Willkommen im Düsterwald

Münsingen bei Nacht begrüßt den Wanderer nicht, der nach zwölf Stunden Marsch in der Dämmerung einläuft.

Doch, die Verwalterin des Gästehauses ist freundlich. Als sie nach ein paar Minuten Plausch den Ort wieder verlässt, ist der Wanderer allein in dem mehrflügeligen Bauwerk am Rande des Waldes. Kein Geräusch in dem langen Korridor, in dem er sein Zimmer hat; kein Licht aus den Fenstern des gegenüberliegenden Flügels, schwarz starren sie herüber.

Die Gassen liegen dunkel da unter einem hinter Wolken halb verborgenen Vollmond. Es ist, kaum Abend, schon Nacht, nur vereinzelt brennen Straßenlaternen, die wenigen Menschen schneiden den Fremden, er ist Eindringling. Nur die jungen Leute in der Fahrschule und der Yogakurs im Stadthaus zeugen von so etwas wie einem zivilisierten öffentlichen Leben nach Sonnenuntergang.

Ein Wirtshaus zu finden, ist nicht so leicht. Ich habe die Wahl zwischen zwei, drei armseligen Kaschemmen mit traurig blinkenden Lichterketten; einer verlassenen Dönerbude (ich sehe nicht mal den Verkäufer); und einem teuren Restaurant, bio und regional, alles super, aber in Attitüde und Preisklasse jenseits meiner Welt. Ich gehe trotzdem hinein. Alles andere wäre zu deprimierend. Irgendwie erinnert mich diese Stadt an dieses Werwolfspiel.

Ich bestelle Kässpatzen und werde korrigiert: „Kässpätzle“. Weinkarte, Gruß aus der Küche, das Essen wird mir am Tisch aus der Pfanne serviert, die Kellnerin schöpft mit Löffel und Gabel in einer Hand, die andere vornehm auf dem Rücken. Was für ein Getue. Mir stellen sich die Haare auf.

Vielleicht bin ich ja der Werwolf.

*

Zehnstündiges Delirium, alle Traumfiguren reduzieren ihre Eindrücke und Aussagen immer wieder auf ein einziges, oft aber absurdes, weil die Sache ganz verfehlendes Wort.

*

Münsingen bei Tag, das sind diese typischen Gespräche an der Ladentheke – „So isches halt im Läba“ oder „Gflickt isch gflickt. Isch halt wia beim Auto“ über die Gesundheit.

Es ist der Mann mit Wuschelkopf und schwarzer Lederhose, der auf dem Gehsteig das Gesicht ganz tief in ein Taschenbuch beugt, über der Brust, nein, unter dem Bauchnabel ein Kreuz an einer langen Kette.

Es ist das Haus „Germania“, ausgerechnet und nicht unsympathisch, das das Asylcafé beherbergt und eine offene Bibliothek, 5000 Medien zum kostenlosen Mitnehmen – „ohne Formalitäten“.

Es ist das Lädchen für Munition und Waffen mit der niedrigen Tür und dem Foto einer israelischen Soldatin im Schaufenster.

Münsingen, das ist auch der fremde Wanderer, der die Stadt gen Südosten verlässt.

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14 Gedanken zu „Willkommen im Düsterwald

    • Liebe Maren, danke dir! Die Ostergrüße zu erwidern, dafür ist es zu spät; ich hoffe, du hattest schöne Feiertage! (Dein Foto sieht ganz danach aus.) Herzliche Grüße

  1. Ganz grosses Kopfkino, lieber Zeilentiger. Vielen Dank dafür.
    (Warum fällt mir ausgerechnet jetzt Caliban über Setebos ein?)
    Osterherzliche Grüsse aus dem Bembelland

  2. Feine Leselabsal. Lebenskleinstadtchaos! Solche Spiele gucke ich erst gar nicht. Habe mir jedoch überlegt, ob der Herr Zeilentiger seine Wanderungen leicht schillerig marbacherisch angezogen antritt? Weißes Hemd, schwarze Knickerbocker, das Minischwert an der Seite baumelnd. Wer weiß.

  3. Die Alb ist nicht einfach. Jeder, der nur irgendwie konnte, der ist ihr entflohen, sie hat nur sehr schwer erschliessbare Reize. Und Münsingen ist ganz harte Kost. Da geht man in den Keller runter zum Lachen. Da können die nix für, das ist die evangelische Malaise, die sich über das Land gelegt hat, mit gefühltem Pietismus.
    Aber auch verständlich. Man musste dort das täglich Brot ganz hart abringen vom Acker, viele Steine gab’s. Und doch, das habe ich schon ganz früh bemerkt, als ich dort mit dem Fahrrad unterwegs war, ist dieser Menschenschlag da oben äusserst angenehm, wenn es wirklich mal darauf ankommt.

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