Grenzbegehung

Im Hochmoor steht ein kleiner Tempel, dem Lichtgott Mithras geweiht. Die Altäre sind noch zu erkennen; beim Kultdienst wurde ein Vorhang aufgezogen, um das Bild des Erlösers erstrahlen zu lassen, einen Pfeilschuss entfernt von der nördlichsten Grenze des Römischen Reichs. Über den Trümmern einer alten Welt schmücken Lerchen den Himmel.

*

Es gibt wunderschöne, große Bäume hier, ihr Stamm ist auch von zwei Menschen nicht zu umfassen. Ihre Krone ist Fülle, wie sie allein stehen oder in einer Reihe auf dem Feld. So etwas kenne ich von uns nicht. Die Hecken werden immer weniger in England, aber sie sind trotzdem überall, so scheint es. So etwas kenne ich von uns nicht. Das Land ist ganz satt vor Grün, durchzogen von leuchtendem Gelb, heller der Raps, satter der Ginster in den Höhen. Die Bauern geben die Milchwirtschaft auf, weil die Preise fallen, züchten stattdessen Schlachtvieh, dazu ein paar Schafe, sie blöken überall. Und der Schnee, der in Northumbria winters fällt, ist nur noch nasser Schnee und niemals mehr Pulverschnee, wie ihn die Älteren noch kennen. Die Kinder tippen sich an die Stirn. Milecastle 30 liegt hinter uns im Wäldchen oder lag, denn von kaum einer der Befestigungen, von nur wenigen der je zwei steinernen Wachtürme dazwischen ist für den Wanderer heute noch etwas zu sehen. Die Hand lag in der Nachmittagssonne nur einmal auf der exakten Linie des Mauerwerks, das vor knapp 1900 Jahren hochgezogen worden war. Kalt weht der Abendwind, zwei Katzen springen sich an.

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7 Gedanken zu „Grenzbegehung

  1. Sie sind wohlbehalten zurück, lieber Zeilentiger, wie schön.
    Und sofort textzaubern Sie wieder. Aber wenn mir die bescheidene Anmerkung gestattet ist – so mittendrin aufhören mit dem Bericht, na na….
    Spätabendliche Grüsse aus bluesigen Bembelland

    • Ja, lieber Herr Ärmel, mittendrin angefangen und dort schon wieder aufgehört. Ich weiß auch gar nicht, ob es mehr dazu geben wird. Sie rügen also zurecht.
      Herzliche Grüße aus der Kesselstadt

      • Aber nein, lieber Zeilentiger, keine Rüge, allenfalls das Bedauern, nicht mehr von Ihren Erlbenissen und Gedanken lesen zu können..

  2. Und die Engländer beneiden uns heute um unsere breiten, heckenfreien Straßen und die großzügig Autofreundlich renovierten Innenstädte. Wieviel die Pikten und Schotten wohl den Grenzwächtern zahlten, damit sie auch die Annehmlichkeiten der Zivilisation genießen durften?

    • Genau, das ist es: Die Mauer war nicht gebaut worden, um alle draußen zu halten, sondern um den Grenzverkehr kontrollieren zu können. Da kann ich deine Frage nur mitunterschreiben.

  3. Oh, da möchte ich wandern, seit ich The Eagle Of The Ninth gelesen habe. In Ihren paar Sätzen steht alles: Stein, Ginster, ein vergessener Gott …

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