Willkommen im Düsterwald

Münsingen bei Nacht begrüßt den Wanderer nicht, der nach zwölf Stunden Marsch in der Dämmerung einläuft.

Doch, die Verwalterin des Gästehauses ist freundlich. Als sie nach ein paar Minuten Plausch den Ort wieder verlässt, ist der Wanderer allein in dem mehrflügeligen Bauwerk am Rande des Waldes. Kein Geräusch in dem langen Korridor, in dem er sein Zimmer hat; kein Licht aus den Fenstern des gegenüberliegenden Flügels, schwarz starren sie herüber.

Die Gassen liegen dunkel da unter einem hinter Wolken halb verborgenen Vollmond. Es ist, kaum Abend, schon Nacht, nur vereinzelt brennen Straßenlaternen, die wenigen Menschen schneiden den Fremden, er ist Eindringling. Nur die jungen Leute in der Fahrschule und der Yogakurs im Stadthaus zeugen von so etwas wie einem zivilisierten öffentlichen Leben nach Sonnenuntergang.

Ein Wirtshaus zu finden, ist nicht so leicht. Ich habe die Wahl zwischen zwei, drei armseligen Kaschemmen mit traurig blinkenden Lichterketten; einer verlassenen Dönerbude (ich sehe nicht mal den Verkäufer); und einem teuren Restaurant, bio und regional, alles super, aber in Attitüde und Preisklasse jenseits meiner Welt. Ich gehe trotzdem hinein. Alles andere wäre zu deprimierend. Irgendwie erinnert mich diese Stadt an dieses Werwolfspiel.

Ich bestelle Kässpatzen und werde korrigiert: „Kässpätzle“. Weinkarte, Gruß aus der Küche, das Essen wird mir am Tisch aus der Pfanne serviert, die Kellnerin schöpft mit Löffel und Gabel in einer Hand, die andere vornehm auf dem Rücken. Was für ein Getue. Mir stellen sich die Haare auf.

Vielleicht bin ich ja der Werwolf.

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Zehnstündiges Delirium, alle Traumfiguren reduzieren ihre Eindrücke und Aussagen immer wieder auf ein einziges, oft aber absurdes, weil die Sache ganz verfehlendes Wort.

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Münsingen bei Tag, das sind diese typischen Gespräche an der Ladentheke – „So isches halt im Läba“ oder „Gflickt isch gflickt. Isch halt wia beim Auto“ über die Gesundheit.

Es ist der Mann mit Wuschelkopf und schwarzer Lederhose, der auf dem Gehsteig das Gesicht ganz tief in ein Taschenbuch beugt, über der Brust, nein, unter dem Bauchnabel ein Kreuz an einer langen Kette.

Es ist das Haus „Germania“, ausgerechnet und nicht unsympathisch, das das Asylcafé beherbergt und eine offene Bibliothek, 5000 Medien zum kostenlosen Mitnehmen – „ohne Formalitäten“.

Es ist das Lädchen für Munition und Waffen mit der niedrigen Tür und dem Foto einer israelischen Soldatin im Schaufenster.

Münsingen, das ist auch der fremde Wanderer, der die Stadt gen Südosten verlässt.

Ländliche Reize

Ein Traktor mit Anhänger brettert mit voller Kraft auf das Gelände der BayWa, am Steuer hoch oben eine hübsche Pferdeschwanzträgerin mit Tätowierung auf dem trotz Oktoberluft nackten Schulterblatt. Die Feel* bringt das Fahrzeug vor dem Laden der landwirtschaftlichen Genossenschaft mühelos zum Stehen und steigt mit der leichtfüßigen Eleganz eines jungen Revolverhelden ab. Welch Schwung, welche Entschlossenheit!

Augenblicklich überfällt mich das Bedürfnis, bei meinem nächsten Heimataufenthalt wieder bei der BayWa nach irgendeinem Werkzeug zu fragen. Nach Äxten und karierten Hemden vielleicht. Davon kann ein Mann ja im Grunde nie zu viele haben.

* Feel, Föhl: Allgäurisch für „Mädchen“, vermutlich ein lateinisches Überbleibsel (filia = „Tochter“). Fast 500 Jahre römischer Herrschaft in Rätien haben eben doch ihre Spuren hinterlassen …