Das Sehnen der Welt – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 6)

Gewitter unser im Himmel, erlöse uns von der Schwüle.

Markdorf, eine Merkwürdigkeit. Die Bedienung im Gasthof, redselig, munter, ironisch, macht ihren eigenen Betrieb schlecht. Das Zimmer hat seine Eigenheiten, aber es hat auch Charakter, und das macht vieles wett: die merkwürdige Dusche mit Pumpe im Zimmer etwa, der furchtbar lange Weg über den Korridor zur Toilette, die verwinkelten Aufgänge, um das Zimmer überhaupt zu erreichen, das Knarzen von Jahrhunderten in den Dielen. Der Betreiber des Gasthofs ist nicht nur zugleich der Koch, sondern auch Romanautor, wie der Speisekarte zu entnehmen ist, den Titel finde ich aber nicht im Verzeichnis Lieferbarer Bücher. Auf den Platz zwischen Turm und Gasthof dreht alle paar Minuten ein Verrückter und schreit seine Verfolgungsfantasien hinaus ins Nichts. Die Nacht eine Qual, ein Sichwälzen im niedersinkenden Bett, Brunnenplätschern, Kirchturmschlagen, Nachtschwärmerrufe durch das offene Fenster, die schwüle Hitze mildert es nicht. Am nächsten Morgen erster im Frühstücksraum, eine offensichtlich etwas beschränkte Frau scheint von meinem pünktlichen Auftreten völlig überfordert, sie schiebt mit jedem Satz, bei jedem Handgriff schnaufend, klagend, eine Bugwelle aus Selbstmitleid vor sich her. Ich demonstriere Geduld und Gelassenheit und gewinne damit die Frau. Gleich mehrfach möchte sie mir vor Erleichterung den Orangensaft wieder aufgießen.

Mittags stehe ich am See. Eine frische Brise weht über das Wasser. Es fehlt nur das Salz für den Geschmack von Meer, aber auch so schenkt der Wind eine belebende Frische, trägt ein Versprechen von Ferne mit sich. Der Brunnen draußen in der Bucht stößt weite Fontänen aus, ein feiner Gischtschleier wird von der Brise bis ans Ufer getragen. Am Gerüst dieses Brunnens hängt eine Wassernixe, eine junge Frau mit hochgestecktem Haar, eine Verlockung in den Wellen. Gerne wäre ich auch dort drüben, bei der Nixe oder meinetwegen auch ohne sie, möchte dort hinausschwimmen, unter der weißen Gischt der Fontänen hindurch. Und so stehe ich an meinem Ziel und will doch weiter, immer weiter, ich schaue hinaus, auf der Suche nach dem Glück, und ich sehe, wie sich die Nixe löst und mir entgegenschwimmt, ich rieche den Wind und die Ferne, die Lockung des gegenüberliegenden Ufers und das Land dahinter und die Pässe weit in den Süden, und die Nixe kommt näher und näher und erhebt sich vor mir aus dem Wasser und schreitet langsam Stufe um Stufe empor.

Bodensee_HW7_Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Der seit Tagen versprochene Sturm kommt, als ich später, im Bayerischen schon, endlich im Wasser bin. Die Sonne steht über einem bleiernen, alles verschluckenden Himmel. Das Wasser ist von der Farbe stumpfen, abgeschliffenen Flaschenglases, am Ufer brechen die Wellen weiß. Drehe ich mich aber der Sonne zu, ist da nur noch ein Keil aus blendendem Licht vor einer Wand aus Blei. Ich schwimme in diesen Keil, schwimme gegen die Wellen, hinaus, dem Licht entgegen, immer weiter in das Licht hinein. Ins Licht.

Dann bin ich plötzlich Angst und ich drehe bei. Welle auf Welle rollt unter mir hindurch und eilt mir davon und der Strand kommt nicht näher.

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12 Gedanken zu „Das Sehnen der Welt – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 6)

  1. Gut zu lesen und so frisch das Foto!
    Von einer beschränkten Frau (was ist das?), die eine Bugwelle von Selbstmitleid vor sich her schob – ja, mei, woher konnten Sie das wissen, oder jaulte sie allzusehr herum? Sie haben da ganz dolle Assoziationen bei mir hervorgerufen! Putzende, dabei stöhnende, ächzende Frauen, die Beachtung einfordern mit herbschriller Jammerei…Danke, es reicht. Lieber lese ich noch mal die Stückchen über den See, die Wassernixe, das Schwimmen…
    Gruß von Sonja

  2. Ihr – wie immer – grandioser Text wirft ein Netz der Sehnsucht aus. Darin der Leser umflutet von Bildern und lauwarmem Wasser.
    Umso mehr als er in einer fremden Stadt ausharren wird tagelang, einer Stadt, die aus sumpfigem Untergrund in einem Kessel erwachsen ist.
    Eine überforderte Kellnerin vergässe ihr vermeintliches Leid und müsste zwangsläufig lächeln beim Anblick des amputierten Bahnhofs.
    Ich ostergrüsse Sie herzlich!
    Herr Ärmel

    • Lieber Herr Ärmel, leiden Sie so arg, in diese Stadt auf unsicherem Grunde gehen zu müssen? Ich hoffe, die Tage dort werden Ihnen leicht und angenehm!
      Herzliche Grüße
      Ihr Zeilentiger

      • Nö, allzusehr habe ich nicht gelitten. Es war eine Horizonterweiterung der besonderen Art. Wenn sie verdaut ist, werde ich sicherlich etwas dazu schreiben. Vermisst habe ich jedoch gewünschte Begegnungen.
        Abendschöne Grüsse aus dem bleigrauen Bembelland,
        Herr Ärmel

      • Sind Sie glücklich zurück im Bembelland? Die letzten Tage war ich an Mosel und Rhein, vielfältige, teils anstrengende Eindrücke zwischen Kant und Klamm, Lenz und Rave. Hustende Morgengrüße auf dem Weg zu einer Umzugshilfe!

      • Glücklich – in der Tat. Ja, leider waren Sie zu weit weg. Andererseits habe ich einige interessante Lokalitäten kennengelernt. Die Tauberquelle zum Beispiel. Und auch sonst waren einige Horizontdehnungen für mich aufgehoben. Das war wirklich gewinnbringend.
        Ich wünsche Ihnen einen hustenverschwindend gelingenden Tag. Und verheben Sie sich bitte nicht.
        Morgenschöne Grüsse aus dem sich erwärmenden Bembelland

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