Stadtkrieger

Er stieg eine Haltestelle nach mir ein. Seine Handrücken waren bis zu den Knöcheln tätowiert, sein Hals einschließlich des Bogens der Ohrmuscheln, dazwischen Leder und Tarnfarben. Bluterguss, Vollbart, Lippenpiercings prägten das asketische Gesicht, der Schädel war fast kahl bis auf einen verfilzten Streifen in der Mitte. In dem Dickicht der Stammestätowierungen erspähte ich zwei arabische Wörter. ملك, König, glaubte ich zu erkennen, aber ich konnte mich geirrt haben. Die Worte, durch den Jackenkragen verdeckt, waren nur sichtbar, wenn er den Kopf in eine bestimmte Richtung legte und schließlich war es unhöflich, jemanden lange anzustarren. Die Hände des Mannes gingen nach oben, als Fäuste schlossen sie sich um die Rucksackträger. Sein Blick war wachsam.

An der nächsten Station trat eine Mutter mit zwei Kindern ein, es wurde eng. Die Mutter hielt den Kinderwagen, die ältere Tochter Eiswaffel und Luftballon. Beim Anfahren der Bahn verlor das Mädchen sein Gleichgewicht. Die Hände des Mannes, eben noch an den Trägern seines Rucksacks, waren plötzlich an den Schultern des Kindes. Er hielt es fest: stark, nicht grob. Ich konnte nicht erkennen, ob die Mutter ihm dafür einen auch nur kurzen Dank schenkte. Vielleicht hätte er sich über eine menschliche Regung gefreut, vielleicht ging er den Weg des Tao und es war ihm einerlei. Als das Mädchen sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wanderten die Hände des Mannes wieder an den Rucksack. Er war wieder ganz für sich.

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17 Gedanken zu „Stadtkrieger

    • Wie mich das freut, dass Sie ihn vor sich sehen! Ein Lächeln spielt um meine Lippen, als Ihrer beide Blicke sich kreuzen und Ihr Wangenpurpur aufsteigt. Es steht Ihnen, will mir scheinen. Aber dann ist schon Zeit für mich auszusteigen. Wo die anderen wohl hinfuhren?

      • Ich schaue mit einem Seufzer des Bedauerns auf die Haltestellenanzeige. Auch mich zwingen die angezeigten Buchstaben, die Bahn zu verlassen. Nur kurz erwägt das Wildweib in mir, meine Ziele allesamt über Bord zu werfen und mit ihm weiter zu ziehen. Als könne er meine Gedanken lesen, lächelt er leise und seine Augen verengen sich ein wenig, als ob ein geübter Jäger seine Beute fixiert. Fast fluchtartig stolpere ich aus der Bahn und bleibe dann doch stehen, um mich noch einmal umzudrehen. Auch er stieg aus und noch immer fixiert er mich…/ Doch die Bahn war schon aus meinem Sichtfeld entschwunden und er mit ihr.

        Einerseits möchte ich weiterspinnen, andererseits ist es Ihre Geschichte, Herr Zeilentiger. Aber ich konnte das Klickediklacken einfach nicht lassen. Schöne Wochenanfangsgrüße, herzlich, Käthe Knobloch.

  1. Ich sah ihn gerade vor mir stehen, in der Straßenbahn … fast, als wäre ich dabeigewesen. Irgendwo zwischen den Tattoos stand auch noch etwas in Runen (Thonar?) …

    Danke, ’s hat mein Herz berührt.

    • Danke sehr für die schöne Rückmeldung! Und ja, wahrscheinlich waren da auch Runen in diesem großen, lebenden Bild. Gerne wäre mein Auge all den Details nachgegangen, aber ich hätte mich geschämt, ihn zu lange anzuschauen.

  2. Pingback: Sonntagsleserin KW #13 – 2014 | buchpost

  3. Ein wunderschönes Bild – wieder einmal. Ich lese es und hänge meinen Gedanken nach. Ruhe, ein Blick in eine Welt ohne Rennerei und Hast. In sich ruhend. Mir gefällt es. 🙂

    (das ist jetzt übrigens mein 3. Versuch, mich hier zu Wort zu melden. Pöse Technik. 😉 )

  4. Pingback: Wochengelesenes | Die Zaunreiterin

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