Twitterrausch bei Adrienne Braun. Eine Lesung

Und das ist erst die eine Hälfte.

Freitagabend Literaturverkehr. Ich wollte wieder einmal zur zwischen/miete – der Lesung junger Literatur in Stuttgarter WGs. Jens Eisel war aus Hamburg angereist, um aus seinen Erzählungen „Hafenlichter“ zu lesen. In der „Leuchtenden WG“ in der Böheimstraße. Daher habe ich auch (gleich mehrmals) bedauernd abgelehnt, mit auf die Eröffnung der Sammlung Lucius „Buch – Kunst – Objekt“ im Kunstmuseum Stuttgart zu gehen. Nur um am Ende auf einer Lesung in der Schiller Buchhandlung in Vaihingen zu landen. (Die „Leuchtende WG“ würde ich übrigens trotzdem gerne mal sehen. Wer öffnet Zeilentiger die Türen?)

Schuld war das A&O. Das war gerade auf Besuch in der zeitweiligen Wahlheimat Stuttgart und zum Buchbistro Extra in die Schiller Buchhandlung auf dem Kesselrand angereist, um bei Häppchen und Getränken Adrienne Braun zu hören. Unvergessen zwar deren Urteil über das „IKEA-Buffet“, wurde die Journalistin und Kolumnistin (besonders bekannt für ihre Kolumne in der Stuttgarter Zeitung) trotzdem gerne wieder in der Schiller Buchhandlung willkommen geheißen.

Zu Käsebrötchen, Sekt und Wasser wurde schon gekichert, die Twittermaschine angeworfen, Buchtipps erteilt von der liebenswürdigen Kati Fraentzel (@catchkati) der Schiller Buchhandlung und bibliophile Eigenheiten ausverhandelt. In Bücher malen? Umstritten! Der Trend geht zum Zweitbuch …

Wahr. „@blauschrift: Der @zeilentiger mag auch signierte Bücher nicht. Das ist nur konsequent.“

Als sich das Buffet allmählich leerte, zeigte Adrienne Braun mit ihrem Buch „Mittendrin und außen vor“ Stuttgarts stille Ecken, bekannte und durchaus auch weniger bekannte Orte der Erholung und des Innehaltens im täglichen Kesseltreiben. Ein Seitenhieb auf Gerber und Milaneo durfte dabei, wie es sich für Stuttgarter Kulturbürger gehört, nicht fehlen. Und wir folgten der Autorin zu Proserpinas prallen Brüsten ins Lapidarium, die Trümmer dort „verströmen wohlige Ruhe, weil sie nichts mehr beweisen müssen“. Da erschreckt dann auch die Erkenntnis über dieses Freilichtmuseum zum Betatschen und Angrapschen nicht mehr: „Genau genommen lernt man hier gar nichts.“

Pragmatischer geht es an Adrienne Brauns Lieblingsort Tritschler am Marktplatz zu, der 3. Stock zwischen Eierteiler und Eierstückler ein herrlicher Ort, um stundenlang zu flanieren – das „vielleicht schönste Geschäft der Welt“. „Stuttgarts stille Ecken“ wollen keine topographische Beschreibung sein, sondern spiegeln den Menschen: Wie erlebe ich diese Orte. (Daher gibt es auch keine Routenbeschreibungen im Anhang. Wer einen der etwas versteckteren Orte nicht findet, darf getrost die Autorin fragen.)

Zum Schreiben aber, das verrät Adrienne Braun, reichen Stuttgarts stille Ecken doch nicht aus. Dazu müssen es dann noch ruhigere Orte sein. Zum Bücherschreiben kommt die Autorin nur im Urlaub – in der Berghütte oder in der Klause in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Noch heiterer wurde es mit den Texten aus Adrienne Brauns zweitem Buch, aus dem sie an diesem Abend las. „Von den Niederungen des Seins“ (2011 erschienen) verhandeln ganz alltägliche Probleme wie rutschende oder sich drehende Socken. An Absurditäten fehlt es dabei nicht, man denke an den Wettstreit der Faserbürsten, den die Kolumnistin mit den 35 Millionen Fasern ihres Nanohandschuhs gewinnt – die Freundin verstummt geschlagen. Fast unglaublich die Patenschaft über Hundekotbeutelbehälter, bitterkomisch die Verslein zu Adolf Hitlers Besuch im ungeliebten Stuttgart („Lieber Führer sei so nett / Zeig dich doch am Fensterbrett“) … Bedarf bietet das ganz normale Leben jedenfalls genug für Adrienne Brauns Kolumnen: „Wir sind halt alle Mängelwesen“, wie wir seit Arnold Gehlen wissen.

Und irgendwann eskalierte alles. Nicht in der Lesung, nicht in den anschließenden Gesprächen vorne mit der Autorin. Sondern in der letzten Reihe am Stehtischchen.

„Übrigens waren es 36 Leute, falls du nicht gezählt hast.“ Danke, @blauschrift, das hatte ich tatsächlich nicht.

Die Leseparty rockt. Jetzt schnüffeln wir an Büchern.

”…ich hab schon wieder einen Reflex, das zu twittern.” – ”Es hört erst auf, wenn der Akku leer ist.” Hab noch 13% und du, @zeilentiger?

Twittern bis zur Erschöpfung mit dem A&O.

Überhaupt, das A&O. Diese Tigerzeilen sind nur die eine Hälfte. Die andere gibt es auf dem  buchstabenbunten und lebenswortfrohen Satzsitz von A&O als schöne Fotostrecke zum Buchbistro Extra mit Adrienne Braun. Bitte sehr, hier entlang und gerne immer im Kreis herum.

Mehr! Links!

Jens Eisel, „Hafenlichter“

zwischen/miete – Lesung mit Jens Eisel

Buch – Kunst – Objekt. Sammlung Lucius in Text und in Bild und Wort

Website von Adrienne Braun

Adrienne Braun in der Stuttgarter Zeitung

Mittendrin und außen vor. Stuttgarts stille Ecken

Von den Niederungen des Seins

Und last not least die Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen

Blaubier und kalte Platte – Das Haus des Dokumentarfilms

Am Büfett gibt es Schnittchen mit veganer Leberwurst und Blaubier aus anonymisierten Flaschen. Wer den jeweiligen Inhalt richtig errät, erhält ein zweites Bier kostenlos. „Wulle! So schlonzig wie es ist.“ Aber nein, in dieser Flasche war norddeutsches Astra – verschärfte Bedingungen, denn wer erwartet so etwas in Schwaben.

Im Haus des Dokumentarfilms an der Stuttgarter Karlshöhe startete dieses Frühjahr die Reihe „YoungDOK“ – um dokumentarischen Filmemachern die Möglichkeit zu geben, ihre Produktionen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Organisiert von einer sehr rührigen Filmstudentin (Nordlicht wie das tückische Astra), lief im Mai als zweiter Film der Reihe „Die kalte Platte“, eine Doku über die Geschichte des Kleinen Schloßplatzes – einem über Jahrzehnte hinweg umstrittenen Stück Stuttgarter Innenstadt. Hervorgegangen war der Film als Studienprojekt von Chi-Hun Whang, Cem Kaya und Guido Negenborn an der Merz Akademie. Es war die erste intensive Beschäftigung der drei mit dem Dokumentarfilm. Entsprechend unbelastet näherten sich die Studenten ihrem „Protagonisten“ mit einem sehr spielerischen, erfrischenden Zugang.

Der Film rollt die Geschichte des Kleinen Schloßplatzes von seiner Eröffnung 1969 bis 2002 auf – ein Paradestück zeitgenössischer Stadtarchitektur und Unort zugleich: von der „autogerechten Stadt“ der 60er-Jahre (Bürger wurden damals offenbar als Autofahrer definiert); die verzweifelten Versuche, die „Kalte Platte“ zu beleben; die Ansiedlung „dysfunktionaler Gruppen“ (so ein Philosoph im Filminterview), die sich in der Presse in Schlagzeilen wie „Ist hier allmählich Klein-Chikago?“ niederschlug; der Umbau in die beliebte Freitreppe als Wahrzeichen Stuttgarts; die Jahrtausendwende mit der „Gaskammer“, als eine Bahn des Tunnels unterm Schloßplatz für Skater freigegeben wurde – eingeklemmt zwischen der abgasgeschwängerten Parallelspur und dem Straßenstrich; bis hin zum Bau des „Kubus“ – und dem politischen Nachbeben, das der Film für das Kunstmuseum auslöste.

IMAG0124Das rätselhafte Getränk

Zehn Jahre nach seiner Fertigstellung stellte sich Filmemacher Guido Nebenborn nach der Vorführung den Fragen des Publikums. Das Haus des Dokumentarfilms will ein „angstfreies Forum“ bieten, betonte die Geschäftsführerin zur Eröffnung, und das verwirklichte sich doch recht gut zwischen den Sitzreihen im knalligen 70er-Jahre-Orange. „Weist der Film über Stuttgart hinaus?“, fragte der sympathische Diskussionsleiter vom SWR. Erstaunlich, wie viele Deutungen der Film zulässt.

Und nebenbei ergaben sich unerwartete Gespräche: von ägyptischer Musik und der sozialen Stratifikation der Hörerschaften von Hassan el Asmar und Amr Diab über autobiographische Erzählungen aus der Schloßplatz-Szene der 80er-Jahre (wilde Fluchten vor rivalisierenden Punks inklusive) bis hin zum Hocharabisch der libanesischen Hisbollah-Geistlichkeit.

Ein spannender Abend in einem ganz angstfreien Forum.

Am 4. Juli geht es weiter mit YoungDOK im Haus des Dokumentarfilms. Der Eintritt ist frei.

Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart
Mörikestraße 19 – 70178 Stuttgart

„Die kalte Platte“. Ein Film von Chi-Hun Whang, Cem Kaya & Guido Negenborn.
© 2003 KATO, Schwabentuerke, Cpt. Mono’s.