Ein lettisches Käsebrötchen fährt durch die Nacht

Mit weichem Ghee eingerieben und mit Kreuzkümmel, Kardamom und Kurkuma bestreut, wäre durchaus eine erotische Alternative zu irgendwelchen Schokoladenspielchen.

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Ein lettisches Käsebrötchen fährt dreimal durch die Nacht. So unterschiedlich können Übersetzungen sein, erklärt das Radio. Habe ich wirklich einen Unterschied zwischen erster und dritter Übertragung gehört? Auf dem Papier ein Knall, die Peitsche des Puppenspielers ein schwarzer Blitz. Und der Wagen, el carro del titiritero, rumpelt durch den Regen. Meine Reise heute: nur noch Träume. Woanders Trauer um Hund, Katze, Kindheitsheld. Das Haus ist still.

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Weichenstörung ist ein Wort, das die Gesichter beschattet. Das Phlegma wird zur Unruhe eines orientierungslosen Schwarms. Steige ich hier aus oder nicht? Was machen die anderen? Jemand löst sich, seine Tat reißt weitere mit, andere zögern länger, wieder stürzt jemand hinaus, eine Person aber herein, alle auf der Suche nach dem Glück der schnellsten Weiterfahrt. Ein Handy schlägt an, es klingt wie an der Rezeption des Krankenhauses in „Bloodlines“, regnerische Nacht über Santa Monica und du das Vampirküken auf deiner ersten oder zweiten Mission, gestern noch Mensch, heute ein Raubtier in einer plötzlich ganz anders gewordenen Welt.

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Requiem für eine Fremde

Auf dem beschaulichen Friedhof eines randwärtigen Stadtteils leuchtet ein weißes Holzkreuz. Es ist offensichtlich, hier wurde jemand erst jüngst bestattet. Der Name ist als Erstes zu erkennen: ein Frauenname, fast möchte ich sagen ein Mädchenname. Manche weibliche Namen wecken ja unweigerlich das Bild einer jungen Frau, was natürlich Unsinn ist, denn auch Frauen mit mädchenhaftem Namen werden einmal alt.

Diese allerdings nicht. Sie ist tatsächlich als junge Frau gestorben, noch keine 25 Jahre alt, wie ich beim Näherkommen entziffere. Ein Urlaubsfoto ist an das Holz geheftet, es zeigt einen fröhlichen, fast tanzenden Menschen. So lebendig war diese Verstorbene also einmal, erst vor Kurzem noch, und so jung ist sie vergangen.

Das Kreuz berührt mich so, dass ich, ohne eigentlich zu wissen wozu, den charakteristischen Namen der Fremden in mein Smartphone eintippe. Es kommt sofort ein Treffer, ihr Name in Verbindung mit Stuttgart, eine facebook-Seite. „Wohnt in Stuttgart. In einer Beziehung“ ist da zu lesen.

Das Porträtbild der Seite ist schwarz. Darunter steht frei einsehbar ein Änderungsdatum, das Bild wurde vor nicht langer Zeit geändert. Ich stutze, gehe zurück zum Grab und vergleiche den Todestag mit dem Facebook-Datum: Eine Woche liegt zwischen beiden. Kein Zweifel, es muss sich um die Tote handeln. Ihr Freund oder ein enger Verwandter hat ihr altes Porträt gelöscht und durch eine schwarze Fläche ersetzt, den Account jedoch als Erinnerung belassen. Hier lebt sie noch – als Memento Mori für ihre Freunde, unhinterfragt für alle Uneingeweihten.

„Wohnt“, lese ich noch einmal. „Wohnt in Stuttgart. In einer Beziehung“. Zwei kurze Sätze, die eine Gegenwart verkünden, die es nicht mehr gibt. Etwas schnürt mir die Brust zu. Ich stecke das Smartphone weg, setze mich auf eine Bank und blicke ins Leere.

Als ich den Kopf wieder hebe, fällt mein Blick genau auf das Grab eines jungen Mannes. Er wurde 28 Jahre alt.