Moshés Schüler

Nachts reißt die Sirene das winzige Örtchen aus dem Schlaf. Ein Blick auf das Smartphone zeigt: Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Ich höre die Schritte der Großmutter auf den knarzenden Dielen. Nirgendwo Feuer zu sehen, sagt sie nach einem Rundgang an alle Fenster, besser: nuschelt sie, denn ihr Gebiss liegt ein Stockwerk tiefer in einem Glas. Nebenan ertönt ein langer Pfiff der Mutter. Sie ruft den Hund, der verängstigt von dem Sirenengeheul in einer Ecke der Terrasse kauern wird. Die Großmutter steigt die Stiege hinab, einmal geweckt, beginnt sie ihr Tagwerk. Ich drehe mich nochmals um. Draußen hängt Nebel. Später besprechen wir, ob es auf der nahen Autobahn einen Unfall gegeben haben mag, von Urlaubern auf dem Weg in die Alpen.

„Die Ersten an Land, die Letzten zurück“, hatte Alexander Kent, Autor zahlreicher Seekriegsgeschichten, seinen Roman über die Royal Marines betitelt. Die Eschen machen es umgekehrt. Sie sind die letzten Bäume, die sich im Jahreslauf in Grün kleiden, und die ersten, die ihr Gewand wieder abwerfen. Die anderen Bäume zeigen sich umso bunter in Rot- und vor allem Gelbtönen, von selbst im Morgennebel leuchtenden Farben von melancholischem, ja krankhaftem Charakter, wie sie einem französischen Film um eine depressive Schönheit ziemen mögen aus jenen Jahren, in denen Frankreich noch für seine anspruchsvollen Problemfilme berühmt war – entschleunigt, schonungslos, mit messerscharfen Dialogen – anstatt für hektisch-seichte Komödien. Ich friere bei dem Frühstück auf dem städtischen Wochenmarkt, unserer ersten Etappe an diesem Tag im Indian Summer. Danach geht es hinaus in die Vorberge, schon am Rand der Stadt lassen wir den Nebel hinter uns, ein selbst in der Oktoberpracht auffallender, feuriger Herbst ziert das Plakat der Waldorfschule, die in ihrem Gartenareal ein Bauwagencafé betreibt. Im Sonnenschein wird das Fieber der Bäume zu reiner Schönheit. Wir unterhalten uns auf der Fahrt, ob Spiritualität auch ohne Transzendenz möglich sei.

Auf dem Parkplatz des Tales locken zwei schartige Container die Bauern der umliegenden Siedlungen. Sie laden ihren Eisenschrott hier ab, wuchten ihn mit dem Vorderlader der Traktoren in die Behältnisse, reichen sich meterdicke Rollen aus Drahtgitter und gebogene Dachrinnen mit den behandschuhten Händen hoch, werfen kleinere Teile von unten über die Containerwand. Der Hänger mit Platten wird nach seiner Entladung gleich abgekoppelt und stehengelassen, es war seine letzte Fahrt. Unsere Blicke meiden die Arbeitenden, untereinander aber scherzen sie. Wie gerne würde ich meinen gekünstelt gewordenen Dialekt unter ihnen schulen. Ein Bartträger zündet sich genussvoll eine Zigarette an, der Mann mit den grauen Koteletten pinkelt für alle sichtbar neben einen roten Opel ohne Nummernschild. Der Motor des Wagens läuft, ein paar Minuten später falten sich drei junge Burschen, groß und kräftig, Schirmmützen über den runden Gesichtern, in das Auto und lassen es unter dem Röhren des kaputten Auspuffs vom Parkplatz rollen. Auch dieses Auto hat einen Platten. Es hindert die Burschen nicht daran, es die für Kraftfahrzeuge verbotene Straße hochzujagen, über die wir gleich unseren Spaziergang beginnen werden.

Ganz unerwartet taucht oben auf dem Hügel ein liebliches Örtchen auf, eine Kapelle, eine Handvoll schmucker Höfe. Viel Holz ziert ihre Fassaden, die seltene Stechpalme wächst hier in großer Zahl. Am schönsten und lebendigsten Hof machen wir Halt, jemand kennt hier jemanden. Schrott wird verladen für den Container unten im Tal, Ziegen werden auf die Wiese getrieben, ein Pfau stolziert durchs Gehege, Enten queren ihren Teich. Die Hunde fallen sich immer wieder an, denn unsere hündische Begleitung ist zu frech, immer wieder gerät sie mit dem Hofhund aneinander, aber da ist nichts zu machen, das müssen die Hunde selbst klären. Ihre Besitzer bleiben gelassen, als würden sie Spatzen bei der Futtersuche studieren – aufmerksam, aber gelassen. In dieser Geschäftigkeit findet sich die Zeit, dass wir auf den sonnigen Bänken einen Kaffee erhalten. Ein weißbärtiger Alter in Latzhose gesellt sich zu uns, er ist nicht wie erwartet ein Allgäuer Großvater, sondern ein ‚Jobhopper‘ aus Israel. Deutsch spricht er nicht und außer mir scheint niemand willens (oder in der Lage) zu sein, eine Unterhaltung auf Englisch zu führen und so komme ich mit ihm ins Gespräch. Und unerwarteter noch, als schon dieser schmucke Weiler auf dem Hügel sich gezeigt hat, erblüht hier in seinem Herzen noch eine weitere Schönheit auf. David, in einem Kibbuz aufgewachsen, hatte noch bei Moshé Feldenkrais gelernt, und bald sind wir in einem Gespräch über Achtsamkeit, über Wandel, über den Mut zur steten Veränderung. Ein Lehrer zu sein, weist David von sich, und doch ermuntert er mich, sehr bescheiden und ganz humorvoll, zu Schritten in ein neues Leben. „Ich sage nicht, dass es leicht wird! Wenn du natürlich glaubst, wie ein Schmetterling herumflattern zu können … Auch ein Schmetterling muss erst einen langen Zyklus durchlaufen, das ist harte Arbeit und er kann unterwegs gefressen werden. But of course, trust yourself and just do it. I did not regret one single change in my life.

In der nächsten Kapelle verkündet eine schlichte Tafel „‚Vergelts Gott‘ für an guate Alpsommer.“ Dem Dank kann ich mich in gewisser Hinsicht anschließen. Ein gutes Wanderjahr war es, auf Berg und in Auen und auch in seinen menschlichen Begegnungen. Von dem Heuschnaps an der Alpe gegenüber nippe ich nur und statt des mit Zwiebeln und Essig angemachten herben Romadurs – kein Essen verbinde ich mehr mit meinem Großvater selig als diesen Sauren Käs – wähle ich lieber Weißwürste. Die Sonne wärmt, der Herbst verzaubert das Voralpenland zu einem Paradies, einem Sehnsuchtsort, den ich nie wieder verlassen will. Der Tag ist ganz Erfüllung und zugleich liegen Kopfschmerzen wie ein Folterreif um meinen Schädel.

Allgäu_Hagebutte_Herbst_Voralpen

Herbstfrucht

Buchmessesorgen III

Meinen Zug habe ich verpasst, aber K. war so nett, die Stunde mit mir zu warten und mir nochmals ein Getränk auszugeben. Dabei hatte er, den die Buchmesse am Arsch vorbeigeht, mich vollgequatscht über Verlage und Verleger, Autoren und Illustratoren und Gestalter und ihre Leistungen und Mauscheleien, ihre Schätze und Gaunereien. Und ich verstand, in der Bar bei den Gleisen, nur Bahnhof, kannte und begriff von dieser deutschen Verlagsgeschichte nur einen Bruchteil und war sowieso müde und nun auch hungrig von dem langen Tag, und im Blickfeld links blinkte der übergroße Bildschirm und im Blickfeld rechts blinkte die scharfe Braut, die sich andauernd, immer und immer wieder, mit den Fingern durch die Haare fuhr, und ich fragte mich, ob sie von nebenan aus dem Rotlichtviertel kam und hier einen irgendwie verlorenen Messebesucher abgreifen wollte, und ich begann zu schielen und konzentrierte mich auf K.s lange Nase und er redet und redet einfach immer weiter und ich bin gar nicht mehr hier. Den nächsten Zug verpasse ich nicht und meine Sorge, ob ich mit meinem zuggebundenen Ticket durchkomme (ich habe mit K. eine Wette darüber abgeschlossen oder eher er mit mir) löst sich gerade eben einfach auf, als die Stempelzange des Zugbegleiters ihr KLICK

Hurra, die Mauer ist weg. Oder: Haben auch Hunde eine Morgenlatte?

„Morgen ist doch deutscher Nationalfeiertag? Was sagt man sich da?“, fragt der syrische Besucher. Die Frage lässt mich einen langen Augenblick schweigen, bis ich beinahe verschämt sage: „Nichts.“ Wir haben keinen Glückwunsch zu unserem Nationalfeiertag. (Etwa „Hurra, die Mauer ist weg“?) Für die meisten von uns ist es einfach nur ein freier Tag.

Es war eine dieser Fragen an diesem Abend, die uns Deutschen am Tisch nachdenklich stimmten, weil sie unserer Selbstverständlichkeit unerwartet alles Selbstverständliche nahmen. Sie beschäftigt mich jetzt noch und ich weiß, ich werde nicht schlafen können, ehe ich nicht die Gunst der Stunde ergriffen und diese Entselbstverständlichung punktgenau zum Tag der deutschen Einheit auf den Blog gestellt haben werde. Zugleich aber wird mir jeder Satz Schlaf kosten, denn um 4.30 Uhr wird der Wecker klingeln und ich werde mich aufmachen in die Berge, um mittags dort zu stehen, wo es nur noch Licht und Stein um mich gibt. Eine Analyse, das kann ich also vergessen, auch die Suche nach einer literarischen Form spare ich mir, denn gleich ist es Mitternacht.

Es war interessant zu sehen, wo sich an einer Tischrunde – nachdem die Teller mit den pandschabischen Gerichten geleert waren – Brücken bildeten, die niemand hatte vorhersehen können. Wie erst der Junge, der als einziges Kind unter den Erwachsenen trotzdem Freude hatte, das Eis brach, einfach nur, indem er da war und war, was er ist: ein Kind, und ein Lächeln auf die Gesichter der beiden aus Syrien geflüchteten Medizinstudenten zauberte. Wie sich dann etwa die Tierärztin und die beiden Syrer über allgemeine Fachfragen an skurrile Geschichten aus dem Medizineralltag herantasteten und dann vor Begeisterung gar nicht mehr zu bremsen in ihrem Wortwechsel über die Serie „Grey‘s Anatomy“. Der Soziologe und ich schauten uns hilflos an. Wir verstanden nichts. Aber das war es wert.

Die Geschichten wurden immer bizarrer und mir wurde wieder einmal bewusst, in welchem Elfenbeinturm mein Broterwerb sich abspielt. Der Anruf, ob auch Hunde eigentlich eine Morgenlatte haben, gehörte noch zu den harmloseren Anekdoten des Abends.

Die Reste sind im Kühlschrank verstaut, der Rucksack ist noch zu packen. Mitternacht. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Menschen, der an diesem Abend zu Gast war, und vor mir, durch ein paar Stunden Schwärze hindurch, höre ich den Berg rufen.

Ein Mann steht vor dem Haus

Wie hilflos es macht, in einem Land zu leben, dessen Sprache man nicht spricht und auch keine derjenigen, die dort üblicherweise an den Schulen gelehrt werden. Ein Mann steht vor dem Haus und weil ich noch kurz vor der Tür stehenbleibe, um eine Nachricht zu tippen, traut er sich heran und spricht mich an in einer Sprache, die ich nicht zuordnen kann. Ich könnte angesichts seines Aussehens wetten, er kommt aus einem Land des Nahen Ostens, also frage ich ihn auf Arabisch zurück. Er kneift die Augen zusammen, grübelt, hat dann die Frage offenbar verstanden und antwortet nur: „Kurdi.“ Ja verdammt, ein Kurde, der kein Arabisch kann. (Ist er aus Anatolien? Aus dem Iran?) Er redet wieder in seiner Sprache auf mich ein, holt sein Handy heraus, tippt eine Nummer ein und drückt mir das Telefon in die Hand. Spannend. Ach ja, sein Sohn, er spricht gebrochen Deutsch, er kann mir sagen, wohin der Vater will, aber er versteht meine dreifach wiederholte Antwort kaum. Irgendwann meint er zögernd „okay“ und ich gebe das Telefon zurück und deute dem Mann auf die Klingelschilder, zeige auf mich und ein Schild, dann auf ihn und ein anderes und nicke dazu. Irgendwann sagt auch er schicksalsergeben „okay“. Ich klingel für ihn und sofort wird uns geöffnet, ich bringe ihn hinauf und zur Rezeption und erkläre dort kurz die Lage. Ich sehe die bei meinen Worten wachsende Verzweifelung der jungen Rezeptionistin – sie könnte türkischer Abstammung sein, ich hoffe inständig darum, dass sie es wirklich ist und selbst Türkisch kann und der Mann auch, aber groß ist meine Hoffnung nicht, denn ich habe ihr ja gesagt, dass er Kurde ist, und wenn sie dann so schaut, dann kann sie wohl doch kein Türkisch. Er ja vermutlich auch nicht. Trotzdem nickt die junge Frau, ich lasse den Mann bei ihr zurück, er lächelt mir zu, sagt ein deutsches Wort: „Danke.“

Am selben Tag noch melde ich mich für einen Farsi-Kurs an.

Tigris_Fluss_Syrien_Türkei_Kurden

Der Tigris, Kurdengebiet, im äußersten Osten Syriens in den ersten Tagen der Revolution. Das gegenüberliegende Ufer gehört zur Türkei, ein paar Kilometer flussabwärts beginnt der Irak.

Epaieio

Morgens geht es als Erstes aufs Arbeitsamt. (Und wir sagen immer noch „Arbeitsamt“ und nicht „Agentur für Arbeit“, auch städtische Angestellte höre ich „Arbeitsamt“ sagen.) Nicht für mich, zum Glück, sondern um einem arbeitsuchenden Afrikaner bei Bewerbungsschreiben zur Seite zu stehen.

A. trägt einen frommen Namen und sein Gesicht hat etwas, das ich als maurische Einflüsse bezeichnen würde. Er stammt aus einem Land im Westen Afrikas und lebt seit einigen Jahren in Spanien, das ihm eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt hat. Mich würde nicht wundern, wenn einer seiner Ahnen vor 1000 Jahren schon dort gelebt haben sollte, unter den Umayyaden vielleicht oder über die Transsahararouten der Almoraviden, deren Macht sich vom Niger bis zum Ebro in Katalonien erstreckte. Manche Dinge wiederholen sich.

A. ist eine sehr ruhige Erscheinung, nicht verschüchtert noch misstrauisch, nur gelassen. Die Initiative liegt bei mir (lieber ruft er direkt bei potentiellen Arbeitgebern an, in einem ihm fremden Land, als einen Brief aufzusetzen; mutig, finde ich). Ich stelle ihm Fragen, tippe Sätze ein, erkläre sie. Dann geht es darum, in dem Anschreiben zu vermitteln, warum A. sich ausgerechnet bei dieser und jener Firma bewirbt – um die Identifikation, das Committment (zumindest in einem ganz knappen Satz, denn zugegeben, es sind Jobs, die die meisten von uns nicht haben wollten). Ich versuche ihm mein Anliegen verständlich zu machen. A. kann Deutsch, nicht sehr gut, aber gut genug, um einer Unterhaltung zu folgen. Er begreift sofort, worauf ich mit Worten und Gesten hinauswill: „Ich verstehe. Mitten ins Herz und bumm!“ Er lacht und ich lache mit ihm.

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Sommer ist es nicht mehr, aber die Menschen sitzen noch draußen in der Dämmerung, vor dem Loretta und dem Arigato, dem Kaiserbau und dem Condesa. Das tut’s schon noch, das geht schon noch zusammen, diese Lust nach dem Straßencaféleben und die Herbstkühle, jener Luftzug am sonnenverwöhnten Nacken, der die Daseinsberechtigung von Schals plötzlich wieder in den Bereich des Vorstellbaren rückt. Nur die Palette voller Spekulatius im Supermarkt irritiert.

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Heute lese ich im Branchenblättchen, dass die beiden meistverkauften Buchtitel Brasiliens im letzten Jahr von einem katholischen Prediger und einem Pfingstkirchler stammen. Das verstört mich. Und ich ziehe – auf der Suche nach einem Dankeschön für die Schönschrifturlaubspost meiner Nichte – vielleicht nicht aus Zufall aus der Vorratsschachtel eine Karte mit einer brasilianischen Orixá: Oyá, der kriegerischen, aber wohlwollenden Göttin der Stürme und (in ihrer afrikanischen Heimat) Herrin des Flusses Niger. Epa hei Oyá!

Das Schweigen der Bahnen

Diese Stille in der Stadtbahn hinaus in die Vororte. Der Großteil der Plätze ist belegt an diesem frühen Freitagabend, aber keiner sagt ein Wort. Vielleicht 20 Menschen habe ich im Blickfeld – sie schweigen. Es dauert Minuten, bis ein Kind die Wortlosigkeit der U-Bahn durchbricht. Und erst als es zu heulen beginnt, wird die Situation in dem Wagen menschlich. Aber halt, da ist die Familie bereits ausgestiegen und stumm geht es wieder weiter.

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An einem der vielen Streiktage hörte ich zum ersten Mal die Vögel am Hauptbahnhof. Ich hatte Glück, dass mein gebuchter ICE zu jenen Zügen gehörte, die trotz Streik fuhren. Der Bahnhof lag beinahe verlassen da. Die paar Menschen wirkten wie versehentlich vor Ort. Sie standen – die Sonne schien, aber der Wind war schneidend – am Rand des Bahnsteigs in einem schmalen Streifen Licht. Wie aufgereiht standen sie, die Absätze an der Kante, das Gesicht dem Gestirn zugewandt, dankbar für ein bisschen Wärme. Irgendwo seufzte eine Lokomotive. Nichts aber war so laut wie das Pfeifen der Vögel.

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Wir nahmen den letzten Zug aus der beschaulichen Neckarstadt zurück nach Stuttgart. Mein arabischer Freund M. – wir kannten uns aus meiner Studienzeit im Nahen Osten – war zu Besuch und wir hatten einen sehr heiteren Abend auf der Terrasse von Freunden verbracht. In der nächtlichen Bummelbahn wandte sich unser Gespräch einem weniger freundlichen Thema zu: dem Mukhabarat, den berüchtigten syrischen Geheimdiensten. Auch ich als Ausländer war damals von dem allgegenwärtigen Misstrauen angesteckt worden – Paranoia und Schweigen als Grundzüge einer Gesellschaft. Ich berichtete M. davon, wie ich bei meinem letzten Syrienaufenthalt, im Frühjahr 2011 (als in einem Städtchen ganz im Süden des Landes eben die ersten Toten des kommenden Bürgerkrieges zu beklagen waren), an den Geheimdienst geraten war. Passiert war mir – einem Touristen, einem Deutschen – natürlich nichts. Aber in jenen Stunden der unverhüllten Bespitzelung, der Isolierung, Befragung und unausgesprochenen Einschüchterung hatte ich Ängste ausgestanden, die ich aus einem Leben in der Bundesrepublik nicht kannte. Dann erzählte M. mir Geschichten, von eigenen Erfahrungen mit dem Mukhabarat, von erschreckenderen aus zweiter oder dritter Hand. Dann mussten wir umsteigen. Am Bahnsteig taxierten uns Uniformierte. Sie verdächtigten offenbar uns, für eine frische Urinlache vor dem Fahrplanaushang verantwortlich zu sein. Unser Anschluss kam und befreite uns von den Blicken. In dem Nachtzug arbeiteten wir uns Waggon für Waggon an die Spitze vor, um im Kopfbahnhof dann schneller am Ausgang zu sein, vorbei an Schlafenden, an unruhig Schlummernden, an ins Leere starrenden Menschen, während hinter den Scheiben eine verdunkelte Landschaft vorbeirauschte. Alles war ruhig, nur die Wagen rumpelten laut und rhythmisch über die Schwellen. Wir waren wie aus Zeit und Raum enthoben, es hätte eine Szenerie aus einem altmodischen Spionagefilm sein können. Unser Weg durch den langen, viel zu langen Zug bekam etwas Gehetztes, als würde uns jemand folgen. Ich erinnere mich, wie meine Augen unruhig nach links und rechts huschten, über die Gesichter hinweg, über die Türen zu den Liegeabteils. Mein Atem war flach und ich war froh, als wir in Stuttgart auf den Bahnsteig traten. In Sicherheit waren. Wer es als Erster von uns aussprach, weiß ich nicht mehr. „Stell dir vor, ich hatte ein komisches Gefühl vorhin. Ich hatte Angst. Vor dem Mukhabarat.“ Die Erleichterung des anderen war offensichtlich. „Ich auch! Mir ging es genauso. Wie merkwürdig. Da sind wir so weit weg von Syrien und trotzdem hat uns die Angst bis hierher verfolgt.“

Filderstraße 75 – Architekturfotografie und die Häutungen des Lebens

Am Ende eines langgestreckten, hellen Raumes sitzt er an einem Schreibtisch, ein hochgewachsener Mann mit leichter Goldrandbrille und grauem Millimeterhaarschnitt. Ein Blick in das schmale Gesicht zeigt, der da muss ein kluger und gebildeter Mensch sein, doch zugleich ein Mann der Tat. Kein Professor der Philosophie, sagen wir einmal, eher noch Oberarzt in Freizeitklamotten. Ich grüße durch den lichten Raum, er kommt mir entgegen, die Finger an den Gläsern. „Ich habe die Lesebrille auf, da muss ich erst mal näher treten, um zu sehen, wer das ist“, erklärt er. Ich stelle mich vor, mein Name sagt ihm erst einmal nichts, obwohl er mir erst vor ein paar Tagen aus eigener Initiative geschrieben hat, bei meinem Blognamen weiß er mich dann einzuordnen. „Freut mich, dass du kommst. Und ein schönes Hemd, Mensch!“, sagt er und fasst den Saum meines roten Karohemdes.

Ich stehe in der Fotogalerie f75, nur ein paar Schritte weg vom zentralen Marienplatz – man sieht ihn sogar von der Tür der Galerie aus – und doch fast versteckt in einem Hinterhof. Nach links und rechts ziehen sich die Rückseiten der Gründerzeithäuser fünf Stockwerke oder so in den Himmel, die Galerie liegt hinter einer einladenden Glasfront gegenüber der Hofeinfahrt. Vor einigen Jahren war sie noch eine heruntergekommene Töpferei. Dann erwarb Wilfried Dechau den Raum. Zuerst hatte er nur an das Hinterzimmer (ein enger Doppelgang um deckenhohe Archivschränke, vorne eine winzige Küche, Dutzende Gläser für Vernissagen, hinten in Pappe die großformatigen Bildabzüge, Bücher, Zeitschriften, Lichtbilder) als trockenen Stauraum gedacht, am Ende hatte er eine Galerie. „Ein teures Hobby“, erläutert er.

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Revier im Untergrund – Johannes Marburg: BodenHaltung (zum Vergrößern bitte klicken)

Seit dem 13. März sind in der Galerie f75 Werke des Architekturfotografen Johannes Marburg zu sehen: Marburg hatte den Auftrag, die Mensa der Uni Würzburg – 1978 von Alexander von Branca errichtet und nun sanierungsbedürftig – vor dem Umbau fotografisch zu dokumentieren. Unter Fluchten von Rohrsystemen, zwischen labyrinthischen Abluftkanälen stieß Marburg auf kleine Rückzugsorte von Mitarbeitern der Mensa. Sie inspirierten den Fotografen am Rande seiner Auftragsarbeit zu seiner Serie „Das Würzburger Zimmer“: Inseln in einem lebensfeindlich wirkenden Areal, Unterweltaufnahmen, die an die Morlocks aus H.G. Wells „Zeitmaschine“ erinnern und auf den zweiten Blick neben Stereotypen mit unerwarteten Details aufwarten.

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Suchbild mit Tiger – Johannes Marburg: Gewusst wie (zum Vergrößern bitte klicken)

Galerist Wilfried Dechau ist selbst Architekturfotograf. Er hatte einst Architektur studiert, wechselte nach ein paar Jahren an einem Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau dann ins Verlagswesen und war lange Chefredakteur einer bekannten Architekturzeitschrift, die damals noch bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart zuhause war. Dann hatte ihm das Leben in die Hacken getreten, wie er es nennt, und er hatte sich selbständig gemacht in einem Alter, in dem manche im Geiste bereits in der nahen Rente dahindämmern. Aus seinen Fotografieprojekten sind zahlreiche Buchpublikationen entstanden, so zuletzt 2013 „Baakenhafenbrücke Hamburg – Fotografisches Tagebuch“ oder 2009 – und mit einer größeren Relevanz als je zuvor – der anregende Band „Moscheen in Deutschland“. In der Stuttgarter Weißenhofgalerie wird Wilfried Dechau demnächst mit Aufnahmen zu „So-da-Brücken“ zu sehen sein, Brücken, die (wegen eines zeitweiligen oder dauerhaften Baustopps) im Nichts enden – funktionslos einfach so da sind.

Betreten habe ich die Galerie f75 aus einer verhaltenen Neugier heraus. Und schließlich wird der Besuch viel mehr als eine Bildbetrachtung oder eine Ortsbesichtigung. Wilfried Dechau scheut das Gespräch nicht, er gibt spannende Einblicke in die Verlagswelt und in Zeitschriftenredaktionen, in Kunstausstellungen und Fotoprojekte und nicht zuletzt in das Leben selbst. Und fragt zurück. Am Ende tauschen wir uns über die Häutungen des Lebens aus. „Gut, in meinem Alter fängt man nichts völlig Neues mehr an“, meint Wilfried Dechau. Er ist 70 Jahre alt und doch: „nichts völlig Neues“, das zeigt doch zugleich den Mut, wäre es angebracht, etwas zumindest irgendwie Neues zu beginnen. Als ich gehe, nehme ich etwas mit aus der Galerie, im Herzen und im Kopf.

Die Eröffnung zu „Johannes Marburg | Das Würzburger Zimmer“ am 13. März hatte ich verpasst. Am 2. April geht die Ausstellung bereits wieder zu Ende – Baumaßnahmen an der Rückwand des Gebäudes machen es notwendig. Donnerstag diese Woche ist also die letzte Gelegenheit, die Fotografien von Johannes Marburg in der Galerie f75 zu sehen. Auf die nächste Ausstellungseröffnung in der f75 freue ich mich.