Sam Hawken, „Die toten Frauen von Juárez“

Hawken_9783608502121Kelly, ein heruntergekommener Boxer, flüchtet nach einem Fehltritt über die Grenze nach Mexiko, wo er sich in illegalen Arenen blutig prügeln lässt oder Kurierdienste für einen Kleindealer übernimmt. Kelly ist ein Verlorener in einer Stadt der Verlorenen – Ciudad Juárez, geprägt von Armut und Gringos auf Partygang, gebeutelt vom Drogenkrieg und den ‚feminicidios’, verschwundenen und ermordeten Frauen. Als schließlich auch Kellys mexikanische Freundin entführt und ermordet wird, bricht seine Welt völlig zusammen. Und der Einzige, der den Fall nicht mit Kellys Verhaftung ad acta legt, ist ein alter, einsamer Polizist: Sevilla, selbst Vater einer der „toten Frauen“, gräbt tiefer …

Ohne Frage ist dieses Erstlingswerk nicht frei von Schwächen: einzelne Sätze, die erklären statt zu erzählen; logische Fragwürdigkeiten in der Ermittlung; ein stellenweise schleppender Gang, wo Verdichtung angebracht wäre. Trotzdem gelingt Hawken über weite Strecken ein mit Herzblut geschriebener, intensiver und sinnenreicher Roman über Gerechtigkeit, der das Zeug dazu hat, verschlungen zu werden. Ein lesenswertes Debüt und weit mehr als ein Thriller.

Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Joachim Körber. (Originalausgabe 2011 unter dem Titel The Dead Women of Juárez). Gebunden mit Schutzumschlag. 316 Seiten. © Tropen-Verlag (Klett-Cotta), Stuttgart 2012.

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A. J. Liebling, „Die artige Kunst“

„Ich holte mir an der Theke meinen Tee und ein helles Zwiebelbrötchen mit Räucherlachs und suchte mir einen Platz an einem Tisch, wo ich mich zwischen zwei jungen Polizisten fand, die darüber sprachen, weshalb Walt Disney sich nie an einer Filmversion von Kafkas ‚Verwandlung’ versucht hat.“

Seien wir ehrlich, in A. J. Lieblings Boxkampftexten (Original „The Sweet Science“, 2009 in einer deutschen Ausgabe bei Berenberg in gewohnt ansprechender Ausstattung erschienen) geht es weit mehr um den Profiwettkampf als um solche treffenden gesellschaftlichen Skizzen. Aber diese hellwachen, immer ironischen Beobachtungen durchziehen alle Texte des Journalisten Liebling und machen das Buch auch für Nichtboxfreunde interessant.

„Die artige Kunst“, das ist eine Berichterstattung aus dem amerikanischen Boxsport der 50er-Jahre – Größen wie Rocky Marciano, Joe Louis, Sugar Ray Robinson, Archie Moore, Jersey Joe Walcott, Ezzard Charles und andere, die heute wohl nur in einem eher überschaubaren Kreis Eingeweihter noch ein Echo auslösen. Und als Spiegel dieser Epoche greift Liebling beinahe zärtlich immer wieder auf eine für ihn längst verflossene Ära (nicht sehr viel länger als zwischen ihm und uns Lesern heute) zurück, die des Pierce Egan, des gewissenhaften Chronisten der frühen Boxtage in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Boxkämpfe noch illegale, aber ständeübergreifende Massenspektakel waren, auf denen die „Schlegler“ ohne Handschuhe gegeneinander antraten.

Namen von Sportlern, Trainern, Promotern und Schiedsrichtern, Begriffe und Gewichtsklassen fallen ohne jede Erklärung, ohne eine Hilfestellung des Übersetzers, aber man muss sich einfach fallen lassen in diese lebendigen Chronistenberichte einer vergangenen Zeit (in „die mythische Ferne“ und den Tonfall „von alten Heldenliedern“, wie der Übersetzer selbst im Vorwort sagt) und kann auch als ein dem Boxkampf Fernstehender dem Buch durchaus einen eigenen Reiz abgewinnen und zumindest ahnen, warum es Sports Illustrated als „das beste Sportbuch aller Zeiten“ galt.

A. J. Liebling, Die artige Kunst. Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des amerikanischen Boxkampfs.
Aus dem Amerikanischen, mit Anmerkungen und einer Einleitung von Joachim Kalka.
© 2009 Berenberg

http://www.berenberg-verlag.de/programm/die-artige-kunst/