Hohenlohisches Itinerar

Flimmern über den Gleisen. Reicher Sommer, und sei’s nur heute.

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LIMES steht auf dem Stein. Ich quere die unsichtbar gewordene Linie und betrete Barbarenlande. Über mir glüht die Sonne.

Die Stadtrandsiedlung ist neu, die zwei Reihen von Erdschüttungen an ihrem vorläufigen Ende schiere Blumenpracht: ein Paradies auf modernen Wällen.

An der baumbeschatteten Kreuzung eine Unsicherheit. Hunde bellen mich an. Ich schlage den falschen Weg ein, korrigiere mich nach einem Blick auf die Karte und mache kehrt. Die dicke Frau auf der Bank, an der ich eben noch fremd und schweigend vorüber bin, spreche ich nun an. „Da habe ich doch den falschen Weg genommen.“ Sie greift den Ball fröhlich auf: „Und das bei diesem Wetter!“ Große Traktoren, Mähmaschinen.

Unter der Autobahn hindurch. Das letzte Mal auf ihrer Fahrbahn über mir dürfte um 4 Uhr morgens nach einem langen Konzertabend in Nürnberg gewesen sein. Eine Band kündigte auf dem kleinen Progrockfestival einen Coversong von Kansas an und ich brüllte meine Begeisterung hinaus, als einziger im Saal. Die Rückfahrt eine Qual aus Müdigkeit und Winterregen, ich war sterbensmüde und wagte nur deswegen nicht, auf dem Beifahrersitz einzuschlafen, weil ich spürte, wie der Fahrer selbst mit seiner Müdigkeit kämpfte und kämpfte. Gemeinsam haben wir es geschafft.

Hinter der Unterführung Weinsbach, hübsch und beschaulich wie sein Name. Am Dorfende zwei Jungs vor mir, sie biegen ab zu einem Trampolin, werfen mir nur einen Seitenblick zu. Ich hätte sie gerne gegrüßt, aber zu rasch drehen sie dem Fremden wieder den Rücken zu. Auch der Mann an dem beschatteten Fischteich misst mich mit misstrauischem Blick. „Grüß Gott, falsch abgebogen“, sage ich und seine Hab-acht-Stellung wird zum Gönnertum: „Ja, das kommt vor.“

Nicht in die Allee mit den silbrighohen Bäumen hinein, sondern in einem Bogen den Hügel hinauf. Ein Moped überholt mich. Als ich die Kuppe erreiche, hat es bereits die folgende Höhe erklommen.

Gelbes Getreide (ich möchte gilbend schreiben, wie Lakritze es tut), goldenes Stroh, Baumreihen in den Tälern, im Blau des Himmels ein Raubvogel. Von den Kirschen am Wegesrand nasche ich eine, dann eine zweite nur und bete, der Besitzer möge die Früchte mit allem Ernst und aller Hingabe ernten und sie nicht etwa verkommen lassen, denn köstlicher als diese können Kirschen nicht sein.

Gehöfte, groß und steinern und einsam. So stehen ihre Namen auf der Karte: Haberhof, Göltenhof, Orbachshof. Dazwischen immer wieder ein Hungerberg. Gewellt ist das Land, ohne weite Sicht, hell und trocken und still. Provinz, ganz warm.

In der Senke eine Furt, klares Wasser strömt, erst auf den zweiten Blick sehe ich das Brücklein für Fußgänger zwischen den Büschen. Heu ausgestreut auf dem Weg hinauf auf den nächsten Hügel, der goldene Schnitt des Ackers führt direkt in den Himmel. An der Wegkreuzung ein Baum, eine Bank. Ein Auto irgendwo, kein Mensch zu sehen. Erhabenheit in kleinen Dimensionen, dem Menschen gerecht.

Die Mittagsstube des Hirschen ist voll besetzt. Der Duft von Sonntagsbraten und neugierige Blicke auf den schweißglänzenden Wanderer. An der Theke warte ich geduldig, ich zahle das alkoholfreie Weizen gleich, das Herbsthäuser schmeckt köstlich. Der Neunfingerwirt kommt aus der Küche, begrüßt Stammgäste, knüpft dann ein Gespräch mit mir an. Wenige gehen diesen Wanderweg, erzählt er in seinem westfränkischen Dialekt. Es ist halt doch nicht der, der … Er stockt, sucht nach einem Namen, als er nicht weiterkommt, helfe ich aus: „Der Jakobsweg.“ „Genau“, ruft der Wirt. „Und ich wollte schon sagen: Johannesweg! Das eine wie das andere.“

Im Tal dann eine neue Seite: Pfade durch den Auenwald. Fröhliches Kindergeschrei, ein Flüsschen, plantschende Menschen zwischen Bäumen.

Die Kupfer mündet in die Kocher, auch hier schwimmen Kinder im Gewässer. Eine Blaskapelle spielt auf der Uferwiese. Forchtenberg selbst, Geburtsort von Sophie Scholl, liegt im Mittagsschlaf, die Weinstube Winkler ist noch zu. Ich werde für sie einmal wiederkehren mit einem Freund aus der Region oder für den Freund wiederkehren zu ihr, irgendwann einmal.

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Diese Dorfbahnhöfe zwischen Einsamkeit, Flucht und Heimat. „Schön, dass du da warst.“ Und ein junger Mensch nickt unter seiner Sonnenbrille, packt seinen Rucksack und zieht wieder hinaus in die große Welt.

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Der Geist im Welzheimer Wald

Schorndorf – Farbenspiele in der Daimlerstadt

Gottlieb Daimler ist hier geboren. Ich war zum ersten Mal in dieser Kleinstadt – das Ende einer S-Bahn-Linie östlich von Stuttgart –, als ich bei Nacht und Nebel der Einladung eines Studienfreundes gefolgt war, der in der örtlichen Buchhandlung seine Dissertation vorstellte. Er hatte über gesellschaftlichen Wandel in der alten Bundesrepublik im Spiegel von Pfarrberichten geforscht, und auch wenn er das als Historiker und vergleichender Religionswissenschaftler gewissermaßen aus einer Außenperspektive tat, fand der Pfarrerssohn mit seinem Thema hier doch ein Publikum: das protestantische Bildungsbürgertum der Stadt, das die Buchhandlung annehmbar füllte.

Als ich zum zweiten Mal in den Ort komme, ist vieles ganz anders – und doch manches ähnlich. Es ist Altweibersommer, die Sonne strahlt über der Stadt. Dem Bahnhof gegenüber steht ein braunes Triumphgebäude aus aufeinandergeschichteten Würfeln – der Neue Postturm, einige Stockwerke suchen offenbar noch Mieter –, so etwas wie der Versuch einer architektonisch kompromisslosen Moderne in der schwäbischen Provinz. Gegen die Altstadt, die sich sofort anschließt, vermag der Turm nicht mehr als einen Akzent zu setzen. Es ist Samstag und der Kopfsteinpflasterplatz zwischen schmuckvollem Fachwerkprunk beherbergt einen regen Wochenmarkt. Er ist überraschend groß, überraschend lebendig, ein schöner, vielseitiger Wochenmarkt, der kaum Wünsche offen lässt. (Bis auf den natürlich, dass er ein protestantischer Markt ist: Man kommt zum Einkaufen auf den Markt und damit genug. Der Wochenmarkt als Manifestation des unmittelbaren Lebensgenusses, auf dem man an kleinen Ständen den herrlichsten Kaffee bekommt und frischgepresste Säfte, im Stehen ein köstliches kleines Frühstück genießt oder auch zwei, Freunde und Bekannte grüßt und neckt, überhaupt zusammenkommt, um zu sehen und gesehen zu werden, wo ein fast italienischer Charme in deutsche Innenstädte geholt wird, diese wunderbaren Wochenmärkte kenne ich nur aus katholisch geprägten Städten.)

Immerhin sind die Schorndorfer genussfreudig genug, um rund um den Wochenmarkt die fest etablierten Cafés zu füllen. Es ist ein Bild der Fülle, der Ordnung, einer kleinstädtischen Sauberkeit und Lebensbejahung, ein Wohlstand aus frischem Gemüse und historischer Tradition. Schwarzgrün wäre das politische Äquivalent zu diesem Bild, denke ich mir. Die Realität ist noch weit ernüchternder. Gleich in einer hochfrequentierten Seitenstraße steht der Infostand einer Partei. Es ist die AfD, vertreten durch gleich vier oder fünf Parteigängern.

(Um mich nicht etwaigen Vorwürfen der Schorndorfer auszusetzen, eine Ergänzung aus Wikipedia: Der amtierende Bürgermeister von Schorndorf ist von der SPD, bei den letzten Kommunalwahlen stand die FDP deutlich vor den Grünen auf Platz 3. Was die Landtagswahl in zwei Wochen bringen wird?)

Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Ausflug

Ross vor dem Kirschenwasenhof. Dort stehen dann ganz andere Fahrzeuge – ein Porsche sogar mit vertrauensvoll offen stehender Fahrertür.

Schamgrenze am Ebnisee

Auf einem Parkplatz inmitten bewaldeter Hügel üben sich Motorräder in Rudelbildung. Biker halten gern hier am Kiosk der Familie Wörner. Die Currywurst gibt es wahlweise scharf und süßsauer. (Oder war es doch nur rot-weiß? Ich erinnere mich nicht mehr.) ‚Reisedevotionalien‘ ergänzen das Sortiment: Postkarten aus dem Welzheimer Wald, Krimskrams zum römischen Limes, der sich hier durch die Wälder zieht, Karten der Freizeitregion. Nördlich davon liegt der Ebnisee mit seinen braunen, ganz undurchsichtigen Wassern. Er war im 18. Jahrhundert künstlich angelegt worden als Flößergewässer. Von hier wurde das geschlagene Holz über Wieslauf, Rems und Neckar in die Residenzstädte Stuttgart und Ludwigsburg gebracht. Heute dient der Ebnisee als Herzstück eines Naherholungsgebiets für Städter aus Schorndorf, Backnang und Winnenden, aus Stuttgart und Esslingen. Ein kleines Hotel am Ufer bietet Übernachtungen an, ein Tret- und Ruderbootverleih schließt sich an. Angler warten geduldig am Ufer, ein paar Boote sind auf dem Wasser. Schwimmer sehe ich keine an diesem 12. September, nur ein paar Enten.

Vom See bin ich enttäuscht. Er ist mir gar zu sehr erschlossen und so sehr Augenweide nicht. Aber es ist gewiss nicht fair, diesen kleinen See am Rande der Region Stuttgart mit den Voralpengewässern zu vergleichen. Ins Wasser zieht es mich trotzdem; doch ich traue mich nicht. Merkwürdig, was hält mich davon ab? Es ist, muss ich mir eingestehen, eine Scham. Ich scheue zurück, als einziger ins Wasser zu steigen, damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es ist, genau bedacht, sehr lächerlich. Würden mir die Blicke von einem halben oder ganzen Dutzend Menschen weh tun? Gewiss nicht. Werden sie lachen, weil ich statt einer Badehose halt eine Sportfunktionsunterhose anhabe? Nein, das werden sie nicht einmal erkennen! Erwartet mich soziale Ächtung, weil ich mich zurück aus dem Wasser nur mit einem Schal anstelle eines Handtuchs abtrocknen werde? Niemanden juckt’s. Es ist eine ganz irrationale Scham.

Jetzt kann ich natürlich nicht mehr zurück, schließlich geht es nicht darum, mich in einer Fußgängerzone lauthals zum Affen zu machen. Alles, was ich zu tun habe, ist meinen Rucksack auf der untersten Treppenstufe abzustellen, meine Kleidung darüberzulegen und in die braune Brühe zu steigen. Es ist frisch, aber nicht furchtbar kalt. Ein paar Leute wenden den Kopf, mustern mich, wie ich zu der Plattform in der Mitte des Sees schwimme. Ihre Blicke schmerzen nicht. Mit dem Gefühl eines kleinen Triumphes steige ich einige Minuten später wieder auf mein Rad.

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Ein Kiosk am Ebnisee wird bis heute von römischen Legionären bewacht.

Alternativwelten im Schwäbisch-Fränkischen Wald

Es geht hinab, lang hinab, weit hinab, an tief geschnittenen Tobeln vorbei, ich staune, wie lange es hinabgeht, und lasse, den Körper ungeschützt, das Rad doch nicht frei laufen auf diesen Schotterwegen. Wild ist der Wald und dann öffnet sich plötzlich eine Landstraße unter einer alten Eisenbahnbrücke, eine Bushaltestelle verkündet die Verbindung in die Zivilisation, moderne Gebäude sprenkeln ein Tal, die Tafel eines Cafés, Kinderlachen auf Spielplätzen, ein „Erfahrungsfeld der Sinne“ hinter den Bäumen, Bodenwellen und Ampeln auf dem asphaltierten Zubringer.

Ich durchquere das Grundstück der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in der Laufenmühle. Hier finden rund 85 Menschen mit geistiger Behinderung einen Lebens- und Arbeitsplatz. Betrieben wird die soziale Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage und die an das Café angeschlossene Kaffeerösterei el molinillo beliefert sogar die Kantine der Weleda AG in Schwäbisch Gmünd am südöstlichen Rand des Schwäbisch-Fränkischen Waldes.

In Stuttgart kann man leicht übersehen, dass die Stadt eines der Hauptzentren der Anthroposophie ist. Hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald tritt die von Rudolf Steiner gegründete Weltanschauung überraschend deutlich entgegen. Die ganze Höhe hier zwischen Rems und Murr zeigt immer wieder eine anthroposophische Prägung, von Weleda im Süden bis zur Villa Frank – im Besitz der Christengemeinde und in unmittelbarer Nachbarschaft eines anthroposophisch ausgerichteten Seniorenheims – in Murrhardt im Norden, dazwischen die Laufenmühle oder das idealistische Klein-ORPLID e.V., einer „Lebensgemeinschaft der Generationen und Menschen mit besonderen Schicksalen“. Und wer weiß, vielleicht zeugt der Schlag der Holzskulpturen in Waldenweiler ebenso von einer anthroposophischen Ausbildung wie die auffallende, in Stein gemeißelte Schrift am Biotop Bühlhau.

Aber nein, die Stele ist vom Bürgermeister von Althütte gestiftet. Der wird ja wohl nicht auch noch Anthroposoph sein.

Schweifen. Ein Osterspaziergang

Die Ausrede ist schnell gefunden. Am Vorabend war ich schwungvoll in die dunkle Küche und gegen die offene Backofenklappe gerauscht. Weil ich morgens noch ein sachtes Ziehen im Schienbein spüre, entscheide ich mich gegen den strammen Marsch am Limes entlang und für eine kürzere Wanderung. Der größte Vorteil daran ist, sich noch einmal im Bett umdrehen zu dürfen. Der Weg wird schon geduldig warten.

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Hinter Schorndorf dann endlich so etwas wie Landschaft. Bis dahin ist das Remstal – obgleich zwischen Weinhängen und bewaldeten Höhen – zersiedeltes Vorland. In Schorndorf bleibt die S-Bahn zurück, der Regionalexpress fährt tiefer in das Tal, der Ostalb entgegen. In Lorch (nicht zu verwechseln mit dem Ort im Rheingau) wird schließlich das Ränzlein umgehängt. Hier stand einst das südlichste Kastell des Obergermanischen Limes. Der Ort war damit die Spitze des „Limesknies“, denn ostwärts schloss sich der Raetische Limes an. Mein ursprünglicher Plan hätte mich nach Norden geführt, am Kloster Lorch mit der Grablege der Staufer vorbei, und längs des antiken Schutzwalls gegen das freie Germanien, heute ein 550 Kilometer langer Wanderweg durch vier Bundesländer hindurch. Das einmal an einem Stück zu gehen … Aber ich wende mich nach Süden. Hier beginnt der Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg, wer ihn zu Ende geht, steht am Ufer des Bodensees. Es ist ruhig zwischen den dörflichen Häusern, als ich zum Wald hochsteige. Ein Mensch tritt auf die Straße und grüßt.

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Eine gottverlassene Bushaltestelle irgendwo auf einem grünen Hügel, an der Holzwand der Haltestelle ein Konzertplakat von Def Leppard, als wäre seit den 80ern nichts pasiert. Willkommen auf dem Land. Fühlt sich nach Kindheit an.

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Über dem nackten Acker singen Lerchen, in der Siedlung hingegen übertrumpfen Spatzen alle Menschengeräusche. Kein einziges Kraftfahrzeug ist an diesem Feiertag zu hören. Zwischen schmucken alten Häusern stehen neue, sie stören nicht, denn der Ort ist zu klein für die Kolonien öder, gleichförmiger Einfamilienhäuser, die in ihrer Sauberkeit so bedrückend sein können. Der Geruch von Silo liegt in der Luft, Strohballen stapeln sich unter dem Vordach. Es ist noch ein echtes, richtiges Dorf. Auf der anderen Seite dann das Erwachen: ein weiter Golfplatz, der sich links und rechts bis zum Saum des Schurwalds erstreckt.

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An der Kurve steht eine Eiche im Würgegriff des Efeus, dahinter öffnet sich der Blick auf das Paradies. Eine langgestreckte Pferdekoppel mit krummen Apfelbäumen, Gutsgebäude mit Fachwerk, eine Kapelle an der einzigen Kreuzung, gegenüber der Dorfteich mit Bänkchen unterm Baum. Ein Hahn kräht, sonst nur das Tschilpen und Zwitschern der Singvögel. Nur ein Flugzeug, noch im Steigflug vom Stuttgarter Flughafen, stört den himmlischen Frieden.

Schurwald_Wanderung

Der kühle Grund ist gar nicht so kühl. Es rauscht in den Bächen, hier und dort. Das Wasser ist nicht klar, sondern hat einen milchigen Stich. Feucht ist es: Jeder, ausnahmslos jeder Stamm trägt hohe Stulpen aus Moos. Baumstümpfe sind völlig überwuchert, das Wurzelwerk zu haarigen Spinnenbeinen ausgespreizt. Auch manches laublose Gebüsch ist dem Moos erlegen, bis oben hin wie von einem Geschwür bedeckt, nur die höchsten Spitzen ringen noch um Licht und Luft.

Hohenstaufen_Schwäbische Alb

Es gibt ja so Dinge im Leben. Da hatte ich an einer ehrwürdigen schwäbischen Universität (gibt es da mehrere?) Mittelalterliche Geschichte studiert und war noch nie hier auf dem Hausberg des Staufergeschlechts. Der Rundumblick von Hohenstaufen ist phänomenal, die Luft nur zu diesig für ein gutes Foto. Um 1070 hatte der Großvater von Friedrich Barbarossa hier seine Burg errichtet. 1208 fand in ihren Mauern eine griechische Prinzessin einen traurigen Tod. Irene war nach der Ermordung ihres Mannes Philipp von Schwaben, römisch-deutscher König, schwanger nach Hohenstaufen geflohen und starb im Kindbett. „Wo ist denn die Ruine?“, fragt ein Junge mitten zwischen den Mauern.

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Am Eingang des nächsten Waldflurs ein Verbotsschild. „Landwirtschaftlicher Verkehr und Wochenendsgrundstückszufahrt frei“. Was für ein Wort.

Filstal_Bärlauch_Wanderung

Nicht „Ein Männlein stand im Walde“, sondern zwei, drei, vier Menschen stehen zwischen den Buchen in einem grünen Meer. Es ist Bärlauchzeit, der Geruch tränkt den ganzen Hang. Tiefer dann undurchdringliche, reglose Tümpel am Wegesrand. Es sind unheimliche Orte. Ganz anders dann das Haflingergespann, das klingend, klappernd, knarzend entgegenkommt, im Schlepptau der Kutsche ein goldfarbener Hund. Gibt es da nicht ein Buch „Die Deutschen und ihr Wald. Eine Liebesbeziehung“? Aber nein, ich glaube, den Untertitel dichte ich hinzu.

Wald_Wandern_Filstal

Anstrengend immer der abschließende Trott über Asphalt, um den nächsten Bahnhof oder das sonstige Ziel zu erreichen. Alles was ich von dem Städtchen im Filstal sehe, ist reizlos, vom Friedhof vielleicht abgesehen. Wie deprimierend eine Fußgängerzone, architektonisch sowieso bar aller Ästhetik, an einem fast menschenleeren Feiertag sein kann. Ein Schmunzeln, wenn schon keine heißere Regung, entlockt wenigstens das Schild „Erotiklädle“. Der Bahnhof schließlich eine Brache. Er ist das einzig Gute hier, sagte aber jemand, denn dort kommst du weg.

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Später lese ich, die Beine hochgelegt, von Matussek einen der schlechtesten Zeitungsartikel, der mir je untergekommen ist, eine heruntergerotzte, dumme Provokation, die die Zeit nicht wert ist, die es gebraucht hat, sie in die Tasten zu hauen. Lieber schließe ich die Augen und spüre der Sonne auf meinem Gesicht nach und träume von Wald und Wiese oder noch besser von Heideland und Savanne. Wie erfüllend ein Tag sein kann, an dem man kaum etwas anderes macht als durch eine Landschaft zu wandern. Als wäre das unsere ureigentliche Bestimmung.