Tiroler Flaschenglas

Am Abend sind wir noch ins Tirol hinübergefahren. Am Ufer ist das Wasser des Plansees überwältigend klar, in der Tiefe wird es zu Flaschengrün, von der Sonne zu gletscherkaltem Smaragd veredelt. Auf den Campingplätzen am Nordufer wollte ich nicht Urlaub machen. Etwas eng ist es mir hier, auch weil die Berge bis hoch hinauf bewaldet sind. Es fehlen mir die offenen Grashänge der Allgäuer Alpen.

Zwischen Fichten und Kiefern umrunden wir den See. Muren ziehen sich die Berghänge herab, Steinwüsten für ein paar Dutzend Schritt. Die Wege müssen nach jedem Abgang neu gespurt werden. Am Hotel Forelle wirft der See seine Enge ab, nach drei Richtungen weitet sich die Sicht. Der kahle Rücken der Hochplatte lockt im Norden, gen Osten reicht der Blick ins Garmische hinüber und nach Südwest öffnet sich das Tal für den benachbarten Heitterwanger See.

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Das Wasser ist still. Der Kenner erzählt, dass es am frühen Abend immer so ruhig und glatt werde. An seinem geheimen Liegeplatz machen wir Rast. Einen Privatstrand durch Landgewinnung hat er hier geschaffen, vom Weg aus nicht einsehbar, eine Mauer aus Steinen geschichtet und das Neuland mit Strandkies aufgefüllt. Die Mauer hat den Winter überstanden, freut sich der Kenner und holt für jeden einen Rindslandjäger und eine Scheibe Brot heraus. Manchmal sind die Dinge so gut wie einfach.

Wie kalt das Wasser wohl ist? 17 Grad, ruft es vom Ufer. „Bei 17 Grad habe ich mein Freischwimmerabzeichen gemacht“, sagt jemand. Ich lege die Kleidung ab. 14 Grad, kommt eine Korrektur. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich vielleicht nicht hinein. Das Smaragdwasser hat inzwischen seinen Glanz verloren. Nur eine Lichtschneise zieht sich hinüber zum Taleinschnitt, wo die Sonne an diesem zweitlängsten Tag des Jahres noch immer am Himmel steht. Dorthin schwimme ich ein Stück, es ist frisch, aber machbar, merkwürdigerweise am schlimmsten für die eigentlich doch abgehärteten Hände, sie werden als Erstes klamm. Ich wende. Gewässer, in denen nur ich alleine schwimme, sind mir nie ganz geheuer.

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Motorräder dröhnen auf der Straße am anderen Ufer, legen sich in die Kurven zwischen Reutte und Oberammergau, schnittige Wagen lassen die Motoren aufheulen. „Da schaut her, wie blöd die tun.“ „Die gehören eigentlich ausgesperrt.“ Friede kehrt erst mit der Stille wieder. Eine Nachbarin aus Kinderzeiten reicht mir einen Fruchtriegel und nennt mich spontan bei meinem einstigen Spitznamen. Ein warmes Gefühl steigt in mir auf.

*

Dort, im Schatten des Tauern, zwischen Föhren und Sumpfgras, begegneten sich einmal zufällig zwei meiner Verwandten. Der eine war auf dem Heimweg von seinem Badeplatz am Plansee. „Und wohin gehst du?“, fragte er den anderen. „Nach Japan“, antwortete der. Ganz so weit kam er nicht. Als er zu Fuß in Istanbul eintraf, beschloss er, erst einmal genug gewandert zu sein.

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Strömungen

Grenzstein 147

Der Sommer treibt mich hinaus aus dem Kesselleben. Ich steige in die erste Bahn des Tages und erreiche nach vier Stunden mit dem Bummelzug Oberstdorf. Nach einem zweiten Kaffee steige ich aufs Rad um und fahre weiter nach Süden, immer tiefer in das Tal hinein. An der Schwarzen Hütte binde ich meinen Drahtesel an und gehe zu Fuß weiter, nach Süden immer noch. Am frühen Mittag stehe ich dann oben, dort wo Bayern, Vorarlberg und Tirol einander treffen. Am Grenzstein 147, dem südlichsten Flecken Deutschlands. Alle Last habe ich hinter mir gelassen, in der Kesselstadt, den Wegen, dem Tal.

Das war ein Tag zum Zugrundegehen oder auch ein Tag zum Zugrunderichten (Thomas Bernhard hätte diesen Satz über eine ganze Seite zu bringen gewusst). Nichts wäre willkommener gewesen, als auszuschreiten und Trümmer hinter mir zu lassen.

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Der Himmel über dem Biberkopf

Eine Bemessung der Zeit

In islamischen Ländern wandert der Ruf des Muezzins, er springt mit dem Lauf der Gestirne von Dorf zu Dorf. „Auf, ihr Leute, auf zum Gebet!“ Hier auf dem Land sind es die Feuerwehrsirenen, die Samstagmittag aufheulen, wie um zu sagen, Achtung, es könnte Schreckliches passieren, Fürchterliches, seid euch dessen immer bewusst, aber wir sind da, wir sind auf der Hut. Dreimal jagt die Sirene ihren schrillen Warnruf in die Höhe, und wenn ihr letzter Ton abklingt, hört man einen Hügel weiter schon die nächste sich erheben.

50 Shades of Grey, das ist auch der Blick aus dem abendlich auslaufenden ICE in Stuttgart: Schotter, Beton, Wolken, stumpflackiertes Metall, Bankengebäude, Bahnen und Bauschutt. Viel gewollt und in Wahrheit eine traurige Angelegenheit.

Gipfeltreffen

Im Gunzesrieder Tal liegt die Rote Wand, unter ihr steht Totholz – Ulmen wohl – zwischen Fichten und Laubbäumen. Über Viehwege geht es gegenüber den Wald, den Berg hinauf, über Almwiesen – der Grottenstengel (Sauerampfer) hüfthoch – und durch Blumenmeere hindurch: Weißer Germer und Gelber Enzian, Eisenhut und Türkenbund, Alpenrose und Habichtskraut, Arnika und Teufelskralle … Mir schwirrt der Kopf. Bekomme ich einen Namen vorgesagt, vergesse ich einen anderen. Senkrecht ragen die Schichten des Nagelfluhs empor, „Herrgottsbeton“ heißt ihn der Volksmund, denn so sieht der Fels aus, wie ein grober Beton, satt an Kieselsteinen. Still ist es unter der Sonne, der Klang der Kuhglocken zwar überall, Vogelrufe aber nur gelegentlich, selten der Wind am Ohr, als würde er zu einem Flüstern ansetzen und wieder zurückfallen, vorantanzen. „Lauter Württemberger unterwegs“, seufzt meine Mutter dann auf dem Gipfel, wie es meine Familie immer tut, wenn sie in den heimatlichen Bergen ist, dabei stimmt es gar nicht, eine Familie spricht Französisch und ein Mann mit oberbayerischem Zungenschlag weist nach Westen, deutet für uns auf einen weißbemantelten Berg – den Tödi in der Schweiz, der einzige 4000er, der von unserem Standort aus zu sehen ist. (Stimmt nicht, es sind 3614m.) Und als uns dann eine ältere Württembergerin etwas vorjammert, ist meine Mutter sehr nett und geduldig, geduldiger, als ich es (eigentlich ja inzwischen selbst ein Württemberger) gewesen wäre. Beim Abstieg tönt der vertraute Ruf über das Tal. „Hoooo-hou-hou-hou-hou-hou“, treibt ein Bauer sein Vieh.

Der Motor wird gezündet, er röhrt auf, der Wagen erzittert unter den sich regenden Kräften wie ein sich schüttelnder Bulle, dann verfällt er, ganz wachgeworden, in ein gleichmäßiges Brummen. Das Handygespräch, das Knistern einer Süßigkeitentüte, eben noch alles beherrschend, verblassen. Die Bahn ist bereit für die Fahrt nach Süden, den Fluss entlang, Bergwassern entgegen. Draußen ist es schwarz.

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Bergvieh

Das Käserennen

An der Alpe machen wir Brotzeit, es ist eine halbe Enttäuschung, den Käse – dicke Scheiben, garniert mit Zwiebelringen, Pfeffer, Kräutersalz, ragen weit über den Rand der Brotscheibe – machen sie seit drei Jahren nicht mehr selbst, und der Kirschmost, den ich aus Neugier und wider Vernunft gewählt habe, ist mir zu sauer und steigt zu Kopfe. Am Ende des Tales, da gebe es den besten Bergkäse überhaupt, sagt meine Mutter, und so machen wir uns im Anschluss an unsere Wanderung noch auf den Weg, eine Stunde Marsch hin, eine zurück, immer mit flottem Schritt, denn das schnelle Gehen habe ich von meiner Mutter gelernt, erbarmungslos war sie dem kleinen Bub gegenüber damals als sehr, sehr junge Frau – immer flott also außer an den Steigungen, da muss sie inzwischen doch langsamer machen. Auf einer Wiese steht das Vieh unruhig um ein Wasserfass. Hier gehen wir behutsamer, um die nervösen Schumpen (Jungkühe) und das kräftige Moggele (Kalb), bald schon ein Mollen (Stier), nicht zu reizen. Etwas stimmt nicht, und meine Mutter, im Umgang mit Tieren vertrauter als ich, erkennt es sofort. Der Wasserschlauch hat sich von der Tränke gelöst, ein schlammiger Rinnsal entflieht ins Tal hinab. Meine Mutter drängt sich zwischen die Leiber und befestigt den Schlauch wieder am Fasswagen. Am nächsten Hof wendet sie sich dann an den Bauern. „Doba bei da Schumpa isch der Schlauch aagfalla. I hau en meh naa dua. Und jetzat hoff i halt, dass se meh a Wasser hend.“ „Joa, dankschee“, antwortet der Bauer sparsam.

Mit dem alten Kerle ist es nicht mehr weitergegangen. Eine Stunde standen sie um ihn herum und redeten. Die Ärztin fragte und die anderen erzählten und alle redeten mit ihm da unten in der Mitte ihres Kreises, bis schließlich die drei tödlichen Spritzen gesetzt wurden. Bei Sonnenuntergang wurde er hinter dem Garten vergraben. Einen Leichenschmaus gab es dann auch noch – einen Kräutertee bei der Großmutter drüben.

Bergbäche

Die Bäuerin der Alpe führt uns in den Keller, während der wortkarge Bauer sich verzieht. Das Reden überlassen die Männer den Frauen. Draußen, auch im knarrenden Vorraum noch riecht es kernig nach Stall. Alle Räume sind tadellos aufgeräumt, der Flur, die Stube, der Keller voller Vorräte, der kupferne Käsekessel glänzt, als würde er nie benutzt. Dabei haben sie vierzig Laibe schon gemacht in dieser noch jungen Saison, erzählt die Bäuerin. Ihr Zungenschlag ist eindeutig alemannisch. „Vieradrießg“ sagt sie, wo ich „Vieradreißg“ sagen würde, vermutlich ist sie aus dem Vorarlberg, das ein paar Schritte hinter der Alpe beginnt. Der Käse ist fantastisch. Ob mir zweieinhalb Kilo Käse zu schwer zum Tragen seien, fragt mich meine Mutter besorgt. Ich lache sie aus, die Bäuerin lacht mit mir. Den besten Bergkäse des Allgäus im Rucksack machen wir uns auf den Rückweg. Ganz unten dann, am Parkplatz, schleiche ich mich nochmals zurück an den unendlich klaren Bach – wo außer in den Bergen sieht man auf der Welt sonst schon so etwas! -, werfe die Kleider von mir und tauche ein in diese Klarheit. Es ist entsetzlich kalt.

Die Erkenntnis kommt plötzlich. Als ich in der Stille des Baumhauses liege, Frieden in mir und ein Gefühl für die Kraft meiner Herkunft, die mir (es war lange Jahre anders gewesen) von meinem Vater, meiner Mutter zufließt, weiß ich es. Es ist Mitternacht und alles ruhig und an mir wird es liegen, meine Erkenntnis zu leben.

Allgäu_Alpen_Haldenwander Eck

Oben

Sich erheben

Allgäuer Alpen_Geröllfeld

Sich erheben

 

 

 

 

 

 

Vom Unterland her drängt der Mais immer weiter in die grünen Hügel hinein. Einst war das Allgäu blau von seinem Flachsanbau. Nun weichen immer mehr Kuhweiden dem Energiemais, die Subventionspolitik macht es möglich. Wo das Grün noch der Milchwirtschaft vorbehalten ist, stehen Kühe braun hingesprenkelt auf den Wiesen, es ist die Jahreszeit, in der auch Vieh, das heutzutage nur noch selten unter dem freien Himmel grast, hinaus darf zwischen Oktoberlicht und Nebel. Auf anderen Feldern leuchtet hell der Schnitt, wo forsch noch einmal die Mahd eingeholt worden war.

Das Land ahnt den Herbst an diesem 3. Oktober. Birken zittern fiebriggelb, Buchen tunken ihre Fingerspitzen ins dunkle Rot, Ahorn und Haselnuss suchen zögernd noch nach ihren Farben. Die Eschen geben sich unbeeindruckt, doch die gefallenen grünen Blätter da hinten auf der Tenneneinfahrt entlarven auch sie.

Auf der buckeligen Wiese käuen Schumpen – das noch nicht milchreife Jungvieh –, ein Tier glotzt uns unerschrocken an, ein zweites muht fordernd vom Bach herauf und im Gras liegt ein totes Kalb, verdreht, wie eine achtlos hingeworfene Spielzeugpuppe, der weiße Bauch zum Himmel gewendet, die zarte Schnauze einen Spalt weit geöffnet.

Die Kuhglocken läuten hell, die Blätter rascheln, sirren, schwirren im Wind, nur das Nadelgehölz rauscht tief und unbeirrt.

Allgäuer Alpen_Gipfel

In der Höhe

 

 

 

 

 

 

In der Höhe grüßt man sich. Die Schicksalsgemeinschaft Berg verwirklicht sich nicht erst in der Wand, auf dem Gletscher, sie gilt schon auf Wanderwegen. „Hallo“, nicke ich. „Servus“, sagen viele und ich erschrecke, wie verhochdeutscht ich inzwischen bin. „Servus“, frohlocke ich also und sie antworten servus oder hallo oder hi (ein – ein einziges – Mädchen!) und wer gar nicht grüßt, ist ein Stoffel, ein Muhagel oder nein, ein Städter, ein preußischer womöglich. Und dann stutze ich. Sagt ein Hiesiger – die Tiroler auf dieser Seite des Berges, die Allgäuer auf der anderen – denn servus? Wer sind dann die, die hier alle servus sagen? Fremde in Bergtarnung? „Grias di“, werfe ich dem nächsten Wanderer zu, und ja, jetzt bin ich wirklich hier. Ich schreite aus über den Weg, zwischen Gras und Holz und Stein und Licht und Weite. Alles, was ich hier nicht brauche, fällt ab von mir. Es ist Mitte Oktober und es ist einer der glücklichsten Tage meines Jahres.

Weizen_Büble Bier

Rast mit Klassiker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ich schaffe es nicht“, spreche ich durch das Telefon. „Die Bahn streikt und ich habe keine Mitfahrgelegenheit mehr gefunden.“ „Macht nichts. Wenn das Wetter hält, kann man ja noch bis in den November in die Berge.“

Allgäuer Alpen_Karawane

Die Karawane windet sich den Berg empor

 

 

 

 

 

 

„Du, es schneit hier“, sagt die Stimme im Telefon.

Allgäuer Alpen_Bach

Bergwasser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt ist es Mitte November und die Hand, welche die Bürste zu den Zähnen hebt, hält bleierne Gewichte.