Elegie

Am Montag könne ich sein Vorwort erwarten, bekräftigt der Professor am Telefon. Er macht seinen üblichen, tagespolitisch begründeten Witz über Stuttgart (manchmal muss auch sein Stadtstaat herhalten) und fällt dann in ein Klagelied der Verunsicherung. Er habe ja doch schon einiges gesehen, er habe den Kalten Krieg erlebt, aber eine solche bedrückende, verwirrende, zersetzende Zeit wie heute, das kenne er nicht.

„Es ist diffus. Alles ist diffus“, endet er und für einen Moment ist nur noch schweigende Schwermut in der Leitung zwischen uns. Aber nun, rafft sich der Professor auf, nun werde er sich auf eine Reise machen zu dem Schloss, auf dem Rilke seine „Duineser Elegien“ geschrieben habe. „Das ist doch ein kleiner Trost“, sagt er. „Und Sie, Sie bekommen mein Vorwort auf den Tisch, während Sie die Wahlergebnisse studieren.“

Draußen hängt Nebel.

*

Liebe Leserin, lieber Leser! Sie sind, du bist wahlberechtigt in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt? Gehen Sie, gehe am Wochenende wählen! Mit aller Vernunft und Achtsamkeit, zu der wir fähig sind.

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16 Gedanken zu „Elegie

  1. Obwohl wahltechnisch an diesem Wochenende hier in Restpreussen „außen vor“ – finde ich diese Momentaufnahme toll. Auf die Wahlergebnisse bin ich diesmal extrem neugierig. Jau, da ist viel am Verrutschen und niemand hat eine Lösung parat, die was taugen könnte. Die Parteien? Es ist, als rühre man in einer Graupensuppe und versucht eine Bulette herauszufischen, die gar nicht drin ist.

  2. Lieber Zeilentiger – Beiträge wie der Ihre tun Not. Wären es doch mehr allerorten!
    Ich drücke Ihnen Morgen die Daumen für ein Ergebnis Ihrer Wahl. (ich habe gut reden, ich werde über allem schweben, auf dem Weg zurück ins Bembelland)
    Daumengedrückte Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Lieber Herr Ärmel, sind Sie gut ins Bembelland zurückgeschwebt? – Hass, Angst und Trägheit sind schlechte Ratgeber, um ein paar zu nennen. Gestern auf einer Wanderung waren die Dörfer gepflastert mit Angst. Das hat mich betroffen gemacht.
      Nachdenkliche Grüße

      • Ich danke für die freundliche Nachfrage. Aber natürlich bin ich gut ins Bembelland geschwebt. Ich kenne den Piloten und nach einigen gemeinsamen Slibowitzen versicherte er mir einen sicheren Flug. Dieses Versprechen hat er aufs feinste gehalten 🙂
        Und das Kessellland unter mir war grün….

      • Den Piloten zu kennen, der einen fliegt, das kann nicht schaden. Schön, dass Sie wohlbehalten zurückgekommen sind! Überhaupt kann ich nur Gutes aus Ihrem kleinem Bericht lesen …

  3. Vernunft und Achtsamkeit. Eine hehre Bitte, lieber Zeilentiger und zwar fürs ganze Leben. Die Kombination scheint mir oft unmöglich zu sein bei vielen Zeitgenossen.
    Nochmals herzliche Samstagsgrüße, die Ihre.

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