Strandgut, gebunden und geleimt

Eine Stöckchengeschichte, zugeschoben von Danares

Welches Buch liest Du momentan?

Ich bin ein miserabler Leser. Ich fange ein Buch an, lasse es liegen, beginne das nächste, vergesse es, greife nach dem dritten, lege es nach ein paar Seiten auf den Stapel, ziehe das erste unten wieder hervor, nur um dann doch ein viertes in die Hand zu nehmen. Im Grunde geht das endlos so weiter. Habe ich sechs oder zwölf Monate gar nicht in einem Buch gelesen, wandert es wieder ins Regal, bis zum nächsten Versuch. Das ist der einzige Grund, weshalb die Stapel nicht irgendwann umfallen.

Innerhalb der letzten vier Wochen habe ich, so scheint mir, in acht Büchern gelesen, die ich noch nicht zu Ende gebracht oder aber aussortiert habe. (Bücher oder Manuskripte, die ich aus rein beruflichen Gründen lese, sind ausgenommen.) Einige davon sind schon seit Jahren in meinem Besitz, nur zwei der acht habe ich mir selbst innerhalb des letzten Quartals gekauft. Wer sich je gefragt haben sollte, weshalb zeilentiger liest kesselleben niemals ein Literaturblog sein könnte, hat hier ein paar Gründe parat.

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Ivan Vladislavić, „Johannesburg. Insel aus Zufall“ (A1 Verlag 2008). Keine Neuerscheinung mehr, trotzdem eine Bestellung von der letzten Frankfurter Buchmesse. Ein Stadt- und Alltagsporträt, was ich als Genre gerne mag, wenn die Ausführung stimmt. Die von Vladislavić tut es.

Ariel Dorfman, „La muerte y la doncella“ aus Reclams roter Reihe Fremdsprachentexte mit Worterklärungen unter jeder Seite. Die benötige ich auch. Und nein, bislang haut mich das Bühnenstück nicht von den Socken. Weil ich zu wenig von dem Spanisch verstehe? Die Verfilmung von Roman Polanski habe ich übrigens noch nicht gesehen. Ich hatte mir irgendwann einmal vorgenommen, zuerst das Buch zu lesen.

Franz Innerhofer, „Schattseite“ (Suhrkamp 1979), der Nachfolgeroman des Erstlings „Schöne Tage“, die kompromisslose Aufarbeitung einer Kindheit auf einem Salzburger Bauernhof – in einem vollkommen rohen Milieu, an dem der junge Innerhofer in den 50er Jahren schier zugrundegegangen wäre. Ein sehr beeindruckender literarischer Befreiungsakt. Dass Innerhofer später trotzdem dem Suff und schlussendlich dem Suizid erlegen ist, verwundert nach der Lektüre trotzdem nicht.

Rabindranath Tagore, „Der Gärtner“ (Kurt Wolff Verlag 1921). Irgendwie ist mir der alte Tagore ja sympathisch, aber mal ehrlich, seine „Liebes- und Lebensgedichte“ treffen dann doch einfach keinen elementaren Nerv. Nicht hier, nicht heute. Am besten gefällt mir an der Ausgabe der Geruch des alten Papiers – wie ein Hauch von Bourbonvanille.

Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“ (Hanser 2013). Ein Spontankauf im Stuttgarter Literaturhaus. Ich liebe Reisebücher, ich interessiere mich für den Nahen Osten, ich schätze schön gestaltete Hardcover. All das rettet das Buch trotzdem nicht. Schäuble kommt mir bisher als ziemlich fader Möchtegern-Büscher vor, eine Hohlmenschreportage. Eigentlich würde ich ja gerne mal wieder eine Neuerscheinung auf dem Blog über den grünen Klee loben, aber mit diesem Buch wird das nichts, fürchte ich.

Peter Fleming, „Brasilianische Abenteuer“ (Rowohlt 1958). Ein Weihnachtsgeschenk von unerwarteter Seite. Wieder ein Reise-, genauer ein Expeditionsbericht – in dem es im Übrigen um das Schicksal genau jenes Colonel Fawcetts geht, dem der Berenberg Verlag 2013 eine Neuerscheinung widmete – aus der Feder eines echten Briten. „Es gibt, nehme ich an, solche Expeditionen und solche. Ich muß sagen, daß es während dieser sechs Wochen in London so aussah, als würde sich die unsere in keine der beiden Kategorien einordnen lassen.“

Anita Moorjani, „Heilung im Licht. Wie ich durch eine Nahtoderfahrung den Krebs besiegte und neu geboren wurde“ (Arkana 2012) ist, wie soll ich sagen, eines jener gewissen Weihnachtsgeschenke eines Menschen, der es nur ganz und gar gut mit einem meint. Immerhin muss ich zur Rettung des Buches anführen, dass ich gestern einen Satz darin gefunden hatte, der mir wichtig genug erschien, aufzustehen und ihn mehrmals laut aufzusagen. Und bin ansonsten nur aus tiefstem Herzen dankbar, dass es keinen aktuellen biographischen Anlass gibt, mich derzeit an dem Thema Krebs abzuarbeiten.

Reza Haidari Kahkesh und Babak Haidari Kahkesh, „Gaumenfreuden aus Persien“ (Regura Verlag 2004), ein sehr hübsches, sehr sympathisches und sehr brauchbares persisches Kochbuch. Die einzige Zweitlektüre unter den genannten Büchern, da ich demnächst wieder einmal Gäste persisch bekochen möchte. Erst recht nach einem Besuch vor ein paar Tagen in einem entsprechenden Restaurant vor Ort, der uns alle überaus unbefriedigt gelassen hat. Da kann man unter der Anleitung der beiden Haidari-Brüder selber wirklich Besseres leisten.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Ja. In bester, wenn auch sehr, sehr verschwommener Erinnerung ist mir, wie unser Vater der ganzen Familie die Tarzan-Romane von Edgar Rice Burroughs vorgelesen hatte. Aus Ausgaben, die er von seinem Vater hatte, noch in Frakturschrift. – Weil ehrlichgesagt auf diese Frage den „Kleinen Hobbit“ genannt hatte: Das ist das Buch, das ich selbst bereits am häufigsten vorgelesen habe, das mein Bruder gerade eben seinen Kindern vorgelesen hat und das selbst nochmals vorzulesen ich hoffentlich noch Gelegenheiten in meinem Leben bekommen werde.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Ich würde gerne Jorkens für seine Lügengeschichten im Club einen Drink spendieren (Lord Dunsany, „Jorkens borgt sich einen Whisky“), mit munteren Freunden die Themse hinabrudern (Jerome K. Jerome, „Drei Mann in einem Boot“), John Steinbeck auf seiner „Reise mit Charley“ quer durchs Land begleiten, mit Ray Bradbury, Tom Drury („Die Traumjäger“) oder Dan Simmons („Monde“) durch eine sommerglühende abendliche Kleinstadt spazieren und überhaupt gerne jeden Sommer genießen, dort wo sich an mehr oder weniger sorgenfreien Tagen die Schultern bronzen färben. Und ich wäre gerne H.G. Wells gewesen, wenn das als Antwort gilt.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den/die Du mal regelrecht verliebt warst?

Juna im Netz und Danares haben recht, das ist eine Mädchenfrage. Ich würde jetzt trotzdem gerne einen Namen nennen. Aber es fällt mir leider keiner ein. Zumindest eine platonische Männerfreundschaft kann ich nennen: Ich beneide Calvin glühend um seinen Hobbes.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen?

Das „Handbuch für den gewitzten Stadtkrieger“ vom Barfußdoktor, um nur eines zu nennen. Obwohl, eigentlich würde ich das Buch sogar gerne und immer wieder hergeben (wenn auch nicht unbedingt mit dem blöden Cover der derzeitigen Taschenbuchausgabe, daher setze ich hier auch keinen Link). Solange ich irgendwoher ein anderes Exemplar auftreiben kann.

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Es gibt ja so Bücher, die einen immer wieder regelrecht aufschreien lassen, weil da Sätze drin stehen, die … einfach zum Schreien gut sind. Leider fällt mir jetzt partout keines ein. (Da fragt man sich jetzt wahrscheinlich schon, wofür ich eigentlich lese, nicht wahr?) Also suche ich nach einem guten letzten Satz und finde das: „Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.“ (Christian Kracht, „1979“).

Wer Spaß daran hat, darf das Stöckchen gerne aufgreifen und dabei Fragen weglassen oder hinzufügen, doch besonders neugierig wäre ich auf die Antworten von Mikkoon und Zonenmädchen. Und nein, keiner meiner Vorsätze fürs neue Jahr hat irgendetwas mit Büchern zu tun. Strandgut, Stapelbauen, Zitatevergessen – das alles wird einfach so weitergehen wie bisher.

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In einen Buchenstab geritzt, irgendetwas über Heimat

Nein, es ist keine Natter

Da stutzte ich, als ich das Stück Holz vor meiner Tür fand, ein kurzer Buchenstab, von jemandem mit Bedacht dort abgelegt. Was war das, wie ging man damit um? Merkwürdige Bilder stolperten durch den Kopf: der Drang, das Stöckchen auf allen Vieren zu apportieren; ein Misstrauen, es könnte sich irgendwie als hinterlistige Giftnatter entpuppen; Erinnerungen an vor Zeiten aufgeschnappte altertümliche Erbsitten („Der Speer entgleitet meiner schwachen Hand. Sohn, nimm du ihn auf und führe ihn weiter“). Alles Unsinn natürlich, es ist nichts weiter als mein erstes Bloggerstöckchen, zugeworfen von der lieben Xeniana („Familienbande“). Die eingeritzten Fragen hatte sie dem hochverehrten Max Frisch abgerungen. Also her damit, Herr Frisch! Und herzlichen Dank für die Ehre, Xeniana!

1.Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?

Es gab da einen Familienurlaub – in dem Sommer, in dem ich schwimmen lernte –, da begegneten wir auf einem Abendspaziergang ein paar Menschen, die etwas taten, was nicht gefiel. Voller Abscheu sagte meine Mutter „und wahrscheinlich sind es auch noch Deutsche“. Sie waren es. Was man von der Situation (und nicht zuletzt der Reaktion meiner Mutter) auch immer halten mag, es war für mich sicherlich die Wurzel für ein gewisses Fremdschämen für die eigenen Landsleute. Manchmal waren mir Begegnungen in der Fremde auch dann lästig, wenn es ganz und gar keinen Grund gab, sich für das Verhalten der Landsleute zu schämen. Vermutlich, weil das Vertraute den Zauber der Fremde – und den selbstgestrickten Mythos der eigenen Rolle in dieser Fremde – zu zerstören drohte. Aber eigentlich ist die Sache mit dem Heimweh viel einfacher: Je weniger ich die Sprache des Gastlandes beherrsche, desto mehr weckt eine Stimme in der vertrauten Muttersprache Heimweh.

2.Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders:

a die Landschaft?

c.das Brauchtum?

Was (und wo) ist denn b?

Nun muss ich erst einmal darüber nachdenken, was Heimat für mich ist. Ein Versuch: Eine Landschaft (geographisch wie kulturell), in der ich seit rund 20 Jahren nicht mehr lebe, die ich aus familiären Gründen gelegentlich und gerne bereise und mindestens so gerne wieder verlasse. Alles, was später kam, ist Heimstatt geworden, aber nicht Heimat.

Heimat, zweiter Versuch: Ein Gruß, der auch dort, wo er herkommt, längst nicht von allen verwendet wird, und der dort, wo ich wohne, unbekannt ist. Wenn ich ihn doch einmal hier oder an anderen Orten, wo er nicht zu erwarten ist, höre, zaubert sich – schneller als ein Gedanke – ein Lächeln in mein Gesicht. Diese Heimat vermisse ich (auch wenn ich mich einst, damals noch „zuhause“, lange dagegen gesträubt hatte) sehr.

Heimat, dritter Versuch, augenzwinkernd: Nach einem fürchterlich langen Tag auf der Straße komme ich spätabends in einer Gaststätte irgendwo im Grenzgebiet zwischen Ober- und Niederösterreich an, ein paar Hundert Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Der Wirt grüßt und fragt: „Magst’ ein Bier?“ „Gern“, antworte ich nur. Und der Wirt stellt ein Weißbier vor mich hin. Ich grinse und denke mir: „Dahoim, das ist dort, wo man auf die Frage nach einem Bier ein Weizen hingestellt bekommt.“

3. Welche Speisen essen Sie aus Heimweh und fühlen sich dadurch in der Welt geborgener?

Beim Essen hatte ich immer schon Fernweh, nicht Heimweh. Küchen, die weit entfernt liegen von der heimischen, haben mich nicht nur gelockt, sondern sie lassen mich auch längst geborgen fühlen. In der Küche ist mir Kreuzkümmel etwa Heimat, ganz gewiss nicht der Schnittlauch, den es früher bei uns zuhause in jedem Garten gab.

Trotzdem gibt es zwei ‚klassische’ Gerichte, die mir ganz für Heimat stehen: Zum einen Krautkrapfen. Salzig-fetttriefender Himmel auf Erden. Ich esse sie grundsätzlich (und meist als einziger am Tisch) nur mit den Fingern, so sehr Heimat sind sie. Gabel und Messer würden alles zunichte machen. Und der Kartoffelsalat (ohne Mayonnaise, mit Paprika, Oliven, Knoblauch, Gürkchen) meines Vaters zu gebackenem Käse (panierten Hartkäsescheiben), eine gewisse Zeitlang das traditionelle Essen zu einem wichtigen Jahresfest. Und dann wäre da natürlich noch etwas zu deutschem Brot zu sagen, aber das wird eine andere Geschichte.

4. Wieviel Heimat brauchen Sie?

Eine Tür, die ich hinter mir schließen kann. Vertraute Menschen, wenn ich die Tür wieder öffne. Eine gemeinsame Sprache mit meiner Umwelt.

5. Was macht Sie heimatlos?

Keine gemeinsame Sprache zu finden.

6. Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?

Feinde? Ich fürchte das Urteil Fernstehender mehr als das Nahestehender. Ich suche das Urteil Letzterer und im schlimmsten Falle wird es wütende Abwehr hervorrufen – eine Energie, die Bewegung und damit Entwicklung erlaubt. Das Urteil Fernstehender kann mich leichter entmutigen und mir die Dynamik rauben. Das ist dann Stillstand. Ach, oder ist es doch ganz anders?

7. Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?

Ja. – Dieses kurze Wort hat mich einiges an Zeit gekostet.

Das Holz wandert weiter

Wem kann man ein Stöckchen weitergeben, ohne lästig zu werden? Ich versuche es einmal mit Danares.mag und Paintblotch. Eigentlich würde ich es gerne auch an Essays & Other Writings weitergeben, aber im Augenblick bin ich zu faul, es ins Englische zu übersetzen. Es sei aber jedem und jeder freigestellt, auch unaufgefordert das Stöckchen zu schnappen – vielleicht ist es ja irgendwo vom Wege abgekommen.

Und das ist ins Stöckchen eingeritzt:

1. Was war an deiner Kindheit einzigartig?

2. Was lässt dich jeden Morgen aufstehen?

3. Glücklich macht dich …

4. Du hasst …

5. Wenn du ein Naturphänomen wärst, wärst du …

6. Wen oder was zitierst du am häufigsten?

7. Die Welt geht unter und du hast in deiner Tasche noch Platz für ein Musikalbum, das du mit auf den Mond nehmen kannst. Was wählst du?

8. Und welche zehn Lebensmittel mit auf die Insel?

9. Ein großartiges Kunstwerk ist …

10. Ein Spiel: Stell dir vor, du lebst im alten Mesopotamien. Dir wird während einer mehrtätigen Abwesenheit die Holztür deines Hauses gestohlen – in den baumarmen Ebenen dummerweise der teuerste Einrichtungsgegenstand deines Hauses! Du hast deinen missgünstigen Nachbarn im Verdacht, aber es fehlen dir die handfesten Beweise. Was tust du?

a) Du gibst dir keine Blöße, tust alles mit einem Schulterzucken ab und kaufst dir eine neue Tür aus importiertem Zedernholz.

b) Du trittst vor den Nachbarn, forderst lautstark Wiedergutmachung und vertraust auf die Gewandheit deiner Zunge oder im schlimmsten Falle die deiner Fäuste.

c) Du gehst schnurstracks zum Richter und erstattest auch ohne ernsthaften Beweis Anzeige gegen den Nachbarn.

d) Du opferst im Tempel eine Taube für gutes Gelingen deiner perfiden Rache und lässt dann ein paar Kontakte im Handelsviertel spielen. Die nötigen Schmiergelder sind es dir vollkommen wert: Den Nachbarn wirst du ganz langsam finanziell ausbluten lassen …

11. Bruce Willis oder Michael Douglas?