Plissken meets Marlowe meets Monk – Nathan Larsons Future Noir-Roman „2/14“

Über Brians Gesicht huschte ein Lächeln. „Sie sind der geborene Killer. Also, das wird mir jetzt klar. Das ist sehr traurig. Geisteskrankheiten sind immer traurig.“

cover_978-3-03734-654-9In der dystopischen Zukunft überlebt auch der hardboiled detective nur mithilfe eines Sets an systemerhaltenden Neurosen, ganz davon abgesehen, dass er inzwischen ein Killer ist. New York ist nach den (nicht näher erläuterten) Ereignissen von 2/14 am Arsch, und zwar gründlich. Die Metropole ist zu weiten Teilen entvölkert, die Wirtschaft zusammengebrochen oder von mafiösen Strukturen durchsetzt, die öffentliche Hand praktisch auf Armeeeinsätze geschrumpft, der moderne Gesellschaftsvertrag aufgehoben. Zwischen Hunger, Krankheit und dem allgegenwärtigen Geruch von brennendem Müll und Plastik ist sich der Mensch wieder des Menschen Wolf.

Und Dewey Decimal ist einer der gefährlichsten Wölfe in diesem postapokalyptischen Dschungel. Wenn er nicht schmutzige Jobs für den Bezirksstaatsanwalt ausführt, haust er in der verlassenen New York Public Library und strukturiert die Überreste eines Wissensschatzes einer vergangenen Epoche nach der Dewey-Dezimalklassifikation, daher sein Name. Seinen echten kennt er nämlich nicht mehr. Er weiß nur, dass er einmal Soldat war. „Übrigens war ich auch Ehemann und Vater. Glaub ich.“ Denn nichts ist mehr sicher und gewiss in dieser Welt, nicht einmal die eigenen Erinnerungen (implantiert?). Kein Wunder, dass so jemand einen zwanghaften Charakter entwickelt, zu Migräneattacken und Gedächtnisproblemen neigt, hochgradig neurotisch ist und an dissoziativen Störungen leidet.

Aber das hindert Dewey Decimal nicht daran, als Geheimwaffe des Bezirksstaatsanwaltes eingesetzt zu werden, und als dieser ihn auf einen ukrainischen Gangster ansetzt, macht sich der Killer in einem zerknitterten Anzug und mit einem üppigen Vorrat an Pillen, Einweghandschuhen und seinem Reinigungsspray Purell bewaffnet (Requisiten wichtiger noch als Trinkwasser oder Feuerwaffen) auf zu einer Großstadtodyssee, in der sich die Fronten beständig verändern und – natürlich – nichts ist, wie es scheint …

In seinem Romandebüt „2/14“ entwirft Nathan Larson eine stimmungsvolle dystopische Welt. Vieles an dieser Welt ist nur angerissen; wichtig ist die Kulisse, nicht die Stringenz eines Weltenentwurfs, doch diese Kulisse ist dermaßen dicht und bildstark beschrieben, dass einem als Vergleich zum Buch eher Filme einfallen anstelle anderer Bücher – Filme wie „Die Klapperschlange“ etwa oder „Bladerunner“ oder „Soylent Green“. Manche Szenen bestechen durch eine geradezu fiebrige Intensität – ein beeindruckender Beleg für das stilistische Vermögen des Debütanten. Etwas, das Larson nicht nur in seinen Beschreibungen, sondern auch in seinen knackigen, pointierten Dialogen unter Beweis stellt, wie man es bei einem Schüler der hardboiled novels erwarten darf.

Allerdings scheitert Larson daran, den Zug der Geschichte bis zum Ende durchzuhalten. Das Erstaunliche ist, dass der Autor den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte selbst ganz offen thematisiert: „Dieses dumme alte Pulp-Klischee, das müdeste aller müden Klischees, kommt mir in den Sinn. […] Wenn man nicht weiterweiß, dann sucht man die Frau. Cherchez la femme.“ Versucht Larson hier seinen Plot durch Ironisierung zu retten? Besagte Entwicklung (und die dazu gehörige viel zu holzschnittartige Frauenfigur) bleibt nicht die einzige Schwäche. Was als stimmungsvolle, knallharte Geschichte mit Suchtpotential („2/14“ ist der erste Teil einer Trilogie um Dewey Decimal) beginnt, erschöpft sich in der zweiten Hälfte zu oft in Klischees: der hartgesottene Kämpfer, der sich auch frisch von der Kniescheiben-OP weiter durch die Stadt kämpft; der getriebene Ermittler, der im Laufe der Geschichte ungefähr so oft bewusstlos zusammenbricht wie die Figuren in Raymond Chandlers frühen Schreibversuchen; eine Story, die mehrmals auf einen Deus ex Machina-Effekt zurückgreifen muss; Handlungen, für die der Autor keine überzeugende Motivation liefern kann; und ein müder, unglaubwürdiger Moralkodex des Killers (S. 181, wer‘s genau wissen will). Aus dem Rückblick bleibt der Roman (wie so viele Versuche im Kielwasser eines Dashiell Hammetts oder Raymond Chandlers) doch nur wieder einmal zu sehr Geste und Topos.

Ganz ungerecht wäre es aber, über diese einzelnen Kritikpunkte hin zu vergessen, dass „2/14“ über weite Strecken ein verflucht packender, dichter, stilistisch hochsouveräner Zukunftsthriller ist. Freunde des Genres dürfen sich auf die Fortsetzung freuen.

Nathan Larson, 2/14. Ein Dewey-Decimal-Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. (Originaltitel: The Dewey Decimal System, 2011.) 255 Seiten, Broschur oder als E-Book.  Diaphanes, Zürich-Berlin 2014.

Mit einem Dank an crimenoir, dessen Buchbesprechung von „2/14“ mich auf den Roman aufmerksam gemacht hat.

Advertisements