„A Russ, a siaßa“ – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 1)

Aufbrechen, beginnen, angehen zum Wochenbeginn. Ich meine, es könne keinen besseren Zeitpunkt geben, um eine Wanderung – Welterschließung durch Gehen – zu starten.

Das Kruzifix am Fuß der Berge

Reist man filsaufwärts, fallen einem – ein gutes Stück hinter Geislingen, gleich nach Überkingen mit seinem Mineralwasser – die Brunnenfiguren auf. Die Muttergottes und Heilige bezeugen, dass das obere Filstal katholisch ist. Dann gesellen sich Nischenfiguren von Schutzheiligen an Brücken hinzu, Kruzifixe überschauen Wegkreuzungen und Dorfplätze, Kapellen wachen am Wegesrand. Der Unterschied zum protestantisch-pietistisch geprägten Großraum Stuttgart ist auffallend und man versteht plötzlich, wie der englische Schriftsteller D.H. Lawrence nach seiner Wanderung von Bayern nach Norditalien Kruzifixe zum Mittelpunkt seines Reiseberichts (Twilight in Italy, 1916) machen konnte. Als ich aus dem Bus heraus diese Kulturlandschaft in mich aufnehme, geschieht eine Wandlung mit mir, rätselhaft wie die Eucharistie. Es ist vielleicht das erste Mal, dass dieser Anblick sachte Wehmut auslöst in mir, ein Sehnen, verbunden mit einer Art archaischen Willkommensgruß. Dieses Empfinden geht ganz an der Ratio vorbei, es hat nichts mit Überzeugungen oder Glaubensinhalten zu tun, es ist nur ein Wiedererkennen der landschaftlichen Zeichensprache meiner Kindheit.

S‘alte Haus

Viel freundlicher zeigt sich Wiesensteig, der Ausgangspunkt meiner Wanderung, als noch im April, als ich von meiner letzten Etappe den Hügel herunterkam. Die grüne Fülle auf allen Hängen nimmt der Enge ein wenig an Druck, auch wenn der Horizont der Straßen, der Hügel abweisend bleibt. Diese wenig einladende Lage hatte trotzdem nicht verhindert, erfahre ich vor einem rotgestrichenen Fachwerkhaus (zu verkaufen ist das wunderschöne Bauwerk mit seinem Schild „S‘alte Haus“), dass das winzige Städtchen einst von den Schweden niedergebrannt worden war – im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, als alle Parteien längst schon am Verhandlungstisch saßen. Das ist wieder etwas, was aus den Tiefen heraus an meine alte Heimat anklingen lässt. Auch das Allgäu hatte – wie so viele Regionen Deutschlands – unter den schwedischen Truppen gelitten, auch hier wissen die Menschen immer noch von Schwedenschanzen (eine von Dutzenden über Deutschland und darüber hinaus bekannten und bisweilen vielleicht nur irrtümlich so bezeichneten Schutzwällen) wie vom Schwedentrunk – jene unter anderem bei Grimmelshausen überlieferte Foltermethode, bei der dem Opfer Jauche eingeflößt wurde.

Es sind Erfahrungen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis jener Region eingeschrieben haben. Merkwürdigerweise eigentlich, denn welcher furchtbare Ruf, welche Zerstörungen haben sich sonst so im Gedenken jener Landschaft verankert? Die Rote Armee kam nie so weit, von den Verwüstungen des Spanischen Erbfolgekrieges weiß kaum jemand mehr und die plündernden Magyarenreiter sind dann wirklich gar zu lange her. Nur der Bauernkrieg mag vielleicht eine ähnliche Erinnerungskraft besitzen, als Männer wie Jörg Schmid, der Knopf von Leubas, sich gegen die Unterdrückung erhoben und den Herren und ihren Ritterheeren die Stirn zu bieten versucht hatten und – auch wenn sie oft zugrunde gingen in der Schlacht, unter der Folter, am Galgenbaum – zumindest im Allgäu die rechtliche Stellung der Bauern langfristig verbessern konnten.

Aber ich schweife ab. Ich rücke den Rucksack zurecht und schreite hinaus aus dem Ort, an dem Kreuzweg vorbei, den ich das letzte Mal hinkend herabgekommen war, und tiefer hinein ins Tal.

Karstgewässer

Überall rauschen Bäche. Allein schon dieses Wasser ist der denkbarste Kontrast zur Wanderung in der roten Pfalz wenige Wochen zuvor. Am Lauf entlang stehen Eschen, Weiden, jetzt erst blühende Holderboschen – es ist üppig, grün, feucht, keineswegs heiß. Sachter Nieselregen fällt. Nicht mehr als eine Erfrischung, von niemandem bestellt.

Fils_Filstal_Wiesensteig

Im oberen Filstal

Nach dem Sägewerk hebt sich der Wanderweg empor, beinahe terrassenförmig fällt die Wiese zur Rechten steil ab zum Grund, der von der Fils durchschwungen wird. Das Rauschen ist nur noch ein gedämpftes Plätschern. Gegenüber, auf der anderen Seite des Baches, stehen Posten gleich ein paar Tannen dem Buchenmischwald vorgelagert. Jungvieh fehlt in diesem idyllischen Tal. Nur ein Reiher steht stille unten. Sind es hundert Schritt hinab zum ihm? Immer noch zu nah: Allein das Innehalten und langsame Greifen nach dem Fotoapparat ist dem scheuen Tier bereits zu viel, es erhebt sich, die ersten Flügelschläge schwerfällig, und flattert bachaufwärts.

Dort senkt sich der Weg wieder hinab, die Büsche rücken näher in dem sich verengenden Tal. Der Filsursprung, das sind eigentlich mehrere Quellen am Waldesrand, wo das Wasser aus den kalkigen Schotterflächen tritt. Das Hasental aber führt weiter. Ohne das einladende Plätschern verändert es sofort seinen Charakter, abgeschlossener wirkt der Wald mit seinen Fichtenreihen, verhaltener das Tal. Die Sinne werden in der Stille wacher, wachsamer. Unter der Hochsommerglut wird das Tal, so stelle ich mir vor, in der Hitze geheimnisvoll summen und surren.

Drohnenland

Der Albaufstieg könnte kaum sanfter sein auf diesen von Giersch flankierten Waldwegen. Ich passiere die Schertelshöhle, ich werde die Tropfsteinhöhle bei anderer Gelegenheit besuchen, das ist bereits beschlossene (und inzwischen umgesetzte) Sache. Als ich dann oben aus dem Wald trete, empfängt mich eine geschwungene Weite, ein Fächer aus Grüntönen spannt sich auf. Hecken und Haine sind über die Hügel verteilt, junges Getreide wechselt mit hohem Gras, ein Landsträßchen zieht sich über den nächsten Kamm. Für einen Augenblick glaube ich mich in England. Und hier begegnet mir, von einem Radfahrer abgesehen, seit Wiesensteig der erste Mensch.

Schon am Waldrand ist von fern ein stetes Motorengeräusch zu hören gewesen. Auf der nächsten Anhöhe sehe ich seinen Ursprung: Das Geräusch kommt von einem Werksgelände des Ortes Westerheim. Das ganze Dorf scheint unter dem Brummen dieses Motors zu liegen, einer akustischen Dunstglocke gleich. Vor der Kirche mit dem runden Dach steht sehr schmuck das restaurierte, bunt bemalte „Haus des Gastes“ mit Bücherei, gegenüber und zurückversetzt hinter der Bushaltestelle liegt die Dorfbäckerei. Sie ist eine jener Geschäfte, wo die Verkäuferinnen ungeachtet Wartender minutenlang mit den Einheimischen reden, aber vor dem Fremden plötzlich – eher unbeholfen denn grimmig – ihr Sprachvermögen verloren zu haben scheinen.

Ich verirre mich in ein Neubaugebiet, links und rechts gleiten flache Roboter über den Rasen, als würden sie mich bewachen. Im zweiten Industriegebiet des Dorfes weiß ich mich endgültig auf dem falsche Weg und mache kehrt. Die Drohnen sind verschwunden, dafür sehe ich jetzt erst über dem gestutzten Grün die Nationalflagge gehisst. Es fügt sich so gut ins Bild.

Mit den Römern zum Mond

Der Regen wird ein wenig stärker, aber nicht viel und so lohnt es nicht, die Regenjacke über das T-Shirt zu ziehen, ich wäre sonst von innen auch nicht weniger nass als von außen. Nach einigen Metern auf dem Seitenrand einer vielbefahrenen Landstraße biegt ein Weg ab zwischen grünes Getreide. Überlandtrassen ziehen sich durch das Tal, der Regen summt auf den Stromleitungen, so laut und aggressiv, dass ich meine, Kiefer und Ohren würden zu schmerzen beginnen. Ich verlaufe mich, mache vor der nächsten Überlandstraße kehrt, finde über nasse Graspfade wieder auf den eigentlichen Weg.

Schwäbische Alb_Wandern

Frühsommer auf der Schwäbischen Alb

Ortschaften und ihr Umland sind meist ein Ärgernis für Wanderer und es dauert, bis sich die Laune wieder hebt. Dort drüben ziert eine Schafsherde den sanften Schwung der Landschaft, da recken sich ein paar Ziegen innerhalb einer umzäunten Hecke empor, um besser an die Zweige zu kommen, oder harmlos meckernd, als könnten sie kein Wässerchen trüben, dabei braucht es kaum mehr als eine Herde hungriger Ziegen, um aus eine Landschaft eine Wüstenei zu machen; zwischen zwei Baumhecken (wieder muss ich an England denken) stehen sehr helle Jungrinder auf dem Feld, sie haben mich, obgleich ich gegenüber im Schatten eines Baumes stehe, sofort im Blick.

Ein kurzes Stück führt die Wanderroute hier über die schnurgerade alte römische Heerstraße, die bis ‚zum Mond‘ reichte – Ad Lunam, einem Kastell auf der Schwäbischen Alb, das sogar auf der Tabula Peutingeriana eingezeichnet war, jener auf eine antike Vorlage zurückgehende Karte des Straßennetzes von den britischen Inseln bis nach Indien. Kaum ist das Herz wieder frei, ist Laichingen aber bereits in Sicht und überhaupt war fast der gesamte Weg vom Waldrand über der Schertelshöhle bis zum Etappenziel asphaltiert. So haben die Füße wenig Freude.

Grünkernmaultaschen

Laichingen, eine Kleinstadt von gut 10 000 Einwohnern, ist eine ganz andere Welt als das nahe Westerheim. Der Einstieg zeigt sich noch sehr ländlich auf der Seite, von der ich komme. Pferdegehöfte, schäbige Hausfassaden, wie man sie in Deutschland nicht so sehr häufig sieht, ein Misthaufen zur Dorfstraße hin, umringt von ganz gewöhnlichen Wohnhäusern (was schon wiederum großartig ist, denn wo sieht man so etwas schon noch in unseren Dörfern). Dann aber ein rühriges Zentrum, Supermärkte – vom türkischen Arzum über den ominösen H‘s Markt bis zum Drogeriemarkt Müller -, ein ganzer Haufen religiöser Infrastruktur, eine richtige Buchhandlung gegenüber der VHS und der Dorfbibliothek, Rap hörende, kurzgeschorene Jugendliche an einer Haltestelle, schlaksige, arabisch telefonierende Männer, eine italienische Eisdiele mit hübscher, wenn auch ihrer anwesenden Kinder wegen gestresster Bedienung, die einen kurzen prüfenden Blick wohlwollend aufnimmt, was das Eis leider auch nicht besser macht …

Im Gasthaus, in dem ich mein Quartier aufschlage, stärke ich mich. Ein Bio-Dreikornhefeweizen zu Grünkernmaultaschen, das muss man einfach beides probieren und dann nichts bereuen, auch wenn es geschmacklich weniger hält, als die Fantasie versprochen hat. Den Stammtisch habe ich mir gegenüber. Hier regiert noch der Dialekt. Die Männer sprechen ein kräftiges, hartes Schwäbisch ohne Nasale, eine Variante des Schwäbischen, das meinem Allgäuer Ohr naturgemäß entgegenkommt. „A Russ, a siaßa“, bestellt der Erste. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Der nächste ruft „A siaßa Russ.“ Und auch der dritte will sein Weizenbierradler auf dem Tisch: „An Russ, siaß.“ Ich achte nicht auf die Inhalte, ich bin hingerissen, geradezu entzückt von dem dialektalen Klang und seiner Selbstverständlichkeit vor allem, denn eine solche hörst du nicht mehr unten in den großen Städten.

Das schwere Essen hat mich müde gemacht. Ich zahle, stehe auf und nicke den Männern am Stammtisch zu. Sie nicken zurück. Ich darf wiederkommen.

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