Lemberg, Südhang

Ein zweifacher Sommer wärmt den winterdunklen Kopf: ein ostpreußischer im Rucksack, 140 Seiten lang, und ein württembergischer vor mir, ausgebreitet an diesem frühen Maientag, als gäbe es keinen schönern Ort auf dieser Welt.

Über den ‚tödlichen Männerschnupfen‘ lässt sich gut spotten, das sehe ich ein. Und doch ist‘s in seinen Wellentälern ja wirklich ein Elend – das ganze Vitalsystem wirkt wie fundamental erschüttert, alle Lebenssinnhaftigkeit ist hinterfragt, Hoffnung für die Zukunft ganz undenkbar. Krumm stöhnt einer in der Küche wie unter der Last des dreifachen Alters. Einer weint vielleicht bei Musik. Bitte, es ist doch nur eine Erkältung! Und trotzdem hasse ich diese zwei, drei Tage im Kalenderlauf, mehr noch, ich fürchte sie inzwischen mit jedem Jahr ein bisschen mehr – eine hübsche Regelmäßigkeit des Älterwerdens.

Andererseits macht man manchmal ja so Entdeckungen. Im eigenen Regal zum Beispiel. Du ziehst ein Buch heraus, das über Jahre hinweg nur bei Umzügen angetastet wurde, schlägst es auf, erwartest nichts – und bist verloren. Es ist ein Sommer an der kurischen Nehrung in den letzten Jahren des Kaiserreichs, wovon Eduard von Keyserling in seinen „Wellen“ erzählt. Von den Sorgen, Nöten und Hoffnungen der Strandgäste, gefangen in den Konventionen einer sterbenden Zeit, getrieben von ihren Leidenschaften und Ängsten. Da ist Doralice, die junge Gräfin mit dem schicksalshaften Mund, die ihren um vieles älteren Ehemann verlassen hat für den idealistischen Maler Hans. Dort, ein paar Häuser weiter, residiert unter der Führung der pragmatischen Generalin die Adelsfamilie, welche die Regelbrecherin Doralice halb fürchtet, halb verehrt und als Gemeinschaft daran fast zerbricht. Überall und nirgends der verwachsene Geheimrat Knosperius, ist er Außenseiter oder Puppenspieler? Die Fischerfamilien. Und natürlich das Meer.

Alles spielt an (oder in oder auf der) baltischen See, an jedem Tag, in beinahe jeder Szene beschreibt von Keyserling erneut und fast wie nebenbei das Meer – und kein Mal gleicht es sich. Das ist die hohe Kunst der Wahrnehmung der Impressionisten, empfänglich für die tausendfachen Eindrücke des Lichts, und es ist eine wahre Lust zu lesen. (Die pointierten Dialoge, die zu andauernden Unterstreichungen verlocken, unterschlage ich.) Und das ganz Erstaunliche ist: Dieser Eduard von Keyserling, eine etwas traurige, unstete Gestalt von nicht so recht zu beschönigender Hässlichkeit – darf man dem Porträt des Malers Lovis Corinth Glauben schenken –, dieser Eduard von Keyserling, Spross einer deutschbaltischen Adelsfamilie, diktiert, von der Syphilis gezeichnet und längst erblindet und bettlägrig, diese Geschichte – zeichnet so viele Spielarten des Lichts (und der menschlichen Regungen) aus der Finsternis seines Krankenlagers und seines sterbenden Körpers heraus.

Kaum ist der erste Schritt aus dem Aschetal gemacht, will ich tun, tun, tun. Ich fliehe hinaus aus der dunklen Wohnung, aus der Stadt. Die Menschen tragen sommerkurze Kleidung. Ich wage nicht, die Hemdsärmel umzukrempeln, und selbst durch den Schal hindurch frisst der Wind an meinem Hals. Trotzdem hinaus, hinaus! Das erste Gras ist eingeholt, der Schnitt leuchtet blassgrün, Böen fahren ungestüm durch grünes Getreide, Apfelblüten treiben über die Wege, die Hecken am Bachufer verdichten sich, Bäume gewinnen Fülle. (Es ist doch wenig Schöneres als diese Er-füllung eines gewaltigen Baumes.) Ich tauche über weiche Pfade in den Wald ein, langsam, sehr langsam steige ich die kleine Höhe hinauf und dann bin ich ganz unvorbereitet auf die Weite, die sich auftut.

Der Lemberg ist ein Zeugenberg, steht also dem Höhenzug, dem er einst zugehörte, wie ein Posten vorgerückt. Nichts versperrt den Blick. Im Osten sehe ich auf die Backnanger Bucht, weit hinten ragt der kaiserliche Hohenstaufen über die Hügel (die Burgen Teck und Hohenneuffen auf der Schwäbischen Alb hingegen sind im Dunst versteckt); der Korber Kopf markiert das Tal der Rems im Süden, dort der Württemberg mit seiner Grabkapelle, dann der Stuttgarter Kessel, gesäumt vom Asemwald, dieser Gigantomanie einer corbusierschen Architektur, von Fernsehturm und Birkenkopf (hier und hier), die Augen springen hinüber zum Ludwigsburger Wasserturm, weiter zum Hohenasperg – Zwilling des Lembergs auf der anderen Neckarseite – mit seinem jahrhundertealten Gefängnis, ruht schließlich im Westen, fast schon Nordwesten, auf der langen, bläulichen Flanke des Strombergs. In diesem Augenblick kommt es mir vor, als hätte ich nie einen schöneren Blick auf diese Region geworfen.

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Lemberg, Südhang

Ein paar Schritt weiter entdecke ich einen Biergarten und lasse dem Kräutertee aus der Thermoskanne spontan ein alkoholfreies Weizen folgen. (Weihenstephan, eine Enttäuschung für eine so berühmte Brauerei.) Die Wirtin der 7 Eichen – letztes Jahr haben hier ELO und Marillion gespielt, staune ich – klagt, ach ihr Kreislauf. „Mag jemand ein Freibier?“, fragt sie in die Warteschlange hinein. Das Fass ist leer, sie schafft es nicht allein, einer der Gäste folgt ihr hinüber in den Schuppen und schleppt den Nachschub herüber, darf es sogar selber anschließen. „Und dann noch der VfB“, seufzt die Wirtin weiter. „Ich will gar nicht wissen, wie es gerade steht. Das will ich erst wissen, wenn ich zuhause bin.“ Eine kluge Entscheidung, denn nach der 6:2-Niederlage gegen Bremen am Montag hat das Fußballteam auch sein Schicksalsspiel gegen Mainz verloren. Die 2. Liga winkt. Schockstarre im Club.

Ich aber bin dann noch bis Backnang gegangen. Die Sonne stand schon tief.

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Schweifen. Ein Osterspaziergang

Die Ausrede ist schnell gefunden. Am Vorabend war ich schwungvoll in die dunkle Küche und gegen die offene Backofenklappe gerauscht. Weil ich morgens noch ein sachtes Ziehen im Schienbein spüre, entscheide ich mich gegen den strammen Marsch am Limes entlang und für eine kürzere Wanderung. Der größte Vorteil daran ist, sich noch einmal im Bett umdrehen zu dürfen. Der Weg wird schon geduldig warten.

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Hinter Schorndorf dann endlich so etwas wie Landschaft. Bis dahin ist das Remstal – obgleich zwischen Weinhängen und bewaldeten Höhen – zersiedeltes Vorland. In Schorndorf bleibt die S-Bahn zurück, der Regionalexpress fährt tiefer in das Tal, der Ostalb entgegen. In Lorch (nicht zu verwechseln mit dem Ort im Rheingau) wird schließlich das Ränzlein umgehängt. Hier stand einst das südlichste Kastell des Obergermanischen Limes. Der Ort war damit die Spitze des „Limesknies“, denn ostwärts schloss sich der Raetische Limes an. Mein ursprünglicher Plan hätte mich nach Norden geführt, am Kloster Lorch mit der Grablege der Staufer vorbei, und längs des antiken Schutzwalls gegen das freie Germanien, heute ein 550 Kilometer langer Wanderweg durch vier Bundesländer hindurch. Das einmal an einem Stück zu gehen … Aber ich wende mich nach Süden. Hier beginnt der Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg, wer ihn zu Ende geht, steht am Ufer des Bodensees. Es ist ruhig zwischen den dörflichen Häusern, als ich zum Wald hochsteige. Ein Mensch tritt auf die Straße und grüßt.

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Eine gottverlassene Bushaltestelle irgendwo auf einem grünen Hügel, an der Holzwand der Haltestelle ein Konzertplakat von Def Leppard, als wäre seit den 80ern nichts pasiert. Willkommen auf dem Land. Fühlt sich nach Kindheit an.

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Über dem nackten Acker singen Lerchen, in der Siedlung hingegen übertrumpfen Spatzen alle Menschengeräusche. Kein einziges Kraftfahrzeug ist an diesem Feiertag zu hören. Zwischen schmucken alten Häusern stehen neue, sie stören nicht, denn der Ort ist zu klein für die Kolonien öder, gleichförmiger Einfamilienhäuser, die in ihrer Sauberkeit so bedrückend sein können. Der Geruch von Silo liegt in der Luft, Strohballen stapeln sich unter dem Vordach. Es ist noch ein echtes, richtiges Dorf. Auf der anderen Seite dann das Erwachen: ein weiter Golfplatz, der sich links und rechts bis zum Saum des Schurwalds erstreckt.

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An der Kurve steht eine Eiche im Würgegriff des Efeus, dahinter öffnet sich der Blick auf das Paradies. Eine langgestreckte Pferdekoppel mit krummen Apfelbäumen, Gutsgebäude mit Fachwerk, eine Kapelle an der einzigen Kreuzung, gegenüber der Dorfteich mit Bänkchen unterm Baum. Ein Hahn kräht, sonst nur das Tschilpen und Zwitschern der Singvögel. Nur ein Flugzeug, noch im Steigflug vom Stuttgarter Flughafen, stört den himmlischen Frieden.

Schurwald_Wanderung

Der kühle Grund ist gar nicht so kühl. Es rauscht in den Bächen, hier und dort. Das Wasser ist nicht klar, sondern hat einen milchigen Stich. Feucht ist es: Jeder, ausnahmslos jeder Stamm trägt hohe Stulpen aus Moos. Baumstümpfe sind völlig überwuchert, das Wurzelwerk zu haarigen Spinnenbeinen ausgespreizt. Auch manches laublose Gebüsch ist dem Moos erlegen, bis oben hin wie von einem Geschwür bedeckt, nur die höchsten Spitzen ringen noch um Licht und Luft.

Hohenstaufen_Schwäbische Alb

Es gibt ja so Dinge im Leben. Da hatte ich an einer ehrwürdigen schwäbischen Universität (gibt es da mehrere?) Mittelalterliche Geschichte studiert und war noch nie hier auf dem Hausberg des Staufergeschlechts. Der Rundumblick von Hohenstaufen ist phänomenal, die Luft nur zu diesig für ein gutes Foto. Um 1070 hatte der Großvater von Friedrich Barbarossa hier seine Burg errichtet. 1208 fand in ihren Mauern eine griechische Prinzessin einen traurigen Tod. Irene war nach der Ermordung ihres Mannes Philipp von Schwaben, römisch-deutscher König, schwanger nach Hohenstaufen geflohen und starb im Kindbett. „Wo ist denn die Ruine?“, fragt ein Junge mitten zwischen den Mauern.

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Am Eingang des nächsten Waldflurs ein Verbotsschild. „Landwirtschaftlicher Verkehr und Wochenendsgrundstückszufahrt frei“. Was für ein Wort.

Filstal_Bärlauch_Wanderung

Nicht „Ein Männlein stand im Walde“, sondern zwei, drei, vier Menschen stehen zwischen den Buchen in einem grünen Meer. Es ist Bärlauchzeit, der Geruch tränkt den ganzen Hang. Tiefer dann undurchdringliche, reglose Tümpel am Wegesrand. Es sind unheimliche Orte. Ganz anders dann das Haflingergespann, das klingend, klappernd, knarzend entgegenkommt, im Schlepptau der Kutsche ein goldfarbener Hund. Gibt es da nicht ein Buch „Die Deutschen und ihr Wald. Eine Liebesbeziehung“? Aber nein, ich glaube, den Untertitel dichte ich hinzu.

Wald_Wandern_Filstal

Anstrengend immer der abschließende Trott über Asphalt, um den nächsten Bahnhof oder das sonstige Ziel zu erreichen. Alles was ich von dem Städtchen im Filstal sehe, ist reizlos, vom Friedhof vielleicht abgesehen. Wie deprimierend eine Fußgängerzone, architektonisch sowieso bar aller Ästhetik, an einem fast menschenleeren Feiertag sein kann. Ein Schmunzeln, wenn schon keine heißere Regung, entlockt wenigstens das Schild „Erotiklädle“. Der Bahnhof schließlich eine Brache. Er ist das einzig Gute hier, sagte aber jemand, denn dort kommst du weg.

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Später lese ich, die Beine hochgelegt, von Matussek einen der schlechtesten Zeitungsartikel, der mir je untergekommen ist, eine heruntergerotzte, dumme Provokation, die die Zeit nicht wert ist, die es gebraucht hat, sie in die Tasten zu hauen. Lieber schließe ich die Augen und spüre der Sonne auf meinem Gesicht nach und träume von Wald und Wiese oder noch besser von Heideland und Savanne. Wie erfüllend ein Tag sein kann, an dem man kaum etwas anderes macht als durch eine Landschaft zu wandern. Als wäre das unsere ureigentliche Bestimmung.