Der Ministerialbeamte

Syrien, zehn Jahre früher …

Ziellos war ich mit einem syrischen Freund abends in Damaskus unterwegs – es war längst dunkel und wir saßen in irgendeinem Mikrobus nach Nirgendwo –, als ihm einfiel, wir könnten einen Bekannten von der Arbeit abholen. Einen seiner Sprachschüler, um genau zu sein. Mein Begleiter, Rundfunktechniker und zu dieser Zeit in Ausübung seines Wehrdienstes, war ein Liebhaber der Sprachen; er beherrschte mehr oder weniger gut Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch und wenn ich eine Frage zum Hocharabischen hatte, konnte ich mich guten Gewissens an ihn wenden. In seiner Freizeit unterrichtete er Englisch.

„Mein Schüler“, so warnte er mich vor, „ist schon ein bisschen älter. Aber das braucht dich nicht zu verunsichern.“

Wir spazierten an einem bewaffneten Posten vorbei in eine ruhige Straße, auf ein bewachtes Hochhaus zu. In jeder Himmelsrichtung waren Uniformierte auf Wachdienst zu sehen. Unbekümmert trat mein Freund an das Außenfenster der Pforte, stellte sich, nachdem ein Mann geöffnet hatte, vor und fragte nach seinem Schüler.

Wir warteten eine Weile vor dem Gebäude. „Er ist Beamter in diesem Ministerium hier“, rückte mein Freund nach einigen Minuten heraus. „In dem Gebäude arbeitet auch der Premierminister.“

Irgendwann rief einer der Männer aus dem Fenster heraus nach meinem Gefährten: „Mein Herzchen, mein Lieber, wie war nochmals dein Name?“ Arabischer Umgangston kann ein wenig anders sein.

Endlich verließ der Ministerialbeamte das Gebäude. Ich sah mich einem kleinen Mann in einem altmodischen grünen Sakko gegenüber, er wirkte etwas ältlich, vielleicht nicht an Jahren, aber doch an Haltung, eine große Brille saß in dem verkniffenen Gesicht, das Haar überraschend blond, ein Schnurrbart. Wir wurden einander vorgestellt und ohne weitere Diskussion stiegen wir in das Auto des Beamten, einen weißen, gealterten Wagen, ehemals einmal obere Mittelklasse nach deutschem Standard.

Ich wusste nicht, wohin wir fuhren. Während der Ministerialbeamte ungeschickt den Wagen durch die abendlichen Straßen steuerte, hatte ich mit ihm auf Englisch Konversation zu führen – zu seiner Übung. Ein Mobiltelefon unterbrach uns ein- oder zweimal und bald hatten wir auch seinen Besitzer aufgelesen, einen Freund des Beamten. Ein großer, kräftiger Mann, grauhaarig und mit einem gefühlsbetonten Gesicht und einem leichten Anflug von Traurigkeit in der Augenpartie, stieg zu – ein ganz anderer Typ als der Beamte.

In perfektem Englisch und mit einer vollen, wohltönenden Stimme erklärte er mir, dass er Musiker sei. In wenigen Tagen führe er ein Konzert auf, ein Zusammenspiel aus musikalischem und poetischem Vortrag. Und im nächsten Monat werde er an der Uni Damaskus Vorlesungen über arabische Poesie halten. Er spielte Trompete, früher aber war er in erster Linie Sänger gewesen. Fünfzehn Jahre hatte er in den USA, eine Zeit lang in Dänemark gelebt, dort war er mit einer norwegischen Frau verheiratet gewesen, dazu waren Auftritte und Aufenthalte in einer Reihe anderer europäischer Länder gekommen. Ein gutes halbes Dutzend Fremdsprachen könne er. „Es sieht einfach zu idiotisch aus“, scherzte er, „wenn man einen traurigen Text singt und dabei grinst, nur weil man die Sprache nicht versteht.“

Wir verließen die Stadt und hielten auf einen Vorort zu. Als wir irgendwo anhielten und ausstiegen, wandte ich mich fragend an meinen Freund, doch er kam meiner Frage zuvor: Er habe auch nicht die leiseste Vorstellung, wo wir genau seien. Erklärungen gab es wieder einmal keine, also folgten wir den beiden Männern in ein Haus. Die Uhr zeigte 22 Uhr an, als wir in eine Zahnarztpraxis traten.

Der Zahnarzt war allein in seiner Praxis. Er wirkte überhaupt nicht wie ein solcher, was aber vielleicht schlicht daran liegen mochte, dass er keinen weißen Kittel trug. Unser Künstler war der Patient, das klärte sich nun auf, und der Beamte hatte ihm einfach als Chauffeur einen Freundschaftsdienst erwiesen. Der Musiker setzte sich also auf den Behandlungsstuhl, der etwas verloren inmitten des Raums stand. Eine Schrankablage stand auf der einen Seite des Zimmers, ein Arztschreibtisch auf der anderen. Der Tisch erweckte den Eindruck, als wären hier zwei Zimmer der Praxis in eines gefasst, und trotzdem wirkte der Raum irritierend leer.

Der Ministerialbeamte bestand darauf, dass ich als ausländischer Gast den Arztsessel hinter dem Schreibtisch erhielt und mein Freund einen Hocker, während er selbst mit verschränkten Armen stehen blieb. Alle drei beoachteten wir, wie der Zahnarzt sich an die Untersuchung machte, klopfte und schraubte und Spritzen verpasste, aber nicht bohrte, zum Glück nicht, denn ich hätte mit dem Patienten gelitten. Der einzige im Raum, der mehr als nur ein paar Worte sprach, war der Patient selbst: Immer wenn er seinen Mund gerade frei hatte, unterhielt er uns munter mit Scherzen.

Dann erklärte der Zahnarzt etwas anhand einer Wandtafel und ich begriff, dass es sich um ein Zahnwurzelproblem handeln musste. Es war eine seltsame Szenerie: Spätabends sitzt da ein Mann in zahnärztlicher Behandlung, im gleichen Raum befinden sich einige andere Menschen, darunter zwei, die der Patient vor diesem Abend gar nicht gekannt hatte.

Nach 20 oder 30 Minuten verließen wir die Praxis wieder, gemeinsam mit dem Arzt, der seine Praxis abschloss – und sich dann zu uns ins Auto setzte. Nun waren wir also schon zu fünf in dem Gefährt …

Der Zahnarzt erzählte mir, dass er in Belgrad studiert, danach in Deutschland, Russland, Thailand und Malaysia gearbeitet habe, bevor er hier in seiner Heimat eine Praxis eröffnet hatte. Wir lieferten den Zahnarzt zu Hause ab, danach den Künstler und dann bestand der Beamte darauf, uns beide noch zu einem späten Abendessen bei sich zu Hause im Zentrum von Damaskus einzuladen.

Der Ministerialbeamte verschwand in seiner Wohnung und wir warteten vor der Tür. „Die Familie kommt aus dem Osten Syriens“, erklärte mir mein Freund. „Dort sind die Menschen noch richtige Araber. Das bedeutet zum Beispiel, dass Gäste vor der Türe stehen bleiben, bis der Gastgeber zurückkommt und sie hereinruft.“

Als es ein paar Augenblicke später so weit war, wurden wir ins Wohnzimmer geführt. Während der Beamte das Essen vorbereitete, erhielten wir beide Gesellschaft des jungen Sohns der Familie. Ich verstand fast gar nichts von seinem Dialekt, was aber nicht schlimm war. Denn auch mein Freund verstand nur einen Teil von der Kindersprache, so behauptete er zumindest lachend, und trotzdem hatten wir drei eine Menge Spaß. Dann war aufgedeckt: Tellerchen mit Tomaten, Schafskäse, Hummus, gefüllten jungen Auberginen, Honig, Halwa und ein halbes Dutzend anderer Dinge und natürlich das dünne Fladenbrot, mit dem man die Speisen greift und isst.

Nebenan, hinter einem zugezogenen Raumteiler, saß derweil die Ehefrau des Beamten vor dem Fernseher. Nun begriff ich auch, warum wir vor der Tür zu warten hatten, bis wir vom Gastgeber gerufen werden: Kein Fremder soll einen Blick auf die Frauen des Hauses erhaschen. Später erfuhr ich, dass diese Frau Ärztin war; und trotzdem wurden diese alten Sitten eingehalten.

Ich war unsicher, wann ich das Mahl zu beenden hatte. Wenn ich vor dem Gastgeber aufhörte zu essen, zwang ich ihn dann dazu, aus Höflichkeit ebenfalls aufzuhören? Aber wann war umgekehrt die Grenze der Höflichkeit erreicht, denn natürlich war es nicht gedacht, dass wir alles, was auf dem Tisch stand, aufaßen? Ich dachte zu viel. Als wir das Mahl beendet hatten, verließen wir ohne viel Worte oder großen Austausch von Höflichkeiten das Haus: ein kurzer, unkomplizierter Abschied. Es war Mitternacht, als wir wieder auf die Straße unter die Palmen traten.

Ich hatte meinen ersten Besuch bei einem arabischen Ministerialbeamten hinter mir.

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14 Gedanken zu „Der Ministerialbeamte

    • Haha, na ja, „kennen“ ist so eine Sache …Den Beamten habe ich nie wieder getroffen, das als Ergänzung. Und den genannten Freund habe ich zwar einige Jahre später wiedergesehen, aber, da er (Alawit und bei einer staatlichen Institution angestellt) mir seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs regelmäßig die krudeste Regierungspropaganda zuschickt, den Kontakt stillgelegt. Eigentlich also eine traurige bis bittere Sache.

      • Das ist aber sowieso eine Sache, mit der ich nicht recht umzugehen weiß. Die strammen Asad-Unterstützer, die hinter allem eine Verschwörung sehen, sind die einen, sprachlos macht mich aber auch der Umgang mit den anderen Seiten, etwa mit einem syrischen Freund aus dem sunnitischen Milieu, dessen Aufrufe zu Gewalt (vermutlich hat seine Familie Schreckliches erleiden müssen) mich schockieren und sprachlos machen. Diejenigen, mit denen ich unvoreingenommen über die Lage in Syrien reden kann, sind die, die damals vor zehn Jahren schon „Außenseiter“ in ihrer Gesellschaft waren (weil in anderen Ländern sozialisiert).

    • Danke sehr, Birgit, das freut mich. Denn ich hatte gezögert, den Beitrag überhaupt auf den Blog zu stellen aus der Sorge, meine Texte von vor zehn Jahren könnten (stilistisch) womöglich langweilig sein.

  1. Eine feine Reportage, lieber Zeilentiger, und auch sehr spannend, sie durch deine Kommentare zugleich im Licht der seither vergangenen Zeit zu sehen. So viele Scherben, so viel Sprachlosigkeit!

  2. Und die Frau, die Ärztin ist, wird die nie sichtbar und tätig? Hoffentlich muss sie nicht ihre Jahre vor dem Fernseher und hinter Vorhängen verbringen…Vielleicht weißt du etwas darüber?

    • Sehr wichtige Frage, ja.

      Einmal hatte ich in einem Blogbeitrag ganz kurz eine (europäische) Freundin erwähnt gehabt, die in Syrien auf eine Hochzeit eingeladen war. Sie feierte nur mit Frauen und fragte sich: Wo sind eigentlich die Männer? Daher könnte eine Frau sehr viel über die Ärztin erzählen, ich hingegen kann nur andeuten. Und von Geschlechtersegregation erzählen.

      Die Frauenwelt und die Männerwelt sind in einem Land wie Syrien Parallelgesellschaften. Es gibt islamisch geprägte Länder, in denen diese Segretation noch weit entschiedener ist; immerhin war (ist) Syrien nominell ein sozialistischer Stadt – der also eine Einbindung der Frauen in Öffentlichkeit, Ämter und Berufswelt in einem gewissen Maße fördert – und das Land umschließt auch nichtmuslimische Minderheiten. Und natürlich gibt es „Brücken“ zwischen diesen beiden Parallelgesellschaften: beim Einkaufen, an einem Schalter, vielleicht auch im Ärztinnen-Patienten-Verhältnis (auch wenn ich nicht weiß, wo beim Beispiel unserer Ärztin die Grenzen liegen) und natürlich innerhalb der Familie. Das sind aber in der Regel schmale und streng reglementierte Brücken.

      Nur ein bescheidenes von vielen möglichen Beispielen zur Veranschaulichung (andere folgen vielleicht mal in weiteren Syrientexten hier auf dem Blog, ich will sie nicht vorwegnehmen): In einer gut besuchten, zentral gelegenen Buchhandlung in Damaskus wende ich mich mit einer sachlichen Frage an eine Verkäuferin. Sie reagiert so deutlich reserviert, dass ich merke, einen „Fehler“ begangen zu haben, als Mann sie angesprochen zu haben und nicht zu warten, bis ihr männlicher Kollege sein Kundengespräch beendet hatte.

      Als ich damals nach einem Dreivierteljahr wieder in Deutschland war, hatte ich diese Zweiteilung der Gesellschaft bereits so weit verinnerlicht, dass ich bei meinem ersten Einkauf bei einer Verkäuferin nervös und befangen war. Ich war entsetzt: Das also hatte es aus mir gemacht?

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