissen doch eine gewisse Markanz. Doch wo viele Menschen, da sind auch viele Geschmäcker: Ein Freund, der kürzlich auf dem Braufest von Cast noch enttäuscht war von seinem Spring Ale, ist jetzt sehr angetan.

Noch frischer zeigt sich das zweite Bier, das Hopfenstopfer Citra Ale aus Bad Rappenau bei Heilbronn. Während die Mutterbrauerei Häffner einen sehr starken Lokalbezug hat, ist die 2008 gegründete Hopfenstopfer-Linie unter Liebhabern inzwischen bundesweit bekannt. Das Citra Ale ist als Single Hop Craft Beer ausgewiesen, es kommt also mit einer einzigen Hopfensorte aus, dem amerikanischen Citra-Hopfen, dafür finden sich in der Schütte gleich sieben verschiedene Malze. Der Name spricht für sich: Das Ale hat ein zitroniges Aroma, es ist ein ausgeprägt (und eher geradlinig) fruchtiges, deswegen nicht süßes, sehr frisches Bier. Ein richtiger ‚Durstlöscher‘! (Wenn man mal davon absieht, dass ich ein alkoholisches Getränk als „Durstlöscher“ grundsätzlich für verfehlt halte.)

Das Zacke ist wieder ein 0711-Heimspiel. Es wird von einem Freundeskreis aus dem Lehenviertel konzipiert und vertrieben, gebraut bei Cast im Nachbarviertel. Das (untergärige) Zacke Rotgold ist in einer Handvoll ausgesuchter Kneipen und Cafés in Stuttgart zu erhalten, das Zacke Pale Ale habe ich nun zum ersten Mal in der Hand. Schon die Flasche besticht: eine elegante „Granatenflasche“ mit gediegenem, leichten Layout auf dem Etikett. Und was das Äußere verspricht, hält auch der Inhalt. Als sehr rund empfinden viele Gäste das Pale Ale mit genau dem richtigen Grad an Bitterkeit. Nur dass das Bier überläuft und schier endlos Schaum ausstößt, verblüfft uns.

Wie schwierig es sein kann, Eindrücke und Geschmäcker in Worte zu fassen, zeigt die vierte Probe, ein Indian Pale Ale von Black Sheep, einem internationalen Braukollektiv aus Freiburg. Das IPA war ursprünglich in Großbritannien gebraut und beliebt bei den Kolonialtruppen in Indien. Damit das Bier die lange Reise und das heiße Klima übersteht, war ein höherer Alkoholgehalt nötig (in Indien sollte das Bier dann mit Wasser verdünnt werden), außerdem wurde es stark gehopft und damit bitterer. Ein Freund, der gerne Bier trinkt, bewertete sein erstes IPA kürzlich in Hamburg als „scheußlich“ bitter und Gästen nicht zumutbar. Ich bin also nervös. Ganz ohne Grund: Ob die Gäste es nun als „angenehm kräftig und am konventionellsten“ oder schon fast gegenteilig als „überraschend, sehr angenehm“ bezeichnen, „gut trinkbar“ resümieren sie alle. Die Hamburger Erfahrung ist widerlegt: Ein fruchtig-hopfiges IPA kann Gäste begeistern.

Zum Abschluss darf der Hopfenstopfer nochmals ran. Das Strong Ale mit seinem verführerischen Namen Dark Red Temptation ist mit seinen 9,0 % Alkoholgehalt ein Dessertbier, dunkel, stark, malzig, mit der Note von kräftigem, bitteren Karamell. Schokoladenkuchen hätte dazu gut gepasst. Den meisten ist es zu mächtig und aufdringlich im Geschmack. Weg ist der Vorrat trotzdem bald und einen Geheimtipp kann ich nicht mehr ausprobieren. Ein Strong Ale reift nämlich angeblich auch weit über sein Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus, ich hätte für die Probe aufs Exempel eine Flasche irgendwo im Keller verstecken können. (Nachtrag: „Das ist voll mein Ding. Unglaublich lecker“, schreibt eben ein früh aufgebrochener Gast, dem ich eine Flasche mitgegeben habe.)

Nach Punkten hätte wohl das Zacke Pale Ale gewonnen, dicht gefolgt vom Black Sheep. Bestechende Bierqualität oder doch (auch) eine psychologische Erklärung? „Das ist reine Empathie, weil ihr den Brauer kennt“, analysiert jemand, denn einer der Zacke-Macher ist an dem Abend auch zu Gast gewesen.

„Vorsicht, da sind alkoholfreie drin“, wird eine späte Besucherin gewarnt, als sie an den Kühlschrank tritt. „Also erst das Etikett lesen.“ Es ist kurz nach Mitternacht und die Ausdauernden gönnen sich von ihrem Favoriten des Abends ein zweites Glas, eine zweite Flasche.

Als die Beatles-Schallplatten durch sind, dämmert der Morgen. Das Bier ist alle, nur eine Flasche Rotwein ist noch geöffnet worden. Die Vorräte waren gut bemessen, die Gäste glücklich. Draußen singen die Vögel den neuen Tag herbei.

Auf den Geschmack gekommen? Hier alle Links gesammelt.

– Die Bierguerilla „für besseres Bier an mehr Orten“ wird in Personalunion mit dem Gärtringer Geschäft sueffisant geführt. Wer aus dem Raum Stuttgart oder Schönbuch feine Biere und Limonaden schätzt, sollte sich unbedingt das Sortiment von Martin Dambach anschauen.
– Die Brauerei Cast und besonders das Zacke aus dem Lehenviertel wurde schon einmal auf Zeilentiger liest Kesselleben vorgestellt.
– Beim Hopfenstopfer war auch einmal Craft-beer.tv zu Besuch. Auf Youtube finden sich viele weitere Verkostungen und Brauereibesuche.
– Sehr angenehm und sympathisch der Webauftritt von Black Sheep aus Freiburg.

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Ein Stern im Süden – Zacke: „Das Bier aus Stuttgarts schönstem Flecken“

„Alter, allerletztes“, knallt der Mann den Plastikbecher mit dem schwarzen Aufkleber („Zacke“ mit Sternchen) auf den Tresen. Es ist langer Samstag im Lehen, die Sterne des Südens – so nennen sich die Geschäfte, Unternehmen, Institutionen und Selbstständige hier vor Ort – präsentieren sich wieder in einem von Stuttgarts reizvollsten Stadtvierteln.

In einem der Hinterhöfe der Gründerzeitzeilen wird zwischen einem kleinen Flohmarkt das Zacke ausgeschenkt – ein außergewöhnliches Bier mit Lokalcharakter, der Braugang zu bescheidenen 120 Litern („ein Witz“, meint einer der Verantwortlichen, eine Rarität jedenfalls schon beim Abfüllen), heute erst zum dritten Mal von den Machern aus dem Viertel ausgeschenkt, zum ersten Mal überhaupt aus dem Fass. Ein Bier, zum Spaß geschaffen und jetzt schon mit so etwas wie Kultstatus in Stuttgart. Nachdem die Presse wenige Tage vorher über das Zacke-Bier berichtet hatte, kommen heute manche Leute aus den Nachbarvierteln, ja aus Vaihingen nur des Bieres wegen zum langen Lehensamstag.

IMG_0742Das „Zacke“ lockt!

Wie kommt man darauf, sein eigenes Bier zu machen? „Wir sind sechs Jungs und trinken gerne Bier, alle bis auf Oli, finden das Stuttgarter Bier aber scheiße.“ („Das Zacke trinke ich aber auch“, wirft Oliver dazwischen.) Und dann wurde das „Zacke“ 2012 als Weihnachtsaktion ins Leben gerufen. Jeder der Sechs aus dem Lehen (die im Alltag alle einem ganz anderen Beruf nachgehen) brachte seine Kompetenzen ein, sie kauften selbst das Malz und alle anderen Zutaten, besorgten sich unter Mühen die auffälligen, langhalsigen Flaschen („Handgranaten“), entwarfen das Etikett – mit seiner ganz eigenen Botschaft über das Bier, das Lehen und das Leben – und beklebten die Flaschen gemeinsam in Olivers Werkstatt.

Gebraut wird das Zacke in der Cast-Brauerei im Heusteigviertel, einer jungen, kleinen Biermanufaktur mit dem Mut zum Neuen und Besonderen. Das Zacke-Bier lagert doppelt so lange wie Industriebier, verträgt schlecht Temperaturschwankungen und ist deutlich weniger lang haltbar – eben ein echtes Naturprodukt ohne untergeschmuggelte Stabilisatoren.

„Wie haben Sie sich auf den Geschmack geeinigt?“, fragt eine Besucherin. Das war bei sechs Leuten anfangs tatsächlich nicht einfach, erläutert Marcus hinter dem Tresen. Als Vorbild wurde schließlich eine kleine Albbrauerei gefunden – „aber unseres wurde besser“. Das Zacke wird in zwei Sorten gebraut: das Lehenviertel Rotgold, malzig, auf eine frische Weise vollmundig, untergärig, und das Lehenviertel Pale Ale, hopfig, obergärig, fruchtig.

Viele Menschen lockt das Zacke in den Hinterhof, viele Gespräche stiftet es und nebenbei hat man die Gelegenheit, beim „Kultmacher – Antikes und Eigenwilliges“ hinter die Kulissen zu schauen: nicht nur in die Ausstellungsräume mit restaurierten edlen oder ausgefallenen Möbeln, sondern auch in die weiträumige Werkstatt dahinter.

IMG_0739Beim „Kultmacher“

Und schmeckt das Rotgold? „Man gewöhnt sich daran“, lacht eine Frau.
„Ein schönes Sommerbier“, sagt ein Gast.
„Bier von hier“, wirbt Marcus.
Ein distinguierter Herr kommt zwischen zwei Einladungen, um das Bier zu kosten – „nur einen Schnitt, ich habe nur eine kleine Pause“.
„Die beste Pause, die Sie je hatten!“, ruft Marcus und schenkt ein. Der Herr kostet mit Kennermiene und nickt zufrieden, bevor er zu seiner nächsten Verabredung zieht.
Ein Vater mit kleinen Kindern kramt die letzten Münzen aus der Tasche, um zwei Flaschen mitzunehmen, und ein englischsprachiger Besucher erkundigt sich hoffnungsvoll, wo das Bier zu beziehen ist – eine Frage, die immer wieder zu hören ist.

Ausgeschenkt wird das Zacke im Lehenviertel in der Gaststätte „Lehen“, im „Café List“, der Trattoria „Franca & Franco“, über das Viertel hinaus auch im „Aussichtsreich“ und im „Lichtblick“ – ein Testversuch mit eindeutigem Ergebnis: Das Bier wird begeistert angenommen und die Flaschen aus einem Braugang sind rasch ausverkauft. Zwei, drei Kästen werden noch im Zeitungsgeschäft „Schlagzeile“ beiseite gestellt, wer also schnell genug ist und sich den Kasten leisten will (günstig ist ein solches Bier natürlich nicht, die Zacke-Macher verdienen daran trotzdem praktisch nichts), kann hier also fündig werden. In der „Schlagzeile“ werden übrigens auch einzelne Zacke-Pfandflaschen zurückgenommen. Und die Zacke-T-Shirts finden inzwischen auch schon guten Absatz.

IMG_0740Drei der Zacke-Macher

Das Fass geht zur Neige, Marcus ruft zwischen Ausschank, Zigarette und vielen Fragen von Besuchern seine Zacke-Mitstreiter an. Endlich, Michael und Winfried bringen ein neues Fass, das Rotgold fließt wieder, der Ausschank kann weitergehen.

Abends gibt es dann ein Zacke-Bier-Release im Nebenzimmer des „Lehen“ – ein einzelnes, einmaliges Fässchen. Das auf Plakaten angekündigte Geheimbier entpuppt sich als ein Weizendoppelbock, sehr hochgehopft und stark mit 6,8 %. Bitter trifft es die Zunge und wird mit jedem Schluck fruchtiger. Und ist sehr gehaltvoll, wirklich ein Bier wie eine Mahlzeit.

„Es macht Spaß und ist eine schöne Viertelaktion“, resümieren die Zacke-Macher. Hoffentlich macht es noch lange weiter Spaß. Dass derzeit eine Website fürs Zacke aufgebaut wird, lässt jedenfalls auf einige weitere Braugänge hoffen. Und eine schöne Viertelaktion ist es tatsächlich. Gästen werde ich jedenfalls in Zukunft Bier im heimischen Lehen anbieten. Nur eines gibt es zu beanstanden: Dass ich auf meine Bekanntschaft mit dem Zacke-Pale Ale noch warten muss.

Das Zacke-Bier im Internet (Teaser, Seite im Aufbau)

Die Cast-Brauerei im Internet