Terminus Britanniae

„Möcht’ durchaus nicht Kaiser heißen,
nicht Britannien durchwandern, …
Skythenwinter nicht erdulden.“

Diese Verse gibt ein Dichter Kaiser Hadrian mit auf den Weg nach Britannien. Anders als sein Vorgänger Trajan – unter ihm hatte das Imperium seine größte Ausdehnung erhalten – setzt Hadrian nicht auf Eroberungspolitik, sondern auf Konsolidierung. Und Konsolidierung bedeutet im äußersten Norden des Reiches, dort, wohin Händler und Soldaten, nicht aber die villae rusticae der verfeinerten römischen Lebenswelt gefunden haben, eine Linie zu ziehen hin gegen das Ende der Welt. Und so errichten 15 000 Mann eine Mauer zwischen Küste und Küste, von der Mündung des Tyne im Osten hinüber an die Salzmarschen an der Irischen See. „Die Römer haben nun den besten Teil von Britannien“, schreibt der Historiker Appian. „Um den Rest kümmern sie sich nicht, denn auch das Gebiet, das sie innehaben, ist nicht eben ertragreich.“ Regen peitscht über das Land, im Winter liegt Schnee.

In Manchester herrscht Sommer. „Yes, darling, yes“, antwortet die Zugbegleiterin. Schöner könnte eine Begrüßung kaum ausfallen. Die Sonne scheint auf Gleise, Hecken, rote Backsteinhäuschen mit Miniaturgärten. Ortsnamen wie Gatley, Burnage oder Ardwick ziehen am Fenster vorbei, die Geschäftsleute neben mir sprechen Dänisch. Ich bin viel zu warm angezogen, denke ich mir.

Als ich in York umsteige, fröstel ich. Vor gut zwanzig Jahren stand ich schon einmal hier unter den Bogendächern aus Stahl und Licht. Ich erinnere mich nicht daran. Eine Festgesellschaft strömt in die Bahnhofshalle. Die Damen bevorzugen Creme- und Pastelltöne, dazu einen Strohhut. Gibt es auf dem Kontinent ein Land, in dem so viel Farbe gezeigt und zugleich so deutlich Zurückhaltung demonstriert wird? Auf einer anderen Ebene haben die Damen ihre englische Reserviertheit aber bereits unterlaufen. Sie sind betrunken, sie lachen und kreischen auf den Bahnsteigen.

Der Schriftzug des Unternehmens Virgin Trains ist mir von den Schallplatten her bekannt. Auch in diesem Zug stecken die bedruckten Reservierungskärtchen auf den Kopfpolstern der Sitze, er fährt aber flotter als die Bummelbahn des Transpennine Express‘. Die roten Bezüge vermitteln das Flair einer Theaterloge. Das ist sehr schick und sehr elegant und kein Vergleich zur Deutschen Bahn. Vorbei die Zeiten, in denen ich englische Züge mit Verspätungen, Müll und Vernachlässigung verbunden habe? Irritierend bleiben die Durchsagen eines demokratischen Überwachungsstaates – die Angst vor Terrorismus ist allgegenwärtig. Wie harmlos gibt sich im Vergleich das öffentliche Leben in Deutschland. Wie schnell aber würde sich das wohl ändern nach einem Anschlag islamistischer Attentäter hierzulande? Es dämmert. Die Wolken hängen tief, Regen liegt in der Luft. Das Land entlang der Trasse ist sehr flach. Hier bloß nicht wandern, denke ich mir. Doch im Osten, zur Küste hin, kauern die Schemen von Hügeln. Die kleinste Erhebung reicht, um das Land gefällig zu machen. Viel Wald ist da draußen, die Felder erscheinen mir weitläufiger als im Süden Englands, die Hecken höher. Es ist Bauernland hier, wo nicht grün, dort gelb von der Rapsblüte. Eine Müdigkeit drückt sich auf meine Schultern und ich komme mir, während der Zug weiter nach Norden rauscht, in die Nacht hinein, vor wie auf einer hoffnungslosen Flucht.

Die Mauer war in vier Jahren errichtet und wurde immer weiter verändert. Sie blieb nicht dauerhaft die Grenze. Mehrmals versuchten die Kaiser, wie auch schon vor Hadrian, den römischen Herrschaftsbereich nach Schottland hinein zu verlegen. Von Dauer waren diese Versuche nicht, und im Großen und Ganzen blieb der Hadrianswall für knapp 300 Jahre die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Bewacht wurde sie nicht von den Legionen, sondern von Hilfstruppen aus allen Teilen des Reiches: Menschen aus wortwörtlich halb Europa, aus Nordafrika und dem Nahen Osten bis hin zu einigen Bootsleuten aus dem Irak waren hier an der Mauer oder in ihrem Umfeld stationiert. Welche Mobilität, welche Logistik und ja, auch welche Möglichkeiten kultureller Horizonterweiterung das Römische Reich eröffnet hatte! Der Weg dorthin war natürlich eine Geschichte der Gewalt und Unterdrückung. Das kann uns kein Vorbild sein. Und trotzdem wünsche ich mir dort vor den Altären antiker Götter, die Europäische Union möge sich aller Herausforderungen zum Trotz – in Frieden und Vielfalt – lebendig erhalten.

Dann schultern wir unsere Rucksäcke, verlassen das Lager Segedunum und brechen auf gen Westen.

Newcastle, Hadrianswall, Wandern, Hadrian's Wall Path

Marschroute (Foto mit freundlicher Genehmigung von Stephan Scheiper)

Die Übersetzung des Dichters Florus (überliefert in der Historia Augusta, Hadrian 16, 2) ist Kai Brodersen, Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 166, entnommen. Das Zitat von Appian, Prooimion 5,18, ebd., S. 180.

Wer sich für Geschichte begeistern lassen kann, wird mit Segedunum in Newcastle upon Tyne eine gute Wahl treffen. Das wunderbar lebendige Museum ist auch für Kinder sehr geeignet.

Grenzbegehung

Im Hochmoor steht ein kleiner Tempel, dem Lichtgott Mithras geweiht. Die Altäre sind noch zu erkennen; beim Kultdienst wurde ein Vorhang aufgezogen, um das Bild des Erlösers erstrahlen zu lassen, einen Pfeilschuss entfernt von der nördlichsten Grenze des Römischen Reichs. Über den Trümmern einer alten Welt schmücken Lerchen den Himmel.

*

Es gibt wunderschöne, große Bäume hier, ihr Stamm ist auch von zwei Menschen nicht zu umfassen. Ihre Krone ist Fülle, wie sie allein stehen oder in einer Reihe auf dem Feld. So etwas kenne ich von uns nicht. Die Hecken werden immer weniger in England, aber sie sind trotzdem überall, so scheint es. So etwas kenne ich von uns nicht. Das Land ist ganz satt vor Grün, durchzogen von leuchtendem Gelb, heller der Raps, satter der Ginster in den Höhen. Die Bauern geben die Milchwirtschaft auf, weil die Preise fallen, züchten stattdessen Schlachtvieh, dazu ein paar Schafe, sie blöken überall. Und der Schnee, der in Northumbria winters fällt, ist nur noch nasser Schnee und niemals mehr Pulverschnee, wie ihn die Älteren noch kennen. Die Kinder tippen sich an die Stirn. Milecastle 30 liegt hinter uns im Wäldchen oder lag, denn von kaum einer der Befestigungen, von nur wenigen der je zwei steinernen Wachtürme dazwischen ist für den Wanderer heute noch etwas zu sehen. Die Hand lag in der Nachmittagssonne nur einmal auf der exakten Linie des Mauerwerks, das vor knapp 1900 Jahren hochgezogen worden war. Kalt weht der Abendwind, zwei Katzen springen sich an.

Auch er ein Sohn Englands

„Er sagte sich: Es muß doch eine Zeit gegeben haben, als es mir leichtfiel, mit anderen Menschen zusammenzusein, und versuchte, sich zu erinnern, konnte sich aber nur an das Wasser erinnern, das von den Rudern tropfte, an seinen Vater, der schweigend verharrte, an das Licht früh am Morgen, die müde Heimkehr.“

„… stark deklamatorischer Sprechgesang“, sagt die Stimme im Radio, als ich mir kochendes Wasser über die Finger gieße. Genauer gesagt, hatte es vor vielleicht 30 Sekunden gekocht und rinnt nun, ohne Schaden zu verursachen, an den Fingern herab. Vielleicht reicht diese knappe Zeitspanne bereits, Wasser so weit abzukühlen, dass es keine Verbrennung hinterlässt. Den Abend habe ich mir freigehalten für ein paar dringliche Arbeiten am Schreibtisch, die ich am Wochenende nicht erledigt hatte oder die Woche davor nicht oder die an diesem Montag ganz neu hinzugekommen waren. Nichts davon mache ich, sitze stattdessen an einem Blogartikel, den zu schreiben ich niemals geplant hatte. Muss so etwas, eine solche Verschiebung des Verschobenen, nicht irgendwann in die sichere Katastrophe münden? Aber vielleicht ist es ja genau andersherum, nicht das drohende Gericht am Ende, sondern im Gegenteil das pure, reine, schlicht: allernormalste Leben, Normalzustand also einer Gegenwart, solange wir über Gegenwart verfügen.

Graham Greene habe ich zu Ende gelesen, weil es nur noch ein paar Seiten waren, nachdem ich aus der Stadtbahn ausgestiegen war. Auffällig war in der Bahn übrigens nichts gewesen, weder am Morgen noch abends, so wenig, wie die Straßen leerer waren nach dem heute in Stuttgart ausgerufenen Feinstaubalarm. Den Mahnungen auf allen Kanälen, vom Individualverkehr per PKW möglichst abzusehen, haben offenbar nicht viele Aufmerksamkeit geschenkt. 2017, so las ich gestern, 2018, so zeigte mir die Zeitung heute an, könnten Fahrverbote in der Kesselstadt drohen, sollte sich das Problem nicht durch freiwilligen Verzicht lösen lassen. Ich spare mir das (wahlweise bittere oder höhnische) Lachen.

„Ein Sohn Englands“ (England Made Me, 1935) ist ein Frühwerk des britischen Romanciers Graham Greene und erwartungsgemäß ein wenig quälend, wie Greene es oft – keineswegs immer – ist. Schuld daran ist nicht zuletzt sein Katholizismus (Greene konvertierte als junger Mann zur Überraschung seiner anglikanischen Umgebung). Den hätte er besser aus seinen Büchern heraushalten sollen, denke ich mir, was interessiert mich schließlich der literarische Renouveau catholique, und ein Freund hatte einst sehr treffend formuliert, besser als ich es aus der Erinnerung kann, was plage sich Graham Greene mit katholischen Problemstellungen, die doch längst keine mehr seien. So sagte er treffend in einem kleinen Café einer kleinen Universitätsstadt, in dem … Aber das tut nichts zur Sache. Andererseits, einfach durchfallen lassen, das geht auch nicht, schließlich tauchen da im Dunstkreis der literarischen „Katholischen Erneuerung“ ja einige wirklich große Autoren auf, gerade auch im eigentlich gar nicht katholischen Großbritannien, T.S. Eliot zum Beispiel oder Evelyn Waugh oder eben Graham Greene.

„Ein Sohn Englands“ also, quälend mit seinem schäbigen Milieu, seinen schäbigen, abgewetzten, allesamt in irgendeiner Weise armseligen Protagonisten: Anthony Farrant, ein heimatloser, weicher, kleinbürgerlicher Aufschneider, der alle und sich selbst im Besonderen belügt, ein empfindsamer Verlierer, ach Tony, wenn da nur nicht dein Charme wäre; seine Zwillingsschwester Kate, die es mit Fleiß und Selbstverleugnung bis ins Vorzimmer und Bett eines Multimillionärs gebracht hat (und ihrem so geliebten Bruder eine Stellung verschafft, die er – so viel darf ich verraten – doch auch nur wieder eine Woche lang innehaben wird); Krogh, der schwedische Schwerindustrielle aus kleinbäuerlichen Verhältnissen, der spröde Krogh, hart in seiner Macht, bemitleidenswert in seiner Steifheit; Minty, dieser jämmerliche, heimwehkranke Schmierblattjournalist, zu magenkrank, um seinen Kaffee heiß zu trinken – das „Meßbuch im Schrank, die Madonna, die Spinne unter ihrem Glas verschrumpelte, ein Zuhause in der Fremde“ … Quälend die Lügen und Hoffnungen und die hoffnungslose Liebe, die Suche nach Erlösung und die Ahnung, dass es sie nicht geben wird. Und gelegentlich quälend sogar die Vergleiche: „Er war wie eine niedrige, bittere, braune Rauchsäule. Feindseligkeit stieg aus den Kappen seiner Wildlederschuhe hoch, lag wie Schuppen auf seinem Mantel.“

Aber quälend, das heißt ja nicht unbedingt schlecht (übersehen wir die letzte, bissige Bemerkung), und ich will nicht von diesem Buch oder gar dem Autor abraten, im Gegenteil, Greene mag quälend sein, aber er ist ein meisterlicher Romancier (kein genialer Künstler, sondern jemand, der ein Handwerk auf die höchste Ebene hebt), und auch quälend ist er nicht immer, denn er kann ja auch britischen Humor, wie er später bewiesen hat, und er kann das Beste von allen literarischen Möglichkeiten überhaupt: nämlich Lieblingsromane. „Die Stunde der Komödianten“ (The Comedians, 1966), die auf Haiti unter der Terrorherrschaft von Papa Doc und seinen Tonton Macoute schlägt (mit den Stars Richard Burton, Elizabeth Taylor, Peter Ustinov und Alec Guinness – sagen wir einmal: gefällig, aber unter keinen Umständen gleichwertig mit dem Roman – verfilmt), wird auf jeder Liste meiner meist geschätzten Romane landen.

Ich werde daher weiterhin Graham Greene lesen und freue mich schon auf den nächsten Roman von ihm. Und sei er aus dem Frühwerk oder sei er noch so katholisch.

„Sie schob die Hand unter seinen Arm, und die Vase rutschte und fiel hin und lag in blauen, häßlichen Scherben zu ihren Füßen wie eine zerbrochene Flasche am Ende einer durchzechten Nacht.
Macht nichts‘, sagte er zärtlich und zog sie fester an sich, ‚wir haben ja noch den Tiger.‘“