In den libanesischen Bergen

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und ich sehe hier zum ersten Mal einen traditionellen Raum und nicht den bürgerlichen Salon der Küstenstädte. Dort wird jeder Gast in einem ganz der Repräsentation verschriebenen Wohnzimmer empfangen: schwere Möbel, gediegene Sofabezüge einer vergangenen Zeit, kitschige Gemälde, ein Glastisch mit einer Schale Süßigkeiten. Hier nimmt ein Ofen das Zentrum des Raumes ein, an den Wänden ziehen sich niedrige Bänke entlang wie einst für Jahrhunderte, für Jahrtausende um die Feuerstelle herum. Ein Großbildschirm prangt allerdings auch hier. Er rauscht und knackt, ich frage mich, wie es Menschen überhaupt aushalten mit diesem Störgeräusch, erst recht, wenn er nur als ‚Hintergrundmusik‘ läuft und niemand wirklich an der Sendung interessiert ist. Ein Wunder geschieht: Als der Raum sich füllt mit zwölf, dreizehn Menschen, schaltet jemand den Fernseher aus.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und die Hausherrin trägt, so wie sie es immer tun, wenn Gäste kommen, ein Tablett herein. Auf ihm stehen Gläschen mit Likör (manchmal eine Sorte, manchmal zwei verschiedene) und eine Schale mit in Schokolade gehüllten Nüssen. Ich bin mir unsicher, ob ich frei zwischen den beiden Likören wählen darf oder ob sich hinter den beiden Farben ein Code verbirgt, den ich nicht kenne. Ich zögere, greife dann doch zum Helleren und bereue meine Wahl nicht.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und die Hälfte der Dutzend Personen spricht Deutsch. Es wird mir bei jedem weiteren Familientreffen wieder so gehen: der Libanese, der in Deutschland seinen Facharzt macht; die arabischstämmige Berlinerin, die einen Libanesen geheiratet hat und in den Emiraten wohnt; der ehemalige Botschaftsangehörige, der immer noch seiner Zeit in Wien nachtrauert; Araberinnen und Araber, die in Deutschland ein Geschäft oder ein Lokal eröffnet haben; ihre Kinder, die nach ihrem Medizinstudium in Bahrain oder Berlin praktizieren; die deutsche Sozialpädagogin, die in ihrem Auslandssemester in Kanada einen Libanesen kennen- und liebengelernt hat; derer beider Tochter, die gerade erst schulreif ist und bereits fünf Sprachen spricht … Dass es ausgerechnet Deutsch ist, was mir so oft begegnete, mag Zufall gewesen sein. Aber es zeigt, dass die Menschen aus dem Libanon es gewohnt sind, über Grenzen – in Kultur, Sprache, Land – hinweg zu agieren. Die meisten jüngeren Libanesen, denen ich begegnet bin, sprechen mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit Englisch als ich, und auch Französisch ist Pflichtfach an den Schulen. Auf der anderen Seite stehen die Älteren ohne tiefergehende Schulbildung. Sie sprechen oft nur den arabischen Dialekt des Libanons und verstehen bisweilen nicht einmal, wenn ich Hocharabisch zu ihnen spreche.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und ein libanesischer Frankokanadier erklärt mir auf Englisch Fußball. Das WM-Spiel 2014 zwischen Deutschland und Algerien, das für so viele bei uns – den Zuschauern, den Reportern und den Spielern selbst (man denke an Mertesackers wütende „Eistonnen“-Rede im Interview) – als überaus zähes, glanzloses Spiel wahrgenommen wurde (ich hatte es nicht gesehen), war für ihn einer der Höhepunkte der WM: nämlich der Triumph einer überlegenen Strategie gegenüber Motivation und individuellem Können. Schau es dir an, es lohnt sich, man kann aus diesem Spiel so viel über Fußball lernen, schwärmt der Fußballstratege. Ob deutsche Fans seiner Analyse zustimmen würden? Ich jedenfalls bin beinahe versucht, mir ein anderthalb Jahre altes WM-Achtelfinal-Spiel anzuschauen.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und ich bin so willkommen wie bei jedem anderen der Familienzusammenkünfte und Feiern, die ich an diesen Tagen erleben werde. Der Empfang ist immer herzlich, und mehr noch, meine Anwesenheit völlig unhinterfragt. Dieser Selbstverständlichkeit, mit der ich in den Kreis aufgenommen werde, ist eine außerordentliche Schönheit zu eigen. Von ihr wünsche ich mir mehr in unseren Landen. Wir würden dadurch gewinnen.

Fußnote: Emphase suche ich, zu Schwärmerei will ich nicht verführen. Diese wundervolle, menschliche Gastfreundschaft (die bis zur Aufopferung gehen kann) ist zugleich unsentimental. Ein paar Tage als willkommener Gast im Familienkreis bedeutet nicht, danach beste Freunde zu sein. Das mag ein Unterschied zu Deutschland sein, wo sich die Türen oft so viel zögerlicher und später öffnen, sich dann aber, meine ich, die Deutschen im internationalen Vergleich als treue Freunde erweisen, so pauschal eine solche Aussage natürlich auch ist.

Libanon_St. Rebekka_Rafqa

Zedern vor Klostermauern

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Ein Mann steht vor dem Haus

Wie hilflos es macht, in einem Land zu leben, dessen Sprache man nicht spricht und auch keine derjenigen, die dort üblicherweise an den Schulen gelehrt werden. Ein Mann steht vor dem Haus und weil ich noch kurz vor der Tür stehenbleibe, um eine Nachricht zu tippen, traut er sich heran und spricht mich an in einer Sprache, die ich nicht zuordnen kann. Ich könnte angesichts seines Aussehens wetten, er kommt aus einem Land des Nahen Ostens, also frage ich ihn auf Arabisch zurück. Er kneift die Augen zusammen, grübelt, hat dann die Frage offenbar verstanden und antwortet nur: „Kurdi.“ Ja verdammt, ein Kurde, der kein Arabisch kann. (Ist er aus Anatolien? Aus dem Iran?) Er redet wieder in seiner Sprache auf mich ein, holt sein Handy heraus, tippt eine Nummer ein und drückt mir das Telefon in die Hand. Spannend. Ach ja, sein Sohn, er spricht gebrochen Deutsch, er kann mir sagen, wohin der Vater will, aber er versteht meine dreifach wiederholte Antwort kaum. Irgendwann meint er zögernd „okay“ und ich gebe das Telefon zurück und deute dem Mann auf die Klingelschilder, zeige auf mich und ein Schild, dann auf ihn und ein anderes und nicke dazu. Irgendwann sagt auch er schicksalsergeben „okay“. Ich klingel für ihn und sofort wird uns geöffnet, ich bringe ihn hinauf und zur Rezeption und erkläre dort kurz die Lage. Ich sehe die bei meinen Worten wachsende Verzweifelung der jungen Rezeptionistin – sie könnte türkischer Abstammung sein, ich hoffe inständig darum, dass sie es wirklich ist und selbst Türkisch kann und der Mann auch, aber groß ist meine Hoffnung nicht, denn ich habe ihr ja gesagt, dass er Kurde ist, und wenn sie dann so schaut, dann kann sie wohl doch kein Türkisch. Er ja vermutlich auch nicht. Trotzdem nickt die junge Frau, ich lasse den Mann bei ihr zurück, er lächelt mir zu, sagt ein deutsches Wort: „Danke.“

Am selben Tag noch melde ich mich für einen Farsi-Kurs an.

Tigris_Fluss_Syrien_Türkei_Kurden

Der Tigris, Kurdengebiet, im äußersten Osten Syriens in den ersten Tagen der Revolution. Das gegenüberliegende Ufer gehört zur Türkei, ein paar Kilometer flussabwärts beginnt der Irak.