Hohenlohisches Itinerar

Flimmern über den Gleisen. Reicher Sommer, und sei’s nur heute.

*

LIMES steht auf dem Stein. Ich quere die unsichtbar gewordene Linie und betrete Barbarenlande. Über mir glüht die Sonne.

Die Stadtrandsiedlung ist neu, die zwei Reihen von Erdschüttungen an ihrem vorläufigen Ende schiere Blumenpracht: ein Paradies auf modernen Wällen.

An der baumbeschatteten Kreuzung eine Unsicherheit. Hunde bellen mich an. Ich schlage den falschen Weg ein, korrigiere mich nach einem Blick auf die Karte und mache kehrt. Die dicke Frau auf der Bank, an der ich eben noch fremd und schweigend vorüber bin, spreche ich nun an. „Da habe ich doch den falschen Weg genommen.“ Sie greift den Ball fröhlich auf: „Und das bei diesem Wetter!“ Große Traktoren, Mähmaschinen.

Unter der Autobahn hindurch. Das letzte Mal auf ihrer Fahrbahn über mir dürfte um 4 Uhr morgens nach einem langen Konzertabend in Nürnberg gewesen sein. Eine Band kündigte auf dem kleinen Progrockfestival einen Coversong von Kansas an und ich brüllte meine Begeisterung hinaus, als einziger im Saal. Die Rückfahrt eine Qual aus Müdigkeit und Winterregen, ich war sterbensmüde und wagte nur deswegen nicht, auf dem Beifahrersitz einzuschlafen, weil ich spürte, wie der Fahrer selbst mit seiner Müdigkeit kämpfte und kämpfte. Gemeinsam haben wir es geschafft.

Hinter der Unterführung Weinsbach, hübsch und beschaulich wie sein Name. Am Dorfende zwei Jungs vor mir, sie biegen ab zu einem Trampolin, werfen mir nur einen Seitenblick zu. Ich hätte sie gerne gegrüßt, aber zu rasch drehen sie dem Fremden wieder den Rücken zu. Auch der Mann an dem beschatteten Fischteich misst mich mit misstrauischem Blick. „Grüß Gott, falsch abgebogen“, sage ich und seine Hab-acht-Stellung wird zum Gönnertum: „Ja, das kommt vor.“

Nicht in die Allee mit den silbrighohen Bäumen hinein, sondern in einem Bogen den Hügel hinauf. Ein Moped überholt mich. Als ich die Kuppe erreiche, hat es bereits die folgende Höhe erklommen.

Gelbes Getreide (ich möchte gilbend schreiben, wie Lakritze es tut), goldenes Stroh, Baumreihen in den Tälern, im Blau des Himmels ein Raubvogel. Von den Kirschen am Wegesrand nasche ich eine, dann eine zweite nur und bete, der Besitzer möge die Früchte mit allem Ernst und aller Hingabe ernten und sie nicht etwa verkommen lassen, denn köstlicher als diese können Kirschen nicht sein.

Gehöfte, groß und steinern und einsam. So stehen ihre Namen auf der Karte: Haberhof, Göltenhof, Orbachshof. Dazwischen immer wieder ein Hungerberg. Gewellt ist das Land, ohne weite Sicht, hell und trocken und still. Provinz, ganz warm.

In der Senke eine Furt, klares Wasser strömt, erst auf den zweiten Blick sehe ich das Brücklein für Fußgänger zwischen den Büschen. Heu ausgestreut auf dem Weg hinauf auf den nächsten Hügel, der goldene Schnitt des Ackers führt direkt in den Himmel. An der Wegkreuzung ein Baum, eine Bank. Ein Auto irgendwo, kein Mensch zu sehen. Erhabenheit in kleinen Dimensionen, dem Menschen gerecht.

Die Mittagsstube des Hirschen ist voll besetzt. Der Duft von Sonntagsbraten und neugierige Blicke auf den schweißglänzenden Wanderer. An der Theke warte ich geduldig, ich zahle das alkoholfreie Weizen gleich, das Herbsthäuser schmeckt köstlich. Der Neunfingerwirt kommt aus der Küche, begrüßt Stammgäste, knüpft dann ein Gespräch mit mir an. Wenige gehen diesen Wanderweg, erzählt er in seinem westfränkischen Dialekt. Es ist halt doch nicht der, der … Er stockt, sucht nach einem Namen, als er nicht weiterkommt, helfe ich aus: „Der Jakobsweg.“ „Genau“, ruft der Wirt. „Und ich wollte schon sagen: Johannesweg! Das eine wie das andere.“

Im Tal dann eine neue Seite: Pfade durch den Auenwald. Fröhliches Kindergeschrei, ein Flüsschen, plantschende Menschen zwischen Bäumen.

Die Kupfer mündet in die Kocher, auch hier schwimmen Kinder im Gewässer. Eine Blaskapelle spielt auf der Uferwiese. Forchtenberg selbst, Geburtsort von Sophie Scholl, liegt im Mittagsschlaf, die Weinstube Winkler ist noch zu. Ich werde für sie einmal wiederkehren mit einem Freund aus der Region oder für den Freund wiederkehren zu ihr, irgendwann einmal.

*

Diese Dorfbahnhöfe zwischen Einsamkeit, Flucht und Heimat. „Schön, dass du da warst.“ Und ein junger Mensch nickt unter seiner Sonnenbrille, packt seinen Rucksack und zieht wieder hinaus in die große Welt.

HohenloheHohenlohe_AckerHohenlohe_WaldHohenlohe_Forchtenberg

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25 Gedanken zu „Hohenlohisches Itinerar

  1. So wunderbar geschrieben, ich kann es geradezu nachempfinden. Das letzte ähnliche Erlebnis hatte ich vor vielen Jahren im Bayerichen Wald irgendwo, wo auch immer. Aus dem Zug ausgestiegen in der Mittagszeit und das war dann wohl der letzte Zug an jenem Sonntag.
    Die beschriebene Gegend kenne ich nicht so sehr intensiv, die lies ich meist rechts oder links liegen, aber etwas westlich siehts nicht viel anders aus, noch hinter der Astronautenstadt, vielleicht noch karger, weniger Wald vielleicht, Kirchberg, Blaufelden, Rot am See und doch auch die jüngere deutsche Geschichte hat es bis hierher, fast ans Ende der Welt geschafft.

    • Fast ans Ende der Welt … Lieber Autopict, danke dir! Und ich kenne wiederum die Gegend noch nicht, die du beschreibst. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben … Als du den Sommersonntag im Bayerischen Wald erwähntest, ist bei mir auch gleich wieder eine Erinnerung aufgestiegen. Wir könnten Pingpong spielen.

      • Interessanter Weise kenne ich ein paar Ecken drumherum. Alte Erinnerungen kommen auf, Uniformen, Badisch-Sibirien und Schwäbisch-Sibirien, oder ein Ratskeller mit ordentlichen Portionen.
        Der Sommersonntag im Bayerischen beschreibt natürlich nur die erste Tageshälfte, die zweite endete in einer Bauernscheune mit Schlafsäcken auf Stroh. Ich habe zwischenzeitlich erkannt, dass ich wohl viele Unbeschwertheiten verloren habe, sie mir aber zu einem kleinen Teil zurückerobere. Noch ein langer Weg ist das.

      • So viele Erinnerungen! Ich freue mich aber, dass du dabei bist, dir Unbeschwertheiten zurückzuholen. Das ist vermutlich oft ein langer Weg – aber eine schöne Perspektive!

  2. Wie wunderschön Du schreibst, ich folge dir so gerne, obwohl ich nicht weiß, wo Du eigentlich hingehst und wem oder was Du auf der Spur bist…ja, die Einsamkeit und Flucht und Heimat der Dorfbahnhöfe kenne ich wohl und ich lebe in der Provinz, dort wo die Welt mit Brettern vernagelt ist, durchzogen von einer Römerstraße, die das versunkene Artobriga verbirgt…noch…liebe Grüsse

      • Liebe Madame, das ist mir so eine Freude, wenn Du sowas sagst, dankeschön dafür! Deine Graugefiederte

    • Liebe Graugans, ja, von den vernagelten Bahnhöfen hatten wir es gerade erst auf einem anderen Sozialen Medium. Das ist eine traurige Sache. Die Römerstraße und die versunkene Stadt aber locken. Sollte ich vielleicht einmal die Strecke erwandern von Cambodunum nach Artobriga? Aber wem und was auf der Spur? Schön, dass du diese Reisen trotz dieser offenen Fragen so gerne begleitest! Sehr herzliche Grüße

      • Du wundervoller gestreifter Tiger, Deine Freundlichkeit ist wie ein Geschenk für mich!
        Weißt Du was, von Cambodunum nach Artobriga…das is scho a bisserl weit zum Wandern…Das geheimnisvolle Artobriga ist leider wohl doch keine versunkene Stadt, sondern wahrscheinlich eine römische Mittelstation auf der Straße von Juvavum nach Augusta Vindelicorum…ich streune da immer herum und versuche Spuren zu deuten…niemand hat bis jetzt den genauen Standort herausgefunden…alles sehr geheimnisvoll, ja, wem oder was auf der Spur? Es gibt so Wege, da mein ich, jetzt wird gleich eine Art Vorhang aufgehen und ich seh was…letztendlich ists wohl immer wieder der Weg und die alten eingegrabenen Spuren der Karrenräder, weiß auch nicht…immer weiter gehen halt, die Drachen suchen vielleicht…
        Bitte sags, wenn du mal im Südosten herumgehst, ich bring dir gerne eine Brotzeit und einen Krug Bier! Viele liebe Grüsse, freu mich auf weitere Deiner Grenzgänge in die Vorzeit! Deine Graue

      • Liebe Graue, du bist zu liebenswürdig zu mir! Spannend, von deiner Spurensuche zu lesen. Ja, zehn Tage wäre ich da schon unterwegs von Cambodunum zu euch. Aber dein Angebot von Brotzeit und Bier, das lockt doch a bisserl. Sehr herzliche Grüße!

  3. Lieber Herr Zeilentiger, danke für diesen Sommertag. So einer steht mir noch bevor (und, herrje, den heißesten habe ich mir ausgesucht …).
    Erhabenheit in kleinen Dimensionen, dem Menschen gerecht – das faßt zusammen, wieso Kulturlandschaften uns so zu Herzen gehn.
    Wünsche gute, gute Wege!

  4. Lieber Herr Zeilentiger, ich bin auch diesmal gerne in einiger Entfernung mit Ihnen gegangen.
    Und für das Itinerar danke ich Ihnen, ich ahnte nicht, welch geschwungen langen Lauf die Kupfer nimmt durch
    einen mir sehr unbekannten Landstrich.
    Fast schon warte ich auf die nächste anstehende Wanderung.
    Herzliche Grüsse,
    Herr Ärmel

    • Auch ich, lieber Herr Ärmel, auch ich warte auf die nächste anstehende Wanderung! (Und weiß noch gar nicht, wo sie sein könnte.) Danke für Ihre wohlwollenden Zeilen und auf die nächste Wanderung – bei Ihnen oder hier oder wo sich immer unsere Wege kreuzen.
      Herzlich grüßt
      Ihr Zeilentiger

  5. Wie ich dazu komme, so lass ich mich gerne in Ihren Beiträgen durch meine Heimat führen, dann wische ich mir danach verstohlen eine kleine wehmütige Träne aus dem Auge, es ist gut, ich hab sie nicht ganz vergessen, und mache weiter, da wo ich jetzt bin.
    Vielen Dank.
    Herr Hund

    • Gut, dass Sie weitermachen, werter Herr Hund, wo Sie sind! Denn jeder andere Ort wäre der falsche. Dass Sie sich trotzdem anrühren lassen von diesen Zeilen, freut mich sehr!
      Ich danke Ihnen.
      Ihr Zeilentiger

      • Jau! Bis „Monolith“ und dann die „From somewhere to nowhere“(oder so ähnlich) – hach, wie ich das kenne einziger gestriger Progfreund unter Helene Fischer- und AC/DC-Reflexomaten sein zu müssen….

        Protokaw – sind auch ein gaaaanz heißer Tipp, falls du denen noch nicht über den Weg gelaufen sein solltest: Die Ur-Form von Kansas, die in den Nullerjahren wiederbelebt wurde. Protokaw bedeutet Kansas in irgendeinem Stammes-Idiom der Indianer. Aber vielleicht trag ich sowieso gerade Eulen nach Athen…

      • Eulen kann ich immer gebrauchen! Vielen Dank für den Tipp: Protokaw kannte ich noch nicht und freue mich schon darauf, reinzuhören. (Noch gar nicht gemacht, weil die letzten Tage so gut wie gar nicht hier in der Bloggerwelt.)

        Auf der Tour zu „Somewhere to Elsewhere“ hatte ich Kansas in Stuttgart mal live gesehen. Das war eines der eindrücklichsten Konzerte, auf denen ich war. Und eine der, wie ich finde, wenigen Gelegenheiten, wo eine ‚Altherrenrockband‘ noch so richtig, richtig Spaß gemacht hat. Unvergesslich.

        Danke dir nochmals für den Hinweis auf Protokaw – und ich möchte nach deiner Begeisterung am liebsten gleich was auflegen. „The Pinnacle“ vielleicht oder „Journey from Mariabronn“ oder …

  6. Fast zog er sie, fast folgte sie ihm…

    Nein, ich bin keine Wanderin, aber in Ihren Worten flanierend möchte ich es werden und Ihre Pfade, die ich doch nur straßenseitig kennengelernt habe; erneut nachvollziehen. Wieder und wieder erinnere ich mich des Hohenlohischen Zaubers, er gleicht dem Lipperländischen frappierend. Nur andersherum. Gespiegelt. Dort waren es die Täler, die Bewegung in die Sinne brachten und hier sind es schier serpentinische Erhöhungen. Manchmal überlege ich, ob ich kopfständisch nachprüfen söllte wo oben und unten ist. Was natürlich, Sie ahnen es, Kwatsch ist…

    Danke für dieses fast purzelbaumige Denken, Ihr Schreiben ist mehr als bonfortionös.
    Herzliche Seufzgrüße, Ihre Frau Knobloch.

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