Hanse ruft

In Flachdeutschland. Ich habe Angst, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt.

*

Die oberschwäbische Reisegruppe, ganz im Saft ihres Dialektes, ist Staunen über die ungewohnten Klänge der norddeutschen Rentnerinnen vor ihnen. „Doa verstoasch alles. Aber dia it eis.“ (Übersetzungshilfe? Da verstehst du alles. Aber die nicht uns.)

*

Ich passiere das Logenhaus der Freimaurer und steige ein paar Stufen in eine Matroschka aus hellroten Ziegeln hinauf. Denn wer das Hotel betritt, sieht sich darin weiteren Hotels gegenüber. Das ist beim ersten Mal verwirrend.

Die losen Marmorplatten des Treppenhauses knirschen unter den Schuhsohlen. Im dritten Stock wende ich mich nach links, denn rechts liegt das falsche Hotel. Eine hohe Tür aus weiß lackiertem Holz und Messing, dahinter Teppiche und Stille. Mein Zimmer liegt der Rezeption genau gegenüber. Es ist tadellos, wenn auch das schmalste Hotelzimmer, das ich je gesehen habe. Ich höre das Papierrascheln der Rezeptionistin. Es gab, wenn ich mich recht erinnere, nie zuvor in meinem Leben einen Grund, weshalb eine Universität mir hätte ein Hotelzimmer bezahlen sollen. Jetzt weiß ich, wie das ist.

Morgen Früh darf ich nicht vergessen, der Frühstücksdame ins Gesicht zu sehen, wenn ich etwas sage, denn ansonsten kann sie mir nicht von den Lippen lesen.

*

„They hired a guy called Mark.“

Das könnte der Anfang einer Geschichte sein.

*

Seminar, Abendessen an der Sternschanze, Texte bearbeiten für den nächsten Tag, bis die Augen zufallen. Die Menschen sind dankbar.

*

Diese furchtbare Betretenheit in Frühstücksräumen und anderen Fällen, wo fremde Menschen in einem Zimmer zusammenkommen: jedes Wort ein Flüstern, jede Bewegung ein Eiertanz, Blicke aus Augenwinkeln, steife Haltung.

Dann kommt endlich der Typ mit der Mark-Geschichte von gestern – T-Shirt, das weiße Haare schnittig, der Körper sportlich, die Arme sehnig – und mischt den Raum auf. Er könnte sich auch im Outback behaupten, hier unterhält er sich über religiöse Minderheiten im Irak oder Publikationsunterschiede zwischen Amsterdam, Kalifornien und Japan. Er ist die einzige authentische Person im Raum.

Fünf Minuten später reden die Menschen an allen Tischen, wie befreit von unsichtbaren Fesseln.

*

Tage in Hamburg zwischen Sonne und Regen. Wirklich nass werde ich erst, als ich in Stuttgart aus dem Zug steige.

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15 Gedanken zu „Hanse ruft

  1. Schön, dieser Dialekteinsprengsel.
    Betretenheit in Frühstücksräumen. Da kann man was erleben. Habe auch schon exaltierte Kreischereien erlebt oder strenge Betrachtungen bis zu Empörung über beispielsweise kleine Kinder von unbekümmerten jungen Leuten….

  2. Na, in diesen Tagen konnte einem doch eher in Süddeutschland der Himmel auf den Kopf fallen, lieber Holger. 😉 Deine Miniaturen sind wie immer ein Vergnügen.

    • Und wie recht du hast, liebe Maren. Ich hätte so das Ende formulieren sollen – Chance vertan, aber zumindest nicht fortgespült vom Unwetter.
      Danke für deine Worte und herzliche Grüße!

  3. Nein, nicht dass Sie jetzt denken, lieber Zeilentiger… Nein, ich frage nicht nach Fortsetzungen.
    Schnell skizziert, die Striche genau, wo sie hingehören.
    Grandios der Frühstücksraum. In wievielen solchen mag ich schon gewesen sein. Das Flüstern, zischeln, die Seitenblicke – Sie haben es hervorragend beschrieben. Und dann die Erkösung, wenn ein Besteck zu Boden fällt…
    Herzliche Grüsse
    Herr Ärmel

    • Fortsetzungen aus HH wird es nicht geben, lieber Herr Ärmel, vielleicht aber noch aus England. Wenn ich die Muße habe, denn die ist derzeit flüchtig wie Äther. Herzliche Grüße ins Bembelland!

  4. 10 fremde junge Männer treffen in einem Mannschaftszelt ein, jeder besetzt ein Feldbett, alle schweigen, die ersten lassen sich fallen, schweigen immer noch, jeder beäugt jeden verstohlen, alle im gleichen Alter – um die 21

    dann die Stimme von einem der aufrecht sitzengeblieben ist: Wir können uns jetzt eine Woche anschweigen oder miteinander reden – Ich bin der Andreas, Seminargruppe X/81…

    Das Eis war gebrochen, ging ein Befreiungsseufzer durchs Zelt? Zurufe von allen Betten: Alle Namen in Windeseile, dann die Scherzfrage: Und? Wo jedient?

    Gelächter und Geplapper…Eggesin, Prora, Mauer, gar nicht…

    Geschichtsstudenten eben. Immatrikulationslager. Sächsische Schweiz. 1981

    Aber im hanseatischen Raum läuft das alles noch’n bisken frostiger.

    • Tolle Geschichte! Dieser Rückblick gefällt mir. (Und ich glaube, im Schwabenland eventuell gehemmter. Aber es gibt ja überall solche und solche Leute.)

  5. Ich glaube ja, daß die Betretenheit in Frühstücksträumen daher rührt, daß alle, alle nach demselben Duschgel riechen. Mich zumindest wirft das immer völlig aus der Bahn, wenn ich mal mein eigenes vergessen haben sollte.

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