Das Sehnen der Welt – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 6)

Gewitter unser im Himmel, erlöse uns von der Schwüle.

Markdorf, eine Merkwürdigkeit. Die Bedienung im Gasthof, redselig, munter, ironisch, macht ihren eigenen Betrieb schlecht. Das Zimmer hat seine Eigenheiten, aber es hat auch Charakter, und das macht vieles wett: die merkwürdige Dusche mit Pumpe im Zimmer etwa, der furchtbar lange Weg über den Korridor zur Toilette, die verwinkelten Aufgänge, um das Zimmer überhaupt zu erreichen, das Knarzen von Jahrhunderten in den Dielen. Der Betreiber des Gasthofs ist nicht nur zugleich der Koch, sondern auch Romanautor, wie der Speisekarte zu entnehmen ist, den Titel finde ich aber nicht im Verzeichnis Lieferbarer Bücher. Auf den Platz zwischen Turm und Gasthof dreht alle paar Minuten ein Verrückter und schreit seine Verfolgungsfantasien hinaus ins Nichts. Die Nacht eine Qual, ein Sichwälzen im niedersinkenden Bett, Brunnenplätschern, Kirchturmschlagen, Nachtschwärmerrufe durch das offene Fenster, die schwüle Hitze mildert es nicht. Am nächsten Morgen erster im Frühstücksraum, eine offensichtlich etwas beschränkte Frau scheint von meinem pünktlichen Auftreten völlig überfordert, sie schiebt mit jedem Satz, bei jedem Handgriff schnaufend, klagend, eine Bugwelle aus Selbstmitleid vor sich her. Ich demonstriere Geduld und Gelassenheit und gewinne damit die Frau. Gleich mehrfach möchte sie mir vor Erleichterung den Orangensaft wieder aufgießen.

Mittags stehe ich am See. Eine frische Brise weht über das Wasser. Es fehlt nur das Salz für den Geschmack von Meer, aber auch so schenkt der Wind eine belebende Frische, trägt ein Versprechen von Ferne mit sich. Der Brunnen draußen in der Bucht stößt weite Fontänen aus, ein feiner Gischtschleier wird von der Brise bis ans Ufer getragen. Am Gerüst dieses Brunnens hängt eine Wassernixe, eine junge Frau mit hochgestecktem Haar, eine Verlockung in den Wellen. Gerne wäre ich auch dort drüben, bei der Nixe oder meinetwegen auch ohne sie, möchte dort hinausschwimmen, unter der weißen Gischt der Fontänen hindurch. Und so stehe ich an meinem Ziel und will doch weiter, immer weiter, ich schaue hinaus, auf der Suche nach dem Glück, und ich sehe, wie sich die Nixe löst und mir entgegenschwimmt, ich rieche den Wind und die Ferne, die Lockung des gegenüberliegenden Ufers und das Land dahinter und die Pässe weit in den Süden, und die Nixe kommt näher und näher und erhebt sich vor mir aus dem Wasser und schreitet langsam Stufe um Stufe empor.

Bodensee_HW7_Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Der seit Tagen versprochene Sturm kommt, als ich später, im Bayerischen schon, endlich im Wasser bin. Die Sonne steht über einem bleiernen, alles verschluckenden Himmel. Das Wasser ist von der Farbe stumpfen, abgeschliffenen Flaschenglases, am Ufer brechen die Wellen weiß. Drehe ich mich aber der Sonne zu, ist da nur noch ein Keil aus blendendem Licht vor einer Wand aus Blei. Ich schwimme in diesen Keil, schwimme gegen die Wellen, hinaus, dem Licht entgegen, immer weiter in das Licht hinein. Ins Licht.

Dann bin ich plötzlich Angst und ich drehe bei. Welle auf Welle rollt unter mir hindurch und eilt mir davon und der Strand kommt nicht näher.

Werbeanzeigen

Grizzly Adams – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 5)

Gestern Abend: das Gefühl umfassender Sinnlosigkeit. Heute Morgen: heitere Aufbruchsstimmung. Dazwischen: nicht zu stillender Durst.

Die Schlange vorm Bäcker ist mir zu lang, um mir eine Brotzeit und eine Reservewasserflasche zu kaufen, also verlasse ich Ilmensee nach Westen. Über goldstoppelige Äcker mit gerollten Strohballen geht es auf den Höhenzug, dort einen buschumwachsenen Pfad entlang, an einem Feld vorüber, in den Wald hinein. Das Album „Songs from the Wood“ von Jethro Tull wäre, denke ich mir, die ideale musikalische Entsprechung zu dieser Wegstrecke. Aber ich habe keine Musik bei mir. So unverzichtbar, ja lebensnotwendig Musik für mich im Alltag ist, habe ich sie kaum auf Reisen dabei und gewiss nicht beim Wandern, sicherlich auch deshalb nicht, weil ich Kopfhörer noch nie gemocht habe. Meine Ohren mögen das nicht.

Wald_Ilmensee_Oberschwaben_Wandern

Songs from the Wood

Im Buchenwald ist es ruhig und dämmerig, fast noch verschlafen. Die Sonne fällt flach auf das Blätterdach, manchmal, wenn der Hang zur Linken besonders steil aufragt, verschwindet sie ganz. Die Vögel sind zurückhaltend, gelegentlich gluckert ein Bächlein, ein Reh scheut. Sehr still und sehr flott geht es voran auf diesem Weg auf halber Höhe. Um nicht eintönig zu werden, fällt er gelegentlich über eine Abzweigung ab und steigt wieder empor, wo man vermutlich auch einfach hätte geradeaus gehen können. An den Bäumen hängen Waldreben, die wir als Kinder unter dem Einfluss der Tarzan-Romane von Edgar Rice Burroughs, die der Vater der Familie vorgelesen hatte, Lianen nannten, die aber ansonsten ganz allgemein und wie selbstverständlich „Judenstrick“ hießen. Irgendwann war mir der geläufige Name in seinem Wortsinne gegenübergetreten und schlagartig fürchtete ich eine nicht bösartige, aber in größter Gedankenlosigkeit tradierte antisemitische Bezeichnung und legte mir selbst Etymologien zurecht, schloss auf die einst zahlreichen jüdischen Viehhändler, denen womöglich aus reiner Gehässigkeit unterstellt worden war, die Clematis aus dem Wald zu verwenden statt ordentlicher Kälberstricke. Erst viele, viele Jahre später, tatsächlich erst, als ich nach meiner Wanderung dem Wort nachging, erfuhr ich, dass die Wahrheit eine ganz harmlose ist, der volkstümliche Judenstrick sich vom Jutenstrick nämlich ableitet. War ich hier ein Fall dieser typischen deutschen Selbstvorverurteilung geworden? Keineswegs. In den 80er-Jahren noch gang und gäbe und vermutlich bis heute nicht verschwunden ist in Süddeutschland der „Judenfurz“ als Bezeichnung für den Chinakracher, diesen kleinsten der Sprengkörper für Silvester.

Gleich nachdem mir die ersten Wanderer an diesem – oder gar der ganzen letzten? – Tage entgegenkommen, zeigen sich zum ersten Mal durch den unentwegten Dunst hindurch die Alpen. Dann biegt der Weg scharf ab ins Tal, mitten durch den Hof einer Einöde. An solchen Orten ist mit Hunden zu rechnen – und ich meide Hofhunde, wo es geht, aber was hilft es, ich muss da hinunter –, und tatsächlich, da ist ein freilaufender Hund, der gerade im Stall oder der Melkkammer verschwindet. Erleichtert bin ich, gleich Menschen zu sehen, denn wann immer auf Wanderungen Hunde ernsthaft aufdringlich geworden waren, waren Menschen in der Nähe, die sie zurückpfiffen. Eine krumme, alte Bäuerin muss mich gesehen haben, sie geht zur Tür, hinter der der Hund eben verschwunden ist, und schließt sie mit einer ganz beiläufigen Bewegung. Danke, gute Frau, wir verstehen uns. Ein Traktor versperrt mir die Sicht auf den Weg, bevor ich suchen kann, wie herum ich mich wende, weist mir die Bäuerin die Richtung. Ihr rotbärtiger Sohn schaut grimmig, aber er erwidert meinen Gruß.

Unten im Weiler Ellenfurt rauscht der Bach, die wenigen parkenden Autos haben fremde Kennzeichen, eines ist bis aus Berlin gekommen. Nach Überquerung der Talstraße geht es sofort wieder hoch auf den nächsten Höhenzug. Was bis eben ein milder Sommermorgen war, ist nun drückend und heiß. Ich keuche den gewundenen Weg empor, ein dünner Schweißfilm steht mir auf den Armen, der Gaumen zieht sich vor Durst zusammen. Tränke ich nun, würde sich der Wasserfilm auf meiner Haut binnen Augenblicken vervielfachen. Schön ist der Weg aber, das wissen auch andere, wie die Sprungschanzen von Mountainbikern zeigen, auch Pferdeäpfel liegen da. Oben dann, auf der Ebene, knallt die Sonne auf die Rodung, ein Hase hoppelt, der Geschmack im Mund wird metallisch und ich habe, als ich aus dem Wald trete, zum ersten Mal Sicht auf den Bodensee, seinen nördlichen Ausläufer.

Oberschwaben_Bodensee_Wandern_HW 7

Hinter der Höhe der See

Fast hätte ich eine kleine Abkürzung genommen, um das, was auf der Karte ein paar hundert Meter über die Kuppe führt und dann im spitzen Winkel zurück zum Wald, zu schneiden. Ich hätte einen der lauschigsten Flecken überhaupt verpasst. Erst geht es über das Feld; dann eine Hohlgasse hinab – einen schmalen Pfad für Mensch und Tier, die steilen Böschungen von Haselsträuchern gesäumt, das Licht gedämpft, schöner kann ein Weg kaum sein; und schließlich das Dörfchen Betenbrunn, beherrscht von seiner barocken Wallfahrtskirche, die einen Kreuzweg mit fünfzehn Stationen auf allerengstem Raum unterbringt (ob die Gläubigen auf Knien rutschen, damit er nicht gar zu schnell zu Ende ist?); die Häuser hübsches Fachwerk mit Vorgarten; ein Dorfbrunnen plätschert unter einer ausladenden Baumkrone, eine Frau füllt die Gießkannen für ihren Garten auf; sogar ein Gasthaus hat das Dörfchen und nur die Fahne der Brauerei hält mich davon ab, hier einen Halt für ein alkoholfreies Weizen einzulegen.

Betenbrunn_Kirche_Oberschwaben_Bodensee

Wallfahrtskirche Betenbrunn

Bald geht es steil hinab, sehr, sehr steil, vorbei an einem Alpaka-Paradies mit seinen nervösen Langhälsern, vorbei an einem wachsam-braven Hund, ganz pflichtvergessen und gutmütig zugleich, ein zweiter, kleiner, alter Hund nimmt all seinen Mut zusammen und übernimmt kühn die Aufgabe, mir bellend Geleit zu geben. Durch Lellwangen, irgendetwas erinnert vage an Bilder aus Mexiko, vielleicht nur der Schwung dieser Bögen dort oder die Farbe des Anstrichs, zwischen flimmernden Äckern hindurch zum Pfad mit seinen schwärmerisch-esoterischen, dem „Sonnengesang“ Franz von Assisis nachgeformten Bildstöcken, auf denen der Herrgott und die vier Elemente ihre Verehrung finden.

In der Mittagsglut irre ich durch Untersiggingen, passiere den kleinen Markt in der Hoffnung auf einen Biergarten oder eine Terrasse vor einem Gasthof. Die Gaststätten haben alle zu, ich kehre um, suche den Markt nochmals auf, auch er hat inzwischen geschlossen, nur Autos durchfahren den Ort auf der Suche nach Irgendwo. Am Ende eines Doppelkreisverkehrs finde ich eine Tankstelle, greife gierig nach zwei Flaschen aus dem Kühlregal. Die junge Verkäuferin mit den langen Fingernägeln schaut, als würde sie nicht oft einen Menschen wie mich sehen, ihr Make-up wirkt deplatziert, falscher Glanz auf verlorenem Posten, ich habe Mitleid mit ihr, es muss die Hölle sein hier. Ich fliehe aus dem Ort, keuche einen Berg empor, wie sich das zieht, lasse mich auf der ersten Bank auf dem Höhenzug nieder, wo ich Party mache, ich und die beiden Flaschen und die gierigen Wespen im Fallobst. Eine Flasche leere ich auf einen Zug, die zweite in kleinen Schlucken. Eine halbe Stunde später, als ich durch eine Armee von Apfelbäumen schleiche, habe ich schon wieder Durst.

Apfel_Wespe_Oberschwaben_Wandern

Erntezeit

Den Gehrenberger Aussichtsturm muss man übrigens nicht im ersten Anlauf schaffen. Man wendet der luftigen Stahlfachwerkkonstruktion einfach für ein paar Minuten den Rücken zu, wartet, bis die lärmende Besuchergruppe abgezogen ist, isst einen Fruchtriegel und nimmt dann einen zweiten Anlauf, beide Hände immer schön am Geländer und den Blick nie nach unten gerichtet. Die Belohnung ist ein fantastischer Ausblick – über die Baumwipfel hinweg – über fast den gesamten Bodensee. Das Land unter mir aber ist ein ganz anderes als in den letzten Tagen, es ist eine Ferienlandschaft, das sieht man schon vom Turm aus. Spaziergänger kommen gruppenweise den Berg empor, die Menschen stören mich. Ich spüre, wie ich die einsamen Stunden genossen hatte; und die einzelne Begegnung hatte mehr Gewicht. Hier sind wir alle nur noch anonyme Masse. Mir ist es zuwider. Und ich steige weiter hinab und will doch zurück, dorthin, wo die Menschen rar waren und die Landschaft weit, steige grimmig ab und ein bisschen verwundbar, gerade so, als wäre ich ein Mann aus den Bergen.

Werkstatt

„Eine Bäuerin erzählte mir vom Schneesturm und ich schwieg dazu.“
(Werner Herzog, Vom Gehen im Eis)

Als ich im letzten Sommer über die Schwäbische Alb wanderte, fiel mir in der Auslage einer Buchhandlung (ja, an ein paar Orten gibt es auch auf der Alb Buchhandlungen) ein Bändchen auf. Eine neu erschienene Reisereportage, auf dem Titelbild schreitet einer über einen Feldweg aus, drüber steht „Allein über die Alb“. Welch kühne Tat. Was für ein lächerlicher Titel.

Nun habe ich mir das Buch trotzdem ausgeliehen, um zu schauen, wie andere das so machen. Worüber schreiben sie, wie schreiben sie. In einem Punkt überraschte mich das Buch, denn anders als das Umschlagbild suggeriert, ist Wandern darin nicht angesagt. Bertram Schwarz, Radioreporter vom SWR 4, besucht mit dem Linienbus, als Anhalter, auf dem Rad oder zur Not halt auch mal zu Fuß Orte über die ganze Länge der Schwäbischen Alb hin, um die Menschen zu porträtieren. Das Ergebnis ist manchmal ganz nett, bisweilen peinlich, jedenfalls bieder und gar nicht literarisch. Lernen konnte ich trotzdem was davon, wie man es meistens im Leben kann, wenn man nur will: Schwätzen musst du mit den Leuten! Nicht nur lauschen – „immer horsche, immer gugge“, wie der gute Herr Ärmel sagen würde, oder in meinem Idiom: allat losa, allat luaga –, sondern reden! (Der Herr Ärmel kann das übrigens.)

Parallel lese ich in einem anderen Reisebuch, das zwar auch sehr dünn und ebenfalls süddeutsch geprägt ist (ja sogar eine Albüberquerung im Schneetreiben beschreibt), aber ansonsten ziemlich eine Antipode zu Schwarzens Schrift darstellt. Als 1974 die Filmhistorikerin Lotte Eisner in Paris im Sterben lag, wanderte der Regisseur Werner Herzog von München aus zu ihr, um durch seinen Gang, sein Gehen, sie am Leben zu erhalten. Was – je nach Standpunkt – von einem tiefen magischen oder kindlichen Denken zeugt. „Vom Gehen im Eis“ ist zweifellos literarisch. Es ist sprachgewaltig mit einem starken bayerischen Dreh, von scharfer Beobachtungsgabe dem Außen wie dem Innen gegenüber, und zwingt mit seinem Rhythmus und seinem Gedankenfluss zu aufmerksamer Begleitung.

Auch bieder ist es nicht, im Gegenteil, der Herzog, etwas merkwürdig und selbstherrlich, wie er halt so ist, irgendwie ein Aufschneider letzten Endes und Narzisst, berichtet vier Jahre nach seinem „Gehen im Eis“ öffentlich, wie er wiederholt in Hütten und Ferienhäuser einbricht zum Übernachten und nachts in einen Gummistiefel bieselt, warum auch immer. Na ja, weil er hat zu faul war, bei der Kälte durch den Türrahmen hinauszupinkeln, der Dreckskerl.

Sympathisch ist der Herzog nicht, sein Buch aber eine Lust.

Bertram Schwarz, Allein über die Alb. Eine Reisereportage. Tübingen: Silberburg 2015.

Werner Herzog, Vom Gehen im Eis. München – Paris. München: Hanser 1978. Neuauflage 2012.

Brot holen

In der S-Bahn zum Flughafen sitzen zwischen Kofferbergen ein paar hübsche, junge Araberinnern. Ihre Lippen tragen kräftiges Rot und einen flüchtigen Blick erwidern sie ungewohnt direkt. Ich fahre nicht zum Flughafen, sondern steige in Stuttgart-Rohr aus. Biege an der Kreuzung links ab, passiere den kleinen Buchladen und ein italienisches Lebensmittelgeschäft, steige an der Diakoniestation vorbei den Hang hinauf, bestockten Rentnern entgegen. Dann bin ich im Wald. Ein Jogger, die Arme viel zu steif, trampelt an mir vorbei und die Autobahn wird mit jedem Schritt lauter. Dieses Rauschen ist ein Schmerz, eine Bedrängnis, man möchte sie abwerfen wie der wilde Wolf die von den Alben geschmiedeten Fesseln.

Jenseits der Brücke, den Alten Schaftrieb durch den typischen Buchenmischwald hinab, beginne ich, Spaziergänger zu grüßen, lasse es aber bald wieder – der Wald gehört doch immer noch zur Globule der Stadt. Die nächste Schneise ist weniger augen- und ohrenfällig als die A8, nur kurz leuchtet das Rot einer S-Bahn nach Herrenberg zwischen den Stämmen. Sitzt man in ihr, taucht hier im Wald vor Böblingen ein unmittelbar an den Schienen gelegenes Häuschen auf, das geheimnisvolle Bahnwärterhaus, wie ich es nenne. Von der Waldseite aus entpuppt es sich als das Gütle eines verspielten, sicherlich nicht verarmten Geistes: Jedes Fenster scheint anders, sogar ein großes Rosettenfenster schmückt das Gebäude. Eine eigenwillige, ordentliche Handschrift prägt Häuschen und Garten.

Unter den Schienen hindurch leitet der Weg in einen feuchten Taleinschnitt. Die kunterbunt liegenden Stämme sind von Moos überwuchert und leuchten grün im stumpfen Rotbraun des Februarwaldes. Ein Hochseilgarten liegt verlassen im Schmellbachtal. Über einen kleinen Höhenzug umgehe ich das Tal, um etwas später doch wieder die Wiesen zu treffen. Auf der anderen Seite des Baches begegnen sich zwei Hundebesitzer. Einer lacht laut, ein unsympathisches Lachen, das gerne drüben bleiben darf. Bedauerlich, dass das vielleicht schönste menschliche Geräusch sich oft genug hässlich zeigt.

Ich erreiche Musberg, streife den Ort und eine in nackten Beton gegossene Schlafsiedlung. Ein junger Rotschopf in hautfarbener Hose kommt mir entgegen. Im alten Dorfkern, hinter dem für Fasnet herausgeputzten Haus, führt ein schmaler Asphaltweg hinein ins Siebenmühlental und nach dem Pferdehof – der Oberen Mühle – liegt bereits die zweite Etappe. Der Hofladen der Eselsmühle hat auch sonntags geöffnet und so kaufe ich ein hausgemachtes Dinkelbrot. So etwas wie diesen Demeterbetrieb schätze ich sehr, gestehe aber freimütig, dass mir nicht alle Brote dieser Holzofenbäckerei zusagen. Mit manchen ließe sich eher ein Verbrechen verwirklichen als eine leckere Brotzeit.

In der gutbürgerlichen Mühlenstube sind an diesem Sonntagmittag alle Tische besetzt, aber im Stallcafé finde ich noch ein Plätzchen. Zwischen Tellern mit Bio-Kässpatzen und Gesprächen über die nahe Landtagswahl mache ich mit einem Kaffee und dem Notizbuch eine kleine Rast. Zurück auf dem Hof streiche ich der dreifarbigen Katze nicht über den Kopf (denn gerade eben schlägt sie nach jemandem), überhole Aisches Dreigenerationenfamilie – die Großmutter züchtig mit Kopftuch und Abaya, sie selbst Tüten mit süßem Gebäck aus der Demeter-Mühle in der Hand, die Kinder flitzend, trödelnd, ihren Namen rufend –, und wandere weiter das Siebenmühlental hinab und dann hinauf nach Leinfelden zur S-Bahn, das Brot für die kommende Woche im Rucksack.

Friede den Hütten

Still ist es auf dem Berg. Unten im Tal läuten die Glocken zum Hochfest der Geburt des Herrn. Danach schlägt ein Hund an, irgendwo, dann legt sich wieder Stille über den Gipfel. Die Sonne scheint an diesem 25. Dezember, als würde sie den ganzen Winter über nichts anderes tun. Schneeschuhe haben wir nicht gebraucht für den Aufstieg.

Unter uns liegt Wertach, die höchstgelegene Marktgemeinde Deutschlands, aber warum fange ich jetzt damit an, da muss ich nur erklären, was das ist, eine Marktgemeinde, denn das hatte schon für Verwirrung gesorgt, als ich fürs Studium in ein anderes Bundesland gezogen war, Verwirrung auf beiden Seiten, weil die Dame auf dem Bürgeramt nicht wusste, was es mit diesem „Markt“ auf sich hat, und ich wiederum nicht wusste, dass es sich dabei in Deutschland um eine bayerische Eigenart handelt.

In Wertach also, und darum geht es mir, ist der Schriftsteller W. G. Sebald geboren und aufgewachsen. Dass ich seine „Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ jetzt erst lese, erscheint mir im Nachhinein unglaublich, und je unglaublicher, je weiter ich in dem Buch komme und mich in immer größeren Maße begeistern lasse. Drei Menschen haben mich im letzten Jahr auf dieses Buch gebracht, das ich längst gekannt und geliebt haben sollte, zwei davon sind Blogger, und allen drei danke ich. Es ist ja, und das kann ich mit umso mehr Überzeugung von mir geben, als ich es heute im Zug zu Ende gelesen habe, nicht nur ein unerhörter Gewinn, sondern zugleich Verlust. Würden sich die Ringe des Saturn doch nur in die Unendlichkeit des Raums erstrecken, um ihnen ein Leben lang zu folgen!

Es bleibt nur ein Trost, nämlich das andere große Buch meines Jahres wieder aufzugreifen, in das sich der Sebald dazwischengeschoben hatte, nämlich Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, ebenfalls ein Reisebuch und ebenso viel mehr als nur das. Zwei kluge und aufmerksame und sehr menschliche Beobachter, das eine Buch ein fast traumartiger Gesang des Verfalls, das andere ein immer wieder aufgreifendes Staunen der Menschlichkeit in unserer so flüchtigen Existenz. Beide Autoren sind mir zu literarischen Helden geworden, zu meinem Glück – und (hoffentlich) zum Stachel, der mich anspornt.

Wald_Wurzeln_Wertacher Hörnle_Voralpen_Allgäu

Wurzelwerk, Lebenswege

Brotzeit wird auf der Bank unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Earl Grey und heißer Ingwer, belegte Brote, liebevoll kleingeschnittenes Obst und Gemüse, ein Schälchen mit einem bunten Nuss-Beeren-Gemisch, ein gerecht in Stücke gebrochener Bioschokoladenriegel. Das ist die zivilisatorische Handschrift der Frauen, könnte man vermuten, denn ich hätte mich, wäre ich allein aufgestiegen, mit einer Flasche Wasser, einer Packung Cashews vielleicht und einer Banane begnügt. Aber so einfach ist es nicht, die Grenzen verlaufen anders. Das Essen jedenfalls ist ein von allen begrüßtes Fest und der Earl Grey schmeckt besser, als er es je an einem Schreibtisch tun könnte.

Hebe ich den Blick, liegt das Illertal ausgebreitet unter mir bis dorthin, wo sich im Unterland die Eiszeitmoränen im Dunst verlieren. Links ziehen sich Höhen ins westliche Allgäu hinüber, rechts reicht der Blick ins flacher werdende Ostallgäu, inmitten des Panoramas liegt die Stadt Kempten. Von all diesen Höfen, aus diesen Weilern und Dörfern, die ich da vor mir sehe, denke ich mir, waren 1525 Bauern und Handwerker zusammengeströmt, um gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die weltlich-geistlichen Herrschaften zu protestieren. Immer wieder hingehalten von den Mächtigen, setzten die Wortführer des Allgäuer Haufens gemeinsam mit denen der beiden anderen großen schwäbischen Bauernaufgebote in der Reichsstadt Memmingen – dort am Rande meiner Sicht – zwölf Artikel auf. Manche sehen in dieser Versammlung die erste verfassungsgebende Versammlung in Deutschland, und die „Zwölf Artikel“ sind so etwas wie die erste Aufzeichnung von Menschenrechten in Europa.

Zu(o)m dritten ist der brauch byßher gewesen, das man vns für jr aigen leüt gehalten haben, wo(e)lchs zu(o) erbarmen ist, angesehen, das vns Christus all mitt seynem kostparlichen plu(e)tvergu(e)ssen erlo(e)ßt vnnd erkaufft hat, Den || hyrtten gleych alls wol alls den ho(e)chsten, kain außgenommen. Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen vnd wo(e)llen sein.

Die Antwort der Mächtigen erfolgte mit dem Schwert.

Alpen_Allgäu_Winter

Die andere Seite

Die Eisplatten knacken unter den Schritten; wo die Sonne den gefrorenen Schnee erweicht, knirscht er wie fein geklopftes Crushed Ice in einem Glas. Schattseitig trägt die Schneeschicht (ein Einsinken bis zu den Knien bleibt die Ausnahme), die Sonnenhänge sind schneefrei: kurz das gelbbraune Wintergras, die Pfade von Silberdisteln gesäumt. Es sind die schönsten Wegstrecken. Nur am Aufstieg zum benachbarten Gipfel darf gelegentlich die Hand zuhilfe genommen werden. Der Geist ist ruhig, das Herz weit offen. Es ist die letzte Bergwanderung in diesem Jahr.

Die Weihnachtstage liegen zurück, der Jahreswechsel rückt näher. Vorher noch werde ich einer Einladung in den Nahen Osten folgen. Ich wünsche allen ein erfülltes, glückreiches neues Jahr! Und freue mich, uns in einigen Tagen wieder zu lesen, inschallah.

Krokodile auf der Sandbank, Sonnenschein, kurz vor Weihnachten

Der Wolf Andreas ist schuld. Aber dazu später.

Eigentlich hatte ich eine Winterreise geplant, aber wenn ein Satz schon mit eigentlich beginnt. Eine winterliche Heimreise – entschleunigter als Heines Kutschfahrt (weniger politisch vermutlich, gewiss nicht in Reimform) und hoffentlich nicht so düster wie Schuberts Liederzyklus –, eine Wanderung nämlich, um im Morgengrauen aus der eigenen Haustür zu treten und ein paar Tage später in der Dämmerung des Heiligen Abends anzuklopfen bei meinen Vorfahren auf dem Hügel. Die Idee gefällt mir seit Jahren, heuer habe ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, aber dann in der Detailplanung – auf den letzten Drücker natürlich – gemerkt, dass mir die fünf Tage nicht reichen für den Weg von Stuttgart ins Allgäu.

Stattdessen bleibt mir nun Zeit für ein paar andere Dinge, Grübeln über gesundheitliche Unpässlichkeiten etwa, die sich in letzter Zeit bemerkbar gemacht haben. (Sind sie ein Symptom des Älterwerdens? Ein Aufruf zur Umkehr, wohin auch immer?) Weihnachtspost ist eingetrudelt, die zwei schönsten – und überraschendsten – lustigerweise aus derselben Stadt von zwei Bloggerinnen, die einander, wenn ich mich nicht irre, nicht persönlich kennen. Herzlichen Dank, Lakritze und das A&O, für diese Freude! Gleichzeitig habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen; das Gefühl für ein Gebot der Reziprozität ist ja auch in unserer postmodernen Gesellschaft nicht gänzlich ausgestorben. (Am wenigsten übrigens in älteren schwäbischen Haushalten, wo für ein geborgtes Pfund Mehl aber auch wirklich die korrekte Menge zurückgebracht wird, als könne man nicht leben in dem Wissen, jemandem ein Gramm schuldig zu bleiben.) Ich nämlich habe dieses Jahr niemandem Weihnachtspost geschickt, wirklich niemandem außer ein paar Professoren beruflicherweise, was etwas ganz anderes ist. Tatsächlich ist es das erste Jahr, dass ich selbst den Vorsatz, Weihnachtsmails zu schreiben an Menschen, bei denen ich mich lange nicht gemeldet habe, erst gar nicht aufgegriffen habe. Eine Kapitulation?

Vielleicht keine Kapitulation, aber jedenfalls eine Unterlassung ist die zweite Neuerung, eine Übereinkunft mit den Brüdern: Wir Erwachsene werden uns dieses Jahr nichts schenken. Aber den Nichten und Neffen natürlich, das lässt sich ein Onkel nicht gern nehmen. Am liebsten kaufe ich Weihnachtsgeschenke in einer Buchhandlung, immer schon. Und da die Aststifte in dem Kinderladen nicht mehr zu bekommen sind, rutscht ein Posten mehr auf die Buch- und Hörspielliste. Hängengeblieben bin ich dann bei Ausgaben von Latte Igel. Kein Vergleich zu dem Taschenbüchlein von Ravensburger oder so, das ich aus meiner Kindheit kenne, sondern großzügig bebilderte, hübsche Halbleinenbände. Da müssen Latte Igel und seine Freunde zum Beispiel den Wasserstein suchen gegen die anhaltende Trockenheit in ihrem Wald – doch der Stein wird vom grimmen Bärenkönig und seinen Kriegern, kühn gezeichneten Luchsen, besser lässt sich eine wilde Waldkriegerschar gar nicht darstellen, bewacht. Nach allerhand Abenteuern finden sie den Wasserstein schließlich im Hort des Diebes Fjodor. Fast hätte ich mir das Buch selbst gekauft.

Dann wurde es doch ein anderes (für mich) und jetzt kommt der Wolf Andreas ins Spiel. Denn er hatte im Frühjahr auf seinem Blog von seinen Leseeindrücken von Karl Bruckmaiers „The Story of Pop“ berichtet (1, 2 und 3). Ich hatte mir das Buch notiert und natürlich wieder vergessen und dann gehe ich in der Buchhandlung aus einem Impuls zurück in die Musikabteilung, weil ich mir gerade vorstellen könnte, über Musik zu lesen, ich da, wenn man so will, plötzlich einen gewissen musikalischen Bildungshunger verspüre, und da sehe ich den Bruckmaier liegen und erinnere mich. Und weiß wieder, das will ich, schon alleine deswegen, weil Bruckmaier seine Geschichte des Pops mit dem frühmittelalterlichen al-Andalus beginnt. Es gibt in der Auslage eine Broschurausgabe (Heyne) und eine schwarze Leinenausgabe (Murmann) und ich greife zu Letzterer, da kann ich gar nicht anders, auch wenn ein empfindungsloser Finanzberater mir vielleicht auf die Finger klopfen würde: „Brauchen Sie‘s?“ Also, ich finde, schon.

Ich freue mich darauf, es gleich aufzuschlagen und hineinzulesen, suche mir am Marienplatz ein sonniges Plätzchen. Die Weihnachtsgrüße im Ratzer ums Eck lasse ich lieber, sonst höre ich dort doch noch in die neue Platte von Hellmut Hattler hinein und finde am Ende noch Gefallen daran und dann klopft mir der Bankberater nochmals auf die Finger. Ich schlage also den Bruckmaier auf, schon das Leinen zu berühren ist schön, und habe, als ich auf der ersten Seite des Vorworts bin, bereits eine fünffache Gänsehaut von dem Buch bekommen.

„Gibt es einen Schöpfer, der an uns Interesse hat?“, bauen zwei vertrocknete Frauen einen Stand mit Broschüren auf. Nein und nein, meine Damen. Den Geist des Weihnachten schätze ich trotzdem. Nicht den des Kommerzes, der Blinklichter, der Schmalzbeschallungen, dieser gefräßigen Maschinerie, die mir in diesem Jahr mächtiger denn je erscheint. Sondern den eines Charles Dickens, den, der uns innehalten, uns für Feineres aufmerken, uns zusammenfinden lässt, durchaus auch den von Kerzen hinter Fenstern und gemeinsamem Geschichtenlesen und Lebkuchengewürzen. Aber ich verstehe, dass Weihnachten für manche eine Qual, für andere die Hölle ist: Einsamkeit, Armut, Verlogenheit und Missbrauch.

Die Göttin hat mir Tee gekocht
Und Rum hineingegossen;
Sie selber aber hat den Rum
Ganz ohne Tee genossen.

(Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen)

Jetzt muss ich nur noch überlegen, was ich mit dem Vorschlag von Danares und dem Kaffeehaussitzer mache. Ich glaube, denen war es ernst.

Ich wünsche allen das Beste, das Bestmögliche! Vielleicht ja sogar selige, liebevolle Feiertage.

Die Jagd am Stromberg

Weil „Zeilentiger liest Kesselleben“ ursprünglich als eine Stadterschließung erdacht war, haben in die Rubrik „Ausgekostet“ bisher nur Cafés und Restaurants in Stuttgart gefunden. Der „Ochsen“ in Diefenbach am Rande des Strombergs rechtfertig eine Ausnahme von dieser Regel. Der Landgasthof im Dreieck zwischen Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn lohnt einen Ausflug.

Unterhalb der Dorfkirche steht am Eck einer wunderschönen Fachwerkstraße der „Ochsen“. Am Treppenaufgang, von Auszeichnungen flankiert, verweist ein Schild Besucher auf den Hintereingang. Ich zögere dort, muss mir meinen Weg suchen, bis ich in der Stube lande. „Hallo“, grüßt mich Koch und Betreiber Georg Barta aus der Küche heraus und schiebt ein „Grüß Gottle“ hinterher, sicher ist sicher.

Die Stube hat ihren Namen wirklich verdient, der überschaubare Raum atmet einen bodenständigen Geist. Die Gaststube stammt aus dem 18. Jahrhundert, das Gebäude selbst geht auf das 12. Jahrhundert zurück. (Nach dem Brandloch auf einem der Tische aus der Zeit, als der Ochsen französische Kommandantur war, habe ich nicht gesucht.) Im Eck steht am zweiten Advent schon ein geschmückter Christbaum, vor der Tür auf den Vorplatz brennt eine gewaltige Adventskerze und erklärt, warum Gäste die Hintertür zu nehmen haben. Die alte Pendeluhr schlägt zur vollen Stunde die Töne an.

An einem Tisch sitzen zwei ältere Paare, ich habe von meinem Platz aus nur die Herren im Blick, ergraute Vollbärte, die Gesicher sprechen von einer gewissen Privilegiertheit, ohne den Bodenkontakt je verloren zu haben. Ich muss an den ehemaligen Leiter des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart denken. Der Kellner ist ein aufgewecktes Bürschchen: ein hübscher Dunkeläugiger, reinstes Hochdeutsch, eine theatralische Note in den Gesten und die Angewohnheit, auf Eingangsfragen von Gästen ironisch zu antworten, anschließend von heiterer Liebenswürdigkeit. Auf meine Bestellung eines „Schneewittchens“ hin ist er irritiert, aber so steht es eben auf der Karte, so nennt sich dieser Apfelzwetschgensaft (oder besser sein Erzeuger, die Streuobstinitiative Enzkreis-Freudenstadt-Calw).

Die Speisekarte ist überschaubar, nämlich genau eine Doppelseite lang – für mich ein sehr ermutigendes Zeichen. Zwei der Hauptgerichte sind vegetarisch (Veganer dürften es hingegen schwer haben), die anderen mit Fleisch – ausgesucht und wie die allermeisten Zutaten im „Ochsen“ aus regionaler Produktion. Als Gewohnheitsvegetarier – heutzutage elegant mit Flexitarier umschrieben – weiche ich hier gerne von meiner Gewohnheit ab und fröne der Fleischeslust.

EC-Karten werden im Ochsen nicht angenommen. Ich muss mich nach Blick in die Tasche zurückhalten, koste weder die Gänsebrühe mit Maronen, noch gönne ich mir zum Nachtisch ein Zimtflädle mit hausgemachtem Eis. Aber die Maultaschen vom Wild aus dem hiesigen Naturpark tun es auch – mit in Butter angebratenen Kräuterpilzen auf Rahmwirsing mit bunten Karotten und überbacken mit Allgäuer Käse. Köstlich sieht der Teller aus, köstlich duftet er und der Geschmack steht dem in nichts nach. Alles daran schmeckt echt – das Gemüse wie „dahoim“ bei Mutter oder Großmutter, der herzhafte Sud der Maultaschen frei von verfälschenden Zusatzstoffen, selbst das „Gsälz“ (Marmelade) obenauf könnte man getrost für sich löffeln, so schön unaufdringlich rund ist es. Eine zweite Schorle – Quitte darf es dieses Mal sein – und Hunger wie Durst sind gestillt, der Appetit ist befriedigt und ich setze zufrieden den Wanderrucksack wieder auf. Die Stube hat sich gefüllt. Draußen ist die Wolkendecke aufgebrochen, die Sonne scheint über Weinberge und Waldeshöhen.

Ein ergrautes Ehepaar tastet sich von seinem Auto in das Dorf vor. „Kennen Sie sich aus?“, ruft mich die Dame an. „Wenn Sie den Ochsen suchen, dann ja, ansonsten nein.“ „Ah! Und können Sie ihn empfehlen?“ „Unbedingt!“ „Da haben wir den Richtigen gefragt!“, frohlockt die Dame. Und ihr Mann ergänzt: „Wissen Sie, wir bilden uns ein, hier vor 48 Jahren schon einmal gewesen zu sein. Wir waren uns nur nicht mehr ganz sicher über den Weg.“

Da kann ich nur sagen: guten Appetit!

Der „Ochsen“ in Diefenbach ist auch mit dem Bus (zum Beispiel vom Bahnhof Mühlacker aus) erreichbar. So darf es dann auch gerne ein Achtele aus den hiesigen Reben zum Essen sein. Reservieren empfiehlt sich!

Stromberg_Heuchelberg_HW 10_Wandern_Diefenbach_Sternenfels

Auf dem Stromberg