Auch er ein Sohn Englands

„Er sagte sich: Es muß doch eine Zeit gegeben haben, als es mir leichtfiel, mit anderen Menschen zusammenzusein, und versuchte, sich zu erinnern, konnte sich aber nur an das Wasser erinnern, das von den Rudern tropfte, an seinen Vater, der schweigend verharrte, an das Licht früh am Morgen, die müde Heimkehr.“

„… stark deklamatorischer Sprechgesang“, sagt die Stimme im Radio, als ich mir kochendes Wasser über die Finger gieße. Genauer gesagt, hatte es vor vielleicht 30 Sekunden gekocht und rinnt nun, ohne Schaden zu verursachen, an den Fingern herab. Vielleicht reicht diese knappe Zeitspanne bereits, Wasser so weit abzukühlen, dass es keine Verbrennung hinterlässt. Den Abend habe ich mir freigehalten für ein paar dringliche Arbeiten am Schreibtisch, die ich am Wochenende nicht erledigt hatte oder die Woche davor nicht oder die an diesem Montag ganz neu hinzugekommen waren. Nichts davon mache ich, sitze stattdessen an einem Blogartikel, den zu schreiben ich niemals geplant hatte. Muss so etwas, eine solche Verschiebung des Verschobenen, nicht irgendwann in die sichere Katastrophe münden? Aber vielleicht ist es ja genau andersherum, nicht das drohende Gericht am Ende, sondern im Gegenteil das pure, reine, schlicht: allernormalste Leben, Normalzustand also einer Gegenwart, solange wir über Gegenwart verfügen.

Graham Greene habe ich zu Ende gelesen, weil es nur noch ein paar Seiten waren, nachdem ich aus der Stadtbahn ausgestiegen war. Auffällig war in der Bahn übrigens nichts gewesen, weder am Morgen noch abends, so wenig, wie die Straßen leerer waren nach dem heute in Stuttgart ausgerufenen Feinstaubalarm. Den Mahnungen auf allen Kanälen, vom Individualverkehr per PKW möglichst abzusehen, haben offenbar nicht viele Aufmerksamkeit geschenkt. 2017, so las ich gestern, 2018, so zeigte mir die Zeitung heute an, könnten Fahrverbote in der Kesselstadt drohen, sollte sich das Problem nicht durch freiwilligen Verzicht lösen lassen. Ich spare mir das (wahlweise bittere oder höhnische) Lachen.

„Ein Sohn Englands“ (England Made Me, 1935) ist ein Frühwerk des britischen Romanciers Graham Greene und erwartungsgemäß ein wenig quälend, wie Greene es oft – keineswegs immer – ist. Schuld daran ist nicht zuletzt sein Katholizismus (Greene konvertierte als junger Mann zur Überraschung seiner anglikanischen Umgebung). Den hätte er besser aus seinen Büchern heraushalten sollen, denke ich mir, was interessiert mich schließlich der literarische Renouveau catholique, und ein Freund hatte einst sehr treffend formuliert, besser als ich es aus der Erinnerung kann, was plage sich Graham Greene mit katholischen Problemstellungen, die doch längst keine mehr seien. So sagte er treffend in einem kleinen Café einer kleinen Universitätsstadt, in dem … Aber das tut nichts zur Sache. Andererseits, einfach durchfallen lassen, das geht auch nicht, schließlich tauchen da im Dunstkreis der literarischen „Katholischen Erneuerung“ ja einige wirklich große Autoren auf, gerade auch im eigentlich gar nicht katholischen Großbritannien, T.S. Eliot zum Beispiel oder Evelyn Waugh oder eben Graham Greene.

„Ein Sohn Englands“ also, quälend mit seinem schäbigen Milieu, seinen schäbigen, abgewetzten, allesamt in irgendeiner Weise armseligen Protagonisten: Anthony Farrant, ein heimatloser, weicher, kleinbürgerlicher Aufschneider, der alle und sich selbst im Besonderen belügt, ein empfindsamer Verlierer, ach Tony, wenn da nur nicht dein Charme wäre; seine Zwillingsschwester Kate, die es mit Fleiß und Selbstverleugnung bis ins Vorzimmer und Bett eines Multimillionärs gebracht hat (und ihrem so geliebten Bruder eine Stellung verschafft, die er – so viel darf ich verraten – doch auch nur wieder eine Woche lang innehaben wird); Krogh, der schwedische Schwerindustrielle aus kleinbäuerlichen Verhältnissen, der spröde Krogh, hart in seiner Macht, bemitleidenswert in seiner Steifheit; Minty, dieser jämmerliche, heimwehkranke Schmierblattjournalist, zu magenkrank, um seinen Kaffee heiß zu trinken – das „Meßbuch im Schrank, die Madonna, die Spinne unter ihrem Glas verschrumpelte, ein Zuhause in der Fremde“ … Quälend die Lügen und Hoffnungen und die hoffnungslose Liebe, die Suche nach Erlösung und die Ahnung, dass es sie nicht geben wird. Und gelegentlich quälend sogar die Vergleiche: „Er war wie eine niedrige, bittere, braune Rauchsäule. Feindseligkeit stieg aus den Kappen seiner Wildlederschuhe hoch, lag wie Schuppen auf seinem Mantel.“

Aber quälend, das heißt ja nicht unbedingt schlecht (übersehen wir die letzte, bissige Bemerkung), und ich will nicht von diesem Buch oder gar dem Autor abraten, im Gegenteil, Greene mag quälend sein, aber er ist ein meisterlicher Romancier (kein genialer Künstler, sondern jemand, der ein Handwerk auf die höchste Ebene hebt), und auch quälend ist er nicht immer, denn er kann ja auch britischen Humor, wie er später bewiesen hat, und er kann das Beste von allen literarischen Möglichkeiten überhaupt: nämlich Lieblingsromane. „Die Stunde der Komödianten“ (The Comedians, 1966), die auf Haiti unter der Terrorherrschaft von Papa Doc und seinen Tonton Macoute schlägt (mit den Stars Richard Burton, Elizabeth Taylor, Peter Ustinov und Alec Guinness – sagen wir einmal: gefällig, aber unter keinen Umständen gleichwertig mit dem Roman – verfilmt), wird auf jeder Liste meiner meist geschätzten Romane landen.

Ich werde daher weiterhin Graham Greene lesen und freue mich schon auf den nächsten Roman von ihm. Und sei er aus dem Frühwerk oder sei er noch so katholisch.

„Sie schob die Hand unter seinen Arm, und die Vase rutschte und fiel hin und lag in blauen, häßlichen Scherben zu ihren Füßen wie eine zerbrochene Flasche am Ende einer durchzechten Nacht.
Macht nichts‘, sagte er zärtlich und zog sie fester an sich, ‚wir haben ja noch den Tiger.‘“

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Inspektor gibt’s kaan? Doch! − Gary Victor, „Schweinezeiten“

schweinezeiten„Ihr Gejammer interessiert mich nicht, Colin. Ich will verstehen.“

Dieuswalwe Azémar stolpert durch den Vorhof der Hölle. Die Tropensonne Haitis brennt ihm das Hirn heraus, den von Hunden und Schweinen freigelegten Gräbern entströmt Leichengeruch und unentwegt ruft der Geist des Zuckerrohrschnapses, den der Inspektor in rauen Mengen in sich hineinschüttet. So taumelt also der Polizist, munter wie ein frisch erweckter Zombie, hinter einer Frau her, die von einem Voodoomeister für 15 000 haitianische Gourdes die Seele ihrer Tochter zurückkaufen will. Wie zu erwarten, laufen die Verhandlungen in der Sumpfhütte aus dem Ruder, der Inspektor zieht seine Waffe und schießt die ganze Bande kurzerhand nieder. Nur einer entkommt, ein „Wesen, halb Spinne, halb Mensch“, zurück bleiben drei Leichen und der Ekel des Inspektors. Ekel vor seinem Leben aus Alkohol und gelegentlichen Nutten und Ekel vor diesem Land, das vor Korruption, Gier und Angst in die Knie, vor die Hunde geht. Ja, Inspektor Dieuswalwe Azémar, Alkoholiker und einer aus der einsamen Zahl der Unbestechlichen, ist es zum Kotzen, aber er bekommt nichts heraus und so knallt er eben Gauner ab.

„Heute hatte er die Leute in der Hütte nicht ertragen können. Diese Hütte war das Land im Kleinformat. Und er hatte geschossen. Das war eine Art, sich zu übergeben.“

Mit dieser Einleitung ist der Rahmen des Haitikrimis „Schweinezeiten“ − Gary Victor, einer der populärsten Schriftsteller der Insel, hatte ihn noch vor den katastrophalen Erdbeben 2010 verfasst − abgesteckt. Ein rasanter, schmaler Kriminalroman, von erfrischender Freiheit der Fantasie (später wird ein Werwolf in Schweinegestalt − ein Wereber, könnte man wohl sagen − eine zentrale Rolle spielen), der uns in halb verbittertem, halb komischem Tonfall in eines der ärmsten und zu oft vergessenen Länder der Welt führt. Erzählerisch und stilistisch mit ein wenig Luft nach oben, ist Gary Victors „Schweinezeiten“ ein schnelles, doch ungewöhnliches Leseabenteuer, in dem der moralische Zeigefinger gegenüber den gesellschaftlichen Gebrechen des Landes sich reibt mit der erstaunlich unreflektierten Ermächtigung des Protagonisten, alle, die ihm im Weg stehen, niederzuschießen. Vielleicht musste Gary Victor ja auch etwas auskotzen.

„Vergiss nicht: So etwas lebt von unserer Angst und unserer Unwissenheit.“

Und die Handlung? Kann man wunderbar knapp und bündig den Rezensionen von Danares.mag und KrimiLese entnehmen, denen ich für ihre Leseempfehlung herzlich danke.

Gary Victor, Schweinezeiten. Ein Voodoo-Krimi. Aus dem Französischen von Peter Trier. (Originaltitel: Saison de porcs, 2009.) Broschur, 130 Seiten.  litradukt: Trier 2013.