Die hohe Kunst, Gastgeschenke zu machen

Die letzten Gäste tragen einen schwarzen Röhrenfernseher in den Flur. „Hier, bitte sehr, der stand auf der Straße, wir dachten, wir bringen ihn dir als Gastgeschenk mit, du hast ja keinen.“ Wir schauen auf den Fernseher herab wie auf ein erlegtes Tier, sein totes Auge glotzt zurück. „Wein kann ja schließlich jeder“, triumphieren die stolzen Jäger und setzen sich zu den anderen. Der Fernseher bleibt als Stolperfalle mitten im Flur stehen.

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„Einmal“, würdigt eine Besucherin gegenüber den Neuankömmlingen, „hatten wir vergessen, rechtzeitig ein Hochzeitsgeschenk zu besorgen. Also haben wir beschlossen, an jeder Tankstelle zwischen Freiburg und Tübingen anzuhalten und etwas mitzunehmen. Immer den größten Mist, den es in der jeweiligen Tankstelle gab. Ich glaube, wir sind auf zwölf Stopps gekommen, ein Haufen von Blödsinn. Das Hochzeitspaar war begeistert.“

Alle nicken: Ja, die hohe Kunst, Gastgeschenke zu machen. Der Fernseher wird am Ende trotzdem wieder mitgenommen – gemeinsam mit der letzten Flasche Wein, um die Party andernorts weiterzufeiern – und zurück zu seinem großen Bruder auf die Straße gestellt. Auch sie sind in der Nacht noch weitergewandert. Am nächsten Tag stehen an der Stelle zwei Plattenspieler.

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