Der Schweigsame

Seine beiden Brüder arbeiten im Ausland. Er pendelt sechs Tage die Woche über die vom steten Infarkt bedrohten Straßen in die Hauptstadt oder vielleicht hat er dort auch ein Zimmer, das weiß ich nicht mehr. Er ist Elektroingenieur, arbeitet mit Systemen aus Deutschland, aus Frankreich. Im Ausland war er noch nie, außer in der Türkei auf einer Geschäftsreise. Sein Jahresurlaub beträgt 15 Tage, in diesem noch jungen Jahr hofft er, seinen Bruder in Deutschland besuchen zu können. Im Sommer ist er an den freien Tagen im elterlichen Haus in den Bergen. Alle gehen im Sommer, wann immer es möglich ist, in die Berge, zurück zu ihren Wurzeln, dorthin, wo sie einst herkamen und noch immer Grund und Boden besitzen und Olivenhaine verpachten und ihr eigenes Öl produzieren.

Dort geht er auch auf die Jagd. Die Jagd auf Vögel hat Tradition im Libanon; stapft man über Felsen zu den Katakomben aus antiker Zeit, stoßen die Stiefel gegen leere Patronenhülsen. Die Zahl der Zugvögel nimmt stark ab. Er zeigt mir Fotos von Kühlerhauben voller erlegter Vogeltiere. Manche kennen keine Grenze, sagt er. Manche jagen unfair, erklärt er. Die Jagd ist seine Leidenschaft, vielleicht seine einzige. (Wochenends dann Parties: harmlose Geselligkeit, ein Tisch voller Vorspeisen, Musik, Wodka. Er ist maronitischer Christ.) Hobbies kennen viele nicht in den arabischen Ländern, unseren Zwang zur unentwegten individuellen Perfektionierung noch weniger. Es ist eine Wir-Gesellschaft, keine Ich-Gesellschaft wie die unsrige. Wer jung ist, lernt oder eher noch: lernt und arbeitet. Später schuftet er, wenn er das Glück hat, eine feste Arbeit zu haben, und in der restlichen Zeit sitzt man mit der Familie zusammen (Zigarette, Essen, Kaffee, und immer noch mehr Essen und dazwischen Blicke auf den Fernseher, der immer läuft), und wenn man das nicht tut, dann hängt man mit Freunden ab.

Er ist schweigsam. Er raucht, wie viele, vielleicht raucht er sogar noch mehr, vielleicht fällt es auch nur auf, weil er sich wenig an den Gesprächen, am Schwatzen beteiligt. Manchmal steht er auf und geht unruhig ein paar Schritte hin und her, bleibt – die Jacke übergezogen – im Raum stehen, zündet sich dann eine neue Zigarette an. Er ist schweigsam und manchmal wenig greifbar, aber unfreundlich ist er nicht. Voller Loyalität holt er, als sein Bruder keine Zeit hat, den Gast ab, führt ihn aus in ein Café, bezahlt (selbstverständlich) die Getränke. Raucht, schweigt bis zu meiner nächsten Frage. Und dann, unerwartet, ein Ausbruch trockenen Humors.

Das Sitzen ist nicht sein Ding, das stundenlange Sitzen bei seiner Arbeit ist ihm zuwider. Trotzdem hat er sich mit mir an dem Tisch eines Cafés niedergelassen. Wir können auch ein bisschen herumlaufen, schlage ich ihm vor. Wohin denn?, gibt er bitter zurück. Es gibt hier nichts. Er hat recht. Es gibt hier nichts. Das ist das, was mich vielleicht am unmittelbarsten abstößt im Nahen Osten: die Reizlosigkeit des äußeren Raums – die Kargheit der Landschaft, die nichts von der Würde einer fernen Sandwüste – diesem törichten Klischee der arabischen Welt – hat; die Rohheit vieler Bauten, die keineswegs nur durch Armut oder gar Schlendrian bedingt ist, sondern einer inneren Logik gehorcht, Ausdruck einer immanenten dauerhaften Unfertigkeit ist, wenn etwa Generationen ein Haus aufstocken – auf das Betonflachdach mit seinem rostigen Gestänge eine weitere Mauer hochziehen; der Müll und der Staub und die Abgase und ein Verkehr, der so anders funktioniert und mir bei meiner ersten Begegnung erschien, als wäre ich in einen mörderischen Dschungel ausgesetzt …

Noch schlimmer ist in Ländern wie Syrien oder dem Libanon das Fehlen von Ruhepunkten im öffentlichen Raum, vielleicht überhaupt von öffentlichem Raum an sich. Die wenigen Parks – vertrocknet und oft vermüllt; die Cafés – im Winter zu kalt und oft genug sowieso ganz und gar nicht zu vergleichen mit einem Café aus der romanischen Welt (diesen wunderbaren Häfen) oder aber wie hier im Libanon Filialen einer westlichen Kette. Wie oft habe ich mir einen einladenden Platz gewünscht, eine Bank neben der Kirche oder der Moschee, unter einem Baum, vor dem Dorfbrunnen. Überhaupt eine Bank. Alles scheint hier nach innen gerichtet, ins Häusliche, in den Schutz der eigenen vier Wände. (Und dann diese Momente, wenn man durch all das hindurch eine ganz neue Gelassenheit findet und so viel abfällt von unserem westlichen Ballast und man einfach nur ist, dann verfällt man der Liebe zum ‚Orient‘.)

Wohin also gehen? Nirgendwohin. Später reden wir über die Angriffe des IS aus dem Nachbarland Syrien, über die Bedrohung durch den militanten sunnitischen Fundamentalismus, über die ungewisse Zukunft des Landes, die so vielen, mit denen ich gesprochen habe, Sorgen macht. Die libanesischen Christen (sie machen etwa 40 % der Bevölkerung aus) werden früher oder später das Land aufgeben und verlassen, sagt mir ein junger Arzt, sagt mir ein ehemaliger Botschafter. Der Libanon hat eine dreitausendjährige Geschichte als Fernhändler, immer schon sind seine Bewohner in andere Länder und Kontinente aufgebrochen, als Kaufleute, als Auswanderer.

Er aber, widerspricht der Elektroingenieur, er werde nicht gehen. Er werde seinen Boden mit der Waffe verteidigen. Und er fällt in sein Schweigen zurück, in diese angespannte Stille einer eingekerkerten Kreatur.

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8 Gedanken zu „Der Schweigsame

  1. Die Beobachtung zum öffentlichen Raum gefällt mir gut. Ich glaube fast, der Marktplatz der freien Bürger ist eine wertvolle mitteleuropäische Besonderheit. Schon in England hatte ich das Gefühl, sie würden ihre schönen Plätze am liebsten gegen Arme und unerwünschte abgrenzen. Irgendwie ein anderes Verständnis von Öffentlichkeit. Von der arabischen Welt weiß ich eigentlich nichts. Aber heißt es nicht, grade der Libanon sei so paradiesisch mondän? Oder gilt das auch nur für die ganz Reichen?

    • Das ist wirklich eine interessante Frage, wie sich öffentlicher Raum, wie wir ihn kennen, entwickelt hat. Und ja, der Libanon ist mondän, gerade für ein arabisches Land, aber die Bandbreite ist groß, die Widersprüche sind, wenn man es so nennen will, groß.

  2. Ich bin Dir sehr dankbar für diesen Bericht, der mir sehr nahegeht. So vieles, was ich an Vorstellung über den Orient, dieses Märchen hatte, bricht zusammen, ich erfahre von denen, die geflüchtet sind, von kaputtgemachten Ländern, unendlicher Trostlosigkeit, vernichteten Kulturen, von Menschen, die ihre eigenen Lieder nicht mehr kennen, hier bei uns schnell ein paar Worte Farsi schreiben lernen, damit sie überhaupt was vorweisen können, wer sie sind, und einer einzigen Hoffnung, im gelobten Land sein zu dürfen, koste es, was es wolle: in Deutschland. Kein Zweifel erlaubt.Der Libanon erscheint mir auch ziemlich kalt unter der Sonne. Es wird keine so ganz einfache Reise für Dich gewesen sein. Salam

    • Liebe Graugans, gerne würde ich noch mehr über deine Eindrücke und Begegnungen erfahren. Was den Libanon betrifft, möchte ich kein einseitiges Bild erstellen, mein Text ist nur eine Facette, andere werden folgen. Ich habe sehr viel Freundlichkeit, Herzlichkeit und Aufmerksamkeit dort erfahren. Und wenn auch die Krisen unserer Zeit im Hintergrund spürbar sind, gibt es zugleich sehr viel mediterrane Normalität, die es nur nicht in unsere Medien schafft.

      • Oh ja, lieber Tiger, vielleicht sollt ich mal bisserl was erzählen von zweien, die ich etwas näher kennenlerne grad und die aus Afghanistan kommen, schaumamoi, was sich zusammenfügen lasst. Bin sehr gespannt auf weitere Worte über Deine Reise.

  3. Und wieder eine Annäherung. Ich mag sehr, wie behutsam du dem Fremden und dem Eigenen nachspürst, Holger, und beides in einen unaufgeregten, beinahe lakonischen Erzählfluss gießt.

    • Dein Kommentar freut mich sehr, Maren, weil mir deine Beurteilung „behutsam“ etwas die Sorgen nimmt: Darf ich das? Werde ich den Menschen und dem Land gerecht?

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