Eine erste Orientierung

Der deutsche Besucher und sein libanesischer Gastgeber warten in einer Mall, bis dessen Verlobte ihr Shopping beendet hat. „Es macht mich glücklich“, wird sie später sagen. Vor Stunden ist bereits die Nacht hereingebrochen, noch immer strömen die Menschen aus den abgasgeschwängerten, von Autohupen hallenden Tiefgaragen herauf in die Geschäfte und Balustraden. Die Produkte internationaler Ketten – Kleidung und Fastfood führen – sind weltweit austauschbar. Wo sind die Bücher, wo ist Musik, frage ich mich. Wo ist Kultur? Ich sehe sie hier so wenig wie in einem deutschen Einkaufszentrum. Der Strom lachender Menschen auf Beutezug, auf der Suche nach Zerstreuung, mir zuerst zuwider, lullt mich allmählich ein. Es wird mir warm und milde.

„Ich habe mich gefragt, ob Beirut die nördlichste arabische Hauptstadt ist“, sage ich.
„Du stellst vielleicht komische Fragen …“
„Beirut liegt etwas nördlicher als Damaskus. Bagdad ist ungefähr auf gleicher Höhe wie Damaskus.“
„Wie, Bagdad ist nicht nördlicher als Damaskus?“
„Nein, das habe ich geprüft. Aber bei einer anderen Sache bin ich ganz unsicher. Was ist mit Tunis, mit Algier? Liegen die vielleicht nördlicher als Beirut?“
„Aber nein. Die sind doch am südlichen Rand des Mittelmeers, Beirut aber am östlichen, also muss Beirut nördlicher liegen.“
„In Ordnung, in Libyen geht die Küste weit nach Süden, aber dann ja mit Tunesien wieder direkt nach Norden. Deswegen bin ich mir unsicher.“
„Ich glaube nicht, sicher nicht weit genug. Das ist bestimmt alles südlicher.“

Heute habe ich es nachgeprüft: Tunis, Algier und sogar Rabat liegen (in dieser Reihenfolge) alle nördlicher als Beirut.

Libanon_Mittelmeer_Küste_Wellen_Winter

Das Meer donnert an die phönizische Küste

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23 Gedanken zu „Eine erste Orientierung

  1. Ein schönes Lehrbeispiel aus dem alltäglichen Leben.
    Wir haben uns früher auch gerne mit geografischen Rätselfragen beschäftigt. Zum Beispiel: Könnte man in Peking ein Loch senkrecht bohren und durch den Erdmittelpunkt weiter – wo käme man heraus?

    Abendschöne Grüsse aus dem rätselhaften Bembelland

    • Ja und, wo sind die Antworten Ihr Gscheiterln? Ich bin wieder die einzige, die´s weiß: wenn man bei uns in Rosenhausen durchgräbt, dann kommt man in Australien wieder raus und das dann auch noch verkehrt rum, das is nämlich der Clou! Liebe Grüsse!

    • Also, Herr Ärmel, das mag ich schon, einer alten GRAU -Gans (grau, grau, grau, Herr Ärmel, und ziemlich zahm, die Wildgans ist die andere, die vom Fluß, glaub ich) – den Sinn mit so schweren Fragen zu verwirren und der Wildkatzenbruder steht daneben und kommt auch nicht zu Hilfe, also, da flieg ich jetzt weg, bohrt´s Euch doch alleine durch Peking, werdet schon sehen, was dabei rauskommt…

      • Jesses, jetzt flattert sie aber energisch mit ihren gar nicht lahmen Flügeln. Ich wüsste jetzt inzwischen auch furchtbar gerne, wo ich da rauskäme durch Peking durch, aber ohne Globus im Haus ist es nicht ganz so bequem herauszufinden. Pfiat di, gute Graugans, und flieg net gar zu weit.

  2. Man kann den Donner förmlich spüren.
    Das mit den „komischen Fragen“ gefällt mir, da werden Dinge aufgeworfen, über die man noch nie nachgedacht hat.
    Ein gutes Neues Jahr aber noch.

  3. Lieber Wildkatzenbruder, wünsch Dir ein gutes Neues Jahr, auch diesmal ohne nennenswerte Käfighaltung und ich hoffe, Dein Bericht geht weiter, interessiert mich brennend!

    • Liebe Graugans (fast hätten die Finger „Fraugans“ getippt, gerade noch korrigiert), vielen Dank, das wünsche ich dir auch. Dass du frei fliegen kannst, wenn’s dir danach ist und den Rest in aller Ruhe am Bach oder sonst einem Lieblingsplatz verbringen kannst. Und ja, der Bericht wird weitergehen, das hoffe ich doch auch.

  4. Gibt es denn in Beirut auch Souks? Das dürfte doch spannender sein, wenngleich die Orientierung dort bei weitem schwieriger wäre. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung 😀

    • Für mich wäre das definitiv spannender, aber offensichtlich sind da die Bedürfnisse unterschiedlich. 🙂 (Von klassischen Suqs in Beirut weiß ich zumindest nichts, aber schöne Einkaufsstraßen wird es schon geben. Ich war in einem Suq in einer anderen libanesischen Stadt – sehr hübsch, aber definitiv zu klein zum Sichverlaufen.)

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