Wanderer in der Nacht

Zum Abschied leuchten mir Geißhorn, Hochvogel, Großer Daumen, Widderstein noch einmal schneeweiß auf. Das Massiv der Zugspitze im Osten entflammt im Licht der untergehenden Sonne orangefarben, die Nagelfluhkette gen Bregenzer Wald beschattet sich bereits. Mir ist eigenartig traurig und mutlos zumute. Im Norden, wohin der Zug sich wendet, dunkle Wolkenbänke.

*

Es lacht die Gesellschaft am großen Tisch. Weingläser heben sich blitzend ins Licht, Worte wie „Klappentext“ oder „Verlagskanäle“ retten sich aus dem Stimmengewirr. Am kleinen Tisch, einen halben Raum entfernt, sitzt der einzige andere Gast, ein Lektor, hungrig vom langen, späten Treffen mit dem Herausgeber, dem Büro entronnen, und lächelt milde in seinen Primitivo.

*

Güterzüge schneiden sich durch die Nacht, eine junge Frau kotzt, locker sitzt die Aggression der Männer, ein altes Wesen irrt von Bahnsteig zu Bahnsteig auf der Suche nach Pfandflaschen oder ein bisschen Linderung des Schmerzes längst verlorener Hoffnungen.

Und du lässt dir ein Fell wachsen, als wärst du ein Tier.

Tiger_Bar_Nacht

ایها المسافرون في الیل

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9 Gedanken zu „Wanderer in der Nacht

  1. Oh, dieser Fellsatz, da passiert was in mir! Die Erinnerung wellt die Haut auf, Spannung birst die normale Struktur, der Nacken härtet sich und Rücken wölbt sich wie bereit zum Ansprung. Hartes, nadelstichiges Gefelle schießt subkutan befeuert aus dem sonst so weichzartem Hautkostüm und ein Grollen wellt sich die gerauhte Kehle hinauf. Fingerknöchelchen biegen sich, werden kralligkrawallig und alle Sinne geysieren sich in explosiver Vereinigung. Abwarten, lauern, Angst beleidigt stinkend die Nase und ein Rauschen wie überlagerte Frequenzen schmerzt das Ohr. Das Auge nimmt die Flucht vorweg und probt die Hasenmanier, zickzackt sich durch die Räume, stenografiert pupillig hastig umwimpertes Kopfkino. Zittern. Dann ein ganzkörperliches Seufzen. Entspannung und weiches Sicherheitsanlanden im inneren Meer der Erlebbarkeit. Diesmal nicht. Diesmal nicht ich. Diesmal nicht irgendwer. Mit jedem ’nicht‘ sanftwollt sich rauwarige Weichheit aus der Haut, die Borsten legen sich beruhigt nieder und der Athem begradigt die mutierten Krallen zu ihrem Schönstsinn zurück. Hände. Reichend und tröstend. Sich und andere. Diesmal nicht Schmerz, diesmal Vertrauen. Es duftet nach Vanille. Der innere Kalfaktor schließt die Zellen der üblen Erinnerungsgesellen und hat Kuchen gebacken. Für alle.

    Verzeihen Sie bitte diese Silbeneruption, lieber Zeilentiger, aber ich lasse sie erstmal hier stehen. Nun durchathmen. Dann kopieren und wegsperren…

    • Frau Knobloch, ich muss Ihnen nun danken: Für Ihre feinfühlige Offenheit, sich so einzulassen auf die Zeilen und sie weiterzuspinnen, weiterzudenken und -fühlen bis zu Ihrer völlig eigenen Deutung. Und danke für Ihr Vertrauen, dies diesem Blog anzuvertrauen. Jetzt muss ich auch durchatmen!
      Seien Sie herzlich gegrüßt

      • Lieber Zeilentiger,

        Sie kennen das, wenn die Worte förmlich aus einem heraus kaskaden und man weiß, jeder Zwischengedanke unterbräche den Strom. So war das hier. Ich habe den Kommentar inzwischen bei mir zwischengespeichert und mehrfach tief vertikal durchgeathmet. Vielleicht katalysiert er ja eines Tages die Geschichten dahinter bis hin zum Notat.

        Ich grüße Sie herzlich zurück, stets die Ihre und natürlich zugetan.

  2. Weißt Du was, lieber Gestreifter, das hast du wieder so geschrieben, daß es sich ins Herz einschleicht und an alle, denen jetzt das Fell gewachsen ist: Beim nächsten Vollmond an der Biegung des Flusses…ich wär bereit, den Sprung zu wagen…Liebe Grüsse

  3. Herr Zeilentiger, Sie grossartiger Chronist am Schattensaum der Ereignisse.
    Beim Mitlesen verdichten sich die Bilder flackerlichtig zu einem Film und führen in einen Streifen von Luis Buñuel.
    Ich danke Ihnen, dass Sie nicht zögerten, dies aufzuschreiben und hier zu präsentieren.
    Schöne Grüsse aus dem Bembelland

    • „Chronist am Schattensaum der Ereignisse“ – das, lieber Herr Ärmel, werde ich mir notieren. Und dann sogar Buñuel. Ich danke Ihnen!
      Herzliche Abendgrüße aus dem Kessel

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