Hanse ruft

In Flachdeutschland. Ich habe Angst, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt.

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Die oberschwäbische Reisegruppe, ganz im Saft ihres Dialektes, ist Staunen über die ungewohnten Klänge der norddeutschen Rentnerinnen vor ihnen. „Doa verstoasch alles. Aber dia it eis.“ (Übersetzungshilfe? Da verstehst du alles. Aber die nicht uns.)

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Ich passiere das Logenhaus der Freimaurer und steige ein paar Stufen in eine Matroschka aus hellroten Ziegeln hinauf. Denn wer das Hotel betritt, sieht sich darin weiteren Hotels gegenüber. Das ist beim ersten Mal verwirrend.

Die losen Marmorplatten des Treppenhauses knirschen unter den Schuhsohlen. Im dritten Stock wende ich mich nach links, denn rechts liegt das falsche Hotel. Eine hohe Tür aus weiß lackiertem Holz und Messing, dahinter Teppiche und Stille. Mein Zimmer liegt der Rezeption genau gegenüber. Es ist tadellos, wenn auch das schmalste Hotelzimmer, das ich je gesehen habe. Ich höre das Papierrascheln der Rezeptionistin. Es gab, wenn ich mich recht erinnere, nie zuvor in meinem Leben einen Grund, weshalb eine Universität mir hätte ein Hotelzimmer bezahlen sollen. Jetzt weiß ich, wie das ist.

Morgen Früh darf ich nicht vergessen, der Frühstücksdame ins Gesicht zu sehen, wenn ich etwas sage, denn ansonsten kann sie mir nicht von den Lippen lesen.

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„They hired a guy called Mark.“

Das könnte der Anfang einer Geschichte sein.

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Seminar, Abendessen an der Sternschanze, Texte bearbeiten für den nächsten Tag, bis die Augen zufallen. Die Menschen sind dankbar.

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Diese furchtbare Betretenheit in Frühstücksräumen und anderen Fällen, wo fremde Menschen in einem Zimmer zusammenkommen: jedes Wort ein Flüstern, jede Bewegung ein Eiertanz, Blicke aus Augenwinkeln, steife Haltung.

Dann kommt endlich der Typ mit der Mark-Geschichte von gestern – T-Shirt, das weiße Haare schnittig, der Körper sportlich, die Arme sehnig – und mischt den Raum auf. Er könnte sich auch im Outback behaupten, hier unterhält er sich über religiöse Minderheiten im Irak oder Publikationsunterschiede zwischen Amsterdam, Kalifornien und Japan. Er ist die einzige authentische Person im Raum.

Fünf Minuten später reden die Menschen an allen Tischen, wie befreit von unsichtbaren Fesseln.

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Tage in Hamburg zwischen Sonne und Regen. Wirklich nass werde ich erst, als ich in Stuttgart aus dem Zug steige.

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Eine Nordlandfahrt

Aufbruch. Ich weiß nicht, ob ich die Stadt je so ruhig erlebt habe. Das letzte Mal ist zumindest zu lange her, um mich zu erinnern. Ein großes, ein sehr, sehr großes Dorf im Schlaf.

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Eis auf Wasser, Frost auf Halmen, Schnee an Flanken. Der Norden weiß noch Winter.

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Uelzen. Fremde. Ich weiß nicht einmal, spricht man es Ulzen oder Ülzen. Die Sonne färbt das Land rot.

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Irgendwo in der Lüneburger Heide komme ich mit meinem Abteilnachbarn – Liege oben – ins Gespräch. Er ist hörbar Allgäuer. Wir sind überall.

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Ein Kran schwenkt über der Stadt, Dämmerblau verschluckt die Möwen und @GerardOtremba erzählt von Sounds & Books.

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Die Flucht der Holzbohlen beginnt eine Nasenlänge entfernt. In Armreichweite der schwungvolle Korpus der Framus-E-Gitarre. In den 60ern war sie auf kleinen Bühnen des Alpenvorlandes zu sehen, heute leuchtet ihr Rot im trüben Morgenlicht der Hansestadt immer noch wie Rock’n’Roll. Geträumt von der Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg und einem bis dahin von mir übersehenen 5000er-Berg im Garten meiner Mutter.

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Hamburg_Musik_Pianoforte Fabrik

Auf weißschwarzer Mission

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Ich schaute dem Teufel auf die Hörner, sie aber waren abgestoßen. – Mein Gastgeber hatte mich zu treuen Händen am Landungssteg übergeben. Ich freute mich, sie endlich einmal persönlich kennenzulernen. Auf einem Fährboot schoben wir uns die Elbe hinab, vorbei an Batterien von Containerkränen unter grauem, feuchtem Himmel, spazierten dann an den Kapitänshäuschen weiter stromabwärts, tauschten uns über konkrete Projekte und bekloppte Ideen aus, schwatzten weiter bei einem Kaffee auf einem schaukelnden Anlegerboot hinter der Teufelsbrück. Ob ich es aushalten würde?, fragte sie besorgt. Ich wusste es nicht und horchte in mich. Der Magen hielt dem Schwanken stand, nichts stand dem Stück Kuchen und der Unterhaltung im Wege. Ich genoss das Gespräch. Ihre offene, anregende, humorvolle und zuspitzende Art gefiel mir; gleichzeitig spürte ich, ich war in einer anderen Kultur. Norddeutsch, ja das war es wohl: sehr norddeutsch und ich – ich süddeutscher Binnenländer, der es nach Genua weniger weit hat als zur Nordsee – spürte eine Verunsicherung in mir. Und verlas mich in meiner kulturellen Dekodierung gründlich. Am besten gebe ich ihr, dachte ich, als wir zurück waren und meine S-Bahn einfuhr, die mich zu einem Jugendfreund bringen würde, am besten gebe ich ihr wohl höflich die Hand. Die Umarmung kam dann von ihr.

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Wein kann Himmel wie Hölle sein. Mein Himmel ist tief und dunkel und fruchtig, eine lichtschluckende, opale See aus verdichtetem Geschmack, gezogen aus der Erde Kataloniens oder Lusitaniens: Les Sorts Jove, Cume tinto, Monte das Promessas.

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Eine gewisse Munterkeit ist schwer erträglich. Ein Trupp großer, schlichter Männer fährt im ICE von der Hansestadt auf Schicht in Kassel. „Een“, „ooch“, „ich nich, Junge“, „oder wat“ am laufenden Band. Mein Ohr, viel zu sehr an andere Muster gewohnt, ist unvorbereitet auf diese Wirklichkeit. Könnte ich doch nur Tempo und Ausdruck drosseln! Ich fühle mich ertrinken in dieser Flut.

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Hamburg_Vinyl_Ian Anderson_Jethro Tull

Beute aus der Hansestadt. Der Plattentitel eine Ahnung hinter Gelb

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Die Metropole habe ich erst jetzt verlassen, als ich im Fränkischen in einen Regionalexpress wechsle. Nach Süden hin nur noch Provinz.

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Ich mag die Lichter auf den Hügeln, die Gliederung der Landschaft. Ich mag die sauberen Straßen. Ich liebe die hellen Sandsteinfassaden aus der Gründerzeit. Und sogar das kühle Wasser aus dem Hahn sagt willkommen zurück. Andere Städte sind schön. Diese hier ist auch nicht schlecht.

(Wer mag, kann den Blogbeitrag auch auf Storify anschauen: https://storify.com/Zeilentiger/nordlandfahrt. Dort habe ich ihn – als Spielerei, um mich mit der Plattform auch einmal vertraut gemacht zu haben – zuerst veröffentlicht.)